Geistliche Wurzeln der Jazzmusik
Crescendo erweitert Engagement auf den Jazzbereich
Seit 24 Jahren ist die Vision lebendig, dass zu den wichtigsten Zielgruppen von Crescendo auch Jazz-Musiker und –Studenten gehören. So erzählt es Gründer und Leiter von Crescendo, Pfr. Beat Rink, im Magazin „Crescendo“ vom Dezember 2009. Eine neue Welt tut sich hier auf – nichts von verstaubten alten Instrumenten, sondern Innovation pur – musikalisch und geistlich. Der Saxophonist, Komponist und internationale Koordinator der christlichen Jazz-Arbeit, Uwe Steinmetz, Berlin, gibt Einblick (Teilabdruck Interview).
Uwe, Du hast vor kurzem die internationale Leitung für „Crescendo Jazz“ übernommen. Was hat dich in den letzten Monaten darin bestärkt, dass dies ein richtiger Entscheid war?
Crescendo ist ja zunächst ein Netzwerk, eine Gemeinschaft von Christen und eine geistliche Bewegung. Dafür gibt es auch im Jazzbereich einen grossen Bedarf! Ich hatte bereits viele überraschende Begegnungen mit Menschen, von denen ich nicht gedacht hätte, dass sie Christen sind. Auch stelle ich fest, dass christliche Kollegen oft meinen, in ihrem musikalischen Umfeld dürfe man nicht über den Glauben sprechen. Gerade im Jazz hat sich die Meinung herausgebildet, die Musik solle für sich allein stehen. Über alles andere spricht man nicht! Aber die Konflikte sind natürlich vorgezeichnet. Denn eine musikalische Einheit lässt sich nur dort anstreben, wo man auch offen über jene Dinge spricht, die einen zutiefst bewegen. Da gibt es einen riesigen Nachholbedarf. Ich hatte schon sehr schöne Gespräche mit christlichen Jazz-Berufsmusikern, bei denen ich merkte: Wir tun genau das Richtige, wenn wir Möglichkeiten schaffen, dass man sich treffen, dass man zusammen beten und über weitere Möglichkeiten der Gemeinschaft und Zusammenarbeit sprechen kann.
Wie waren die ersten Reaktionen?
Das erste Konzert über die Gedichte, die Bonhoeffer im Gefängnis geschrieben hat, habe ich mit meiner Band, mit einem Berliner Streichquartett und einigen Gastmusikern aufgeführt. Gerade jene Leute, die mir am nächsten standen, waren spirituell stark auf der Suche und beschäftigten sich viel mit Buddhismus. Die Art, wie Dietrich Bonhoeffer sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzte, bereitete ihnen grosse Mühe. Wir brauchten eine längere Zeit, bis sich die Sache gesetzt hatte. Auch ich lernte, dass man kann nicht einfach ein Konzept durchziehen und dabei meinen kann, die anderen würden es sofort verstehen und könnten es genauso umsetzen, wie es mir vorschwebte.
Wie können Vernetzungsmöglichkeiten unter Jazzmusikern aussehen?
Wir unterscheiden uns zu den klassischen Musikern, die in Orchestern oder als Lehrer arbeiten, häufig in der Lebensweise. Viele von uns haben als Freiberufler verschiedene Ensemble-Projekte. Dies ergibt für jeden einzelnen eine Vielschichtigkeit in der Lebensgestaltung. Um uns dennoch zu vernetzen, haben wir mit lokalen Treffen begonnen, wo wir zusammen Musik machen, gemeinsam beten und uns austauschen. Im Zentrum steht immer ein Bibeltext und ein Musikstück. Auch ist denkbar, dass Gebet, Bibellektüre und Jam-Session miteinander kombiniert werden.
Eine Frage, die immer wieder auftaucht: Warum soll eine Bewegung wie „Crescendo“ Musiker vernetzen und fördern, wenn sie doch vielleicht in den Kirchen gut aufgehoben sind?
Die meisten Musiker gehen in die Kirche, aber sozusagen als Privatmenschen. Sie sehen darin keine Verbindung zu ihrem Beruf. Mir ist das aber nicht genug. Bei Crescendo wird diese Verbindung geschaffen. In manchen Gemeinden herrscht sogar eine große Skepsis gegenüber unserer Musik – und dies geht dann ziemlich an die Substanz. Dann kann auch gar nicht daran gedacht werden, einen musikalischen Gottesdienst zu gestalten. Etwas Weiteres ist, dass Crescendo keine spezielle konfessionelle Bindung und Tradition betont – zugunsten des gemeinsamen Zentrums, das wir in Christus haben. Ein Bild aus dem Neuen Testament begleitet mich oft: Christus wandert durch die Gegend und fordert mit einer grossen Radikalität die Menschen auf, alles stehen und liegen zu lassen und mit ihm zu gehen. Wir Musiker kennen das: Von einem Ort zum anderen fahren. Radikal im Sinn von Jesus leben hiesse dann wohl: Die Musik und den Glauben nicht für sich behalten, sondern sie mit anderen Menschen teilen. Dazu müssen Verbindungen zur Welt hergestellt werden. Sonst bleibt der Glaube eine „private Angelegenheit“.
Wie und wo könnt ihr dies als Jazz-Musiker tun?
Ich muss vorausschicken: Gerade im Jazz-Bereich wollen die Leute unterhalten werden. Das ist ein Bild vom Jazz, das sich entwickelt hat. Dem gegenüber steht die eigentliche durchgängige Tradition des Jazz als spirituelle Musik mit einer authentischen sich ständig weiterentwickelnden musikalischen Sprache. Es waren sicher nicht alle Jazzmusiker Christen, aber einige der Wurzeln des Jazz liegen tief im christlichen Glauben, in den Spirituals und Gospels. Ab den 50-er Jahren bis heute suchten viele Jazzmusikerin in den verschiedenen Weltreligionen spirituelle Erfahrungen.
Wie kommt angesichts dieser Tradition heute das Bekenntnis zum christlichen Glauben an?
Das ist ein grosses Spannungsfeld. Man muss sich zum einen als Musiker dafür entscheiden, die Dinge, an die man glaubt und die einen begleiten, durch die Musik mitteilen zu wollen. Und dann gilt es, entsprechende Wege zu suchen: Dazu muss man aktiv Konzepte entwickeln und diese anbieten. Zum Beispiel Konzertreihen oder kreative Gottesdienste.
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