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Allein als Künstler

Rubrik: Crescendo

Autor: Hauke Burgarth

Das Café war eigentlich ganz schön. Die Sonne malte helle Flecken auf die Tische und spiegelte sich im Wasser der nahen Gracht. Während er nach den typischen Amsterdamer Hausbooten schaute, versuchte er sich daran zu erinnern, wie man auf Holländisch einen Kaffee bestellt. „Een kop kofie…“ Was heißt nochmal „bitte“? Seine Gedanken wanderten wie von selbst zum Konzert, das an jenem Abend stattfinden würde.

So langsam begann die Konzentrations- und Lampenfieberphase. Und er saß hier im Café, umgeben von Menschen, die er nicht verstand (schon wegen der Sprache) und die ihn nicht verstanden (schon wegen des Berufs). Die Einsamkeit wurde fast greifbar. So hatte er sich das Leben als Berufsmusiker nicht vorgestellt. Ja, er war ganz gerne mal allein. Von Kindheit an brauchte und suchte er sich diese Freiräume. Wenn die anderen sich zum Fußballspielen trafen, dann kickte er schon manches Mal mit. Lieber aber saß er allein für sich im Wald an „seiner“ Stelle. Ein Stein wie ein Thron, überwachsen von herrlich weichem Moos. Daneben die breiteste Buche des ganzen Waldes – oder der ganzen Welt? Die Luft war voll von Tiergeräuschen, Blätterrauschen und dem Rieseln des kleinen Bachlaufs. Trotzdem war es auf eine geheimnisvolle Art still. Still genug, dass seine eigenen Gedanken hier zum Klingen kamen.

 

Lebenstraum Musiker

Diesen Klang wollte er erwecken, als er das erste Mal eine Flöte in der Hand hielt, als sein älterer Bruder ihm seine Gitarre gab und erst recht, als er später – endlich – Klavier lernen durfte. Ja, für ihn war das ein „durfte“. Er erinnerte sich noch gut an seinen ersten Lehrer, der zum Glück kein Tastenknecht war. Als er ihm etwas vorspielen sollte, hob dieser leicht seine linke Augenbraue und schaute in die Ferne, als ob er da etwas sähe. Und dann sagte er seinen Eltern diese Worte, die sein Leben verändern sollten: „Sie wissen, dass Ihr Sohn begabt ist?“ Er platzte fast vor Freude und Stolz. Klar, es war ein weiter Weg, und er hatte weiß Gott nicht immer Freude gemacht, aber er hatte seinen Traumberuf erreicht: Musiker.

 

Segen und Fluch der Einsamkeit

Seine Einsamkeit war ihm dabei meist wie ein Geschenk vorgekommen. Sie hatte ihm den inneren Freiraum gegeben, sich mit neuen Stücken auseinanderzusetzen. Sie half ihm, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Nichts lenkte ihn ab. Er brauchte sie immer noch, diese kreativen Freiräume von früher, auch wenn er nur noch sehr selten an seinem Platz im Wald sein konnte. Doch irgendwie hatte er den Eindruck, als wechselte die Einsamkeit ihre Farbe. Wo sie früher wohltuend und golden war, war sie jetzt immer öfter schal und grau und schmeckte nach Asche. So wie an diesem Tag. Sehr früh war er zu Hause in den Zug gestiegen. Er saß allein in der ersten Klasse, die Partitur auf den Knien. Mittags kam er in Amsterdam an, wühlte sich allein durch die Menschenmassen am Bahnhof und fuhr in sein Hotel. Dort ging er allein auf sein Zimmer – wieso müssen Hotelzimmer eigentlich immer so eingerichtet sein, dass man sich wie ein Fremdkörper darin fühlt? So schlenderte er noch ein bisschen durch die Stadt. Das kehlige Holländisch bildete zusammen mit den Verkehrsgeräuschen und einzelnem Vogelgezwitscher einen Gesamtklang, der ihn aber nicht wirklich erreichte. War es die Fremdsprache, die hier Distanz schuf? Er wusste es nicht. So trank er allein seinen Kaffee, zahlte, ging ins Hotel. Rechtzeitig war er im Konzerthaus. Ein Vertreter des Veranstalters führte ihn in seine Garderobe. Hier war Platz für ein ganzes Sinfonieorchester, und er hatte ihn für sich allein – Pianisten-Los.

 

Standing Ovations

Kurz vor Konzertbeginn wurde er zur Bühne begleitet. Dreitausend Hände zerschlugen mit ihrem Applaus die Einsamkeit. Die Zuhörer begrüßten ihn freundlich, aber waren sie wirklich bei ihm? Er gab sein Bestes und litt trotzdem Qualen bei jeder Unkonzentriertheit, jeder Ungenauigkeit. Am Ende gab es sogar Standing Ovations. Er freute sich, genoss das Wohlwollen, badete im Applaus. Doch nur wenige Minuten danach war er bereits wieder allein - erst beim Umziehen, dann im Taxi, dann im Lokal und schließlich im Hotel. Sein Adrenalinspiegel war noch viel zu hoch, trotzdem legte er sich rein vernunftmäßig nicht zu spät ins Bett, denn am nächsten Morgen hieß es weiterfahren: Aachen stand auf dem Programm…

 

Gemeinsam unterwegs

Typisch? Ja, für viele Berufsmusiker ist solch ein Tages- oder gar Lebensablauf typisch. Sie brauchen das Alleinsein, kreative Freiräume. Aber sie brauchen genauso Menschen, die sie verstehen, ihnen zuhören, für sie da sind. Freunde jenseits des Applauses. Menschen, die ihnen zeigen, dass Jesus auch Künstler liebt. Freunde, die sie anrufen und ihnen sagen: Ich denk jetzt an dich. Oder die nach dem Konzert kommen und ein Bier oder einen Kamillentee mit ihnen trinken, die reden können, aber nicht reden müssen. „Das ist doch nichts Besonderes…“, werden viele denken. Doch, das ist es. Gerade für Musiker. Genau das will Crescendo leisten. Immer noch gibt es Musiker, die sagen: „Ich dachte, ich wäre der einzige christliche Berufsmusiker!“ Etliche wissen: „In der Gemeinde finde ich leider niemanden, der mich versteht.“ Und vielen ist es klar: „Ich werde nie in einen normalen Hauskreis gehen können. Ich bin immer unterwegs.“

 

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