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Ein Künstler gibt Antwort

Rubrik: Crescendo

Autor: Hauke Burgarth

„Ich wünsche mir, dass Musik einfach passiert“, sagt der passionierte Kirchenmusiker Jan Katzschke aus Dresden. Wie er seinen Glauben und sein Künstler-sein unter einen Hut bringt, erzählt er im folgenden Interview.

Du bist verhältnismäßig spät zur Musik gekommen. Wie kam es dazu?

Grundlagen legte meine Mutter, die mir als Kind viel vorgesungen hat, und mein Cousin, der sehr schön Trompete spielte. Initialzündung war aber später unser Kantor, dessen Orgelspiel mich begeisterte. Mit 13 Jahren habe ich dann angefangen, Klavier zu lernen, um ein Jahr danach endlich an die Orgel zu können.

 

Wie würdest du dich und deine Arbeit beschreiben?

Ich glaube, dass man im Augenblick des Klanges Ewigkeit erfahren kann. Die Bibel sagt, dass man Gott in der Schöpfung finden kann, was Menschen ja bis heute bestätigen. So ist es auch mit dem Klang: Man kann in seiner Tiefe Gott begegnen. Am besten kann ich es damit beschreiben, dass in solchen Momenten Musik „passiert“. Es geschehen nicht nur einfach Töne oder Techniken, sondern man weiß ganz tief, dass da noch mehr ist, jemand Größeres. Man kann es schwer in Worte fassen, nur erleben. In meiner Arbeit will ich ein Kanal sein, um Klänge so greifbar zu machen.  

Mein Arbeitstag ist aber viel profaner, als sich das Ganze jetzt womöglich anhört. Ich muss auf meinem Instrument üben, mich mit Partituren auseinandersetzen, Termine und Auftritte organisieren, und, und, und…

 

Inwieweit beeinflusst es deine Kunst, dass du Christ bist?

Ganz allgemein beeinflusst mein Glaube meine Arbeit so, wie jeder andere Beruf dadurch beeinflusst wird: Entweder rechne ich in dem, was ich tue, mit Gott oder nicht. Ich richte meine Prioritäten an ihm aus oder nicht. Ich lasse mich und meine Arbeit von Gott prägen oder nicht.

 

Gibt es denn dann so etwas wie christliche oder unchristliche Kunst?

In dem Sinne, dass es „geistliche“ oder „weltliche“ Musik gibt; das wird von den Inhalten bestimmt, die man ausdrückt. Hier ist aber unter uns Christen große Vorsicht vor vorschnellen Wertungen geboten: Erstaunlich wenige weltliche Stücke sind gänzlich „ungeistlich“, wenn man sie von Nahem betrachtet.

Früher habe ich gedacht, es macht einen gewichtigen Unterschied, ob ein Christ Musik macht oder ein nicht gläubiger Mensch. Heute denke ich da anders. Nehmen wir doch das Beispiel Ben Becker: Ist die Bibel, die er vorliest, nun weniger Bibel, nur weil er selber sich nicht als Christ bezeichnet? Wer ernsthaft versucht, die Musik von Bach so zu verstehen, wie sie gemeint ist, der wird zwangsläufig bei dem geistlichen Bach enden. Natürlich stimmt es auch, dass der gläubige Christ anders um geistliche Dinge weiß und mit dem Handeln Gottes bewusster rechnet als jemand, dem der Glaube nichts sagt; aber Christen machen nicht per se geistliche Kunst und Nichtchristen nicht immer ungeistliche.

 

Welchen Raum nimmst du selbst in deiner Kunst ein?

Ich strebe immer eine echte Verbindung an zwischen mir persönlich und der Kunst, die ich ausübe. Ich will keine „Show“ abliefern, sondern in meinem Musizieren ganz ich selbst sein. Da ich als klassischer Musiker meistens Musik mache, die von anderen komponiert wurde, muss ich meine Persönlichkeit dem jeweiligen Werk dienend unterordnen, damit ich ihm nicht etwas Eigenmächtiges aufdrücke, was gar nicht darin liegt. Wenn ich improvisiere, gebe ich mich unmittelbarer hinein.

 

Hat Kunst eine Botschaft?

Wahre Kunst drückt etwas aus, das für den Hörer oder Betrachter bedeutsam werden soll. Aber ich verbinde mit Kunst nicht eine konkrete Botschaft im Sinne von Propaganda. Oft werden künstlerische Mittel verzweckt, um Botschaften zu transportieren. Ich nenne das Gebrauchskunst, die durchaus ihren Platz haben kann. Aber als Künstler suche ich nach tieferen Wahrheiten. Am Ende entwickelt sich dann oft eine Botschaft, aber sie ist nicht von vorneherein das Ziel. In der Kunst kann es hin und wieder passieren, dass jemand Wahrheit entdeckt, aber es niemand sonst versteht – oder vielleicht erst zweihundert Jahre später.

 

Ist jeder, der malt, ein Künstler, und jeder, der dichtet, ein Dichter?

Ich glaube, dass jeder Mensch Kreativität in sich hat, und sei sie noch so verschüttet; aber deswegen ist man noch kein Künstler. Handwerkszeug zu besitzen ist eine unbedingte Voraussetzung, wie Ludwig Fulda so schön sagte: Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst hieße es „Wunst“.

 

Ist Kunst nicht etwas sehr Subjektives? Ist Udo Lindenberg ein Künstler, obwohl er doch sicher nicht so viel Handwerk beherrscht wie Bach oder du?

Udo Lindenberg ist absolut ein Künstler – wohltuend „echt“ und dazu einer, der das Handwerk seines Metiers meisterhaft beherrscht! Naja, Bach ist immer eine ganz andere Kategorie, gegen den haben es alle ziemlich schwer… Meiner Ansicht nach braucht es drei Dinge, um ein Künstler zu sein: Handwerk, Intuition und Individualität. Können ist, wie gesagt, wichtig, aber das allein macht es noch nicht; es bleibt eine leere Hülle, wenn nicht das sichere Gespür für tiefe Zusammenhänge dazukommt. Je persönlicher ein Werk geprägt ist, desto interessanter, und je mehr man wagt, an die Grenzen des Möglichen zu stoßen, desto intensiver wird es. Ich kenne Kollegen, die machen so fesselnd Musik, dass man gar nicht merkt, dass sie handwerklich eigentlich ganz schöne Defizite haben. Das ist doch wunderbar! Stolze „Könnerschaft“ kann wahre Musik sogar verhindern. Aber vielleicht kann ich es so sagen: Wenn von allen drei Aspekten möglichst viel zusammenkommt, steigt die Chance, diesen besagten Moment zu erleben, in dem Musik „passiert“ und auch für den Hörer erfahrbar wird.

 

Was empfiehlst du jemandem, der keine Ahnung von Musik hat, sich aber damit beschäftigen möchte?

Vier Dinge: Erstens, fang einfach damit an. Vergiss den Musikunterricht in der Schule und das, was „man“ wissen sollte. Lies kein Buch über Musik, sondern hör sie selbst. Zweitens, höre mit offenem Herzen. Denn dazu wird sie gemacht. Lass dich wirklich davon berühren.

Drittens, versuche unbedingt, Live-Musik zu hören. Eine CD ist eine gute Erinnerung an das, was man mit allen Sinnen schon wahrgenommen hat, aber warum sollte man sich am Anfang künstlich beschneiden?

Viertens, gib nicht auf, auch wenn du ein Stück oder einen Komponisten beim ersten Mal nicht verstehst. Mancher Schatz erschließt sich erst nach einer Weile – und ist einem dann doppelt wertvoll.

 

Jan Katzschke im Profil

Studium Kirchenmusik und Cembalo, Kantor und freischaffender Musiker, Mitarbeiter von Crescendo bei Campus für Christus, verheiratet, Grossfamilie mit acht Kindern

 

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