«Hi, ich bin Cecilia!» Sie strahlt mich an, schüttelt mir die Hand und hat damit schon meine erste Frage beantwortet, noch bevor ich überhaupt eine Chance hatte, die Aufnahme zu starten. Cecilia Chan und ich sind verabredet für ein Interview während der Explo 25 in der Swiss Life Arena in Zürich. Pastor Lia – unter diesem Namen ist sie bekannt – ist als Referentin für die Konferenz aus Singapur angereist. «Ja, die Teens in meiner Kirche wären wahrscheinlich in der Tat ratlos, wenn jemand nach Cecilia fragen würde», scherzt sie. Alle kennen sie nur als Pastor Lia. Im Zusammenhang mit der Heart of God Church (HOGC) sind mit «alle» ganz schön viele Teenager gemeint: Rund 5000 junge Leute tummeln sich dort Woche für Woche. Und so passt es, dass Cecilia nicht allein kommt, sondern neben mir und ihr noch drei Leute aus ihrem Team im Aufzug zum Interviewraum fahren: Christian, Fifi und Joe. «75 Prozent der Gläubigen in unserer Kirche kommen nicht aus einem gläubigen Elternhaus. Darum ist Jüngerschaft bei uns sehr wichtig», erklärt sie. «Unser Jüngerschaftskonzept ist kein Programm und findet nicht in einem Klassenzimmer statt. Wir verbringen Zeit mit den Leuten, lernen sie richtig gut kennen, sprechen in ihr Leben. Seit mein Mann und ich verheiratet sind, waren wir so gut wie nie allein auf Reisen. Wir haben immer jemanden im Schlepptau.»
In den ersten Minuten erfahre ich auch, dass alle vier begeistert sind von der winterlichen Kälte in der Schweiz und der heissen Schokolade. Und dass die sportbegeisterte Cecilia alias Pastor Lia sich zwar nicht mit Eishockey auskennt, aber sehr angetan ist von der Stadionatmosphäre. Während wir auf bequemen Drehsesseln Platz nehmen, kommentiert sie, dass sie es als ehemalige Journalistin eigentlich gewöhnt ist, selbst die Fragen zu stellen. Ich will von ihr wissen, welche Schlagzeile sie einem Artikel über die Explo 25 geben würde. Sie muss nicht lange überlegen: «Himmel trifft Erde in Zürich.» Als ich sie nach einem persönlichen Himmel-auf-Erden-Moment frage, erzählt sie, warum sie und ihr Mann (Pastor How) nur selten reisen: «Wir sind berufen, in unserer Kirche in Singapur für junge Menschen da zu sein.» Trotzdem sitzen wir gerade zusammen in Altstetten. Sie berichtet, wie sie auf die Einladung hin im Gebet deutlich spürte: «Ja, ich soll nicht nur einen Videolink schicken, sondern physisch vor Ort sein.» «Es war ein besonderer, himmlischer Moment», erzählt sie weiter, «als wir Schweizer Boden betraten. Ich betete zu Gott: Herr, lass das, was wir bringen, eine Ermutigung sein für die Pastorinnen und Pastoren, die mit jungen Menschen arbeiten.» Sie und ihr Team trauten ihren Augen kaum, als sie kurze Zeit später in einem Café in Altstetten drei Mädchen sahen, die dort zusammen in der Bibel lasen. «Das war so ermutigend für uns! Sahen wir hier gerade die Früchte der Arbeit der lokalen Pastorinnen und Pastoren?» Mit einem Blick auf Christian Honegger, der neben ihr Platz genommen hat, schiebt sie einen dritten Himmel-auf-Erden-Moment nach: der Besuch seines Heimatortes. Christian ist Schweizer und engagiert sich seit 20 Jahren in der HOGC. Heute verantwortet er den globalen Zweig und ist Teil des Leitungsteams. «Ich dachte, wir könnten seinem Land etwas zurückgeben.»
Mich interessiert, was an der HOGC so besonders ist. Es sind nicht die professionelle Beleuchtung und die grossen Screens, versichern mir Cecilia und Christian. Davon solle man sich nicht täuschen lassen. Vielmehr sei es die Leidenschaft, mit der die jungen Leute Jesus nachfolgten. «Wenn du in einen unserer Gottesdienste kommst, dann hörst du da nicht nur ein oder zwei Leute singen. Bei uns strecken alle die Arme in die Höhe und sind voll dabei im Worship. Die Teens nennen es den ‹Vibe›, ich nenne es die Gegenwart Gottes.» Das und die Dienstbereitschaft der Jugendlichen sei es, was jeder und jedem sofort auffällt. Pastorinnen und Pastoren zeigen die beiden gerne den Raum, in dem das Medienteam arbeitet. «Wow, die sind alle so jung!», ist die übliche Reaktion. Da sitzen hinter den Bildschirmen 14- und 15-Jährige und sind verantwortlich für alles, was läuft. «Während der Worshipzeit sorgen sie für reibungslose Abläufe und sind gleichzeitig am Anbeten», betont Cecilia. Die Jugendlichen investieren zudem in der Regel richtig viel Zeit, um ihre Freundinnen und Freunde zu erreichen. Sie beten für sie, bringen sie mit und erleben, dass sie gerettet werden. «An unseren Weihnachtsgottesdiensten hatten wir zahlreiche neue Besucherinnen und Besucher. Danach nahmen sich viele unserer Teens Zeit, um mit den Neuen abzuhängen. Eine Gruppe ging zum Zoo. Auf den vier Kilometern Fussweg teilte eine 17-Jährige mit einer 13-Jährigen das Evangelium. Als sie beim Zoo ankamen, hatte sich das 13-jährige Mädchen für ein Leben mit Jesus entschieden.»
Cecilia fügt an, wie wichtig es ihr ist, dass sich niemand im Dienst zu sehr verausgabt. «Wir benutzen nicht Menschen, um unsere Kirche aufzubauen. Wir nutzen vielmehr unsere Kirche, um Menschen aufzubauen.» Um zu verhindern, dass Menschen an ihre Grenzen kommen, haben sie das Prinzip der «deep bench», der Ersatzbank, etabliert. «Die Idee ist, dass alle ‹on fire› sein können, ohne auszubrennen», bringt es Cecilia auf den Punkt. Wie im Sport gibt es in der HOGC immer Leute, die schon auf dem Platz sind und sich auf den Moment vorbereiten, in dem sie übernehmen. Im Idealfall gibt es immer drei Teams: Eines ist im Einsatz, das zweite in Ausbildung. Über das dritte sagt Cecilia: «Ihre Aufgabe ist es, auszuruhen.» Und fügt an: «Bei uns gibt es in keinem Dienstbereich ein A-Team (Anm.: Spezialteam, dem keiner das Wasser reichen kann). Wir haben immer Platz für Leute, die sich einbringen wollen.»
Wir benutzen nicht Menschen, um unsere Kirche aufzubauen. Wir nutzen vielmehr unsere Kirche, um Menschen aufzubauen.
Ein Wort, das in der HOGC eine Schlüsselrolle einnimmt, ist «Generationen». Wenn Cecilia und ihr Team von Generationen sprechen, dann meinen sie Teenager und zwischen einer Generation und der nächsten liegen nur wenige Jahre. Es geht ihnen darum, immer wieder eine neue Generation junger Menschen zu erreichen und möglichst viele junge Leiterinnen und Leiter aufzubauen. «Inzwischen sind wir bei der siebten Generation,» erklärt Cecilia. Die Jugendlichen der ersten Generation, mit denen sie 1999 starteten, sind heute zwischen 30 und 40 Jahre alt.
«Manchmal glauben Menschen, dass es bei uns keine Erwachsenen gibt, weil wir eine Jugendkirche sind,» berichtet Cecilia. «Das stimmt aber nicht, ganz im Gegenteil.» Die HOGC will eine starke, gesunde Kirche sein, in der niemand je ersetzt oder vernachlässigt wird. Cecilia erzählt von einer Lobpreisleiterin, die als junge Mutter im Moment nicht auf der Bühne stehen kann. «Sie nutzt die wenige Zeit, die sie einbringen kann, um neue Lobpreisleiterinnen und -leiter auszubilden.» Natürlich gibt es auch Angebote für Ehepaare, Eltern etc., aber die generelle Ausrichtung als Kirche «von jungen Menschen, für junge Menschen, um junge Menschen zu erreichen» bleibt bestehen. «Sie sind in unserer Kirche aufgewachsen. Wenn sie selbst Kinder haben, verlangen sie nicht, dass wir unseren Fokus plötzlich von jungen Menschen weglenken. Sie sagen: ‹Wir wollen, dass unsere Kinder wie wir in einer Jugenderweckung grosswerden.›»
Noch einmal Cecilia: «In unserer Kirche können alle mitmachen solange sie wollen, ganz ohne Verfallsdatum.» Christian ist selbst ein gutes Beispiel dafür. Er engagiert sich, hat aber nicht direkt mit Jugendlichen zu tun. In seiner Rolle als Mitglied im Leitungsteam sorgt er dafür, dass die Stimme der Teens gehört, die Vision umgesetzt wird, und dass die Finanzen dafür da sind. Seine beiden Kinder sind auch Teil der Kirche und so hat er einen zweiten Dienst: «Ich bin ihr Fahrer. Und ich unterhalte mich mit anderen Eltern.» Er verrät, dass sein Sohn auch schon einmal in der Schule fehlte, weil er als Leiter für einen Teenager da sein wollte, dessen Eltern sich gerade scheiden liessen. «Dann erkläre ich dem Lehrer, was los ist», beschreibt Christian seinen Auftrag. Für ihn ist klar: «Wir Erwachsenen können immer etwas tun. Und wenn es einmal nichts zu tun gibt, können wir beten.» Auch seine Mutter in der Schweiz unterstützt ihren Enkel und die Teenager, für die er verantwortlich ist, im Gebet. «Wenn du ein Herz für Jugendliche hast, wirst du etwas finden.» Christian erzählt von einer Kirche in Leipzig, die begonnen hat, verstärkt junge Leute zu involvieren. Jetzt kommen ältere Menschen, die begeistert sind, auf den Pastor zu und fragen: «Wie können wir helfen?»
In der HOGC kümmern sich Erwachsene z. B. auch um rechtliche Angelegenheiten. Oder sie bringen sich finanziell ein. Cecilia erinnert sich, wie ein Erwachsener aus ihrer Kirche auf sie zukam: «Kann ich zwei neue Laptops spenden? Vielleicht für einen jungen Menschen, der kreativ ist und sich das nicht leisten kann?» Und dann kommt es vor, dass Jugendliche Erwachsene konkret um Hilfe bitten: «Meine Eltern kommen an Weihnachten mit zum Gottesdienst. Könnt ihr euch zu ihnen setzen?» Cecilia fällt noch eine weitere Superkraft von Erwachsenen ein, gesteht aber gleich, dass sie diese selbst nicht besitzt: «Du kannst für sie kochen!» In der HOGC laden die Teens gerne ihre Freundinnen und Freunde zu evangelistischen Grillpartys ein. Damit sie Zeit haben für ihre Gäste, kümmern sich die Erwachsenen um das Essen. Cecilia fasst zusammen: «Sobald dein Herz dabei ist, finden deine Hände schon einen Weg.»
Sobald dein Herz dabei ist, finden deine Hände einen Weg.
Ein bisschen hört es sich für mich so an, als würde bei der HOGC alles reibungslos funktionieren. Aber Cecilia stellt klar: «Jugendarbeit ist harte Arbeit.» Je länger ich mit ihr rede, desto mehr sehe ich in ihr die junge Leiterin von den Fotos aus den frühen 2000er-Jahren, die mit ein paar Teenies auf dem Boden sitzt und voll auf Beziehungen setzt. «Du gibst nicht nur deine Zeit und deine Energie, sondern auch dein Herz. Das ist der schwierige Part. Ich fühle mit allen, für die Jugendarbeit hart ist.» Sie versichert mir, dass es auch in ihrer Kirche nicht nur schöne Geschichten gibt. «Auf jedes positive Zeugnis fallen mindestens vier andere.» Sie erinnert an das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld und daran, dass nur auf einem Viertel der Same auf guten Boden fällt. «Und dann sind da noch die zehn Aussätzigen, von denen nur einer zurückkam und Gott dankte.» Cecilia will alle Pastorinnen und Pastoren ermutigen, die mit Jugendlichen arbeiten: «Konzentriere dich auf die einzelne Person.» Es gibt immer dieses eine Feld mit gutem Boden. Da ist immer diese eine Person von zehn, die zurückkommt und Jesus dankt. «Wenn du es mit dieser einen Person schaffst, dann können daraus zwei werden oder auch drei. Und wenn sich das multipliziert und du ein paar Jugendliche hast, die für Jesus brennen, kann das zu einer Kultur werden.»
«Mit jungen Leuten ist es immer chaotisch», fährt sie fort. «Da geht immer was kaputt und die Gefühle von Erwachsenen werden verletzt.» Sie zitiert aus dem Buch der Sprüche: Wo keine Rinder sind, da bleibt die Krippe sauber (Sprüche 14,4). So nimmt sie das auch in ihrer Kirche wahr: «Wo Teenager sind, ist deine Kirche stark, aber eben nicht sauber und aufgeräumt.» Sie hat noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass sich in ihrer Kirche alles um Jugendliche dreht. Leuten, denen es zu jugendlich oder zu laut zugeht, sagt sie: «Entweder du liebst es, oder du gehst.» Und dann packt sie noch eine Geschichte aus von den Anfangsjahren: «Mein Mann und ich waren arm wie Kirchenmäuse. Wir waren zu zweit, hatten gefühlt zwölf Kinder und nur diesen einen winzigen Raum.» Sie luden die Teens buchstäblich in ihr Büro ein. «Wenn ich predigte, sass ich auf unserem Schreibtisch und die Teens sassen auf Stühlen und auf dem Boden.» Am Ende jedes Gottesdienstes huschten Erwachsene in den Raum, um die Kollekte einzusammeln. Cecilia macht vor, wie sie die Nasenflügel anhoben. Sie war irritiert und sprach sie schliesslich darauf an. «Riechst du es nicht?», bekam sie zur Antwort. «Es ist heiss, hier sind 30 bis 40 Teenager – es stinkt erbärmlich!» Seither kontert Cecilia, wenn ihr jemand sagt, er oder sie könne hören, dass Erweckung geschehe: «Ich habe noch nie gehört, wie Erweckung klingt. Ich weiss nur, wie Erweckung riecht.»

Ich habe noch nie gehört, wie Erweckung klingt. Ich weiss nur, wie Erweckung riecht.
Cecilia Chan (Pastor Lia) ist verheiratet mit Tan Seow How (Pastor How). Gemeinsam haben sie die Heart of God Church gegründet, die sie bis heute als Teil des Leitungsteams leiten. An der Explo 25 hat sie über ihren Traum von Kirche gesprochen und wie dieser erst sterben musste, um wahr zu werden.
Die Heart of God Church ist eine Kirche in Singapur, in der das Durchschnittsalter 23 Jahre beträgt – Jugendliche sind nicht nur Besucherinnen und Besucher, sondern übernehmen Verantwortung, engagieren sich als Leiterinnen und Leiter und gestalten mit.
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