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Andreas «Boppi» Boppart |
Manche Menschen essen fast alles, andere schweifen kulinarisch wenig aus. Während man in der frühen Gemeinde in Rom heiss darüber diskutierte, ob man alles essen darf, brodelt es heute an anderen Stellen. Paulus Empfehlungen von damals können uns heute helfen, manche Suppe auszulöffeln, die wir uns eingebrockt haben.
Ich gebe zu, ich bin kein guter Esser. Eine Vielzahl von Zutaten und Lebensmitteln steht auf meiner schwarzen Liste, aber ich arbeite daran, diese stetig zu verkürzen. Inzwischen haben sogar die Linsen – lange als unbiblisch verschrien, fragt Esau! – die Spalte gewechselt. Kutteln und «Röslichöhl» halten ihren Stammplatz jedoch hartnäckig auf der bösen Seite. Bestimmt hat sich der Rosenkohl erst nach dem Rausschmiss aus dem Paradies entwickelt – etwa zeitgleich mit den Stechmücken.
Meine internationale Reisetätigkeit hat meinen Gaumenhorizont gewinnbringend erweitert – immer wieder durfte ich mit Erstaunen feststellen, welche wunderbare Kulinarik mir bisher entgangen war. Das reicht vom indischen Korma in einem Londoner Vorort, über fingerverklebende Baklava an einer Konferenz im türkischen Izmir bis hin zum weltbesten Humus in der Altstadt von Jerusalem. Ein gutes Essen zaubert Geschichten und Farben auf meine innere Leinwand. Das gilt sowohl für die frisch gepflückte Ananas bei einem Projektbesuch in Kuba als auch für das Tandoori-Chicken, das mir in einem tansanischen Hinterhof in einem zum Grill umfunktionierten Sicherungskasten zubereitet wurde. Ja, Essen ist für mich pure Emotion. Erst kürzlich habe ich mit meiner Tochter wieder ein Pippi-Langstrumpf-Spaghetti-Essen gemacht – da darf man einfach Vollgas mit den Händen rein. Spaghetti sind ja schon per se und formbedingt fröhlich machende Viktualien, aber glaubt mir: Mit den Händen genossen machen sie doppelt und dreifach Freude.
Essen kommuniziert, erzählt, verbindet und bewegt.
Gleichermassen kann Essen aber auch zur Grenzerfahrung werden – so geschehen, als ich in Uganda ehrenvoll zu einem Topf voll mit Ziegeninnereien geladen war. Oder als wir als Familie auf den Philippinen herausgefordert wurden, Balut zu essen – ein Ei, in dem der befruchtete Hühnerembryo bereits gut sichtbar ist. Essen kommuniziert, erzählt, verbindet und bewegt. Manchmal auch erst im Nachgang und mehr als einem lieb ist. Essen ist viel mehr als nur die Zufuhr von Energie: Es ist zentraler Bestandteil von Kultur, soziale Teilhabe, Genuss und hat grossen Anteil an unserem psychischen Wohlbefinden. Beim Essen schwingen familiäre Strukturen mit, Beziehungen und Identität.
David, ein südkoreanischer Freund (so darf ich ihn nennen, weil sein südkoreanischer Name für Europäer nur schwer aussprechbar ist) hat mich während eines traditionellen Tischgrill-Essens in Seoul in die unterschiedlichen Essensphilosophien des asiatischen Raums eingeführt. Es handelt sich um eine ganzheitliche Lebensanschauung, tief in Geschichte, Natur und Medizin verwurzelt. Der Kochtopf ist gleichzeitig auch die Hausapotheke, denn Essen ist Medizin (Yak-sik-dong-won). Es geht nie nur darum, sich satt zu essen, sondern alles unterliegt einem funktionalen Genuss, alles hat einen Zweck. In Japan geht es um die Perfektion des Eigengeschmacks einer einzelnen Zutat, während in Südkorea der Fokus auf der Stärkung des Immunsystems liegt. In China wiederum steht das Gleichgewicht im Vordergrund, also das Erzeugen einer Harmonie bei einer Mischung aus Gegensätzen. Die berühmte süss-saure Sauce reiht sich in diese Philosophie ein, das kosmische Gleichgewicht auf den Teller zu zaubern. Fasziniert lauschte ich Davids Ausführungen, während ich auf meinem Bulgogi und Samgyeopsal kauend nach der Schüssel griff, um meinen Kimchi-Vorrat aufzustocken. Noch nie hatte ich mir das so detailliert überlegt. Mich beschlich die Frage nach meiner eigenen Essensphilosophie: Bestand diese bisher etwa vorrangig aus der Vermeidung unliebsamer Irritationen meiner Geschmacksknospen? Davids Ausführungen malten mir vor Augen: Die Auseinandersetzung mit Essen ist immer (auch) Bildung, Entdecken, Lernen.
Lasst mich einen Schwenk machen, weg von asiatischer Kulinarik hin zur religiösen Esskultur in der Bibel, genauer gesagt zum Umgang mit den frühjüdischen Speisegesetzen im Neuen Testament. Für mich ist es gleichermassen faszinierend und bezeichnend, wie viel Grundsätzliches wir hier lernen können – nicht primär für unseren Speiseplan, sondern für unseren Umgang miteinander.
Interessanterweise war zu neutestamentlichen Zeiten bei den ersten Gehversuchen der noch jungen Kirche die Frage nach der Reinheit von Speisen ein zentrales Thema. Es polarisierte so sehr, dass Paulus sich gezwungen sah, der römischen Gemeinde mit ein paar Prinzipien zur Klärung der internen Spannungen zur Seite zu kommen. Die grosse spaltende Frage war, welche Speisen unrein machen und ob man beispielsweise Fleisch, das zum Opfern verwendet worden war, verzehren durfte oder nicht. Im aktuellen Gemeindekontext bin ich dieser Frage erstaunlicherweise noch nie begegnet. Vielmehr schlagen wir uns in unterschiedlichen Kontexten beispielsweise mit der Frage herum, ob man christlich verpflichtet ist, sich aktiv und mit allen Mitteln gegen Tyrannen
zu stemmen, oder ob die Verwendung von Gewalt per se zu verurteilen ist, selbst wenn das Resultat positiv sein könnte. Oder ob es das höchste uns anvertraute Gut ist, die richtigen Glaubensgrundsätze zu bewahren, selbst wenn man sich dabei der Lieblosigkeit schuldig macht. Wir fragen uns, wie viel Ethik von der Bibel her geklärt ist, wo die roten Linien in der Bibel durchführen, die gedanklich nicht überschritten werden dürfen, was ein guter Christ, eine gute Christin alles mitzuglauben hat, um dazuzugehören, wie das Wirken des Geistes auszumachen ist und wo es rein menschliche Sehnsüchte sind, die uns umtreiben. Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wo man Einheit leben kann und wo es schlicht nicht mehr geht, weil man bestimmte Ausprägungen des Gegenübers als toxisch betrachtet. Die Konfliktherde – egal, woran sie sich konkret entladen – sind unerschöpflich und umkreisen uns mit einer Penetranz, wie die Wespen im Spätsommer das Mittagessen auf der Terrasse. Je nach Biografie, Frömmigkeit, gefühlter Lebensaufgabe und Persönlichkeit setzt man sich unterschiedlich vehement für bestimmte Themen ein. Rund um Lebensstilfragen, Glaubensüberzeugungen und Traditionen entstehen immer wieder neue innerkirchliche Brandherde. Genau deshalb erhellt es mich zu sehen, wie Paulus, der immer wieder mit steilen Aussagen aufgefallen ist, verbindend und klärend in die damalige Situation hinein gesprochen hat. Aus seinen Ausführungen in Römer 14 über die Reinheit von Essen und den Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen dazu lassen sich Prinzipien herausschälen, die sich auf viele andere Brandherde fast eins zu eins übertragen lassen: Streite nicht über Ansichten (V1). Verurteile den «Schwachen» nicht (V3), verurteile andere nicht (V13), nimm Rücksicht auf den «Schwachen». Mach dich nicht zum Richter über andere (V4). Lebe nur Dinge, von denen du überzeugt bist (V5). Ehre Gott mit deinem Tun (V6). Dein Verhalten soll von der Liebe bestimmt sein (V15). Es geht nicht um Äusserlichkeiten, sondern um das Innere (V17). Jage dem Frieden nach (V19).Deine Überzeugung ist eine Sache zwischen dir und Gott (V22).
Für eine neue Kultur des Miteinanders könnten wir beispielsweise lernen, nicht über abweichende Ansichten zu streiten. Einander nicht zu verurteilen, wenn wir zu anderen Meinungen kommen.
Mir scheint, dass die Prinzipien, die Paulus zur Klärung der Spannungen von damals vorschlägt, auch heute in vielen anderen Themenbereichen eine wuchtige Resonanz erzeugen würden. Für eine neue Kultur des Miteinanders könnten wir beispielsweise lernen, nicht über abweichende Ansichten zu streiten. Einander nicht zu verurteilen, wenn wir zu anderen Meinungen kommen – denn entweder mein Gegenüber oder ich können das eine oder andere vielleicht schlichtweg nicht glauben. Entweder ist die andere Person schwach oder ich bin es. Wir sind gegenseitig auf Rücksicht angewiesen und könnten unseren selbstgewählten Richterstuhl wieder grosszügig Christus überlassen. Und mutig das (vor-)leben, wovon wir überzeugt sind. Wir können mit Hochdruck darauf achtgeben, dass unser Verhalten von Liebe geprägt ist und dass unsere Worte und Beiträge Gott ehren. Wir könnten Gott vertrauen, dass bei unserem Gegenüber manches Schöne im Innern verborgen ist. Ich kann die eigene Meinung demütig zurückhalten und die Sache zwischen mir und Gott beruhen lassen. So wird ganz viel Energie frei, um dem Frieden nachzujagen. Was wäre, wenn wir uns zu Tisch setzen würden, um Gabel und Messer zu kreuzen anstelle von imaginären Schwertern? Genau das geschah nämlich vor ziemlich genau 500 Jahren.

Wir könnten auf den von uns gezogenen Grenzlinien unsere Suppen köcheln und sie dann gemeinsam auslöffeln.
1 Nehmt den, der in seinem Glauben schwach ist ´und meint, sich an bestimmte Vorschriften halten zu müssen, ohne Vorbehalte` an; streitet nicht mit ihm über seine Ansichten.
3 Wer alles isst, darf den nicht verachten, der nicht alles isst. Und wer nicht alles isst, darf den nicht verurteilen, der alles isst. Gott hat ihn doch ´genauso` angenommen ´wie dich`.
4 Wenn du ihn verurteilst, ist es, wie wenn du dich zum Richter über jemand machst, der im Dienst eines anderen steht. Wer bist du, dass du dir so etwas anmasst? Ob jemand mit seinem Tun bestehen kann oder ob er nicht besteht, das zu beurteilen ist einzig und allein Sache seines Herrn, dem er verantwortlich ist. Und er wird bestehen, denn es steht in der Macht des Herrn, ihn zu bewahren.
5 Der eine macht einen Unterschied zwischen ´heiligen` Tagen und ´gewöhnlichen` Tagen; der andere macht keinen solchen Unterschied. Wichtig ist, dass jeder mit voller Überzeugung zu dem stehen kann, was er für richtig hält.
6 Wenn jemand bestimmte Tage besonders beachtet, tut er das, um den Herrn zu ehren. Genauso ist es bei dem, der alles isst: Er tut das, um den Herrn zu ehren, denn für das, was er isst, dankt er Gott. Und auch der, der bestimmte Speisen meidet, tut das, um den Herrn zu ehren; auch er ´isst nichts, ohne` Gott dafür zu danken.
13 Hören wir darum auf, einander zu verurteilen! Statt den Bruder oder die Schwester zu richten, prüft euer eigenes Verhalten, und achtet darauf, alles zu vermeiden, was ihnen ein Hindernis in den Weg legen und sie zu Fall bringen könnte.
15 Wenn du dich daher in einer Frage, die das Essen betrifft, so verhältst, dass dein Bruder oder deine Schwester in innere Not geraten, dann ist dein Verhalten nicht mehr von der Liebe bestimmt. Christus ist doch ´auch` für sie gestorben. Stürze sie nicht durch das, was du isst, ins Verderben!
17Â Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.
19 Darum wollen wir uns mit allen Kräften um das bemühen, was zum Frieden beiträgt und wodurch wir uns gegenseitig ´im Glauben` fördern.
22 Behandle deine Überzeugung in diesen Dingen als eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Glücklich zu nennen ist der, der sich in Fragen der persönlichen Überzeugung so verhält, dass er sich nicht selbst anzuklagen braucht.
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ). © Neues Testament und Psalmen: Genfer Bibelgesellschaft Romanel-sur-Lausanne, Schweiz.
Es ist eine urschweizerische Sache, nicht nur vom Essen zu lernen, wie man eine befriedete Kultur erzeugt, sondern diese durch das gemeinsame Essen auch Wirklichkeit werden zu lassen. Im Zentrum der folgenden Begebenheit steht eine Suppe, genauer genommen die Kappeler Milchsuppe. Im Jahr 1529 standen sich die Truppen der protestantischen Zürcher und der katholischen Zuger bei Kappel am Albis schlachtbereit gegenüber. Während die Anführer noch verhandelten, geschah auf dem Schlachtfeld etwas Unerwartetes: Da die Soldaten auf beiden Seiten wenig Lust auf ein Gemetzel hatten, kam es zu einer Verbrüderung. Genau auf der Grenze zwischen den beiden Kantonen stellten sie einen grossen Kochtopf auf ein Feuer – laut Berichten steuerten die Innerschweizer die Milch und die Zürcher das Brot bei. Gemeinsam kochten sie eine Milchsuppe, die dann von den beiden Heeren gemeinsam aus dem Topf gelöffelt wurde. Ein Friede – zumindest vorerst – der weder durch einen Schuss noch durch einen Hellebar-den-Hieb errungen wurde. Sondern kulinarisch erzeugt wurde – durch die Kappeler Milchsuppe. Seit dem Start der Kirche zu Paulus Zeiten haben wir es immer wieder geschafft, uns irgendwelche Suppen einzubrocken. Vielleicht liegt die Lösung näher als vermutet und ist viel weniger vertrackt als angenommen: Wir könnten auf den von uns gezogenen Grenzlinien unsere Suppen köcheln und sie dann gemeinsam auslöffeln. Im Wissen, dass um den Topf herum Starke und Schwache sitzen, mit verschiedenen Überzeugungen und Meinungen, Lebensaufgaben und Biografien, Äusserlichkeiten und Innerlichkeiten. Aber mit einem Gott und derselben immer gültigen Aufgabe, dem Frieden nachzujagen, nicht zu verurteilen, auf die Schwachen Rücksicht zu nehmen und in Anspruch zu nehmen, dass man manchmal selbst der Schwache ist. Ich finde, die Welt braucht mehr und grössere Suppentöpfe.
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