Gehen oder bleiben
Rubrik: Agape international
Der Libanon galt früher als die Schweiz des Nahen Ostens, denn er war eine blühende, kulturell hochstehende Nation mit einer schönen Berglandschaft. Doch die Zeiten haben sich geändert.
Als Folge von (Bürger-) Kriegen und Korruption ist der Libanon wirtschaftlich geschwächt und hat ein ineffizientes System für Sicherheit, Recht und Ordnung. Die letzten Jahre mit dem Israel-Krieg 2006, den Terroranschlägen, den häufigen Bombenattentaten auf Parlamentsangehörige und Politiker, dem Gerangel um den Präsidentensitz und der darniederliegenden Wirtschaft mit der damit verbundenen hohen Arbeitslosigkeit haben der Bevölkerung sehr zugesetzt. Viele Menschen, vor allem aus dem christlichen Bevölkerungsteil, verlassen den Libanon.
Beamtenwillkür
Thomas und Lydia leben seit 1996 im Libanon und arbeiten bei einem christlichen Bildungs- und Begegnungszentrum mit. Thomas ist Schweizer, Lydia ist Libanesin. Immer wieder kam es zu Schwierigkeiten und Problemen mit den Behörden, wenn Thomas seine Aufenthalts- und seine Arbeitsbewilligung erneuern musste. Letztes Frühjahr war es besonders schlimm. Im Internet war auf einer offiziellen Website ein neues Vorgehen für ausländische Ehepartner von libanesischen Staatsangehörigen angeboten. Als Thomas sich darum bemühte, erklärte der Beamte kurzerhand, da er dieses Papier in den letzten Jahren nicht gehabt hatte (es gab es ja auch noch nicht), müsse er 1200 Dollar Busse zahlen. Thomas kam schockiert zurück. Und so besuchte Lydia dieses Büro und versuchte, die Sache zu klären. Der Beamte beharrte auf der Busse, Lydia kochte innerlich, nach Aussen hin versuchte sie mit viel Selbstbeherrschung und dem erforderlichen Respekt und Freundlichkeit, mit ihm und seinen Vorgesetzten zu verhandeln. Die direkte Folge war, dass die Fremdenpolizei im Dorf, wo sie wohnen, Nachforschungen über sie und ihre Arbeit anstellte, und dass Thomas überhaupt nicht mehr arbeiten durfte. Er durfte sich auch nicht mehr im Gebäude des Bildungszentrums blicken lassen.
Lydia sagt dazu: „Bei diesen ganzen Vorfällen verspürte ich so eine Wut und auch Ohnmacht, dass ich anfing, Menschen zu verstehen, die Bestechungsgelder zahlen, um schneller zum Ziel zu kommen. Früher hatte ich die Leute, die Bestechungsgelder zahlen, kritisiert und verachtet, da ich es als ungerecht und falsch empfinde“. Sie selber will trotz dieser Erlebnisse auch weiterhin den ehrlichen Weg gehen, auch wenn er schwieriger und in vielen Fällen auch teurer ist.
Bewegende Begegnungen
Thomas und Lydia fragten sich natürlich, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen, und ob ihre Zeit im Libanon vielleicht abgelaufen ist und sie weiterziehen sollen. Immerhin waren sie gekommen, um den Menschen hier zu helfen.
Aber auch da erlebten sie, wie viele Menschen, denen sie in den letzen Jahren das Evangelium erklärt und die sie betreut und gefördert hatten, irgendwie lau wurden und nicht weiter kamen. Einige waren sehr unter Druck geraten und kamen darum nicht mehr. Auch das wirkte für Thomas und Lydia demotivierend.
Sie baten Gott um Weisung, wie sein weiterer Plan für sie aussieht. Da hatte Lydia ein paar Erlebnisse, die sie berührten. Sie kannten schon lange einen Mann, der Atheist war. Sie trafen ihn immer wieder mal und hatten gute Gespräche mit ihm. Kürzlich tauchte er bei dem Bildungszentrum mit seiner russischen Ehefrau auf, die er kurz zuvor geheiratet hatte. Er war lange arbeitslos gewesen und hat nun eine Stelle in Saudi-Arabien bekommen. Aber er darf seine Frau nicht mitbringen. Hier im Libanon kennt sie niemanden und fühlt sich völlig alleine. Da fragte der Mann, ob das Bildungszentrum das zweite Zuhause für seine junge Frau werden könnte. Lydia war überrascht. Dieser atheistische Mann bat ein christliches Begegnungszentrum darum, seiner Frau eine Heimat zu bieten. Und dann erkannte sie, dass er in all den Jahren die Mitarbeiter des Bildungszentrums beobachtet und Vertrauen zu ihnen gefasst hatte.
Lydia gibt auch Klavierstunden. Eines Morgens rief die Mutter eines Schülers an und fragte, ob sie schon eine Stunde früher kommen könne, sie wolle sie um Rat bitten. Lydia kannte diese Frau, die aus einem anderen Religionshintergrund kommt, schon sehr lange. Aber bisher war der Kontakt eher oberflächlich gewesen. Darum war Lydia über diese Anfrage etwas erstaunt, aber auch erfreut. Die Frau kam und schüttete ihr Herz bei Lydia aus. Lydia konnte sie ermutigen und beraten und am Schluss auch für sie beten, was der Frau sichtlich half. Auch diese Frau hatte sie schon seit Jahren beobachtet, wie sie mit ihrem Mann und ihren Kindern umgeht, wie mit den Nachbarn und wie in Konfliktsituationen.
Eine neue Perspektive
Als Lydia über diese und ähnliche Erlebnisse nachdachte, erkannte sie, dass genau darin Gottes Reden lag. Sie sagt dazu: „Die Menschen in diesem Teil der Welt mit ihrem anderen Religionshintergrund brauchen sehr lange, bis sie Vertrauen zu uns Christen fassen und sich auf engere Beziehungen einlassen. Sie sind keine Schnellkochtöpfe. Darum müssen wir in den Beziehungen treu und transparent sein und viel Zeit mit den Menschen verbringen. Das ist unser Auftrag.“
In der Zwischenzeit hat offensichtlich auch die Fremdenpolizei Gutes über Liechtis gehört, und Thomas hat wieder eine Arbeitsbewilligung bekommen, die bis nächsten Mai gilt. Jetzt darf er wieder mitarbeiten, und das ist eine grosse Erleichterung für ihn und für die ganze Familie.
Weitere Informationen zu Agape international »
Erlebt
Seit 2001: Studentengemeinde Campus live in Zürich

«Studierende suchen eine Heimat, einen Ort der Gemeinschaft und der Zugehörigkeit. In einem solchen Rahmen sind sie am ehesten bereit, Schritte im Glauben zu wagen und ihre Gaben einzusetzen», erklärt...» mehr
Über den Mittag in der Kanti: Eine Portion Jesus

Dass Jugend Alphalive in den verschiedensten Kontexten angeboten wird, ist schon lange bekannt. Jetzt hat auch eine Bibelgruppe einen Kurs gewagt und positive Erfahrungen gesammelt. Dabei kürzten sie ...» mehr
Mega-Kurs mit DVD

Etienne Josi berichtet vom Jugend Alphalive-Kurs in Frutigen, der in mancher Hinsicht ein spezieller Kurs war. Insgesamt trafen sich nämlich 60 Teilnehmer. Mit Eigeninitiative führten nach dem fünften...» mehr






