Grenzen ermöglichen Überfluss
Auf seine Initiative hin haben sich in den letzten sieben Jahren mehr als 40 000 Menschen in biblischer Verwalterschaft schulen lassen. Im Interview erzählt Horst Reiser (49), weshalb ihm das Thema «Finanzielle Freiheit und Grosszügigkeit» seit über fünfzehn Jahren unter den Nägeln brennt.
Autor: Peter Höhn
CZ: Horst, warum sind so viele Leute verschuldet?
Horst Reiser: Weil sie ihren Selbstwert, ihren sozialen Status oder ihr Glücksgefühl über ihren Lebensstil definieren. Früher waren die Menschen verschuldet, weil sie arm waren. Heute, wo die meisten von uns viel reicher sind als vor fünfzig Jahren, sehen wir nur noch, was wir im Werbeprospekt und im Vergleich zu Freunden, Kollegen und Bekannten (noch) nicht haben, was uns, wenn wir's hätten, noch glücklicher machen würde.
Die Menschen leben über ihre Verhältnisse, weil sie sich mit anderen vergleichen?
Wenn du dein Glück und deine Sicherheit vom Konsum abhängig machst, dann sagt dir der Konsumgott auch, was du brauchst. Du vergleichst dich mit anderen, verlierst die Realität aus den Augen, lebst über deine Verhältnisse und verschuldest dich. Untersuchungen zeigen, dass Konsumenten im Durchschnitt das Gefühl haben, sie könnten zehn Prozent mehr ausgeben, als sie effektiv haben. Wer mit Kreditkarten bezahlt, ist bereit, bis zu dreissig Prozent teurer einzukaufen, als wenn er bar bezahlen würde.
Über Geld redet man nicht – warum tust du es trotzdem?
Die Bibel redet sehr wohl über Geld. Mir lag es schon immer am Herzen, dass Christen mehr darüber wissen und verstehen, was das Buch der Bücher zu Eigentum, Besitz, Zehntem, Verwalterschaft, Geben und Grosszügigkeit sagt. In meinem Wesen bin ich ein Verwalter. Ich wollte und will beitragen, dass das Evangelium ganzheitlich verstanden wird und alle nach ihrem Vermögen mithelfen, dass der Missionsauftrag von Jesus Christus, Gottes Liebe in die Welt zu tragen, zumindest finanziell überhaupt ermöglicht wird.
Theoretisch verstehen das viele ...
Auch bei mir war das Thema einige Jahre nur im Kopf, obwohl ich schon lange Mitarbeiter bei Campus für Christus war. Aber vor ein paar Jahren sahen Marianne und ich einen Film über die Geschichte eines traumatisierten Mannes. Plötzlich und unvorbereitet blendete der Film zurück auf jenes Ereignis von damals: Seine Frau war mit ihren Kindern allein in einem Blockhaus und wurde von Einbrechern misshandelt – dann zwei Schüsse, abgefeuert vom ältesten Sohn, und die Gefahr war urplötzlich und genauso gewaltsam gebannt. Wir waren völlig schockiert. Ich weinte mehr als zwei Stunden lang und begann mir den ganzen Schmerz über unsere Welt vom Leib zu schreiben. In mir brannte ein solches Anliegen, die Welt zu retten und mitzuhelfen, diese unsägliche Not zu lindern, die mehrheitlich Frauen und Kindern angetan wird – aus Gier und Geldgründen. Ich wusste: Ich bin nicht dafür geschaffen, selbst in die Slums zu gehen und vor Ort zu helfen. Aber soweit es am Geld liegt, will ich alles dafür tun, dass die notwendigen Ressourcen freigesetzt werden.
Was hat dir auf deinem weiteren Weg geholfen, deine eigene Verantwortung klarer zu erkennen?
Da ist Earl Pitts mit seiner zentralen Botschaft «Wie viel ist genug?», die ich sicher schon fünfzigmal gehört habe. Hanspeter Nüesch mit seiner Vision von Segensströmen, die aus unserer materiell so gesegneten Schweiz in alle Welt fliessen sollten. Larry O’Nan mit seinem Anliegen, mich selbst ganz zu geben. Randy Alcorn, der mir aus der Bergpredigt glaubwürdig vermittelte, wie wir mit den drei Wegen – Fasten, Teilen und Gebet – Gott näherkommen: Fasten als Weg, die eigenen Sättigungsversuche loszulassen, um sich von Gott sättigen zu lassen. Teilen als Weg, Besitz loszulassen, um nach Gottes wahren Reichtümern zu trachten. Gebet als Weg, die eigenen Machtmittel loszulassen, um die richtige Vollmacht von Gott zu erhalten.
Kannst du das näher erläutern? Von welchem Gottes- und Menschenbild gehst du aus?
Es ist das Gottesbild, dass Gott Schöpfer und Eigentümer von allem ist. Er ist die Quelle allen Seins und aller Gaben. Demnach bin auch ich als Mensch Gottes Eigentum. Ich gehöre nicht mir selbst. Ich bin mir selbst nur geschenkt, und ich bin als von Gott Beschenkter zur temporären Verwaltung meines eigenen Lebens eingesetzt. Und nun bin ich angehalten, im Sinn und Geist meines Eigentümers zu denken und zu handeln, so wie ich es als Verwalter oder Mitarbeiter einer Firma dem Eigentümer gegenüber tun soll.
Wie unterscheidet sich das vom gängigen Menschenbild?
Das humanistische Verständnis sagt uns, dass ich als Mensch mir selbst gehöre und von keiner höheren Macht abhängig bin. Wenn sich der Mensch aber selbst ins Zentrum stellt, ist er niemandem Rechenschaft schuldig, auch nicht der nachfolgenden Generation, und er muss für sich selbst sorgen, denn sonst tut dies niemand. Es ist die menschliche Seele (hebräisch Näphäsch = Kehle), die von Natur aus alles, was sie bekommen kann, gierig in sich aufnehmen möchte. Unsere «Seele-Kehle» will zuerst haben, daraus etwas machen und meint, dadurch etwas zu sein. Wenn wir aber unser Leben aus Gott empfangen, dreht sich die Reihenfolge um: Er lässt uns zuerst unsere Identität erkennen, zeigt uns, wer wir sind – seine geliebten Kinder – und daraus wächst eine erneuerte Art von Tun und Haben.
Welche Folgen hat dieses Gottes- und Menschenbild für dich konkret?
Die Tatsache, dass ich von A bis Z ein Beschenkter bin und dass ich in der Beziehung zu Christus auch am Himmel und an der ganzen Fülle Gottes Anteil habe, macht mich dankbar und bewegt mich, Gott und den Menschen aus Dankbarkeit zu dienen. Danken und Dienen – das ist für mich die Zusammenfassung des ganzen Themas. Hier sprechen die Verse aus 5. Mose 28,47–48 eine deutliche Sprache: «Weil du dem Herrn, deinem Gott, nicht gedient hast aus Freude und Dankbarkeit dafür, dass alles in Fülle da war, musst du deinen Feinden dienen ..., Hunger und Durst wirst du leiden, nackt sein und nichts mehr haben.» Diese Worte bilden das Scharnier zwischen Segen und Fluch. Gott schenkt mir alles in Fülle! Zwei Reaktionen meinerseits wären lebenspendend: Dankbar erkenne ich das unverdiente Beschenktsein und frage Gott, wie ich ihm und den Mitmenschen damit dienen kann. Wer dem Geber aller Gaben nicht dankt und ihm nicht dient, dient lebensfeindlichen Mächten und wird ernten, was er sät.
Wo hast du das persönlich erlebt?
Vor Jahren kaufte ich auf Empfehlung eines Bekannten ein Aktienpaket von 8000 Franken. Innert sechs Wochen stieg der Wert auf 18 000 Franken. Ich geriet völlig unter Strom, bekam förmlich den Krampf und war total in Beschlag genommen: «Was könnte ich jetzt noch alles kaufen für mich, für mich, für mich?» Ich merkte plötzlich: Die Gier nach mehr wohnt auch in mir! Nach einem weiteren Monat der heilsame Schock: Mein Aktienpaket sank auf 4000 Franken. Ich habe mich damals nochmals neu entschieden, mich nicht vom Mammon, sondern von Gott abhängig zu machen, und verkaufte mein Aktienpaket – mit Verlust, aber um eine wichtige Erkenntnis reicher.
Wo es um Geld, Geben und Zehnten geht, wird es auch in christlichen Kreisen vielen sehr schnell sehr eng. Wo und wie kommt da die Freiheit des Evangeliums hinein?
Früher sah ich das alles ziemlich eng. Ich konzentrierte mich auf den Zehnten und dachte, damit alles erkannt und erfüllt zu haben. Je länger, je mehr erweiterte sich meine Sicht: Es geht um viel mehr, es geht um hundert Prozent. Ich darf hundert Prozent von Gott empfangen und alles zu hundert Prozent als Gabe Gottes geniessen. Ich gehöre aber auch Gott zu hundert Prozent mit allem, was ich bin und habe, und er hat eine Meinung darüber, wie ich denn leben soll.
Freiheit im Umgang mit Finanzen ist das eine. Dir geht es aber auch um Grosszügigkeit. Woran erkennst du einen grosszügigen Menschen?
Grosszügige Menschen sind eben solche Hundert-Prozent-Menschen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie sowohl im Geben als auch im Empfangen zu hundert Prozent frei sind: Dass sie sich verschenken, aber auch beschenken lassen. Dass sie anderen helfen, aber auch um Hilfe bitten und Hilfe annehmen können. In Bezug auf das Hilfe–annehmen-Können bin ich selbst noch am Üben. Grosszügige Menschen sind in beide Richtungen «durchlässig»; wer Grosszügigkeit leben will, funktioniert wie ein Wasserkanal: Wer oben nicht annehmen kann, trocknet aus, wer unten nicht freilässt, ertrinkt.
Wie können wir auf dem Weg zur Grosszügigkeit Fortschritte machen?
Es geht nur, wenn wir im Gespräch mit Gott und unserem Partner definieren: Wie viel ist für mich genug? Das ist in diesem Zusammenhang die wohl wichtigste Frage überhaupt! Grosszügigkeit entsteht aus Beschränkung. Überfluss kann nur entstehen, wo eine Grenze überschritten wird, wo ein Gefäss voll geworden ist, sodass es überfliesst. Ohne definierte Genügsamkeit wird unsere «Seele-Kehle» immer Wege und Rechtfertigungen finden, alles selbst aufzufressen. Genügen lassen kann ich mir nur aus dieser vertrauensvollen Lebensverbindung mit Gott, nämlich wenn ich meine Bedürfnisse offen und ehrlich mit Jesus bespreche und wenn ich vertraue, dass Jesus – und letztlich nur er – mir alles gibt, was für mich genug ist, was mir Genüge verschafft und meine Seele sättigt.
Ein paradoxer Weg! Grosszügigkeit durch Grenzensetzen?
Ja, das erleben wir auch in der Erziehung unserer Kinder: Wenn wir Grenzen setzen und vereinbaren, um welche Zeit sie nach dem Ausgang nach Hause kommen, und sie sich daran halten, wird das bei uns Eltern «Grosszügigkeit» bewirken. Wir werden ihnen mehr Vertrauen schenken und den Zeitrahmen schrittweise und altersgerecht ausdehnen. Genauso verhält es sich im materiellen Bereich: Wenn wir mit Gott zusammen abmachen, wie viel genug ist, wird das bei Gott «Grosszügigkeit» auslösen, und wir werden ihn entsprechend grosszügig erfahren.
Deine Vision für die Zukunft?
Dass Gott immer mehr Menschen findet, denen er mehr anvertrauen kann, weil er weiss, dass sie es «durchfliessen» lassen und nicht einfach für sich selbst aufbrauchen.
Dass Gott Menschen findet, die sich von der Grösse der Not ansprechen lassen und bereit sind, sich zu hundert Prozent von Gott an seinem Dienst beteiligen zu lassen.
Dass Gott Menschen findet, denen er sich als verschwenderisch grosszügig erweisen kann, weil sie der Grösse seiner Verheissung vertrauen: «In seiner Macht kann Gott alle Gaben über euch ausschütten, sodass euch allezeit in allem alles Nötige ausreichend zur Verfügung steht und ihr noch genug habt, um allen Gutes zu tun» (2. Korinther 9,8).
Artikel aus dem Christlichen Zeugnis 2009/3.





