Versöhnt sterben
Rubrik: René Bregenzer
Farbe bekennen
Kantonsspital St. Gallen: Zusammen mit unserer Mutter, meinen zehn Geschwistern, meiner Frau und drei unserer Kinder standen wir am Sterbebett meines Vaters, um von ihm definitiv Abschied zu nehmen, ihn loszulassen, ihn gehen zu lassen. Mein Vater war eine der Persönlichkeiten, die mein Leben wesentlich mitgeprägt haben. Der Abschied kam krankheitsbedingt nicht überraschend, aber doch mitten aus einem sehr bewegten und arbeitsreichen Leben, einem Leben, das nicht ohne Kampf abgelaufen war.
Mitten in diesen mehrstündigen Prozess hinein kam eine Krankenschwester. Sie schaute uns und den Vater an und meinte: «Dieser Mann hat Frieden gefunden, das fällt direkt auf.» Verwundert fragte ich zurück, woran sie das erkennen könne. «Wenn man täglich Menschen sterben sieht, bekommt man ein Auge dafür», war ihre kurze Antwort, und schon war sie wieder verschwunden. Frieden, ja Frieden mit Gott hat mein Vater gefunden – sinnierte ich; es war eines seiner persönlichen Erlebnisse, an das ich mich gut erinnerte. Ich erinnerte mich aber auch, wie mein Vater begann, sich mit seinen Mitmenschen zu versöhnen, zumindest mit jenen, die dazu bereit waren. Eine dreijährige Krankheit gab ihm da sehr viel Zeit, Persönliches zu ordnen und Versöhnungsprozesse einzuleiten.
Inzwischen kündeten die langsamer werdenden Atemzüge den baldigen Hinschied an, und dann ging mein Vater friedlich heim. Meine Gedanken kreisten noch immer um das Thema Versöhnung. Wie schön ist es im Grunde, dachte ich, versöhnt mit Gott und Menschen Abschied nehmen zu können, loszulassen und von Gott her Freiheit und Frieden zu erfahren, trotz Trennungsschmerz und Trauer! Dann wird sogar die unvermeidliche Tatsache des Sterbens etwas, womit man sich versöhnen kann.
René Bregenzer ist Mitglied der Geschäftsleitung von Campus für Christus.
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