Wunderwerk Hirn

von Manuela Fassbind

Ein Gespräch mit der Neurowissenschaftlerin, Gymnasiallehrerin und Mitgründerin der Hirncoach AG Dr. Maria Brasser darüber, wie unser Gehirn schaltet und waltet und weshalb Spiritualität eine der besten Voraussetzungen für die Lernfähigkeit unseres neuronalen Speicherapparates darstellt.

27.03.2024

Maria, wie funktioniert unser Gehirn?

Unser Gehirn ist absolut fantastisch und cool. Es besteht aus fast 100 Milliarden Neuronen, wobei jedes bis zu 10 000 Verknüpfungen zu anderen Nervenzellen hat, über welche elektrische und chemische Signale weitergeleitet werden, wenn eine bestimmte Reizschwelle überschritten wird. Pro Sekunde erreichen uns ca. 11 Millionen Sinneseindrücke, von denen unser Gehirn nur etwa 40 weiterverfolgt. Das Wunderbare dabei ist: Wenn wir lernen, können wir beeinflussen, welche Informationen weitergehen und wo dadurch die Verbindungen zwischen den Neuronen stärker und dabei wirklich physisch dicker werden. So wird aus einem schmalen Trampelpfad zwischen zwei Nervenzellen eine Autobahn. Das Gehirn nimmt dabei nicht den besten, sondern den einfachsten Weg. Aber auch das können wir beeinflussen. Eine Gewohnheit oder etwas Gelerntes kann umtrainiert werden, wenn es bewusst gesteuert wird. Die Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Umstände anzupassen, nennt man Neuroplastizität und diese hat man – aus neurologischer Sicht – bis ins hohe Alter. 

 

Demnach kann ich steuern, welche Bereiche meines Gehirns ausgebaut werden?

Theoretisch ja. Eine Studie untersuchte beispielsweise Londoner Taxifahrer, welche sich den ganzen Stadtplan auswendig merken mussten. Man fand heraus, dass sich bei ihnen Hirnareale entwickelt haben, die sonst niemand hat. Auch wenn ich beispielsweise das Jonglieren neu lerne, entsteht ein Bereich in meinem Hirn, den ich vorher so nicht hatte. Dasselbe geschieht mit negativen Gedanken. Wenn wir schlecht über uns selbst denken, wachsen bildlich gesehen «Neuronen-Bäume», die destruktiv auf unseren Selbstwert wirken.

Unser Gehirn geht auf die Dinge ein, die wir machen respektive denken, und entwickelt sich entsprechend weiter. Wenn wir Bereiche des Gehirns jedoch nicht brauchen, verkümmern sie. Im Fachjargon: «Use it or lose it». Wie etwa bei Menschen mit Depressionen, die infolge ihrer Erkrankung ihren Frontalkortex – der für Planung, Strategie und Empathie zuständig ist – eher wenig nutzen, was zu Veränderungen im Volumen und in der Aktivität bestimmter Bereiche ihres Frontalkortexes führen kann. 

 

Wenn ich nun meinem Gehirn gute Lernvoraussetzungen ermöglichen will, was kann ich tun?

Es gibt verschiedene Dinge, die wie Wellness für unser Gehirn sind. Dabei ist es jedoch immer wichtig, dass wir ein wohlwollender Cheerleader unseres Gehirns sind. Wir sollten versuchen, nicht alle guten Ratschläge krampfhaft umzusetzen oder uns zu schelten, wenn wir mal wieder etwas nicht geschafft haben. Wir sollten in freundlicher Begegnung mit dem eigenen Gehirn versuchen herauszufinden, wo wir hinschauen möchten und wie wir Lernstrategien ganz natürlich in den Alltag einbauen können. Die folgenden fünf Faktoren begünstigen das Lernen erheblich:

 

Emotionen

Lernen geschieht nie ohne Emotion. Das limbische System, welches eine Schlüsselrolle in der Emotionsregulierung spielt, ist beim Lernen auch immer aktiv. Die emotionalen Reaktionen beeinflussen die Art und Weise, wie Informationen verarbeitet werden. Daher ist es enorm wichtig, wie man einer zu lernenden Materie gegenübersteht. Wer positive Gefühle für ein Thema aufbringt, macht dadurch den Weg frei, den Inhalt aufzunehmen, zu verarbeiten und zu speichern. 

Handkehrum braucht es viel Energie, sich etwas über den kognitiven Weg anzueignen, wenn negative Emotionen im Spiel sind und wenig bis kein innerer Antrieb vorhanden ist. 

 

Bewegung

Wenn wir uns bewegen, wird im Hippocampus – der zuständige Beamte für Gedächtnisbildung – Neurogenese angeregt. Mit anderen Worten: Es bilden sich neue Neuronen. Diese tragen zur Entstehung neuer synaptischer Verbindungen bei und bieten die physische Grundlage für das Verknüpfen von Sachverhalten, das Entstehen von Ideen und fürs Lernen. Studien bestätigen das: Wenn vor, während oder nach dem Lernen Bewegung stattfindet, ist der Lerneffekt signifikant grösser. 

 

Loslassen

Innerlich und mental loszulassen, ist etwas vom Gesündesten, das wir tun können. Wenn ich aktiv und fokussiert am Zuhören, Nachdenken oder Lernen bin, sind die Beta-Wellen im Gehirn aktiv. Diese ermöglichen Konzentration und das Aufnehmen von neuem Inhalt. Neue Verknüpfungen entstehen jedoch insbesondere dann, wenn ich den Gedanken freien Lauf lasse. Wenn ich nicht unter Druck bin, hat das Gehirn Raum und Zeit, Dinge neu zu verknüpfen und zu ordnen. Diese frischen Verbindungen sind oft unerwartet und lösen Aha-Momente aus, woraus kreative Ideen entstehen. 

Um unserem Gehirn dieses Loslassen zu ermöglichen, sind Pausen im Alltag wichtig: Zeit an der frischen Luft, Meditation, Spaziergänge, bewusstes Atmen, mit anderen Menschen austauschen oder Dinge aufschreiben. In diesen Pausen sollten wir allerdings darauf achten, uns nicht vom Mobiltelefon unterhalten zu lassen. Denn das wäre keine Pause für unser Gehirn. Vielmehr würde es so mit neuen Reizen und Informationen beliefert, was dazu führt, dass die vorher aufgenommenen Informationen überschrieben statt verankert werden. 

Im Übrigen ist Beten maximales Loslassen. 

 

Keine Angst

Angst lähmt und verhindert, dass man sich auf Unbekanntes einlassen, Neues lernen und vorankommen kann. Für emotionale Reaktionen, wie unter anderem Angst, ist die Amygdala zuständig. Dieser Teil unseres Gehirns ist darauf geprimt, den negativen Emotionen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den positiven. Wir denken ungefähr fünfmal länger über Negatives nach und schenken negativem Feedback im Schnitt fünfmal mehr Aufmerksamkeit. Dies ist ein natürlicher Schutzmechanismus, damit Gefahr schnell erkannt und mit fokussiertem Handeln bewältigt werden kann. Grundsätzlich befinden wir uns im Alltag aber selten in wirklich gefährlichen Situationen und die Reaktion unserer Amygdala ist etwas überproportional – sie meint es da oft etwas zu gut mit uns. Auch hier sind wir aber nicht machtlos. Wir können unserer Amygdala gut zureden, sie so gewissermassen umtrainieren und ihre Übervorsichtigkeit entlarven, damit sie sich entspannt und das Positive ein stärkeres Gewicht erhält. 

Diese Haltung kann uns auch in Bezug auf unseren Glauben und bei der Entwicklung der Kirche helfen. Ein zu starker Beschützerinstinkt, der alles bewahren und sich auf nichts Neues einlassen kann, ist zwar neurologisch sehr gut begründbar, aber hindert uns am Vorankommen.

 

Musizieren und Lachen

Und wem es schwer fällt, keine Angst zu haben, sollte singen! Oder musizieren, tanzen und lachen. Bei diesen Tätigkeiten sind praktisch alle Hirnareale aktiv, was sich für unser Gehirn wie eine Massage anfühlt und in der Folge positive Emotionen auslöst. Da kommt die Amygdala mit ihrer Angstmacherei nicht durch. Zusätzlich kann sich das Gehirn, wenn es grossflächig aktiv ist, neu ordnen und Verknüpfungen – und somit unsere kognitiven Fähigkeiten – stärken. 

Ein weiterer schöner Effekt des gemeinsamen Singens ist, dass sich bei allen Beteiligten die Hirnaktivitäten synchronisieren – was stark verbindend wirkt. Wenig überraschend also, dass durch die Musik auch eine Verbindung zu Gott gefunden werden kann und sie als bedeutendes Element in der Kirche installiert wurde. 

 

Du scheinst grosser Lernfan zu sein. Was hältst du von künstlicher Intelligenz?

Ich stehe ihr grundsätzlich positiv gegenüber. Es steht ausser Frage, ob wir sie nutzen – denn das tun viele bereits –, wir sollten uns vielmehr damit befassen, wie wir mit ihr umgehen. Unser Denkapparat will aktiv sein und wenn wir ihn aufgrund von KI weniger oder nicht brauchen, bildet er sich zurück. Ich empfehle, mit der KI Pingpong zu spielen. Vielleicht macht man sich zuerst selbst Gedanken, holt sich dann Inspiration von ChatGPT, verknüpft diese Informationen neu im Gehirn, fragt eventuell nochmals zurück und so weiter. 

 

Was ist die neue Herausforderung für die menschliche Intelligenz aufgrund der «künstlichen» Konkurrenz?

Die künstliche Intelligenz vereinfacht und beschleunigt gewisse Prozesse, wir haben immer höhere Speichermengen und Zugriff auf Informationen unterschiedlichster Art. Dies ist eine enorme Ressource, stellt uns jedoch vor neue Herausforderungen. Unser Gehirn muss mehr filtern, priorisieren und entscheiden, worauf es sich konzentriert, um in der Informationsflut nicht unterzugehen. Man muss bewusst entscheiden, welchen Informationen man sich aussetzt und welchen nicht. Vielleicht ist es nicht mehr nötig, eine Einkaufsliste auswendig zu lernen, dafür ist das Hirn damit beschäftigt zu filtern, welche der uns zugestellten Informationen relevant, welche manipulativ oder einfach überflüssig sind. Nichtsdestotrotz würde unser Gehirn es lieben, eine Einkaufsliste auswendig zu lernen. Am besten in Verbindung mit lustigen Bildern.  

 

Hängen Lernen und Spiritualität zusammen?

Oh ja! Sinnhaftigkeit und spirituelle Verankerung sowie die Fähigkeit, loszulassen, machen den Menschen nachhaltig glücklich und bilden die beste Voraussetzung fürs Lernen. Klar kann ich auch ohne Gott eine Power-Pose machen, was mich in meinem Selbstwert stärkt und mein Lernen begünstigt. Aber noch viel einfacher und vor allem nachhaltiger ist es, wenn ich das nicht ständig aus mir selbst heraus produzieren muss. 

Im Gegensatz dazu beflügelt das Lernen unsere Spiritualität, wenn wir beispielsweise in der Bibel lesen, mit Menschen unterwegs sind, Gott Lieder singen oder in der Natur stehen und dabei Neues über Gott entdecken. 

 

Lernt Gott auch?

Auf eine Antwort von ihm persönlich bin ich jetzt schon gespannt. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass auch er es liebt, Neues zu entdecken und zu sehen, wie sich Dinge entwickeln und vorwärts drehen.

Dr. Maria Brasser liebt die Vielseitigkeit. Beim Tanzen, als Lehrerin, im Schreiben ihrer Doktorarbeit, beim Hausumbau oder mit ihren zwei kleinen Kindern wird sie nie müde, zusammen mit ihrem Gehirn und Gott, Neues zu entdecken. Ihre Leidenschaft investiert sie unter anderem ins Projekt «Hirncoach», welches sich der mentalen Fitness und Gesundheit des Gehirns verschrieben hat. Die wissenschaftlich fundierten Trainings stimulieren das Gehirn ganzheitlich, wirksam und wohltuend: ein Trainingsprogramm mit Knobelaufgaben, Experteninterviews, Bewegungsanregungen, Atemübungen und Tipps für Ernährung, Schlaf, Kreativität, Koordination und soziale Kontakte.
Weitere Infos auf
www.hirncoach.ch

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Text // Manuela Fassbind Sie arbeitet bei Campus für Christus als visuelle Gestalterin und ist beim Schreiben dieses Textes immer wieder aufgestanden, um ein paar Dehnübungen zu machen – in der Hoffnung, dass sich ihre Gehirnzellen dadurch neu ordnen und der Text besser wird.
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