Klaus Dewald, Gründer der Hilfsorganisation GAiN, bringt Hilfe dorthin, wo die Welt wegsieht oder Türen verschlossen bleiben. Im Gazastreifen betreibt sein Team eine Suppenküche inmitten von Trümmern und Anarchie. Ein Gespräch über logistische Wunder, das Ende der Komfortzone und die Frage, was einen Menschen nährt, wenn alles andere zerbricht.
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Klaus, du bist seit Jahrzehnten in Krisengebieten unterwegs, von den Ruinen der Sowjetunion bis zu den heutigen Brennpunkten. Aktuell liegt dein Fokus stark auf dem Gazastreifen. Wie fühlt es sich an, wenn nach Wochen der Planung der erste Lastwagen mit einer neuen Lieferung die Grenze überquert? Ist das für dich nach all den Jahren reine Routine oder jedes Mal ein kleines Wunder?
Es ist eine Kombination aus beidem. Wir arbeiten hart dafür, suchen Wege, erledigen unsere Hausaufgaben und füllen endlose Formulare aus. Aber wenn es dann endlich losgeht, ist es dieses tiefe Gefühl der Befriedigung. Man hört im Vorfeld so oft: «Das ist unmöglich, da kommt niemand rein.» Und wenn der Laster dann rollt, zeigt das: Es geht doch. Ich sage immer, Gott tut seinen Teil, aber der Mensch muss auch seinen Teil tun. Er hat uns Verstand und Talente gegeben, um Wege durch Bürokratie und Blockaden zu finden. Jede Fahrt ist ein diplomatischer Eiertanz. Ein LKW durchläuft mehrere Sicherheitszonen, wird entladen, gescannt, neu beladen – ein «Back-to-back»-System, das Stunden dauern kann. Wenn die Nachricht kommt: «Ware in der Küche angekommen», dann ist das ein Sieg der Menschlichkeit über das Misstrauen.
GAiN gehört zu den wenigen Organisationen, die derzeit direkt vor Ort operieren dürfen, während grosse Organisationen wie die UN vor massiven Hürden stehen. Was war der entscheidende Schlüssel, um dieses Vertrauen – sowohl bei den israelischen Behörden als auch bei den Akteuren vor Ort – aufzubauen?
Vertrauen ist eine Währung, die man nicht drucken kann. Man muss sie sich über Jahrzehnte verdienen. In der arabischen oder orientalischen Welt zählt kein Diplom, sondern die Frage: Wen kennst du? Wir sind seit über 20 Jahren in Israel aktiv, unter anderem mit Projekten für Holocaust-Überlebende. Als der Krieg begann, bin ich sofort hingefahren. Nicht um zu politisieren, sondern um ein Zeichen zu setzen: Wir lassen euch nicht allein. Durch diese Treue haben wir einen Leumund aufgebaut. Dass wir nun in Gaza helfen können, liegt massiv an unseren Kontakten zu den Drusen. Sie sind in Israel integriert, haben aber seit Generationen Handelsbeziehungen in den Gazastreifen. Sie kennen die Leute am Boden, die einfach nur überleben wollen und nichts mit der Hamas zu tun haben. Dieses Netzwerk aus Drusen, Arabern, Israelis und uns Christen ermöglicht eine Hilfe, die politisch neutral und sicherheitsgeprüft ist. Wir sprechen die Sprache des Hungers, nicht die der Ideologie.
Das Herzstück eurer Arbeit in Gaza ist die Suppenküche. Warum dieser Weg? Wäre es nicht einfacher und effizienter, fertige Trockenrationen oder Konserven zu verteilen?
Das ist eine strategische Entscheidung gegen die Anarchie. Ein LKW voller Trockenrationen oder Matratzen ist ein begehrtes Ziel für Plünderer. Solche Waren kann man lagern, verstecken und auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen. Konserven sind in Krisengebieten fast wie eine Währung. Aber 25 Tonnen frisches Gemüse? Das ist in drei Tagen gammelig, wenn man es nicht sofort verarbeitet. Für die «bösen Jungs» ist das uninteressant. In unserer Suppenküche verarbeiten wir die Lebensmittel sofort zu warmen Mahlzeiten. Ein warmes Essen ist für jemanden, der im Schlamm lebt, viel mehr als nur Kalorienzufuhr. Es ist ein Moment der Würde. Was morgens reinkommt, ist abends gegessen. Da bleibt nichts übrig, was man für politische Zwecke missbrauchen könnte.
Aber steckt dahinter nicht auch ein enormer personeller Aufwand? Wer kocht dort eigentlich unter diesen extremen Bedingungen?
Genau das ist der Punkt: Die Suppenküche schafft Struktur und Arbeit. Wir beschäftigen lokale Leute, die für ihre eigenen Nachbarn kochen. Das gibt ihnen ein Stück Selbstwirksamkeit zurück. Wenn ein Vater seinem Kind eine warme Schale Suppe bringt, ist er in diesem Moment kein «Hilfeempfänger» mehr, sondern ein Versorger. Das macht psychologisch einen gewaltigen Unterschied in einer Umgebung, die ansonsten von totaler Ohnmacht geprägt ist. Wir produzieren dort bis zu 10 000 Mahlzeiten am Tag. Das ist eine logistische Meisterleistung unter Bedingungen, in denen es oft weder Strom noch fliessendes Wasser gibt. Wir nutzen grosse Gastanks oder sogar Holzfeuer, um die Kessel zu erhitzen.
Die Berichterstattung über Gaza ist oft sehr polarisiert und politisch aufgeladen. Wenn du dort bist, was siehst du, was wir in den Nachrichten nicht sehen?
Ich sehe die totale Erschöpfung. Gaza ist etwa so gross wie Frankfurt am Main, aber dort leben zwei Millionen Menschen – und zwei Drittel des Wohnraums sind zerstört. Wenn es regnet, säuft alles ab, die Hygiene ist katastrophal. Aber das Schlimmste ist die psychische Last. In der Schlange vor der Suppenküche geht es um die Frage: «Wann hört das auf? Haben meine Kinder eine Chance?» Die Mütter sind oft versteinert vor Leid. Sie haben keine Tränen mehr. Aber ich sehe auch eine unglaubliche Resilienz. Ich sehe Menschen, die ihre letzte Portion Suppe mit einem fremden Kind teilen. Diese radikale Menschlichkeit inmitten der Trümmer beschämt mich oft zutiefst.
In Krisengebieten sind es oft die Frauen, die die grösste Last tragen. Welche Rolle spielen sie in eurer Arbeit vor Ort?
Frauen sind das Rückgrat des Überlebens. Während die Männer oft von der Last der Tatenlosigkeit und der Zerstörung ihrer Identität als Ernährer erdrückt werden, organisieren die Frauen den Alltag im Zelt. Sie waschen Kleidung mit einem Minimum an Wasser und trösten Kinder, die bei jedem lauten Geräusch zusammenfahren. GAiN hat erkannt, dass Hilfe für Frauen die effektivste Form der Katastrophenhilfe ist. Wenn man eine Mutter unterstützt, erreicht man die ganze Familie. Deshalb enthalten unsere Lieferungen neben Lebensmitteln auch gezielt Hygieneartikel für Frauen, die dort ein absolutes Luxusgut sind, aber für die Würde essenziell.
Du hast oft betont, dass Hilfe ein «Werkzeug für Hoffnung» ist. Gibt es eine Begegnung, die das für dich persönlich greifbar gemacht hat?
Da gibt es viele, aber eine Geschichte aus der Ukraine steht stellvertretend für das, was wir auch in Gaza erleben. Ich traf eine Frau, die alles verloren hatte: Kinder, Mann, Eltern. Sie war wie ein Zombie, völlig leer. Ich hatte keine Worte, jedes «Beileid» wäre billiges Geplapper gewesen. Also habe ich sie einfach wortlos umarmt. Sie hat mich minutenlang nicht mehr losgelassen. Später liess sie mir ausrichten, dass ihr diese Umarmung das Leben gerettet hat, weil sie an diesem Morgen eigentlich beschlossen hatte, sich umzubringen. In Gaza ist es ähnlich. Wenn wir dort Suppe ausgeben, sagen die Augen der Menschen: «Danke, dass ihr gekommen seid. Danke, dass ihr uns als Menschen seht.» Das blosse Dasein ist manchmal die stärkste Form des Gottesdienstes. Das Gebet findet am Schöpflöffel statt.
Der Hunger ist der Anfang, aber die Heilung der Würde ist das eigentliche Ziel.
Du hast GAiN 1990 gegründet. Damals ging es mit Hilfsgütern nach Russland los. Wie hat sich deine Philosophie der «Logistik der Liebe» über die Jahrzehnte entwickelt?
Wir haben gelernt, dass der Mensch nicht nur aus einem Magen besteht. Ganzheitlichkeit ist das Stichwort. Wir bringen nicht einfach das, was wir im Westen übrighaben, sondern das, was vor Ort wirklich gebraucht wird. Wir arbeiten fast nie allein, sondern immer mit einheimischen Partnern. Und wir sind transparent. Spenderinnen und Spender müssen wissen, dass ihre Hilfe ankommt. Meine Philosophie ist einfach: Ich kann nicht alle retten, aber für den Einzelnen, dem ich heute helfe, verändert sich die ganze Welt. Das treibt mich auch mit über 60 Jahren noch an. Glaube ohne Werke ist tot – und ein voller Bauch ist oft die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch überhaupt wieder über eine Zukunft nachdenken kann.
Kritiker werfen Hilfsorganisationen oft vor, sie würden durch ihre Arbeit Konfliktparteien entlasten. Wie gehst du mit diesem ethischen Dilemma um?
Das ist die «Bürokratie der Not». Natürlich ist das ein Dilemma. Aber was ist die Alternative? Die Menschen verhungern lassen, um ein politisches Ziel zu erreichen? Das ist mit meinem Gewissen unvereinbar. Wir minimieren das Risiko, indem wir unsere eigenen Kanäle nutzen. Wir geben kein Geld an Regierungen. Wir geben Essen an Menschen. Wir kontrollieren die Kette vom LKW bis zum Kochtopf. Unsere Neutralität ist unser Schutzschild. Man muss manchmal mit Leuten reden, mit denen man eigentlich nicht am Tisch sitzen möchte, um die Erlaubnis zu bekommen, Leben zu retten. Das sind die «schmutzigen Hände der Barmherzigkeit».
Was passiert eigentlich mit der Seele dieser Menschen, wenn der Hunger gestillt ist? Plant GAiN auch über die akute Notfallhilfe hinaus?
Unbedingt. Wir sehen Kinder in Gaza, die aufgehört haben zu spielen. Das ist ein Alarmsignal. Die Seele ist im Überlebensmodus eingefroren. Wir arbeiten an Konzepten zur Traumabewältigung und kooperieren mit lokalen Psychologen. Die Suppenküche ist oft nur der Einstiegspunkt. Wo Vertrauen durch Nahrung aufgebaut wird, öffnen sich später Türen für Gespräche über den inneren Schmerz. Langfristig denken wir an mobile Kliniken und Bildungsprojekte. Der Hunger ist der Anfang, aber die Heilung der Würde ist das eigentliche Ziel. Wenn die Waffen schweigen, beginnt die eigentliche Arbeit erst.
Wenn du aus diesen Gebieten zurück nach Europa kommst, wie blickst du dann auf unseren Alltag hier?
Ich bin dankbar, hier leben zu dürfen, aber ich ertrage unser Jammern kaum noch. Wir streiten uns über die Farbe von Mülltonnen oder Gendersprache, während 3000 Kilometer weiter Menschen froh sind, wenn sie eine Decke finden, die nicht feucht ist. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, die oft innerlich abstirbt, weil sie nur noch den Überfluss verwaltet. Wenn wir teilen, fangen wir an zu leben. Das ist das Paradoxon: Man wird reicher, indem man abgibt. Nachhaltigkeit ist für mich kein wirtschaftlicher Fachbegriff, sondern nachhaltig ist, wenn eine verzweifelte Mutter wieder Hoffnung schöpft. Das verändert die Zukunft ihrer Kinder.
Wenn wir teilen, fangen wir an zu leben. Das ist das Paradoxon: Man wird reicher, indem man abgibt.
Was ist dein konkreter Appell an die Menschen, die diesen Artikel lesen? Was können sie tun, ausser eine Spende zu überweisen?
Beweg dich! Gott hat uns zwei Beine und zwei Hände gegeben, nicht nur zum Rumsitzen. Wir definieren uns zu sehr über Karrieren und Geld. Tritt aus deiner Komfortzone heraus. Schau hin, wo der Nachbar Hilfe braucht. Trenn dich von Dingen, die du im Überfluss hast. Wir müssen nicht die Welt retten – das hat Jesus schon erledigt. Aber wenn jeder im Kleinen anfängt, seine Zeit und Liebe zu teilen, entsteht echte Veränderung. Hilfe beginnt im Kopf, mit der Entscheidung, nicht mehr nur um sich selbst zu kreisen. In einer lauten Welt ist aufmerksames Zuhören eine Form von Liebe. Wir müssen wieder lernen, «mit-leidend» zu sein, statt nur «be-leidigt».
Klaus, zum Abschluss: Woher nimmst du die Kraft, immer wieder in diese Dunkelheit zu gehen, ohne selbst daran zu verzweifeln?
Aus meinem Glauben und aus der Gemeinschaft. Wenn ich sehe, wie ein kleiner Junge in Gaza nach einer Schüssel warmer Suppe das erste Mal seit Tagen wieder lächelt, dann weiss ich: Es lohnt sich. Dieses Lächeln ist mehr wert als jeder Orden. Es ist ein Lichtblick in der Finsternis. Und solange es diese Lichtblicke gibt, gibt es auch einen Grund weiterzumachen.
Derzeit unterstützt GAiN in über 50 Krisengebieten der Welt humanitäre Hilfsprojekte. Das Team um Klaus Dewald leistet Katastrophenhilfe, langfristige Nothilfe sowie Hilfe zur Selbsthilfe und arbeitet kontinuierlich am Aufbau eines weltweiten Logistiknetzwerks, um Hilfe schnellstmöglich und effizient in die Zielländer zu bringen. Ihr Wunsch ist es, die Arbeit für Notleidende und Hilfsbedürftige durch ein funktionierendes Netzwerk stetig auszubauen, ohne dabei den einzelnen Menschen aus dem Blick zu verlieren.
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Christoph Rhyner // Interview
Als Mitarbeiter von Agape international ist er regelmässig für Projekte im französischsprachigen Afrika. Er hat kein Lieblingsgericht, aber wenn es ein Lebensmittel gibt, das ihm nie verleidet, ist es Reis – in jeder erdenklichen Form.

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