Geschlagene vier Stunden verbringen wir angeregt schwatzend bei einem asiatischen Abendessen. Als ich anschliessend den Zug nach Hause nehme und über das Zusammensein mit Gudrun Ahlers nachdenke, stellen sich Freude und Glaube ein.
Solche Begegnungen mag ich – wir haben uns über unsere Leben ausgetauscht, und dabei ist ganz selbstverständlich Jesus gross geworden. Nicht, weil wir theologisiert hätten, sondern weil er sich im konkreten Leben manifestiert, sicht- und erfahrbar wird und souverän, gut und liebevoll ist.
Abenteuerlust oder Sehnsucht nach Gott?
Dass Gott sich in Gudruns Leben auf diese Art und Weise zeigen kann, ist aber nicht selbstverständlich, sondern Resultat eines steten geistlichen Wachstums; glaubensvoll hat sie gesät, mutig festgehalten und schliesslich gute Früchte geerntet. Und es ist klar: Da ist noch nicht die ganze Ernte eingefahren!
Erstaunlich, was aus diesem schüchternen, ängstlichen, kleinen deutschen Mädchen geworden ist, das damals in Bremen kein Französisch lernte, weil es eh nie aus Deutschland rauswollte. Nach dem Lehrabschluss wagte sie es immerhin schon als Kinderkrankenschwester bis in die Schweiz. Der Besuch einer Freundin in Südafrika ist der erste Kontakt nach Übersee, dann folgt eine Rucksacktour nach Nepal, durch Indien bis auf die Malediven. Von nun an nimmt sie alle zwei Jahre Urlaub, reist für einen Impfeinsatz in den Sudan oder nimmt an einer Indienexpedition mit Intermission teil. Natürlich ist es das Fremde, Prickelnde, die Abenteuerlust, die als Motor für diese Reisen dient. Aber eine Schicht tiefer ist es die Sehnsucht nach Gott, an den sie schon als Kind geglaubt hat. In den einfachen Lebensbedingungen der Dritten Welt erlebt sie ihre Abhängigkeit von Gott viel direkter und erfährt seine Nähe unmittelbarer.
Das Leben nicht verpassen
In diese Zeit fällt auch Gudruns innerer Entscheid, nicht auf einen Märchenprinzen zu warten, obschon der Wunsch nach einem Partner da wäre. Doch sie will nicht ihr Leben verpassen und es hinterher bereuen, weil sie eine falsche Priorität gesetzt hat. Die Illusion, dass ein Mann alle ihre Wünsche erfüllen könnte, weicht der Wahrheit, dass Jesus in allem in ihrem Leben der erste Ansprechpartner ist und dass er sich um alles kümmert, auch um Fragen der Partnerschaft.
Auf ihren Reisen hat Gudrun immer wieder Kontakt zu Missionaren. Ganz natürlich stellt sich die Frage, ob ihr Leben auch eine solche Wende nehmen könnte. Doch die stark theologische Ausrichtung der gängigen Missionsgesellschaften ist nicht ihr Ding; sie ist durch und durch Praktikerin. So gibt sie diesen Wunsch Gott zurück – der ihn prompt erhört. Sie kommt mit Servants in Kontakt, einer Organisation, die den Fokus ihrer missionarischen Arbeit auf das Leben mit den Ärmsten legt.
Sieben Jahre in Kambodscha
Nach längeren Vorabklärungen und innerem Ringen schenkt Gott Gudrun die Gewissheit, dass sie dort hingehört, und tatsächlich lebt sie anschliessend sieben Jahre in den Slums von Phnom Penh in Kambodscha und leistet eine wunderbare Arbeit, als Freundin der Menschen und als medizinische Fachfrau. Die Zeit ist wunderschön – und sehr schwierig. Nicht das, was sie als Schwierigkeit vorausgesehen hätte, bereitet Probleme, nicht die ärmlichen Lebensverhältnisse oder die fehlende Privatsphäre im Slum. Die Zusammenarbeit im internationalen Westlerteam, sechs Leute aus sechs Nationen, erweist sich als die wahre Herausforderung. Als sie zurückkommt, weiss sie mit derselben Gewissheit, dass ihr Leben nun hier in der Schweiz weitergeht. Gudrun ist aber fest überzeugt, dass das, was sie in den Kambodscha-Jahren bekommen hat, weit mehr ist, als was sie gegeben hat. Nicht nur sich selber hat sie besser kennengelernt, sondern vor allem Gott ist sie so viel nähergekommen.
Sie hat durchlebt, wofür sie sich vor Jahren entschieden hatte: «Gott sagt von sich, dass er derselbe ist, gestern, heute und morgen – ich will glauben und erleben, dass Gott sich heute noch so manifestiert wie gestern in der Bibel. Und ich will der Bibel glauben, auch wenn mein Verstand oder theologische Lehrmeinungen mir etwas anderes beweisen wollen. Gott hat diesen Glaubensschritt über all die Jahre ernst genommen.
Sich radikal auf Gott einlassen
Es ist auffallend in Gudruns Leben, wie Veränderungen ganz im Verborgenen mit einer inneren Entschlossenheit und einem radikalen Sich-auf-Gott-Einlassen beginnen. Das war auch so in einer Fastenzeit, als sie sich zu einem dreimonatigen Romanlesen-Fasten entscheidet. Es entsteht unglaublich viel Freiraum – oder Leere. Diese Leere entpuppt sich als eine tiefe, angstmachende Einsamkeit. Sie kommt damit vor Jesus und hält ihm diese Einsamkeit hin, hält aus vor ihm, den ganzen damit verbundenen Schmerz. Jesus kommt, und seither ist diese fundamentale Einsamkeit in ihrem Leben weg – und Gott ist ihr näher. Auf meine Bemerkung, dass ein Mensch mit dieser totalen Hingabe ein Risiko eingeht, weil er im Vornherein ja nicht weiss, ob Gott wirklich kommt, reagiert sie mit einem festen, unerschütterlichen: «Doch, er kommt!»
Ich bin sicher, dass Gudrun aus dieser Verankerung in Christus heraus in Zukunft noch für viele Menschen zum Segen werden wird, gerade solchen, die Heilung und Gottes übernatürliches Eingreifen brauchen.


