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Wenn Glaube praktisch wird

Sie sollen uns als Menschen kennen lernen, nicht als Fromme

 

Sie wohnen und arbeiten in der Region Chur und stehen mitten im öffentlichen Leben. Ihr soziales, politisches und kirchliches Engagement findet nicht nur in der Bevölkerung wachsende Akzeptanz, sondern trägt offensichtlich Gottes Segensspuren. Vielleicht erklärt sich das Geheimnis von Edi und Agnes Wäfler wie folgt: Sie tragen ihr Christsein nicht lautstark nach aussen, sondern setzen alles daran, dass ihr Glaube praktisch wird.

 

 

Renate Blum

 

 

Mitten in Churs geschäftiger Stadtmitte liegt das Büro von Edi und Agnes Wäfler. Die hellen Räume wirken frisch und einladend. Informationsbroschüren weisen auf die vielseitigen Tätigkeiten hin, die das unternehmungslustige Paar von hier aus koordiniert und leitet.

 

 

Fäden laufen zusammen

Bei Agnes und Edi Wäfler spüre ich eine starke Verankerung in Gott und einen tiefen Frieden. Beide trauen sie Gott Grosses zu und freuen sich über alles, was dank seiner Hilfe möglich wird. Vor 24 Jahren als Mitarbeitende von Campus für Christus ins Bündnerland gesandt, haben sie dort Wurzeln geschlagen und in Chur sowie an ihrem Wohnort Domat/Ems Stück für Stück Verantwortung übernommen. «Wir mussten bereit sein, auch Dinge zu tun, die nicht unsere Lieblingsbeschäftigungen waren.»

Agnes und Edi Wäfler verstehen das Leben wachstümlich und sprechen nicht gerne von grossen Visionen. Rückblickend kommt es ihnen vor, als hätten sich Leben und Dienst, wie von langer Hand vorbereitet, Stück um Stück entwickelt. Das eine habe sich aus dem anderen ergeben.

 

Menschen geistlich und gesellschaftlich fit machen

Seit achtzehn Jahren gehört die Leitung der berufsbegleitenden Schule für Gemeindemitarbeit (SGM) und des Arbeitszweigs Tim-Team von Campus für Christus (ein Schulungs- und Beratungsdienst für engagierte Christen in Landes- und Freikirchen) zu den Hauptaufgaben von Edi und Agnes Wäfler. Edi Wäfler: «An allen Ecken und Enden dieser Welt sind zuverlässige Menschen nötig, denen es nicht gleichgültig ist, wie es unserer Gesellschaft geht. Wir möchten, dass Menschen geistlich fit werden und ihren Glauben in Kirche und Gesellschaft einbringen. ‹Wer bin ich, was will ich? Was habe ich in Christus, und welche spezielle Bedeutung hat mein Leben?› sind Fragen, die wir während der SGM klären helfen. Dabei wollen wir nicht geistliche Richtigkeiten, sondern geistliches Leben vermitteln, den christlichen Glauben und das natürliche Leben zusammenbringen und als Einheit thematisieren.» So ist zum Beispiel Gebet für Edi Wäfler mehr als Händefalten. Es ist integriert ins praktische Leben und geht Hand in Hand mit dem, was er konkret im Alltag tut. «Das, was ich ausspreche, ist Gebet, weil Gott es hört. Gebet im landläufigen Sinne gehört dazu, aber wir können nicht nur beten, wir haben auch einen konkreten Auftrag. Auch wenn es um Gaben wie Weisheit und prophetische Sicht geht, sind wir der Meinung, dass wir sie nicht in erster Linie für die Gemeinde, sondern für unseren praktischen Alltag erhalten haben.»

 

 

Mut für die Menschen am Rand

Den Blick über die Kirchenmauern hinaus hat Edi von klein auf gelernt. Bereits Edi Wäflers Vater hatte ein Herz für randständige Menschen. Als Junge erlebte Edi, wie sein Vater Vormundschaften übernahm. So war es ihm nicht fremd, als sein Freund, Amtsvormund in Chur, Personen suchte, die eine Vormundschaft für jemanden übernehmen konnten – Edi Wäfler stellte sich zur Verfügung. Der Einstieg war steil, er wurde mit einem der schwierigsten Fälle beauftragt. «Ich lernte ganz neue Lebensbereiche kennen und hatte plötzlich mit Psychiatern oder Anwälten zu tun und musste auch vor Gericht meinen Mann stehen», erzählt er. «Ich wurde mit völlig weltlichen Angelegenheiten konfrontiert und lernte mit den unterschiedlichsten Leuten umgehen. Nach dem biblischen Motto ‹dem Jude ein Jude› musste ich mich auf ihre Sprache und Umgangsformen einstellen. Es war eine sehr lehrreiche Zeit und eine enorme Horizonterweiterung für mich.»

 

Was er in diesen besonderen Herausforderungen an praktischen Erfahrungen sammelte, kommt ihm heute als Geschäftsführer des Vereins Brocki Grischun zugute. Die im Herbst 1992 eröffnete Brocki Grischun wurde rasch ein geschäftlicher Erfolg. Die erwirtschafteten Mittel flossen 1994 in den Aufbau der geschützten Werkstätte Eco Grischun. Der Verein Brocki Grischun als Trägerschaft bietet 24 Beschäftigungs- und Arbeitsplätze für psychisch behinderte und am Rande der Gesellschaft stehende Menschen. In der Eco Grischun werden unter anderem Radios, Computer und andere Elektronikgeräte zerlegt sowie die Bauteile sortiert. Damit wird eine umweltgerechte Entsorgung oder eine geeignete Wiederverwertung möglich. Heute unterstützen Bund und Kanton die Werkstätte, und sie sind es auch, die einen Neubau wünschen, in dem fünfzig bis sechzig Personen arbeiten werden. Geplanter Baubeginn ist Frühling 2007.

 

 

Zuerst Qualität bieten

«Wir sind kein christliches Werk, sondern ein Unternehmen», erklärt Edi Wäfler. «Die Kirchenzugehörigkeit spielt keine Rolle. In unserem Leitbild steht lediglich der Satz: ‹Die Führung der Betriebe richtet sich nach christlichen Werten.› Was wir glauben, versuchen wir vor allem zu leben, ohne viele Worte zu machen. Unsere Mitarbeitenden sollen sich bei uns geschätzt und angenommen fühlen, sie sollen uns als Menschen kennenlernen und nicht als Fromme, die sie bekehren wollen. Für mich heisst das zum Beispiel, dass ich mir Zeit nehme und jede Person persönlich grüsse, wenn ich durch den Betrieb gehe. Von den Betreuenden erwarten wir, dass sie ihre Arbeit gut machen, nach dem Motto: Wir bieten Qualität, erst in zweiter Linie treten wir als Christen in Erscheinung. Nicht umgekehrt.»

 

Edi Wäfler findet, falscher Eifer nütze niemandem und schade mehr. Er hat schon miterlebt, wie Christen von grossen Visionen sprachen und sich viel zu früh, noch bevor etwas konkret geworden war, an die öffentliche Hand wandten. Nachher waren sie enttäuscht, wenn sie auf taube Ohren stiessen. «Nach unserer Erfahrung ist es besser, in der Stille etwas aufzubauen, das zu gegebener Zeit sichtbar wird und Interesse weckt. Das ist zwar ein längerer Weg und braucht viel Geduld, aber es lohnt sich.»

 

 

Allein geht es nicht

«Agnes und ich erfahren, dass es sich lohnt, Zeit fürs Miteinander zu investieren, ob im privaten oder im Arbeitsbereich. ‹Alleine schaffen wir es nicht, nur miteinander sind wir stark› – das ist unser Lebensmotto. Dabei wollen wir uns selber sein, einander nichts vorspielen. Wir wollen offen mit unseren Stärken und Schwächen umgehen und das geben, was wir können, ohne dass es perfekt ist.»

Und Edi Wäfler fährt fort: «Als positiv erlebe ich, wenn ich mich mit anderen Geschäftsführern geschützter Werkstätten auf dem Platz Chur regelmässig zum Mittagessen treffe; beim gemeinsamen Essen und Reden lernen wir einander besser kennen. Es entstehen wertvolle Beziehungen, die in die Tiefe gehen. Sich dann gegenseitig zu helfen, wird wie selbstverständlich.»

 

 

Am Wohnort zur Kirche gehen

Agnes und Edi Wäfler engagieren sich aktiv in der refomierten Landeskirche Domat/Ems und sind so mit den Menschen ihres Dorfes unterwegs. Das bedeutet, sich auf unterschiedliche Frömmigkeitsstile einzulassen. «Wir sind froh, dass wir uns nicht in einem frommen Getto bewegen», sagt Edi Wäfler. «Die Menschen, mit denen wir verkehren, haben grundverschiedene Lebenseinstellungen. Wir schätzen, dass sie ehrlich ihre Auffassungen vertreten, mit beiden Füssen auf dem Boden stehen und natürliche Lebensthemen nicht vergeistlichen.» Agnes Wäfler ergänzt: «Weil wir im Dorf zur Kirche gehen, haben wir Zugang zu den Menschen hier. Domat/Ems ist mehrheitlich katholisch. Mir kommt dabei zugute, dass ich in der katholischen Kirche aufgewachsen bin.»

 

Vor Jahren wirkte Edi Wäfler in der Gemeindeleitung der Evangelisch-methodistischen Kirche mit, und es wurde Zeit, das Ruder abzugeben. Eine neue Aufgabe bahnte sich in der evangelischen Landeskirche in Domat/Ems an. Im Kirchenvorstand waren Neuwahlen angesagt, und Edi Wäfler stellte sich zur Verfügung. Er wurde nicht nur in den Kirchenvorstand gewählt, sondern auch gleich dessen Präsident. «Wie über Nacht wurde ich eine öffentliche Person im Dorf und zu gesellschaftlichen Anlässen offiziell eingeladen. Das war am Anfang schon sehr ungewohnt», erinnert sich Edi Wäfler. «Agnes und ich stehen nicht so gerne im Vordergrund. An einem Dorffest marschierte ich zum Beispiel neben dem Fahnenträger und anderen Ehrengästen durchs Dorf. Gott öffnete mit dem Kirchenvorstand eine Türe, und ich sprang über den eigenen Schatten.» Der zeitliche Aufwand für das Amt sei hoch, die Einflussmöglichkeiten dafür beachtlich. Weil Wäflers keine Kinder haben, kann Edi flexibel und unabhängig auf dieses gesellschaftliche Bedürfnis eingehen.

Am Anfang versuchten einige, Edi Wäfler in eine Schablone zu drücken und ihm das Etikett «Fundamentalist» anzuhängen, weil sie die Arbeit von Campus für Christus nicht kannten. Er fragte dann zurück, was sie sich denn unter einem «Fundamentalisten» vorstellten. Die Gespräche, die daraus entstanden, seien für beide Seiten höchst interessant und aufschlussreich gewesen. «Die sieben Mitglieder des Kirchenvorstands vertreten ganz unterschiedliche Ansichten, aber wir ergänzen und schätzen uns und haben eine gute Streitkultur entwickelt.»

 

 

«Fit mit Agnes»

Just zu dem Zeitpunkt, als Agnes ihre Ausbildung beendet, sucht der Turnverein Domat/Ems eine neue Leiterin. «Für mich die Chance, noch mehr in Kontakt mit den Frauen aus dem Dorf zu kommen», sagt Agnes Wäfler. «Anfangs versuchte ich, den Frauen am Ende der Turnstunde ein Wort zum Tag mitzugeben, aber es passte nicht und wirkte erzwungen. Es war mir selber nicht wohl. So versuche ich lieber, gute Turnstunden zu geben. Ich merkte, dass es wichtiger ist, wie ich beispielsweise mit Kritik umgehe oder wie ich mich bei Konflikten verhalte.»

 

 

Ganzheitlich leben

Sport spielt im Leben von Agnes und Edi Wäfler eine wichtige Rolle. Er bietet einen guten Ausgleich zu ihren Engagements. Am liebsten bewegen sie sich draussen in der Natur, segeln oder gehen im Winter auf Skitouren. Am meisten sind sie mit den Mountainbikes unterwegs. Im Jahr legen sie zwischen 4000 und 5000 Kilometer zurück, mehrheitlich in den Bergen.

 

Höhepunkt ihrer Fahrradsaison ist die «Hot Bike Tour» durch Israel. Bereits elfmal führte sie das Bikeabenteuer von der nördlichen Grenze Israels über Jerusalem durch die Wüste nach Eilat ans Rote Meer. «Meist sind wir eine bunt gemischte Gruppe», sagt Edi. Neben dem Biken und der Kameradschaft setzen sie sich auch mit der Kultur und der Geschichte Israels auseinander. Dabei liegt es nahe, die Bibel als Grundlage zu nehmen. Ohne gross zu predigen, erleben sie jeweils Gott auf ganz besondere Art und Weise.

 

 

Das grösste Abenteuer

«Mit Gott zu leben», sagen Agnes und Edi Wäfler, «ist für uns ein unwahrscheinliches Vorrecht und das grösste Abenteuer, das wir uns vorstellen können. Ohne Gott wäre es uns schlicht langweilig.»

Wäflers sind überzeugt, dass Gott für jeden Menschen viel bereithat. Dabei sprechen sie nicht von einem Leben ohne Probleme. Aber Probleme und Hindernisse seien Gottes Chancen, durch die er uns vorwärtsbringen wolle. «Je näher wir mit dem göttlichen Vater zusammenleben», sagen sie, «desto mehr leben wir in unserer Bestimmung. Gott weiss, was er in uns hineingelegt hat und was für uns optimal ist. So ist es möglich, ein Leben zu führen, das erfüllt ist, nicht nur ausgefüllt.»

Agnes und Edi Wäfler blicken hoffnungsvoll in die Zukunft, und sie haben beide das starke Gefühl: Da kommt noch einiges, wofür es sich lohnt, etwas zu wagen und sich einzusetzen.

 

Artikel aus dem Christlichen Zeugnis 2007/1.

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