Beziehungsweise
Barmherzigkeit für Kamele
Wir spazierten am Hafen entlang, es war ein Tagesausflug im Sommerurlaub, wir genossen die Wärme, das goldene Sonnenlicht und die umwerfende Schönheit der Stadt: St. Tropez. Im Hafen verankert lagen sie, all die Luxusjachten der Reichen und Schönen dieser Welt. Privatjachten, so gross wie ein Bodensee-Passagierdampfer! Streng bewacht von stämmigen, ohrstöpseltragenden, ernst blickenden Männern. Bevölkert von ganzen Crews in einheitlicher Kleidung. Dazwischen ab und zu ein Bewohner einer dieser schwimmenden Villen. Von einem der Boote stöckelten vier schrill gekleidete Fotomodels herunter, um vor den malerischen Hausfassaden, auf der Hafenmauer oder in einem Strassencafé für ihre Shootings zu posieren. Es war eine andere Welt. Wir diskutierten als Familie über Reichtum, wo er herkommt und was er mit den Menschen macht. Da war einerseits Bewunderung und Faszination, aber auch Misstrauen und die Frage, was sich wirklich hinter dem Schein verbirgt. Hier tummelten sich nicht einfach nur reiche Menschen, hier machten die Superreichen dieser Welt Ferien.
In diesen Cocktail von Beobachtungen, Gedanken, Gesprächen und Gefühlsregungen stellte mein Mann nach einiger Zeit die Frage: «Was denkt eigentlich Jesus über diese Menschen?» Die Frage war nicht gedacht als Ausgangspunkt für eine theologische Debatte, sondern vielmehr als Aufforderung, auf den Heiligen Geist in uns zu hören, der ja mitten in dieser Atmosphäre mit uns anwesend war.
In meinen Gedanken war augenblicklich die Bibelstelle vom Kamel und dem Nadelöhr präsent. Allerdings hatte sie eine neue Färbung. Bislang interpretierte ich diese Stelle immer etwas verurteilend. Doch jetzt empfand ich Gottes Schmerz über seine nicht wahrgenommene Barmherzigkeit. Er sieht diese Menschen, ihre Verlorenheit, und seine Sehnsucht nach ihnen ist ungebremst. Doch da gibt es in ihrem Leben zu viel Ballast, der sie einnebelt. Sie sind so satt, vergnügt, zugedröhnt, mit Gütern und Möglichkeiten überschüttet. Sie merken gar nicht, dass sie am wahren Leben vorbeijagen.
Gott ist barmherzig, sogar dann, wenn Menschen nicht nach ihm fragen. Er sieht tiefer, und sein Herz sehnt sich danach, Sünden zu vergeben und zu den wahren Bedürfnissen durchzudringen. Sein nicht erwidertes Erbarmen schmerzt ihn. Offenbar fällt es den Geschundenen, Armen, Leidenden leichter, auf Gottes Barmherzigkeit zu reagieren und seine Hilfe zu empfangen. Doch Gott wäre nicht Gott, wenn er hier aufgeben würde. Selbst angesichts der Unmöglichkeit für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu kommen, sagt seine Barmherzigkeit: Bei Gott aber sind alle Dinge möglich.
- Sabine Fürbringer ist Psychologin sowie Familienfrau und arbeitet bei Campus für Christus als Referentin, Autorin und Beraterin.





