Lernen, was zu tun ist

von Andreas «Boppi» Boppart

Der gewaltige gesellschaftliche Wandel fordert uns als Christen heraus, neu zu entdecken, was es heisst – und wozu wir von Anfang an berufen waren – eine Gemeinschaft von Lernenden – und weniger von Wissenden – zu sein.

11.03.2024

Es gibt Lernschritte, für die wir uns freiwillig entscheiden können: einen Tastaturschreibkurs besuchen, Fremdsprachenkenntnisse mit einer gamifizierten Sprachapp verbessern oder nach der Pensionierung Orgelunterricht nehmen. Sehr viel öfter werden uns aber Lernprozesse von aussen aufgezwungen. Immer wieder muss man sich neue Fertigkeiten aneignen oder Dinge auffrischen, die man früher einmal draufhatte. Wer kann wohl die Formel für die Flächenberechnung eines gleichseitigen Dreiecks noch aus dem Effeff herleiten? 

 

DIE VERSCHOBENE BRÜCKE

Hinzu kommt, dass sich in den letzten Jahren die Welt gefühlt immer schneller dreht und viele Menschen vom eingeforderten Lerntempo überfordert sind. Eine globale Pandemie, das Umgestalten von Arbeitszeiten, -pensen und -rhythmen, Krieg in Europa, Digitalisierung und KI sowie soziale und politische Verschiebungen zwingen nicht nur der Menschheit als Ganzer, sondern auch mir als Individuum Veränderungen auf, die wir mit Methoden, die früher noch funktioniert haben, heute nicht mehr bewältigen können. Die Geschichte der Choluteca-Brücke in Honduras, der 434 Meter langen «bridge of the rising sun», illustriert diesen Umstand auf eindrückliche Weise. Wegen der regional schwierigen Wetterverhältnisse hatte man die Brücke zwischen 1996 und 1998 komplett restauriert. Ein paar Monate später kam Hurrikan Mitch. Die Vorher-nachher-Bilder sind irritierend. Auf beiden Bildern steht die Brücke unbeschädigt da, nur scheint es auf dem zweiten Bild so, als habe der Sturm sie verschoben, denn statt über den Fluss zu führen, stand sie nach Mitch neben dem Fluss. Aber: Nicht die Brücke hatte sich wegbewegt, sondern alles rundherum. Die «winds of change» haben die Landschaft umgepflügt und den gesamten Flusslauf verschoben, sodass die Brücke zwar noch genauso dasteht, wie ursprünglich geplant, aber trotzdem ihren Zweck nicht mehr erfüllt, nämlich Menschen von Punkt A über den Fluss nach Punkt B zu bringen. 

Die Choluteca-Brücke ist ein starkes Bild für unsere gegenwärtige Situation – nicht zuletzt auch für uns als christliche Community und weltweite Kirche. Oft brüsten wir uns als Kirche, dass wir dem Zeitgeist noch immer getrotzt haben und genauso dastehen wie vor 2000 Jahren. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, obwohl oft vergessen wird, wie viele Veränderungen wir auch in diesen 2000 Jahren äusserlich wie innerlich schon durchlaufen haben. Tatsache ist aber, dass gerade in den letzten Jahren der Wind der Veränderung mächtig geblasen hat. Das Leben fliesst anders, ganze Landmassen haben sich bewegt. Wir stehen zwar noch am selben Ort, aber inwieweit erfüllen wir als christliche Kirche unseren Zweck, nämlich dass wir Menschen uns als Brücke von Punkt A zu Punkt B, also zu Gott, erfahren lassen? 

Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wo müssen wir unter den veränderten Bedingungen unsere Brücke hinstellen, damit sie wieder ihren Zweck erfüllt? Und was sind meine persönlichen Lernschritte, zu denen mich die veränderten Bedingungen zwingen?

 

DIE VUCA-WELT

Veränderungen und die Art, wie wir darauf am besten reagieren, haben sich immer wieder mal in neuen Konzepten abgebildet. VUCA ist eines davon, ein in den 1990er-Jahren auf einer US-Militärhochschule entwickeltes Konzept, das sich vor einigen Jahrzehnten auch hierzulande verbreitete. Seinen Ursprung hatte es in der Zeit nach dem Kalten Krieg, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als man neu herausfinden musste, wie man mit all den tektonischen Verschiebungen auf internationaler Ebene umgehen sollte. VUCA steht für die vier Begriffe Volatility (Volatilität, Flüchtigkeit), Uncertainty (Ungewissheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Ambiguität, Mehrdeutigkeit). Es beschreibt eine multilaterale Welt, in der vieles sich sprunghaft verändert, in der Entwicklungen nicht vorhergesagt werden können und in der die Komplexität steigt und viele Elemente zusammenkommen, die unbekannt sind und in denen Informationen unterschiedlich gedeutet werden können und müssen. Von dem Akronym lässt sich auch eine Strategie ableiten, wie die Herausforderungen der VUCA-Welt zu bewältigen sind – und davon können wir auch als Kirche lernen:

 

Volatilität fordert als Reaktion Vision. Wichtig ist, dass man in allem Wandel das übergeordnete Ziel im Auge behält, aber sich gleichzeitig darauf einstellt, dass Veränderung die einzige Konstante ist und der Weg zum Ziel sich immer wieder anpassen muss. Ich spiele mit meinen Kindern gerne «Das verrückte Labyrinth». Dabei muss man sich auf einem Spielbrett einen Weg durch ein Labyrinth suchen, um bestimmte Gegenstände zu sammeln. Durch die Mitspieler verschiebt sich der Spielplan aber bei jedem Spielzug, was dazu führt, dass die eigenen Pläne permanent durchkreuzt werden. Man muss umplanen. Das Ziel bleibt unverändert, der Weg dorthin kann aber ein ganz anderer sein. Auch für uns als Kirche bleibt die Vision bestehen – Menschen mit Jesus bekannt zu machen – aber den Weg dorthin müssen wir immer wieder neu suchen und finden.

 

Uncertainty benötigt Understanding, Verstehen. Zuhören und Lernen wird zu einer absolut wichtigen Eigenschaft, denn Entwicklungen können kaum noch vorausgesagt werden. Es braucht einen Paradigmenwechsel hin zur Demut, die nicht aus dem Wissen heraus handelt, sondern sich auf das Nichtwissen einlässt und der Neugierde Raum gibt. Für mich ist die Geschichte der Kartographie ein eindrückliches Beispiel dafür. Karten des 15. Jahrhunderts zeigen die damals bekannte Welt, wobei grosse Teile, ja ganze Kontinente, fehlen. Aber man hat «aus dem Wissen heraus» gezeichnet und war überzeugt davon, dass dies die Welt abbilde. Nicht weiter verwunderlich, dass es für Kolumbus auf Basis dieses Denkens 1492 nicht vorstellbar war, einen neuen Kontinent entdeckt zu haben. Später hat man gemerkt, dass es da doch noch mehr Land gibt. Um 1526 veröffentlichte Salviati darum eine der ersten Karten mit ganz viel Weissfläche, der Terra Incognita. Es war ein Sichtbarmachen des Unbekannten, das zu einem Paradigmenwechsel führte. Der neugeweckte Entdeckergeist führte dazu, dass innerhalb weniger Jahrzehnte grosse Teile unseres Planeten erforscht wurden – eine Haltung, die sich auch in anderen Wissenschaften niederschlug. Auf heute übertragen, täte es uns als Kirche gut, eine «Reformation des Nichtwissens» einzuführen und Räume zu schaffen, wo wir mit Menschen gemeinsam Gott entdecken können, anstatt ihnen unser vermeintlich umfassendes Wissen über ihn aufzudrücken. 

 

Complexity benötigt als gesunde Reaktion Clarity, Klarheit. Komplexität verlangt das Akzeptieren der eigenen Begrenztheit und die Einsicht, dass wir ergänzungsbedürftig sind und komplexe Fragen mehr denn je nur noch im Miteinander lösen können. Ein schönes Beispiel ist die Geschichte, dass es einem internationalen Forscherteam gelungen ist, acht über die Welt verteilte Radioteleskope zusammenzuschliessen, dadurch ein virtuelles Riesenteleskop zu erzeugen und so zum ersten Mal ein schwarzes Loch zu fotografieren – wissenschaftlich eine gigantische Errungenschaft dank klarer Absprachen über Ländergrenzen hinweg (lest dazu das Interview mit dem Forschungsleiter dieses Projekts, Heino Falke, in der Amen-Ausgabe 3_22, Anm. d. Red.). Als Kirche können wir davon lernen, besonders wenn wir daran denken, dass die biblische Erzählung sich vom Einfachen ins Vielfältige entwickelt – sie startet in der Schöpfungsgeschichte mit Menschen in einem überschaubaren Garten und endet in der Offenbarung bei einer goldenen Stadt. Als Kirche sind wir herausgefordert, uns den zunehmend komplexen Fragen der heutigen Gesellschaft zu stellen. Doch das wird nur gemeinsam und im entschlossenen Miteinander gelingen. 

 

Ambiguity will ausdrücken, dass die Welt weniger schwarzweiss ist, als man sie sich bisweilen gemalt hat, und man Agilität braucht, um auf die Mehrdeutigkeit zu reagieren. Was es bedeuten kann, im Entweder-Oder steckenzubleiben, beweist die Geschichte von Kodak, dessen fatale Fehlentscheidungen zum Niedergang der einstigen Weltmarke führten. Kodak dominierte in den 1970er-Jahren den amerikanischen Fotomarkt mit einem Anteil von mehr als 80 Prozent. Mit Steven J. Sasson war es sogar ein Kodak-Ingenieur, der die weltweit erste Digitalkamera erfand. Nur: Kodak wollte den bis in die 1980er-Jahren so «gut laufenden» Analogfilmen keine Konkurrenz schaffen und forcierte die digitale Entwicklung nicht weiter. Doch schliesslich landete man, vom technologischen Fortschritt überrollt, in der Insolvenz. Als Kirche sollten wir uns vor theologischem Schwarzweiss-Denken hüten, und mit Agilität und Unterscheidungsvermögen auf die gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit reagieren. 

 

DIE BANI-WELT

Inzwischen hat sich die Welt rasant weiterentwickelt. Besonders die letzten zwei, drei Jahre haben sich so angefühlt, als würden wir alle und überall bis zu den Knien in unbekannten Sümpfen waten. Die als immer komplexer wahrgenommene Gegenwart wird seit 2020 mit BANI beschrieben. Das Akronym steht für Brittle (brüchig, porös), Anxious (ängstlich, besorgt), Non-linear (nichtlinear) und Incomprehensible (unbegreiflich, unverständlich). BANI ist die Fortführung von VUCA. Aufgrund volatiler Systeme und dem schnellen Wandel können unflexible Systeme unter der Belastung brüchig werden, etwa wenn globale Lieferketten zusammenbrechen, weil im Suezkanal ein Schiff steckengeblieben ist, und in England darum plötzlich keine neuen Gartenzwerge mehr erhältlich sind. Angst ist dann die Folge von Unsicherheit und Unberechenbarkeit. Nichtlinearität ist die Weiterentwicklung des Komplexen und bildet ab, dass Ursache und Wirkung nicht mehr in einem kausalen Zusammenhang stehen. Auch bei BANI gibt es Lösungsansätze, die man mit dem Akronym RAAT beschreibt: Man reagiert mit Resilienz auf Brüchigkeit, mit Achtsamkeit auf Angst, mit Adaption auf Nichtlinearität und mit Transparenz auf Unverständliches. Die Welt versucht zu lernen, und auch uns als christlicher Kirche wird nichts anderes übrigbleiben. 

 

ZUM LERNEN GESCHAFFEN

Doch genau das wird uns lebendig halten. Denn wir Menschen wurden von Gott so geschaffen, dass wir konstant entdeckend und dazulernend unterwegs sein dürfen. Selbst Jesus war diesen Prozessen ausgesetzt und musste «am Leben wachsen» und durch Leiden auf Gottes Stimme hören lernen (Hebräer 5,8). Jesus hat seine Nachfolgerinnen und Nachfolger nach rabbinischer Tradition mathetaí genannt, die Bezeichnung für Lernende, Schüler (Johannes 8,31). Deren Ausbildungszeit war nach drei Jahren nicht einfach mit einer Reifeprüfung oder einer Bachelorarbeit abgeschlossen, sondern ging fliessend über in eine weitere, lebenslange Lernphase mit dem Heiligen Geist (Johannes 14,26; 16,13). Lernen und Entdecken ist als gottgegebene Eigenschaft in uns Menschen angelegt und die Bibel lässt durchblicken, wie etwa Epheser 2,7 zeigt, dass uns diese Dynamik auch in der Ewigkeit weiter begleiten wird. Gott mutet uns die VUCA- und die BANI-Welt zu, nicht damit wir uns daraus zurückziehen, sondern ihn, Gott selbst, mitten darin suchen und finden – und lernen, was wir lernen sollen, um die Menschen zu werden, als die Gott uns gedacht hat. Und um zu erkennen, welche Brücken er uns wo bauen heisst, damit die Menschen unserer Zeit ihn finden und erfahren. 

 

WAS IST ZU TUN?

Manchmal führen mir die Umbrüche unserer Zeit in meinem Leben und in meinen Verantwortungen wieder erschreckend deutlich meine tiefe Abhängigkeit von Gottes Zutun und Mittun vor Augen. Manchmal fühle ich mich wie Daniel in der Bibel im Exil, und ich wünschte mir einen Engel Gabriel, der mir die Vision Gottes wieder neu vor Augen malt und zuspricht: Ich bin gekommen, um dir all diese Dinge zu erklären (Daniel 9,22-23).
Und dann lese ich an anderer Stelle, in der Aufzählung der Helden, die sich David angeschlossen hatten, über die Angehörigen Issachars, von denen es heisst, dass sie die Zeiten zu beurteilen verstanden und wussten, was Israel tun musste (1. Chronik 12,33). Genau das benötigen wir heute auch wieder: die Fähigkeit, die Zeiten zu lesen, gemeinsam Dinge zu verstehen und daraus abzuleiten, was zu tun ist. Ich glaube, dass wir als christliche Gemeinschaft erkennen, was zu tun ist, wenn wir uns wieder ganz neu als Gemeinschaft von Lernenden begreifen. Gott hat sich nicht gewandelt, sondern er ist auch jetzt mitten im Chaos mit uns und lehrt uns – nicht nur das, was wir wissen müssen, sondern vor allem das, was in dieser Zeit die von ihm vorbereiteten guten Werke sind, die wir persönlich und als Gemeinschaft umsetzen sollen.

Bild
Text // Andreas «Boppi» Boppart Er ist Autor, Referent und Leiter von Campus für Christus Schweiz. Das Letzte, was er lernen durfte und was seine kleine Welt positiv verändert hat, ist, dass man sich per WhatsApp selbst eine Nachricht senden kann.
Willst du die ganze Ausgabe lesen?
Die Ausgabe beinhaltet Interviews, Portraits, Kolumnen und vieles mehr zum Thema.
Schreib uns, wir sind da
Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
Hast du noch Fragen?
Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
Meine Bewerbung

*“ zeigt erforderliche Felder an

TT Punkt MM Punkt JJJJ
Absender Email*
Uploads (pdf oder jpg/png)
inkl. persönlicher Bezug zum christlichen Glauben
Akzeptierte Datentypen: pdf, jpg, jpeg, png, Max. Dateigröße: 15 MB.
 
Akzeptierte Datentypen: pdf, jpg, jpeg, png, Max. Dateigröße: 15 MB.
Ziehen Sie Dateien hier her oder
Akzeptierte Datentypen: pdf, jpg, jpeg, png, Max. Dateigröße: 15 MB, Max. Dateien: 5.
    Datenfreigabe Deine Daten werden wir vertraulich und innerhalb des gesetzlichen Rahmens behandelt.
    Zur Datenschutzerklärung
    Hinweis Bewerbungen von Vermittlern sowie RAV-Bewerbungen werden nicht bearbeitet.
    Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.