Als Sportlerseelsorger auf dem Weg zu den Paralympics
Rubrik: Athletes in Action
Die Zeilen aus dem Tagebuch eines nicht alltäglichen Einsatzes - an den olympischen Winterspielen für Behindertensportler - lassen erkennen, mit welch innerer Dynamik ein solches Engagement verbunden ist. Die Aufgabe ist nicht für jedermann.
Adrian Hofman von „Athletes in Action“ war als einziger deutschsprachiger Seelsorger an den Paralympics in Vancouver von 12. bis 21. März dabei. Es war nicht sein erster Einsatz an einem sportlichen Grossanlass, aber so weit von zu Hause weg sei er noch nie gewesen – Flug über den Atlantik, durch ganz Kanada bis an die Pazifikküste… Das gibt sein Tagebuch mit dem Unterton eines leicht mulmigen Gefühls preis. Aber die Überzeugung für seine Berufung, Sportlern seelsorgerlich zu dienen, überwiegt eindeutig. Mehr noch: „Ich bin ein introvertierter Mensch und darum gut geeignet für diese Art der Arbeit. Nun meint aber introvertiert nicht zurückgezogen oder im Schneckenhaus lebend. Ein Introvertierter ist zu allererst einmal nicht am Objekt, sondern am Subjekt interessiert. Ihm ist es zuerst einmal wichtiger, wie es einem Menschen geht, als wie er aussieht.“
Intensive Vorbereitungen
Die Wochen vor der Reise sind geprägt von intensiven Vorbereitungen. Dazu gehört die Kontaktnahme mit dem neuen Schweizer Delegationsleiter. Adrian Hofmann stattet ihm einen Besuch ab, um ihm seine Aufgabe als Seelsorger zu erklären. „Für mich ist es immer wieder ein Geschenk des Himmels, wenn der Delegationsleiter mir und meinem Dienst gegenüber positiv eingestellt ist. Wenn das nicht so wäre und wenn sich meine Familie nicht hinter mich stellen würde, dann würde ich jetzt die Sache abblasen. Aber dem ist nicht so und die weiteren Vorbereitungen nehmen ihren Lauf.“
Am Familientisch ist in dieser Zeit genügend Gesprächsstoff vorhanden – was muss wohl noch alles erledigt werden, was wird der Ehemann und Papa wohl alles erleben? „Etwa zwei Wochen vor dem Abflug erwache ich immer wieder in der Nacht. Ich erwische mich dabei, dass ich kurze Andachten auf Englisch zu halten beginne. Für mich ist das dann der definitive innerliche Startschuss.“ Die persönliche Beziehung zu Gott und das Wissen um Gebet und Fürbitte durch andere Menschen stärken in ihm das Bewusstsein, dass „der liebende Gott da ist“ – für Adrian Hofmann die beste Voraussetzung für einen gelingenden Dienst.
Auf der Vorbereitungsliste ist alles fein säuberlich aufgeführt, unter anderem 10 Tafeln Schweizer Schokolade und einige DVD’s zum Verschenken. Wer weiss, für wen? Und es steht geschrieben, was er auf der Reise anziehen wird – es soll ja bequem sein auf der langen Reise!
Der lange Abschied
„Abschied vollzieht sich eigentlich immer. Alles, was gelebt ist, ist vorbei. Und doch gibt es die grösseren Abschiede. Sie vollziehen sich über längere Zeiträume und sind ein Hin- und Her, ein Kampf zwischen nicht wahrhaben wollen, klammern und loslassen. Jeder von uns weiss, dass für uns alle einmal der grosse Abschied von geliebten Personen kommen wird. Im Abschied sind alle beteiligten Personen gefordert. Abschied ist immer verbunden mit dem Gefühl von Verlust. Darum schwingen in jedem Abschied auch Trauerschmerzen mit. Zwei Tage vor dem Abflug komme ich von einer Leitungssitzung nach Hause.“ „Geniesse es“, hört er dabei noch von einer Mitarbeiterin. Etwas später gibt es zu Hause ein Spaghetti-Essen, und eine „grosse Informationsflut will da noch verarbeitet werden: Da sind die Schule, der Judoklub, das gemeinsame Gebet und der Spielabend. Meine beiden süssen Töchter wollen meine lange Reise noch nicht recht wahrhaben. Um neun Uhr sollte Sophie ins Bett gehen und wenig später sollte ihr Florence folgen, aber die Sache harzt. Niemand will so recht und muss dann doch. Als Sophie endlich schläft und Sandra in der Küche ist, will Florence noch von mir gehalten werden. „Geniesse es“, sagt auch sie zum Schluss und drückt mir einen fetten Kuss auf die Wange.“
Auf der Reise
Das „Geniesse es“ geistert immer wieder in Adrians Kopf herum. So leicht ist das doch nicht für ihn. Er bezeichnet sich als eine sensible Person, die mit äusseren Rahmenbedingungen nicht so schnell zurechtkommt. Er spürt, wie die Reizüberflutung im Flughafen seiner Gelassenheit nicht gut tut. Bewusst trinkt er Tee und Wasser und achtet auf warme Füsse. Bei aller Versuchung verbietet er es sich, im Bookshop ein Buch zu kaufen. Bewusst begegnet er innerlich bereits seinen potentiellen Kunden an den Wettkämpfen – die Sportler. Im Tagebuch bezeichnet er seinen Einsatz an den Paralympics als eine Beziehungsknüpfzeit, wo es darum gehe, immer gelassen zu bleiben und ein guter Zuhörer zu sein. Er werde in diesen Tagen für Andere eine Art Klagemauer, wo Sorgen und Nöte ausgebreitet werden. In all dem ist ihm seine Hauptaufgabe vertraut: Für die einen Glauben an den lebendigen Gott säen und für die anderen Glauben stärken – in persönlichen Gesprächen eben, aber auch im Halten von Andachten, Leiten von Bibelstudium und Gebet. Sogar kleine praktische Hilfeleistungen werden zuweilen gefragt sei – zum Beispiel das Waschen einer verschmutzten Hose.
Schon bevor Adrian Hofmann auf seine „Kunden“ an den Paralympics trifft, ist sein Typ gefragt – ein Geschäftsmann erzählt ihm im Flugzeug von seinen Hochs und Tiefs, und eine Mutter, deren Nerven wegen Flugangst so ziemlich am Ende sind, vertraut sich ihm an. Ob er diese Menschen anziehe, fragt er sich? Stunden später, nachdem er auch die Eröffnungsfeier der Spiele hinter sich gebracht hat, sinkt er todmüde ins Bett. Eine wohlverdiente Ruhepause nach einer 24-stündigen Wachphase.
Glaub-würdig sein
Im Olympischen Dorf gibt es ein Multi-Faith-Center. Eine auch umstrittene Einrichtung, denn nicht alle sind glücklich darüber, dass verschiedene Gottesvorstellungen gleichberechtigt nebeneinander präsent sein dürfen. Der Einsatzleiter für die christliche Seelsorge erklärt Adrian Hofmann, dass es gerade nicht um Inter-Faith, sondern um Multi-Faith gehe, also der je eigenständigen Darstellung und Ausübung des Glaubens. Es gelte sich einzuordnen in vorgeschriebene Verhaltensregeln gegenüber allen Menschen, unabhängig der jeweiligen Religion, freundlich und wohlwollend. Missionieren sei verboten! Schweigepflicht und Vertrauenswürdigkeit stünden an oberster Stelle. Für das seelsorgerliche Engagement den Menschen gegenüber seien Integrität, Demut, Weisheit und Sensibilität gefragt.
„Im internationalen Bereich spricht man nicht von Seelsorge, sondern von Chaplaincy“, betont Adrian Hofmann. „Der Chaplain ist auf deutsch ein Kaplan. Ein Kaplan ist ein geweihter Priester, der sämtliche Sakramente spenden darf, aber keine Kirchgemeinde leitet. Wenn man aber Katholiken sagt, man sei ein Kaplan, dann machen die fast einen Knicks vor Ehrfurcht, weil sie meinen, man sei ein hoher geistlicher Würdenträger, und das ist es dann auch wieder nicht…“
Impressionen
Die Tage an den paralympischen Wettkämpfen sind genau geplant. Da gibt es Zeiten, da Adrian Hofmann live am Wettkampfprogramm dabei ist, oder an anderen Tagen am TV mitverfolgen kann. Und natürlich ist er oft im Multi-Faith-Center anzutreffen. So kommt am dritten Wettkampftag eine moslemische Frau zum Gebet in den Moslemic Worship Room for Women. Beim Verlassen des Gebäudes, so bemerkt er freudig, nimmt sie noch ein christliches Buch vom Büchertisch. Für diesen Tag notiert er im Tagebuch: „Alle aus unserem Team hatten heute wieder gute Kontakte. Die Atmosphäre ist friedlich, getragen von Anteilnahme, gegenseitigem Respekt und Wohlwollen. So langsam wird es familiär. Jeden Tag halten wir gemeinsam mindestens eine Gebets- und Fürbittezeit ab. Jeder des Teams erzählt von Begegnungen, Sorgen, Nöten, aber auch von Freuden der Menschen. Dann beten wir gemeinsam.“
Adrian Hofmann findet es bemerkenswert, dass während der „normalen“ Olympiade 220 Schweizer Fernsehleute in Vancouver waren, hingegen während der Paralympics nur gerade 15. Dabei wäre auch neben den Wettkämpfen manche Begegnung während dieser Tage echt fernsehwürdig, wie er schreibt. Da „leihe“ zum Beispiel der körperlich Behinderte dem Blinden die Augen…! „Eine sehenswerte Zusammenarbeit!“
Eines Tages besucht der Direktor des Olympischen Dorfes das Multi-Faith-Center und lobt die positive Zusammenarbeit aller Beteiligten. Etwas später erscheint eine armenische Delegation mit zwei Priestern im Center, und spontan hält man eine gemeinsame Gebets- und Segnungszeit ab. Kaum ist dies zu Ende, kommt jemand und will Gebet und fragt nach einem kurzen Bibelstudium. Das Multi-Faith-Center führt auch eine Art Statistik, woraus am Schluss der Spiele hervorgehen wird, dass über 98 Prozent von allen Aktivitäten christlich geprägt sind.
Ein weiterer Tag: Es kommen verschiedene Delegationen vorbei und informieren sich über das Multi-Faith-Center. Etwas später wünscht eine einzelne Frau ein Trauergespräch, und eine Nächste kommt für eine stille Zeit. Nebenan wird eine Messe gehalten und Adrian Hofmann macht mit einem jungen Mann ein kleines Bibelstudium.
Zur Reife gelangen – so oder so: „Für Sportler M. ist es an diesem Tag die zweite Medaille seiner Sportkarriere. Seine erste Medaille gewann er bei seiner erstmaligen Teilnahme an der Olympiade in Nagano, und nun, zwölf Jahre später, gewinnt er seine Zweite. Dazwischen liegen bestätigende Reifungsprozesse! Anders bei C: Sie belegt an diesem Tag den 7. Platz. 30 Sekunden haben gefehlt für einen Podestplatz. Seit vielen Jahren schon ist C. regelmässig unter den ersten zehn, aber immer ganz knapp hinter den Medaillen. Auch das gilt es zu akzeptieren und zu verarbeiten.“ …eine Aufgabe für Sports-Chaplain Adrian Hofmann Trost zu spenden! „Mit Gott zusammen wird es schon gut kommen“, ist sein stilles Motto.
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