Wenn nur der andere endlich ...!
Beten um «Feindesliebe» im Alltag
Wir wissen es: Jesus ist Mittler zwischen Mensch und Gott. Was viele nicht wissen: Jesus ist auch Mittler zwischen Mensch und Mensch. Für mich eine Erkenntnis, die den Umgang mit meinen «Feinden» im Alltag entscheidend verändert hat.
Peter Höhn
«Feinde» im Alltag: Sie sind uns oft näher, als wir gerne zugeben: Die Quasseltante im Hauskreis, der Besserwisser im Arbeitsteam, der Diktator in der Chefetage, die Nervensäge in der Familie, der Eisklotz in der Ehe.
Ich habe in meinem Leben viele solcher «Feinde» vergeblich bekämpft und viele nutzlose Kämpfe um Veränderung meiner selbst geführt. Meist bin ich in der Sackgasse gelandet. Aber es gab immer dann einen konstruktiven Ausweg, wenn ich meine Feinde und Feindbilder nicht mehr ins Pfefferland wünschte, sondern – und das war der grösste Kampf - bereit war loszulassen, zu Jesus ging und fragte, was ich denn aus seiner Sicht in dieser Situation lernen soll. Von drei Sackgassen und ihren Auswegen möchte ich hier erzählen.
Sackgasse 1: Anklagen und Selbstanklagen
Es ist unglaublich, wie gerne auch bestandene Christen darüber klagen, wie schwierig es doch mit diesem Mann oder jener Frau oder in diesem Team sei. Dabei wüssten sie genau, wie’s ginge. Was «ginge», geht aber in der Praxis meist nicht. Im Lauf der Jahre ist mir aufgefallen, dass es zwei Sorten Klagechristen gibt: solche, die andere anklagen und solche, die sich selbst anklagen; solche, die Erwartungen haben und solche, die ständig Erwartungen erfüllen; solche, die Schuldige suchen und solche, die sich immer schuldig fühlen. Beide Strategien führen in die Sackgasse, weil es immer Ankläger und Rechtfertiger gibt, Besserwisser und Nochbesserwisser, Gewinner und Verlierer. Und letztlich regiert auf beiden Seiten der Stolz, der laut oder leise sagt: «Ich wüsste, was die Lösung wäre, wenn nur der andere endlich ...!»
Ausweg 1: Jesus als Mittler einladen
Vor Jahren stiess ich bei Bonhoeffer in «Nachfolge» auf diesen Gedanken. Er hat bei mir wie ein Blitz eingeschlagen:
«Zwischen Sohn und Vater, zwischen Mann und Weib, zwischen Einzelnen und dem Volk steht Christus, der Mittler ...
Alle unsere Versuche, die Kluft, die uns von anderen Menschen trennt, die unüberwindliche Distanz, Andersheit, Fremdheit des anderen Menschen durch Mittel natürlicher oder seelischer Verbindung zu überwinden, müssen scheitern. Es führt kein eigener Weg von Mensch zu Mensch.»1
Jesus ist der Mittler zwischen Mensch und Mensch! Das hat mir eine völlig neue Sicht im Umgang mit anderen Menschen eröffnet. So habe ich mir angewöhnt, Jesus im Gebet in meine Beziehungen einzuladen, gerade dort, wo ich an meine Grenzen kam: «Jesus, komm, sei du unser Mittler. Bringe dein Licht und deine Wahrheit in unseren Nebel. Vermittle zwischen uns, dass wir einander so sehen und verstehen, wie es in dieser Sache notwendig ist.» - Meine Frau und ich fuhren einmal zu einer Seminarwoche in das Tessin. Unterwegs hatten wir einen schlimmen Streit. Im Gotthardtunnel hatten wir den Tiefpunkt erreicht. Innerlich und äusserlich wurde es schwarz. Unsere Kehle war zugeschnürt, unsere Köpfe rauchten, unsere Herzen weinten. Auf der Höhe von Biasca fassten wir uns und beteten: «Jesus, komme du und vermittle ...!» Ich erinnere mich noch, wie sich etwas löste. Beiden wurde leichter ums Herz, ohne dass wir jedoch wussten, wie es mit dem Konflikt weitergehen sollte. Zwei Tage später fanden wir dann Zeit, in aller Ruhe und Sachlichkeit den Konflikt anzuschauen und zu lösen. Plötzlich verstanden wir uns. So haben wir es immer wieder erlebt: Jesus vermittelt, wenn wir ihn dazu einladen.
Sackgasse 2: Umerziehen und Verbündete suchen
Den Mitmenschen nachhelfen, sie umerziehen, wer hat das nicht oft versucht? Natürlich immer auf die feine Tour und mit den «besten Absichten». Ich höre das auch von anderen. Eine Bekannte erzählte mir, wie sie ihren Chef umerziehen wollte. Zwar hielt sie grosse Stücke auf seine Dynamik, seine Zielorientierung, seinen Durchhaltewillen, hatte aber auch Angst, dass er es irgendwann einmal nicht mehr im Griff haben würde. Als Mitglied der Leitung beschloss sie, eine Mitarbeiterfraktion zu bilden mit dem Ziel, die Kompetenzen des Chefs einzugrenzen, wollte aber als gute Christin nochmals im Gebet fragen, was denn Jesus dazu denke.
Ausweg 2: Loslassen und um Gottes Sicht bitten
Im Gebet bekam sie den Eindruck, sie solle bei Hiob 39,9 nachschlagen, ohne zu wissen, was dort stand. Sie war nicht wenig verblüfft, als sie Folgendes las: «Wird dir der Wildstier dienen wollen ...? Hältst du am Seil ihn in der Furche ...?» - Sie wusste, was Gott ihr sagen wollte: «Gib deine Kontrolle auf! Du kannst die Energie deines Chefs nicht zähmen, aber vertraue mir: ICH habe ihn geschaffen, ICH habe ihn so gewollt und ICH kann mit seiner Energie umgehen. Sorge du dafür, dass du deinen Teil zu seiner Ergänzung beiträgst und ihn gut aussehen lässt; so wird es auch der Firma gut gehen.» Die Frau hatte verstanden. Sie konnte ihr Umerziehen loslassen, begrub den Plan des Mitarbeiterkomplotts und fing an ihrem Chef und der Firma mit einer veränderten Haltung zu dienen. Gott segnete ihren Schritt: Das Klima im Team, die Zusammenarbeit und schliesslich auch die Ergebnisse wendeten sich frappant zum Guten.
Sackgasse 3: Feinde zufrieden stellen
Eine dritte Falle liegt darin, Menschen, deren «Energie» wir fürchten, in falscher Weise zufriedenzustellen. Etwas, das ich gut kenne: Wo ich in meinem Umfeld Erwartungen spüre, tat und tue ich fast alles, dass sie erfüllt werden und Menschen zufrieden sind. Mit meinem ausgleichenden und verständnisvollen Wesen kriege ich das noch lange ganz gut hin. Was aber tue ich, wenn jemand trotz meines Einsatzes immer noch nicht zufrieden ist? Ich habe lange gebraucht, um die Falle in meiner Stärke zu entdecken: Wenn ich denke, ich müsse jemanden zufriedenstellen, entmündige ich ihn. Ich drücke hintergründig aus: Du bist eine anspruchsvolle, schwierige Person, aber keine Angst, ich sorge dafür, dass du zufrieden bist. Aber bitte, mach mir und den anderen Leuten möglichst keine weiteren Probleme! Ich habe schmerzhaft lernen müssen, dass ich mit dieser Einstellung mehr meinem Ego gedient, falsche Verantwortung auf mich geladen und dem Nächsten nicht wirklich gedient habe.
Ausweg 3: Gottes Wort zur Stunde suchen
Statt meinem automatischen Reflex zu folgen, immer gleich die anderen zufriedenzustellen, pflege ich als Erstes zu beten: «Jesus, was ist es denn, das ich in dieser Situation aus deiner Sicht lernen soll?» Dieses Fragegebet und ein Hinhören auf Gottes Stimme in meinem Herzen hat mich immer wieder überraschend «ins Weite» und zu konstruktiven nächsten Schritten geführt. So habe ich über die Jahre von meinen «Feinden» mindestens ebenso viel gelernt wie von meinen Freunden. Die betende Auseinandersetzung damit, was denn mein Lernschritt ist, hat meinen Horizont erweitert, mein Rückgrat gestärkt und mir mehr Gelassenheit gebracht. Wenn wir Jesus um «Gottes Wort zur Stunde» bitten, statt falsch verstandenes «christliches» Zufriedenstellen zu üben, wird er uns zeigen, welche Art von Liebe in dieser Situation dran ist: Ja sagen oder nein sagen, andern helfen oder Jesus zu Füssen sitzen, etwas unternehmen oder einfach die Dinge reifen lassen. So wie es Zinzendorf in seinem Lied schrieb: «Die Liebe wird uns leiten, den Weg bereiten, ob's etwa Zeit zu streiten, ob's Rasttag sei ...»
Zwischenmenschliche Beziehungen sind ein Feld geworden, in dem ich viele Gebetserhörungen erlebt habe, so viele wie nirgends sonst. Ich erlebe sie nicht immer, aber immer öfter. Und ich habe bei mir und anderen gesehen: Wer die Feindesliebe wenigstens mit seinen zeitweiligen «Feinden» übt, nämlich seinen Nächsten, dem gelingt das echte Friedenstiften
1 Vgl. dazu 1. Korinther 8,6; 1. Johannes 4,9; Römer 15,5
Artikel aus dem Christlichen Zeugnis 2008/1.





