Ich gebe zu, ich bin kein guter Esser. Eine Vielzahl von Zutaten und Lebensmitteln steht auf meiner schwarzen Liste, aber ich arbeite daran, diese stetig zu verkürzen. Inzwischen haben sogar die Linsen – lange als unbiblisch verschrien, fragt Esau! – die Spalte gewechselt. Kutteln und «Röslichöhl» halten ihren Stammplatz jedoch hartnäckig auf der bösen Seite. Bestimmt hat sich der Rosenkohl erst nach dem Rausschmiss aus dem Paradies entwickelt – etwa zeitgleich mit den Stechmücken.

Meine internationale Reisetätigkeit hat meinen Gaumenhorizont gewinnbringend erweitert – immer wieder durfte ich mit Erstaunen feststellen, welche wunderbare Kulinarik mir bisher entgangen war. Das reicht vom indischen Korma in einem Londoner Vorort, über fingerverklebende Baklava an einer Konferenz im türkischen Izmir bis hin zum weltbesten Humus in der Altstadt von Jerusalem. Ein gutes Essen zaubert Geschichten und Farben auf meine innere Leinwand. Das gilt sowohl für die frisch gepflückte Ananas bei einem Projektbesuch in Kuba als auch für das Tandoori-Chicken, das mir in einem tansanischen Hinterhof in einem zum Grill umfunktionierten Sicherungskasten zubereitet wurde. Ja, Essen ist für mich pure Emotion. Erst kürzlich habe ich mit meiner Tochter wieder ein Pippi-Langstrumpf-Spaghetti-Essen gemacht – da darf man einfach Vollgas mit den Händen rein. Spaghetti sind ja schon per se und formbedingt fröhlich machende Viktualien, aber glaubt mir: Mit den Händen genossen machen sie doppelt und dreifach Freude.

Essen kommuniziert, erzählt, verbindet und bewegt.

Gleichermassen kann Essen aber auch zur Grenzerfahrung werden – so geschehen, als ich in Uganda ehrenvoll zu einem Topf voll mit Ziegeninnereien geladen war. Oder als wir als Familie auf den Philippinen herausgefordert wurden, Balut zu essen – ein Ei, in dem der befruchtete Hühnerembryo bereits gut sichtbar ist. Essen kommuniziert, erzählt, verbindet und bewegt. Manchmal auch erst im Nachgang und mehr als einem lieb ist. Essen ist viel mehr als nur die Zufuhr von Energie: Es ist zentraler Bestandteil von Kultur, soziale Teilhabe, Genuss und hat grossen Anteil an unserem psychischen Wohlbefinden. Beim Essen schwingen familiäre Strukturen mit, Beziehungen und Identität.

David, ein südkoreanischer Freund (so darf ich ihn nennen, weil sein südkoreanischer Name für Europäer nur schwer aussprechbar ist) hat mich während eines traditionellen Tischgrill-Essens in Seoul in die unterschiedlichen Essensphilosophien des asiatischen Raums eingeführt. Es handelt sich um eine ganzheitliche Lebensanschauung, tief in Geschichte, Natur und Medizin verwurzelt. Der Kochtopf ist gleichzeitig auch die Hausapotheke, denn Essen ist Medizin (Yak-sik-dong-won). Es geht nie nur darum, sich satt zu essen, sondern alles unterliegt einem funktionalen Genuss, alles hat einen Zweck. In Japan geht es um die Perfektion des Eigengeschmacks einer einzelnen Zutat, während in Südkorea der Fokus auf der Stärkung des Immunsystems liegt. In China wiederum steht das Gleichgewicht im Vordergrund, also das Erzeugen einer Harmonie bei einer Mischung aus Gegensätzen. Die berühmte süss-saure Sauce reiht sich in diese Philosophie ein, das kosmische Gleichgewicht auf den Teller zu zaubern. Fasziniert lauschte ich Davids Ausführungen, während ich auf meinem Bulgogi und Samgyeopsal kauend nach der Schüssel griff, um meinen Kimchi-Vorrat aufzustocken. Noch nie hatte ich mir das so detailliert überlegt. Mich beschlich die Frage nach meiner eigenen Essensphilosophie: Bestand diese bisher etwa vorrangig aus der Vermeidung unliebsamer Irritationen meiner Geschmacksknospen? Davids Ausführungen malten mir vor Augen: Die Auseinandersetzung mit Essen ist immer (auch) Bildung, Entdecken, Lernen.

Essen und der Umgang miteinander

Lasst mich einen Schwenk machen, weg von asiatischer Kulinarik hin zur religiösen Esskultur in der Bibel, genauer gesagt zum Umgang mit den frühjüdischen Speisegesetzen im Neuen Testament. Für mich ist es gleichermassen faszinierend und bezeichnend, wie viel Grundsätzliches wir hier lernen können – nicht primär für unseren Speiseplan, sondern für unseren Umgang miteinander.

Interessanterweise war zu neutestamentlichen Zeiten bei den ersten Gehversuchen der noch jungen Kirche die Frage nach der Reinheit von Speisen ein zentrales Thema. Es polarisierte so sehr, dass Paulus sich gezwungen sah, der römischen Gemeinde mit ein paar Prinzipien zur Klärung der internen Spannungen zur Seite zu kommen. Die grosse spaltende Frage war, welche Speisen unrein machen und ob man beispielsweise Fleisch, das zum Opfern verwendet worden war, verzehren durfte oder nicht. Im aktuellen Gemeindekontext bin ich dieser Frage erstaunlicherweise noch nie begegnet. Vielmehr schlagen wir uns in unterschiedlichen Kontexten beispielsweise mit der Frage herum, ob man christlich verpflichtet ist, sich aktiv und mit allen Mitteln gegen Tyrannen

zu stemmen, oder ob die Verwendung von Gewalt per se zu verurteilen ist, selbst wenn das Resultat positiv sein könnte. Oder ob es das höchste uns anvertraute Gut ist, die richtigen Glaubensgrundsätze zu bewahren, selbst wenn man sich dabei der Lieblosigkeit schuldig macht. Wir fragen uns, wie viel Ethik von der Bibel her geklärt ist, wo die roten Linien in der Bibel durchführen, die gedanklich nicht überschritten werden dürfen, was ein guter Christ, eine gute Christin alles mitzuglauben hat, um dazuzugehören, wie das Wirken des Geistes auszumachen ist und wo es rein menschliche Sehnsüchte sind, die uns umtreiben. Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wo man Einheit leben kann und wo es schlicht nicht mehr geht, weil man bestimmte Ausprägungen des Gegenübers als toxisch betrachtet. Die Konfliktherde – egal, woran sie sich konkret entladen – sind unerschöpflich und umkreisen uns mit einer Penetranz, wie die Wespen im Spätsommer das Mittagessen auf der Terrasse. Je nach Biografie, Frömmigkeit, gefühlter Lebensaufgabe und Persönlichkeit setzt man sich unterschiedlich vehement für bestimmte Themen ein. Rund um Lebensstilfragen, Glaubensüberzeugungen und Traditionen entstehen immer wieder neue innerkirchliche Brandherde. Genau deshalb erhellt es mich zu sehen, wie Paulus, der immer wieder mit steilen Aussagen aufgefallen ist, verbindend und klärend in die damalige Situation hinein gesprochen hat. Aus seinen Ausführungen in Römer 14 über die Reinheit von Essen und den Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen dazu lassen sich Prinzipien herausschälen, die sich auf viele andere Brandherde fast eins zu eins übertragen lassen: Streite nicht über Ansichten (V1). Verurteile den «Schwachen» nicht (V3), verurteile andere nicht (V13), nimm Rücksicht auf den «Schwachen». Mach dich nicht zum Richter über andere (V4). Lebe nur Dinge, von denen du überzeugt bist (V5). Ehre Gott mit deinem Tun (V6). Dein Verhalten soll von der Liebe bestimmt sein (V15). Es geht nicht um Äusserlichkeiten, sondern um das Innere (V17). Jage dem Frieden nach (V19).Deine Überzeugung ist eine Sache zwischen dir und Gott (V22).

Für eine neue Kultur des Miteinanders könnten wir beispielsweise lernen, nicht über abweichende Ansichten zu streiten. Einander nicht zu verurteilen, wenn wir zu anderen Meinungen kommen.

Mir scheint, dass die Prinzipien, die Paulus zur Klärung der Spannungen von damals vorschlägt, auch heute in vielen anderen Themenbereichen eine wuchtige Resonanz erzeugen würden. Für eine neue Kultur des Miteinanders könnten wir beispielsweise lernen, nicht über abweichende Ansichten zu streiten. Einander nicht zu verurteilen, wenn wir zu anderen Meinungen kommen – denn entweder mein Gegenüber oder ich können das eine oder andere vielleicht schlichtweg nicht glauben. Entweder ist die andere Person schwach oder ich bin es. Wir sind gegenseitig auf Rücksicht angewiesen und könnten unseren selbstgewählten Richterstuhl wieder grosszügig Christus überlassen. Und mutig das (vor-)leben, wovon wir überzeugt sind. Wir können mit Hochdruck darauf achtgeben, dass unser Verhalten von Liebe geprägt ist und dass unsere Worte und Beiträge Gott ehren. Wir könnten Gott vertrauen, dass bei unserem Gegenüber manches Schöne im Innern verborgen ist. Ich kann die eigene Meinung demütig zurückhalten und die Sache zwischen mir und Gott beruhen lassen. So wird ganz viel Energie frei, um dem Frieden nachzujagen. Was wäre, wenn wir uns zu Tisch setzen würden, um Gabel und Messer zu kreuzen anstelle von imaginären Schwertern? Genau das geschah nämlich vor ziemlich genau 500 Jahren.

Wir könnten auf den von uns gezogenen Grenzlinien unsere Suppen köcheln und sie dann gemeinsam auslöffeln.

Aus Römer 14

1 Nehmt den, der in seinem Glauben schwach ist ´und meint, sich an bestimmte Vorschriften halten zu müssen, ohne Vorbehalte` an; streitet nicht mit ihm über seine Ansichten.

3 Wer alles isst, darf den nicht verachten, der nicht alles isst. Und wer nicht alles isst, darf den nicht verurteilen, der alles isst. Gott hat ihn doch ´genauso` angenommen ´wie dich`.

4 Wenn du ihn verurteilst, ist es, wie wenn du dich zum Richter über jemand machst, der im Dienst eines anderen steht. Wer bist du, dass du dir so etwas anmasst? Ob jemand mit seinem Tun bestehen kann oder ob er nicht besteht, das zu beurteilen ist einzig und allein Sache seines Herrn, dem er verantwortlich ist. Und er wird bestehen, denn es steht in der Macht des Herrn, ihn zu bewahren.

5 Der eine macht einen Unterschied zwischen ´heiligen` Tagen und ´gewöhnlichen` Tagen; der andere macht keinen solchen Unterschied. Wichtig ist, dass jeder mit voller Überzeugung zu dem stehen kann, was er für richtig hält.

6 Wenn jemand bestimmte Tage besonders beachtet, tut er das, um den Herrn zu ehren. Genauso ist es bei dem, der alles isst: Er tut das, um den Herrn zu ehren, denn für das, was er isst, dankt er Gott. Und auch der, der bestimmte Speisen meidet, tut das, um den Herrn zu ehren; auch er ´isst nichts, ohne` Gott dafür zu danken.

13 Hören wir darum auf, einander zu verurteilen! Statt den Bruder oder die Schwester zu richten, prüft euer eigenes Verhalten, und achtet darauf, alles zu vermeiden, was ihnen ein Hindernis in den Weg legen und sie zu Fall bringen könnte.

15 Wenn du dich daher in einer Frage, die das Essen betrifft, so verhältst, dass dein Bruder oder deine Schwester in innere Not geraten, dann ist dein Verhalten nicht mehr von der Liebe bestimmt. Christus ist doch ´auch` für sie gestorben. Stürze sie nicht durch das, was du isst, ins Verderben!

17 Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.

19 Darum wollen wir uns mit allen Kräften um das bemühen, was zum Frieden beiträgt und wodurch wir uns gegenseitig ´im Glauben` fördern.

22 Behandle deine Überzeugung in diesen Dingen als eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Glücklich zu nennen ist der, der sich in Fragen der persönlichen Überzeugung so verhält, dass er sich nicht selbst anzuklagen braucht.

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ). © Neues Testament und Psalmen: Genfer Bibelgesellschaft Romanel-sur-Lausanne, Schweiz.

Die Kappeler Milchsuppe

Es ist eine urschweizerische Sache, nicht nur vom Essen zu lernen, wie man eine befriedete Kultur erzeugt, sondern diese durch das gemeinsame Essen auch Wirklichkeit werden zu lassen. Im Zentrum der folgenden Begebenheit steht eine Suppe, genauer genommen die Kappeler Milchsuppe. Im Jahr 1529 standen sich die Truppen der protestantischen Zürcher und der katholischen Zuger bei Kappel am Albis schlachtbereit gegenüber. Während die Anführer noch verhandelten, geschah auf dem Schlachtfeld etwas Unerwartetes: Da die Soldaten auf beiden Seiten wenig Lust auf ein Gemetzel hatten, kam es zu einer Verbrüderung. Genau auf der Grenze zwischen den beiden Kantonen stellten sie einen grossen Kochtopf auf ein Feuer – laut Berichten steuerten die Innerschweizer die Milch und die Zürcher das Brot bei. Gemeinsam kochten sie eine Milchsuppe, die dann von den beiden Heeren gemeinsam aus dem Topf gelöffelt wurde. Ein Friede – zumindest vorerst – der weder durch einen Schuss noch durch einen Hellebar-den-Hieb errungen wurde. Sondern kulinarisch erzeugt wurde – durch die Kappeler Milchsuppe. Seit dem Start der Kirche zu Paulus Zeiten haben wir es immer wieder geschafft, uns irgendwelche Suppen einzubrocken. Vielleicht liegt die Lösung näher als vermutet und ist viel weniger vertrackt als angenommen: Wir könnten auf den von uns gezogenen Grenzlinien unsere Suppen köcheln und sie dann gemeinsam auslöffeln. Im Wissen, dass um den Topf herum Starke und Schwache sitzen, mit verschiedenen Überzeugungen und Meinungen, Lebensaufgaben und Biografien, Äusserlichkeiten und Innerlichkeiten. Aber mit einem Gott und derselben immer gültigen Aufgabe, dem Frieden nachzujagen, nicht zu verurteilen, auf die Schwachen Rücksicht zu nehmen und in Anspruch zu nehmen, dass man manchmal selbst der Schwache ist. Ich finde, die Welt braucht mehr und grössere Suppentöpfe.

Klaus, du bist seit Jahrzehnten in Krisengebieten unterwegs, von den Ruinen der Sowjetunion bis zu den heutigen Brennpunkten. Aktuell liegt dein Fokus stark auf dem Gazastreifen. Wie fühlt es sich an, wenn nach Wochen der Planung der erste Lastwagen mit einer neuen Lieferung die Grenze überquert? Ist das für dich nach all den Jahren reine Routine oder jedes Mal ein kleines Wunder?

Es ist eine Kombination aus beidem. Wir arbeiten hart dafür, suchen Wege, erledigen unsere Hausaufgaben und füllen endlose Formulare aus. Aber wenn es dann endlich losgeht, ist es dieses tiefe Gefühl der Befriedigung. Man hört im Vorfeld so oft: «Das ist unmöglich, da kommt niemand rein.» Und wenn der Laster dann rollt, zeigt das: Es geht doch. Ich sage immer, Gott tut seinen Teil, aber der Mensch muss auch seinen Teil tun. Er hat uns Verstand und Talente gegeben, um Wege durch Bürokratie und Blockaden zu finden. Jede Fahrt ist ein diplomatischer Eiertanz. Ein LKW durchläuft mehrere Sicherheitszonen, wird entladen, gescannt, neu beladen – ein «Back-to-back»-System, das Stunden dauern kann. Wenn die Nachricht kommt: «Ware in der Küche angekommen», dann ist das ein Sieg der Menschlichkeit über das Misstrauen.

GAiN gehört zu den wenigen Organisationen, die derzeit direkt vor Ort operieren dürfen, während grosse Organisationen wie die UN vor massiven Hürden stehen. Was war der entscheidende Schlüssel, um dieses Vertrauen – sowohl bei den israelischen Behörden als auch bei den Akteuren vor Ort – aufzubauen?

Vertrauen ist eine Währung, die man nicht drucken kann. Man muss sie sich über Jahrzehnte verdienen. In der arabischen oder orientalischen Welt zählt kein Diplom, sondern die Frage: Wen kennst du? Wir sind seit über 20 Jahren in Israel aktiv, unter anderem mit Projekten für Holocaust-Überlebende. Als der Krieg begann, bin ich sofort hingefahren. Nicht um zu politisieren, sondern um ein Zeichen zu setzen: Wir lassen euch nicht allein. Durch diese Treue haben wir einen Leumund aufgebaut. Dass wir nun in Gaza helfen können, liegt massiv an unseren Kontakten zu den Drusen. Sie sind in Israel integriert, haben aber seit Generationen Handelsbeziehungen in den Gazastreifen. Sie kennen die Leute am Boden, die einfach nur überleben wollen und nichts mit der Hamas zu tun haben. Dieses Netzwerk aus Drusen, Arabern, Israelis und uns Christen ermöglicht eine Hilfe, die politisch neutral und sicherheitsgeprüft ist. Wir sprechen die Sprache des Hungers, nicht die der Ideologie.

Das Herzstück eurer Arbeit in Gaza ist die Suppenküche. Warum dieser Weg? Wäre es nicht einfacher und effizienter, fertige Trockenrationen oder Konserven zu verteilen?

Das ist eine strategische Entscheidung gegen die Anarchie. Ein LKW voller Trockenrationen oder Matratzen ist ein begehrtes Ziel für Plünderer. Solche Waren kann man lagern, verstecken und auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen. Konserven sind in Krisengebieten fast wie eine Währung. Aber 25 Tonnen frisches Gemüse? Das ist in drei Tagen gammelig, wenn man es nicht sofort verarbeitet. Für die «bösen Jungs» ist das uninteressant. In unserer Suppenküche verarbeiten wir die Lebensmittel sofort zu warmen Mahlzeiten. Ein warmes Essen ist für jemanden, der im Schlamm lebt, viel mehr als nur Kalorienzufuhr. Es ist ein Moment der Würde. Was morgens reinkommt, ist abends gegessen. Da bleibt nichts übrig, was man für politische Zwecke missbrauchen könnte.

Aber steckt dahinter nicht auch ein enormer personeller Aufwand? Wer kocht dort eigentlich unter diesen extremen Bedingungen?

Genau das ist der Punkt: Die Suppenküche schafft Struktur und Arbeit. Wir beschäftigen lokale Leute, die für ihre eigenen Nachbarn kochen. Das gibt ihnen ein Stück Selbstwirksamkeit zurück. Wenn ein Vater seinem Kind eine warme Schale Suppe bringt, ist er in diesem Moment kein «Hilfeempfänger» mehr, sondern ein Versorger. Das macht psychologisch einen gewaltigen Unterschied in einer Umgebung, die ansonsten von totaler Ohnmacht geprägt ist. Wir produzieren dort bis zu 10 000 Mahlzeiten am Tag. Das ist eine logistische Meisterleistung unter Bedingungen, in denen es oft weder Strom noch fliessendes Wasser gibt. Wir nutzen grosse Gastanks oder sogar Holzfeuer, um die Kessel zu erhitzen.

Die Berichterstattung über Gaza ist oft sehr polarisiert und politisch aufgeladen. Wenn du dort bist, was siehst du, was wir in den Nachrichten nicht sehen?

Ich sehe die totale Erschöpfung. Gaza ist etwa so gross wie Frankfurt am Main, aber dort leben zwei Millionen Menschen – und zwei Drittel des Wohnraums sind zerstört. Wenn es regnet, säuft alles ab, die Hygiene ist katastrophal. Aber das Schlimmste ist die psychische Last. In der Schlange vor der Suppenküche geht es um die Frage: «Wann hört das auf? Haben meine Kinder eine Chance?» Die Mütter sind oft versteinert vor Leid. Sie haben keine Tränen mehr. Aber ich sehe auch eine unglaubliche Resilienz. Ich sehe Menschen, die ihre letzte Portion Suppe mit einem fremden Kind teilen. Diese radikale Menschlichkeit inmitten der Trümmer beschämt mich oft zutiefst.

In Krisengebieten sind es oft die Frauen, die die grösste Last tragen. Welche Rolle spielen sie in eurer Arbeit vor Ort?

Frauen sind das Rückgrat des Überlebens. Während die Männer oft von der Last der Tatenlosigkeit und der Zerstörung ihrer Identität als Ernährer erdrückt werden, organisieren die Frauen den Alltag im Zelt. Sie waschen Kleidung mit einem Minimum an Wasser und trösten Kinder, die bei jedem lauten Geräusch zusammenfahren. GAiN hat erkannt, dass Hilfe für Frauen die effektivste Form der Katastrophenhilfe ist. Wenn man eine Mutter unterstützt, erreicht man die ganze Familie. Deshalb enthalten unsere Lieferungen neben Lebensmitteln auch gezielt Hygieneartikel für Frauen, die dort ein absolutes Luxusgut sind, aber für die Würde essenziell.

Du hast oft betont, dass Hilfe ein «Werkzeug für Hoffnung» ist. Gibt es eine Begegnung, die das für dich persönlich greifbar gemacht hat?

Da gibt es viele, aber eine Geschichte aus der Ukraine steht stellvertretend für das, was wir auch in Gaza erleben. Ich traf eine Frau, die alles verloren hatte: Kinder, Mann, Eltern. Sie war wie ein Zombie, völlig leer. Ich hatte keine Worte, jedes «Beileid» wäre billiges Geplapper gewesen. Also habe ich sie einfach wortlos umarmt. Sie hat mich minutenlang nicht mehr losgelassen. Später liess sie mir ausrichten, dass ihr diese Umarmung das Leben gerettet hat, weil sie an diesem Morgen eigentlich beschlossen hatte, sich umzubringen. In Gaza ist es ähnlich. Wenn wir dort Suppe ausgeben, sagen die Augen der Menschen: «Danke, dass ihr gekommen seid. Danke, dass ihr uns als Menschen seht.» Das blosse Dasein ist manchmal die stärkste Form des Gottesdienstes. Das Gebet findet am Schöpflöffel statt.

Der Hunger ist der Anfang, aber die Heilung der Würde ist das eigentliche Ziel.

Du hast GAiN 1990 gegründet. Damals ging es mit Hilfsgütern nach Russland los. Wie hat sich deine Philosophie der «Logistik der Liebe» über die Jahrzehnte entwickelt?

Wir haben gelernt, dass der Mensch nicht nur aus einem Magen besteht. Ganzheitlichkeit ist das Stichwort. Wir bringen nicht einfach das, was wir im Westen übrighaben, sondern das, was vor Ort wirklich gebraucht wird. Wir arbeiten fast nie allein, sondern immer mit einheimischen Partnern. Und wir sind transparent. Spenderinnen und Spender müssen wissen, dass ihre Hilfe ankommt. Meine Philosophie ist einfach: Ich kann nicht alle retten, aber für den Einzelnen, dem ich heute helfe, verändert sich die ganze Welt. Das treibt mich auch mit über 60 Jahren noch an. Glaube ohne Werke ist tot – und ein voller Bauch ist oft die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch überhaupt wieder über eine Zukunft nachdenken kann.

Ein schwieriges Thema ist immer die Neutralität.

Kritiker werfen Hilfsorganisationen oft vor, sie würden durch ihre Arbeit Konfliktparteien entlasten. Wie gehst du mit diesem ethischen Dilemma um?

Das ist die «Bürokratie der Not». Natürlich ist das ein Dilemma. Aber was ist die Alternative? Die Menschen verhungern lassen, um ein politisches Ziel zu erreichen? Das ist mit meinem Gewissen unvereinbar. Wir minimieren das Risiko, indem wir unsere eigenen Kanäle nutzen. Wir geben kein Geld an Regierungen. Wir geben Essen an Menschen. Wir kontrollieren die Kette vom LKW bis zum Kochtopf. Unsere Neutralität ist unser Schutzschild. Man muss manchmal mit Leuten reden, mit denen man eigentlich nicht am Tisch sitzen möchte, um die Erlaubnis zu bekommen, Leben zu retten. Das sind die «schmutzigen Hände der Barmherzigkeit».

Was passiert eigentlich mit der Seele dieser Menschen, wenn der Hunger gestillt ist? Plant GAiN auch über die akute Notfallhilfe hinaus?

Unbedingt. Wir sehen Kinder in Gaza, die aufgehört haben zu spielen. Das ist ein Alarmsignal. Die Seele ist im Überlebensmodus eingefroren. Wir arbeiten an Konzepten zur Traumabewältigung und kooperieren mit lokalen Psychologen. Die Suppenküche ist oft nur der Einstiegspunkt. Wo Vertrauen durch Nahrung aufgebaut wird, öffnen sich später Türen für Gespräche über den inneren Schmerz. Langfristig denken wir an mobile Kliniken und Bildungsprojekte. Der Hunger ist der Anfang, aber die Heilung der Würde ist das eigentliche Ziel. Wenn die Waffen schweigen, beginnt die eigentliche Arbeit erst.

Wenn du aus diesen Gebieten zurück nach Europa kommst, wie blickst du dann auf unseren Alltag hier?

Ich bin dankbar, hier leben zu dürfen, aber ich ertrage unser Jammern kaum noch. Wir streiten uns über die Farbe von Mülltonnen oder Gendersprache, während 3000 Kilometer weiter Menschen froh sind, wenn sie eine Decke finden, die nicht feucht ist. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, die oft innerlich abstirbt, weil sie nur noch den Überfluss verwaltet. Wenn wir teilen, fangen wir an zu leben. Das ist das Paradoxon: Man wird reicher, indem man abgibt. Nachhaltigkeit ist für mich kein wirtschaftlicher Fachbegriff, sondern nachhaltig ist, wenn eine verzweifelte Mutter wieder Hoffnung schöpft. Das verändert die Zukunft ihrer Kinder.

Wenn wir teilen, fangen wir an zu leben. Das ist das Paradoxon: Man wird reicher, indem man abgibt.

Was ist dein konkreter Appell an die Menschen, die diesen Artikel lesen? Was können sie tun, ausser eine Spende zu überweisen?

Beweg dich! Gott hat uns zwei Beine und zwei Hände gegeben, nicht nur zum Rumsitzen. Wir definieren uns zu sehr über Karrieren und Geld. Tritt aus deiner Komfortzone heraus. Schau hin, wo der Nachbar Hilfe braucht. Trenn dich von Dingen, die du im Überfluss hast. Wir müssen nicht die Welt retten – das hat Jesus schon erledigt. Aber wenn jeder im Kleinen anfängt, seine Zeit und Liebe zu teilen, entsteht echte Veränderung. Hilfe beginnt im Kopf, mit der Entscheidung, nicht mehr nur um sich selbst zu kreisen. In einer lauten Welt ist aufmerksames Zuhören eine Form von Liebe. Wir müssen wieder lernen, «mit-leidend» zu sein, statt nur «be-leidigt».

Klaus, zum Abschluss: Woher nimmst du die Kraft, immer wieder in diese Dunkelheit zu gehen, ohne selbst daran zu verzweifeln?

Aus meinem Glauben und aus der Gemeinschaft. Wenn ich sehe, wie ein kleiner Junge in Gaza nach einer Schüssel warmer Suppe das erste Mal seit Tagen wieder lächelt, dann weiss ich: Es lohnt sich. Dieses Lächeln ist mehr wert als jeder Orden. Es ist ein Lichtblick in der Finsternis. Und solange es diese Lichtblicke gibt, gibt es auch einen Grund weiterzumachen.

Derzeit unterstützt GAiN in über 50 Krisengebieten der Welt humanitäre Hilfsprojekte. Das Team um Klaus Dewald leistet Katastrophenhilfe, langfristige Nothilfe sowie Hilfe zur Selbsthilfe und arbeitet kontinuierlich am Aufbau eines weltweiten Logistiknetzwerks, um Hilfe schnellstmöglich und effizient in die Zielländer zu bringen. Ihr Wunsch ist es, die Arbeit für Notleidende und Hilfsbedürftige durch ein funktionierendes Netzwerk stetig auszubauen, ohne dabei den einzelnen Menschen aus dem Blick zu verlieren.

gain-germany.org 
gain-switzerland.ch

In 29 Dörfern leben über 1200 Familien und rund 6000 Menschen. Über die Hälfte des Weges führt über eine Naturstrasse, die während der Regenzeit teilweise unpassierbar wird. William nutzte die Zeit, um mehr über kleine, fleissige Insekten zu erfahren, die sich in unserem Innenhof – mitten in der Stadt Santa Cruz – angesiedelt hatten: die einheimische Biene Tetragonisca angustula. Wir nennen sie auch «Señorita» (Fräulein) oder «Angelito» (Engelchen), weil sie keinen Stachel hat und sehr klein ist, gerade einmal vier bis fünf Millimeter lang. Das Fehlen eines Stachels macht den Umgang mit diesen Bienen besonders einfach. Ihr Honig wird nicht nur als Nahrungsmittel geschätzt, sondern findet auch in der traditionellen Medizin Verwendung – insbesondere zur Behandlung von Augeninfektionen. In den ländlichen Gegenden sind die «Señoritas» ebenfalls weit verbreitet. Aber es gibt ein Problem: Die Bienennester werden leider oft zerstört, damit man an den Honig gelangt. William war daran interessiert, diesen köstlichen Honig zu gewinnen.

Vor allem aber wollte er lernen, wie man die Bienenstöcke zum richtigen Zeitpunkt teilt und vermehrt. Videos und Artikel im Internet berichten, dass diese Bienenart ein- bis zweimal im Jahr eine Königin hervorbringt, die später einen neuen Bienenstock gründet. Als William zur angegebenen Zeit in zwei der drei Bienenstöcke je eine Königin fand, gelang es ihm, diese zusammen mit einem Teil des Nests in neue Bienenhäuser umzusiedeln und so neue Kolonien zu starten.

Im Rahmen unseres Dorfentwicklungsprojekts zeigen wir Menschen in ländlichen Gebieten, wie sie vorhandene Ressourcen nachhaltig und effektiv nutzen können. Wir schulen, stellen Material bereit und unterstützen bei der Umsetzung von Projektaktivitäten wie Wasserversorgung, Hühnerzucht und Gemüsegärten. William vermittelte unseren Projektbetreuern vor Ort, dass die Kolonien der Tetragonisca angustula durch fachgerechten Umgang nicht nur erhalten, sondern vermehrt werden können. Einer von ihnen, Ignacio Garcia, kam bei nächster Gelegenheit nach Santa Cruz, um sich die Bienenkolonien vor Ort anzusehen und Material für erste Bienenhäuschen in Lomerío mitzunehmen. Zu Hause siedelte er als erstes ein Bienenvolk um, das vor seinem Haus in einem alten Baumstamm wohnte. Bald werden die Königinnen gross genug sein, und Ignacio kann dieses Nest teilen. So wird es in Lomerío immer mehr Bienenvölker und Honig geben. Denn ein neues Projekt zur Dorfentwicklung ist geboren: die Zucht von einheimischen Bienen.

Es gibt diese «Jesus nut», die Jesus-Mutter, die bei manchen Helikoptermodellen alles zusammenhält. Bricht sie, löst sich der Hauptrotor vom Hubschrauber – und man kann nur noch «Jesus» beten. Für mich ein starkes Bild, wofür Jesus eigentlich steht.

Jesus ist der Himmel auf Erden

Jesus ist der Brennpunkt göttlichen Wirkens. Nirgendwo sonst hat sich Gott so greifbar und nahbar gezeigt wie in Jesus. In ihm ist der Himmel zu den Menschen gekommen, hat der Himmel die Erde geküsst. In und durch Jesus hat sich die göttliche Liebe, die versöhnende und erlösende Kraft Gottes personifiziert. Jesus ist Ursprung und Ziel allen Lebens und aller Lebendigkeit.

Das hat sich schon bei seiner Geburt gezeigt, als die Engel das Lob sangen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden. Und wo immer Jesus auf dieser Erde seine Füsse hingesetzt hat, hat sich Himmel ausgebreitet, ist etwas vom Frieden, vom umfassenden Shalom Gottes greifbar geworden, wurden Menschen von ihm ergriffen und verwandelt.

Gottes sendende Liebe

Jesus hat seine Nachfolger nicht nur dazu berufen, dafür zu beten, dass Gottes Friedenswille «wie im Himmel so auch auf Erden» verwirklicht wird, sondern auch dazu, selbst Teil dieser Mission zu werden, den Himmel auf die Erde zu bringen – als Gesandte an Christi Statt, als Friedensstifterinnen und Versöhnungsbotschafter. Deshalb hat Himmel auf Erden immer auch mit Mission zu tun, und zwar mit der «Missio Dei», Gottes Mission. Der südafrikanische Theologe David Bosch hat dazu geschrieben, dass Gott in Christus sich selbst in die Welt gesandt hat, die beiden dann den Heiligen Geist und sie schliesslich uns als Kirche. Unsere Existenz als christliche Gemeinschaft in dieser Welt ist deshalb unzertrennlich verwoben mit Mission, mit dem Gesendetsein. Und das ist wunderschön, denn wie Bosch sagt: «Mission hat ihren Ursprung im Vaterherzen Gottes. Er ist sendende Liebe und das ist die tiefste Quelle der Mission. Es ist nicht möglich, noch tiefer vorzudringen: Es gibt Mission, weil Gott die Menschen liebt.»

Wenn die Begeisterung stirbt

Doch wer hat es nicht schon erfahren: Unser Einklinken – und besonders das Eingeklinkt-Bleiben – in diese Mission Gottes ist nicht immer einfach. Viele Christinnen und Christen sind im Glauben euphorisch gestartet und irgendwann, ausgebremst durch das Leben, auf einer Insel der Ernüchterung gestrandet.

Schon zu biblischen Zeiten und durch alle Jahrhunderte der Kirchengeschichte hinweg scheint es zur christlichen Glaubensreise dazu zu gehören, dass unser Glaube und unsere Leidenschaft für Gottes Sache manchmal aufs Massivste erschüttert werden. Nichts geht mehr: Der Himmel ist verschwunden, Glauben scheint sinnlos, geschweige denn ein Teilnehmen an Gottes Mission.

Hier können die Nach-Auferstehungsgeschichten eine grosse Hilfe sein. Gefühle wie enttäuschte Hoffnungen, Ängste und Trauer spielen eine grosse Rolle und wir können daran lernen, wie wir mit der Glaubensspannung zwischen Gottes Gegenwart und Abwesenheit umgehen und wie wir zu einer neuen und tieferen Christuserfahrung durchbrechen können.

Meine Lieblingsgeschichte diesbezüglich ist die der Emmaus-Jünger in Lukas 24. Sie zeigt psychologisch und geistlich auf unvergleichliche Art und Weise, welchen Prozess wir durchlaufen müssen, um wieder neu zu leidenschaftlichem Glauben durchzubrechen. Im Buch KREUZREISE – ein Nachfolgekapitel zu KREUZ-WEISE – habe ich die sieben Stationen des Em-maus-Wegs beschrieben, die ich im Folgenden verdichtet festhalte.

Bevor wir den Weg der beiden Emmaus-Jünger betrachten, wage ich die These – wie auch manche kirchliche Traditionen –, dass es sich nicht um zwei Männer, sondern um ein Ehepaar handelte, nämlich um Maria und Kleopas aus Emmaus. Das mag einige Fragen aufwerfen, sprengt aber den Rahmen dieses Artikels. Mehr darüber findet sich in KREUZREISE.

Dass die zwei als Jünger bezeichnet werden, lässt darauf schliessen, dass es sich um zwei Menschen handelt, die diesem Rabbi Jesus nachgefolgt waren, an ihn geglaubt und auf ihn gehofft hatten. Sicher waren sie fasziniert von ihm, vielleicht manchmal auch ängstlich besorgt über das, was sie erlebten. Wohl schwankten sie bei seinen Aussagen dann und wann hin und her zwischen inspiriert und verwirrt. Aber irgendetwas hatte sie zu einem bestimmten Zeitpunkt gepackt. Eine Sehnsucht war geweckt oder gar gestillt worden, weshalb sie entschieden hatten, sich diesem Zimmermann aus Nazareth anzuschliessen. Ein solches Momentum nenne ich «Faszination», eine göttliche Erfahrung, die Menschen dazu bewegt, sich abenteuerlichen Aufbruchsbewegungen mit unbestimmtem Ausgang anzuschliessen.

Und genauso startet fast jede persönliche Glaubensreise – egal, ob christlich sozialisiert oder nicht. Irgendwo im Leben gibt es diese einzelnen Momente oder Lebensphasen, in denen für uns der Himmel auf die Erde kommt. Da wird eine tiefe Faszination gepflanzt. Ich werde ergriffen davon, dass da nicht nur ich bin, sondern auch Er – und damit jemand, der alles menschlich Er-denk- und Erfühlbare übersteigt.

Der junge Glaube ist gespickt mit Hoffnungen aller Art: wie Gott ist, aber auch, wie er sein müsste, wie er einzugreifen hätte. Die Hoffnung darauf, dass er Kriege stoppt, vermeintlich ungute Gesellschaftsentwicklungen korrigiert und die Dinge wieder zurechtrückt. Dass er Machtmissstände korrigiert und Gerechtigkeit wiederherstellt. Dass er die Situation der Armen und Unterdrückten verbessert und die anderen bezahlen müssen. Die Hoffnung, dass er heilt und Gutes tut. Zig Hoffnungen: für mich, meine Familie und für uns als Weltgemeinschaft. Doch dann tut Gott nicht das, was ich will, oder nicht so, wie ich denke, dass er sollte, könnte, müsste.

Immer wieder finden wir uns als Glaubende in Situationen wieder, in denen auf die Faszination die Desillusion folgt. Der Himmel scheint sich zu verfinstern. Unser Bild von Gott wird erschüttert und wir ziehen uns zurück in Richtung unseres Emmaus. In solchen Momenten ist es jedoch wichtig zu realisieren, dass lediglich unser Bild von Gott erschüttert wird und nicht Gott selbst. Man wird ent-täuscht. Sprich: Man sitzt nicht mehr der Täuschung, der Illusion, des selbstkonstruierten Gottesbildes auf. Doch genau solche Erschütterungen und Desillusionierungen können den Himmel auf andere Weise als bisher auf die Erde bringen, weil sie uns helfen, Gott noch einmal ganz neu zu sehen. Klarer. Wahrer. Gesünder.

Zunächst aber erleben Maria und Kleopas ein Absinken in innere Verdunkelung. Als würden ihnen die Augen zugehalten. Die Desillusion führt nicht selten zu etwas, das ich im Emmaus-Weg «Glaubensdepression» nenne. Weil wir nicht zwischen «mein Gott bricht mir weg» und «mein trügerisches Gottesbild bricht mir weg» unterscheiden können, verfallen wir leicht in Resignation, Zynismus oder eben in eine Glaubensdepression, in der es sogar zum kompletten Glaubensverlust kommen kann, weil wir «ihn nicht (mehr) erkennen».

Die anfängliche Faszination ist verschwunden. Wir misstrauen plötzlich unseren Erinnerungen, den Glaubenserfahrungen von früher, dem eigenen Tagebuch. Und werden blind für offensichtlich himmlische Segnungen, für Gottes Gegenwart und Hilfe im Alltag.

Stattdessen zieht uns die Schwerkraft der menschlichen Seele nach unten: mit Zweifeln, mit Suchen nach anderen Erklärungen, mit Sich-nicht-ganz-sicher-Sein, mit Es-schlicht-nicht-glauben-Können. Die Phase der Depression verunmöglicht das Vorwärtsglauben, und die Erinnerung an Gottes Wirken verblasst immer mehr.

Was wäre aber, wenn das «damals» in der Faszinationsphase doch Gott war – er sich mir heute aber anders zeigt? Wenn Gott generationenspezifischer, lebensphasenbezogener und kulturell «angepasster» agiert, als bisher vermutet? In der Phase der Glaubensdepression ist es wichtig, die eigenen Fragen zuzulassen und dabei immer wieder zu sortieren: Was betrifft Gott, was nur mein Gottesbild?

Dabei geht es nicht darum, nur im Kopf die «richtigen» Fragen zu wälzen, sondern in Kontakt mit dem eigenen Herzen und seinen Gefühlsregungen zu kommen. Ich muss gestehen, dass der Zugang zu meiner Innenwelt nicht immer so gut funktioniert wie mein Zugang zur Aussenwelt. Ich brauche oft Zeit – muss wie Maria und Kleopas stehen bleiben –, um wahrzunehmen, was emotional in mir tatsächlich abgeht. Ist diese dunkle Wolke in mir Wut? Frust? Verletzung? Verunsicherung? Oder vielleicht doch einfach nur schlichte Müdigkeit, die sich mit einem starken Hungergefühl verwoben hat? Stehen bleiben, mich ehrlich mit meinen Emotionen auseinandersetzen, sie vor Gott benennen und aussprechen – das ist der Pause-Knopf, der zum Reset-Knopf werden kann, zum Schlüssel für den Neustart, zum Auf- und Durchbruch. Das erinnert daran, wozu Psalm 46,11 aufruft: Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!

Der Moment, in dem Maria und Kleopas still stehen und ihre tieferen Emotionen zulassen und aussprechen, wird zum Anfang ihrer Veränderung. Es ist der erste Schritt, dass der Himmel sich neu zu öffnen beginnt.

Am vermeintlichen Tiefpunkt ihres Lebens finden Maria und Kleopas zu einer neuartigen Begegnung mit Christus. Die hoffnungslose Situation verwandelt sich zu einem Höhepunkt. Als er mit ihnen am Tisch sitzt, werden ihnen die Augen geöffnet und sie erkennen ihn. Das Erkennen geschieht im Moment des Brotbrechens. Wahrscheinlich haben sie da die Wundmale an seinen Händen entdeckt. Es ist ein tiefer Moment der Glaubenserfahrung, der sie völlig verwandelt. Sie erkennen in Christus Gott selbst. Die Geschichte von Maria und Kleopas zeigt, dass wir uns nicht selbst aus unseren Glaubensdepressionstrümmern herausarbeiten müssen, wenn wieder einmal etwas über uns zusammengebrochen ist. Es ist der Auferstandene, der die beiden – und uns – aufsucht.

Deshalb ist es entscheidend und wegweisend, dass wir immer wieder dieses «Bleib doch bei uns!» aussprechen. Dass wir die Beziehung zu Christus immer wieder aktiv angehen. Dass wir von unseren Wunden weg auf seine blicken. Denn in der Relation zu ihm wird die Hoffnungslosigkeit zu Hoffnung, wird das Dunkel zu Licht, bricht der Himmel durch.

Glaube heisst sich erinnern. Und sich wie Maria und Kleopas von Christus selbst erinnern lassen, was über ihn geschrieben steht und was er ihnen – und uns heute – neu aufschliessen möchte. Es ist ein Sich-Erinnern an das, was war, gleichzeitig eine Erinnerung an die verheissungsvolle Zukunft, die zu einem hoffnungsvollen Überzeugtsein führt von dem, was noch kommt. Indem wir uns immer wieder nach der Begegnung mit Christus, mit Gott, ausstrecken, werden unsere Augen geöffnet, und unser Herzensfeuer wird neu entfacht.

Der wesentliche Punkt für einen erfolgreichen Emmaus-Weg hin zu neuer Glaubensleidenschaft steckt genau in diesem unscheinbaren Detail: dass wir uns nicht krampfhaft darauf fokussieren, selbst das Feuer am Leben zu erhalten, sondern die Begegnung mit Jesus zulassen. Es geht nicht um grössere Passion, sondern um tiefere Beziehung. Denn Ersteres ist der natürliche Ausfluss von Letzterem und nicht umgekehrt.

Nun sind Maria und Kleopas nicht mehr zu halten. Das Erfahrene hat in ihnen ein Feuer entzündet, eine Passion, die unweigerlich in Aktion mündet. Sie brechen auf und kehren nach Jerusalem zurück. Man spürt die Transformationskraft ihrer Christusbegegnung auch an der herzbrennenden und furchtüberwindenden Liebe, die sich durch nichts von ihrem Ziel abbringen lässt. Eben noch wollten sie diesen fremden Wanderer vor den Gefahren der anbrechenden Dunkelheit bewahren. Jetzt, erfasst von einer neu erwachten Leidenschaft, vermag sie nichts mehr zu halten, und sie eilen, ungeachtet ihrer eigenen Sicherheit, den ganzen Weg zurück nach Jerusalem. Sie sind auf einer völlig neuen Ebene Zeugen von Jesus, dem Auferstandenen, geworden. Und bringen nun selbst den Himmel auf die Erde.

Das ist auch die Verheissung für die Emmaus-Wege, die Gott uns zumutet: Dass wir schlussendlich zu einer neuen Faszination, zu einem gereiften, leidenschaftlichen Glauben und zu tieferer Liebe finden.

Es ihn tun lassen

Die Geschichte von Maria und Kleopas zeigt uns, dass es bei Mission letztlich gar nicht so sehr um uns geht, sondern vielmehr um Christus. Mission ist weniger das, was wir tun, sondern vielmehr das, was er ist. Das Herzstück der Mission ist in Gottes sehnsüchtig liebendem Herzen verankert. Es ist seine Mission in dieser Welt, an der wir teilhaben dürfen – in einer gesunden und geheimnisvollen Verwobenheit zwischen seinem Tun und unserem.

Mit einer Gruppe von kirchlichen Leitungspersonen aus der Schweiz besuchte ich «Gospel Ökosysteme» in den Niederlanden. Unter diesem Begriff verbirgt sich keine Organisation, sondern ein loser Verbund von Kirchen, christlichen Werken und Netzwerken, die sich für das Miteinander entschieden haben und an einem Ort gemeinsam als Leib Christi wirken. Ihr Motto: «We don’t do everything together, but together we do everything.» (Wir machen nicht alles zusammen, aber zusammen machen wir alles.) In ihrer Unterschiedlichkeit stellen sie sich die Frage, wie sie inspiriert von Jesaja 61 eine Transformation ihrer Stadt in Richtung Reich-Gottes-Kultur fördern können.

Zwei Beispiele: Eine Untersuchung in Nord-Amsterdam stellte fest, dass die Angebote der dreissig Kirchen im Stadtteil, deren Mitglieder ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, von 7,6 Prozent der Menschen in diesem Gebiet wahrgenommen werden. Die Kirchen erreichen also siebenmal mehr Menschen, als sie Mitglieder haben. Brahim Adid, Leiter der Verwaltung von Amsterdam Noord, war so beeindruckt, dass er die Kirchen zur Mitarbeit an der sozialen Agenda einlud – und sie als grösste Non-Profit-Organisation des Viertels bezeichnete. Inspiriert durch das «COFFEE&DEEDS» Projekt in Zürich-Hirzenbach eröffnete Remmelt Meijer das «Hemelsbreed Café» in einem der ärmsten Quartiere von Amsterdam. Es ist der einzige Ort im ganzen Stadtteil, an dem Gäste ihren Kaffee im Sitzen trinken können, und sehr beliebt bei Frauen aus dem Quartier. In Gesprächen realisierte er, dass einige von ihnen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben, aber mit dem Prozess überfordert sind. Durch das Ökosystem-Netzwerk lernte er eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung kennen, die für finanzielle Unterstützung zuständig ist. Er lud sie ein, einmal pro Woche ihren Arbeitsplatz an einen sei ner Ti sche zu verlegen. Inzwischen ist das Café zu einem Begegnungsort und einer wichtigen Anlaufstelle gew orden.

Die Erfahrung der letzten 25 Jahre zeigt: Wenn es gelingt, die Aktivitäten der einzelnen Mitglieder miteinander zu koordinieren und zu verbinden, können sie eine viel grössere Strahlkraft entwickeln. Eine solche Kirche veränd ert das Leben der Menschen um sie herum und wird zu dem von offiziellen Stellen wahrgenommen. Die Menschen erleben sie als relevant und nehmen Einladungen, z. B. zu einem Alphalive, gerne an. Die «Gospel Ökosysteme», die es in vielen Städten in den Niederlanden gibt, haben in mir eine tiefe Sehnsucht geweckt: So etwas möchte ich auch in der Schweiz erleben.

«Hi, ich bin Cecilia!» Sie strahlt mich an, schüttelt mir die Hand und hat damit schon meine erste Frage beantwortet, noch bevor ich überhaupt eine Chance hatte, die Aufnahme zu starten. Cecilia Chan und ich sind verabredet für ein Interview während der Explo 25 in der Swiss Life Arena in Zürich. Pastor Lia – unter diesem Namen ist sie bekannt – ist als Referentin für die Konferenz aus Singapur angereist. «Ja, die Teens in meiner Kirche wären wahrscheinlich in der Tat ratlos, wenn jemand nach Cecilia fragen würde», scherzt sie. Alle kennen sie nur als Pastor Lia. Im Zusammenhang mit der Heart of God Church (HOGC) sind mit «alle» ganz schön viele Teenager gemeint: Rund 5000 junge Leute tummeln sich dort Woche für Woche. Und so passt es, dass Cecilia nicht allein kommt, sondern neben mir und ihr noch drei Leute aus ihrem Team im Aufzug zum Interviewraum fahren: Christian, Fifi und Joe. «75 Prozent der Gläubigen in unserer Kirche kommen nicht aus einem gläubigen Elternhaus. Darum ist Jüngerschaft bei uns sehr wichtig», erklärt sie. «Unser Jüngerschaftskonzept ist kein Programm und findet nicht in einem Klassenzimmer statt. Wir verbringen Zeit mit den Leuten, lernen sie richtig gut kennen, sprechen in ihr Leben. Seit mein Mann und ich verheiratet sind, waren wir so gut wie nie allein auf Reisen. Wir haben immer jemanden im Schlepptau.»

Singapur trifft Schweiz

In den ersten Minuten erfahre ich auch, dass alle vier begeistert sind von der winterlichen Kälte in der Schweiz und der heissen Schokolade. Und dass die sportbegeisterte Cecilia alias Pastor Lia sich zwar nicht mit Eishockey auskennt, aber sehr angetan ist von der Stadionatmosphäre. Während wir auf bequemen Drehsesseln Platz nehmen, kommentiert sie, dass sie es als ehemalige Journalistin eigentlich gewöhnt ist, selbst die Fragen zu stellen. Ich will von ihr wissen, welche Schlagzeile sie einem Artikel über die Explo 25 geben würde. Sie muss nicht lange überlegen: «Himmel trifft Erde in Zürich.» Als ich sie nach einem persönlichen Himmel-auf-Erden-Moment frage, erzählt sie, warum sie und ihr Mann (Pastor How) nur selten reisen: «Wir sind berufen, in unserer Kirche in Singapur für junge Menschen da zu sein.» Trotzdem sitzen wir gerade zusammen in Altstetten. Sie berichtet, wie sie auf die Einladung hin im Gebet deutlich spürte: «Ja, ich soll nicht nur einen Videolink schicken, sondern physisch vor Ort sein.» «Es war ein besonderer, himmlischer Moment», erzählt sie weiter, «als wir Schweizer Boden betraten. Ich betete zu Gott: Herr, lass das, was wir bringen, eine Ermutigung sein für die Pastorinnen und Pastoren, die mit jungen Menschen arbeiten.» Sie und ihr Team trauten ihren Augen kaum, als sie kurze Zeit später in einem Café in Altstetten drei Mädchen sahen, die dort zusammen in der Bibel lasen. «Das war so ermutigend für uns! Sahen wir hier gerade die Früchte der Arbeit der lokalen Pastorinnen und Pastoren?» Mit einem Blick auf Christian Honegger, der neben ihr Platz genommen hat, schiebt sie einen dritten Himmel-auf-Erden-Moment nach: der Besuch seines Heimatortes. Christian ist Schweizer und engagiert sich seit 20 Jahren in der HOGC. Heute verantwortet er den globalen Zweig und ist Teil des Leitungsteams. «Ich dachte, wir könnten seinem Land etwas zurückgeben.»

Mehr als Screens

Mich interessiert, was an der HOGC so besonders ist. Es sind nicht die professionelle Beleuchtung und die grossen Screens, versichern mir Cecilia und Christian. Davon solle man sich nicht täuschen lassen. Vielmehr sei es die Leidenschaft, mit der die jungen Leute Jesus nachfolgten. «Wenn du in einen unserer Gottesdienste kommst, dann hörst du da nicht nur ein oder zwei Leute singen. Bei uns strecken alle die Arme in die Höhe und sind voll dabei im Worship. Die Teens nennen es den ‹Vibe›, ich nenne es die Gegenwart Gottes.» Das und die Dienstbereitschaft der Jugendlichen sei es, was jeder und jedem sofort auffällt. Pastorinnen und Pastoren zeigen die beiden gerne den Raum, in dem das Medienteam arbeitet. «Wow, die sind alle so jung!», ist die übliche Reaktion. Da sitzen hinter den Bildschirmen 14- und 15-Jährige und sind verantwortlich für alles, was läuft. «Während der Worshipzeit sorgen sie für reibungslose Abläufe und sind gleichzeitig am Anbeten», betont Cecilia. Die Jugendlichen investieren zudem in der Regel richtig viel Zeit, um ihre Freundinnen und Freunde zu erreichen. Sie beten für sie, bringen sie mit und erleben, dass sie gerettet werden. «An unseren Weihnachtsgottesdiensten hatten wir zahlreiche neue Besucherinnen und Besucher. Danach nahmen sich viele unserer Teens Zeit, um mit den Neuen abzuhängen. Eine Gruppe ging zum Zoo. Auf den vier Kilometern Fussweg teilte eine 17-Jährige mit einer 13-Jährigen das Evangelium. Als sie beim Zoo ankamen, hatte sich das 13-jährige Mädchen für ein Leben mit Jesus entschieden.»

Kein A-Team

Cecilia fügt an, wie wichtig es ihr ist, dass sich niemand im Dienst zu sehr verausgabt. «Wir benutzen nicht Menschen, um unsere Kirche aufzubauen. Wir nutzen vielmehr unsere Kirche, um Menschen aufzubauen.» Um zu verhindern, dass Menschen an ihre Grenzen kommen, haben sie das Prinzip der «deep bench», der Ersatzbank, etabliert. «Die Idee ist, dass alle ‹on fire› sein können, ohne auszubrennen», bringt es Cecilia auf den Punkt. Wie im Sport gibt es in der HOGC immer Leute, die schon auf dem Platz sind und sich auf den Moment vorbereiten, in dem sie übernehmen. Im Idealfall gibt es immer drei Teams: Eines ist im Einsatz, das zweite in Ausbildung. Über das dritte sagt Cecilia: «Ihre Aufgabe ist es, auszuruhen.» Und fügt an: «Bei uns gibt es in keinem Dienstbereich ein A-Team (Anm.: Spezialteam, dem keiner das Wasser reichen kann). Wir haben immer Platz für Leute, die sich einbringen wollen.»

Wir benutzen nicht Menschen, um unsere Kirche aufzubauen. Wir nutzen vielmehr unsere Kirche, um Menschen aufzubauen.

Der Schlüssel

Ein Wort, das in der HOGC eine Schlüsselrolle einnimmt, ist «Generationen». Wenn Cecilia und ihr Team von Generationen sprechen, dann meinen sie Teenager und zwischen einer Generation und der nächsten liegen nur wenige Jahre. Es geht ihnen darum, immer wieder eine neue Generation junger Menschen zu erreichen und möglichst viele junge Leiterinnen und Leiter aufzubauen. «Inzwischen sind wir bei der siebten Generation,» erklärt Cecilia. Die Jugendlichen der ersten Generation, mit denen sie 1999 starteten, sind heute zwischen 30 und 40 Jahre alt.

Kein Verfallsdatum

«Manchmal glauben Menschen, dass es bei uns keine Erwachsenen gibt, weil wir eine Jugendkirche sind,» berichtet Cecilia. «Das stimmt aber nicht, ganz im Gegenteil.» Die HOGC will eine starke, gesunde Kirche sein, in der niemand je ersetzt oder vernachlässigt wird. Cecilia erzählt von einer Lobpreisleiterin, die als junge Mutter im Moment nicht auf der Bühne stehen kann. «Sie nutzt die wenige Zeit, die sie einbringen kann, um neue Lobpreisleiterinnen und -leiter auszubilden.» Natürlich gibt es auch Angebote für Ehepaare, Eltern etc., aber die generelle Ausrichtung als Kirche «von jungen Menschen, für junge Menschen, um junge Menschen zu erreichen» bleibt bestehen. «Sie sind in unserer Kirche aufgewachsen. Wenn sie selbst Kinder haben, verlangen sie nicht, dass wir unseren Fokus plötzlich von jungen Menschen weglenken. Sie sagen: ‹Wir wollen, dass unsere Kinder wie wir in einer Jugenderweckung grosswerden.›»

Noch einmal Cecilia: «In unserer Kirche können alle mitmachen solange sie wollen, ganz ohne Verfallsdatum.» Christian ist selbst ein gutes Beispiel dafür. Er engagiert sich, hat aber nicht direkt mit Jugendlichen zu tun. In seiner Rolle als Mitglied im Leitungsteam sorgt er dafür, dass die Stimme der Teens gehört, die Vision umgesetzt wird, und dass die Finanzen dafür da sind. Seine beiden Kinder sind auch Teil der Kirche und so hat er einen zweiten Dienst: «Ich bin ihr Fahrer. Und ich unterhalte mich mit anderen Eltern.» Er verrät, dass sein Sohn auch schon einmal in der Schule fehlte, weil er als Leiter für einen Teenager da sein wollte, dessen Eltern sich gerade scheiden liessen. «Dann erkläre ich dem Lehrer, was los ist», beschreibt Christian seinen Auftrag. Für ihn ist klar: «Wir Erwachsenen können immer etwas tun. Und wenn es einmal nichts zu tun gibt, können wir beten.» Auch seine Mutter in der Schweiz unterstützt ihren Enkel und die Teenager, für die er verantwortlich ist, im Gebet. «Wenn du ein Herz für Jugendliche hast, wirst du etwas finden.» Christian erzählt von einer Kirche in Leipzig, die begonnen hat, verstärkt junge Leute zu involvieren. Jetzt kommen ältere Menschen, die begeistert sind, auf den Pastor zu und fragen: «Wie können wir helfen?»

In der HOGC kümmern sich Erwachsene z. B. auch um rechtliche Angelegenheiten. Oder sie bringen sich finanziell ein. Cecilia erinnert sich, wie ein Erwachsener aus ihrer Kirche auf sie zukam: «Kann ich zwei neue Laptops spenden? Vielleicht für einen jungen Menschen, der kreativ ist und sich das nicht leisten kann?» Und dann kommt es vor, dass Jugendliche Erwachsene konkret um Hilfe bitten: «Meine Eltern kommen an Weihnachten mit zum Gottesdienst. Könnt ihr euch zu ihnen setzen?» Cecilia fällt noch eine weitere Superkraft von Erwachsenen ein, gesteht aber gleich, dass sie diese selbst nicht besitzt: «Du kannst für sie kochen!» In der HOGC laden die Teens gerne ihre Freundinnen und Freunde zu evangelistischen Grillpartys ein. Damit sie Zeit haben für ihre Gäste, kümmern sich die Erwachsenen um das Essen. Cecilia fasst zusammen: «Sobald dein Herz dabei ist, finden deine Hände schon einen Weg.»

Sobald dein Herz dabei ist, finden deine Hände einen Weg.

Du gibst dein Herz

Ein bisschen hört es sich für mich so an, als würde bei der HOGC alles reibungslos funktionieren. Aber Cecilia stellt klar: «Jugendarbeit ist harte Arbeit.» Je länger ich mit ihr rede, desto mehr sehe ich in ihr die junge Leiterin von den Fotos aus den frühen 2000er-Jahren, die mit ein paar Teenies auf dem Boden sitzt und voll auf Beziehungen setzt. «Du gibst nicht nur deine Zeit und deine Energie, sondern auch dein Herz. Das ist der schwierige Part. Ich fühle mit allen, für die Jugendarbeit hart ist.» Sie versichert mir, dass es auch in ihrer Kirche nicht nur schöne Geschichten gibt. «Auf jedes positive Zeugnis fallen mindestens vier andere.» Sie erinnert an das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld und daran, dass nur auf einem Viertel der Same auf guten Boden fällt. «Und dann sind da noch die zehn Aussätzigen, von denen nur einer zurückkam und Gott dankte.» Cecilia will alle Pastorinnen und Pastoren ermutigen, die mit Jugendlichen arbeiten: «Konzentriere dich auf die einzelne Person.» Es gibt immer dieses eine Feld mit gutem Boden. Da ist immer diese eine Person von zehn, die zurückkommt und Jesus dankt. «Wenn du es mit dieser einen Person schaffst, dann können daraus zwei werden oder auch drei. Und wenn sich das multipliziert und du ein paar Jugendliche hast, die für Jesus brennen, kann das zu einer Kultur werden.»

Immer auch Chaos

«Mit jungen Leuten ist es immer chaotisch», fährt sie fort. «Da geht immer was kaputt und die Gefühle von Erwachsenen werden verletzt.» Sie zitiert aus dem Buch der Sprüche: Wo keine Rinder sind, da bleibt die Krippe sauber (Sprüche 14,4). So nimmt sie das auch in ihrer Kirche wahr: «Wo Teenager sind, ist deine Kirche stark, aber eben nicht sauber und aufgeräumt.» Sie hat noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass sich in ihrer Kirche alles um Jugendliche dreht. Leuten, denen es zu jugendlich oder zu laut zugeht, sagt sie: «Entweder du liebst es, oder du gehst.» Und dann packt sie noch eine Geschichte aus von den Anfangsjahren: «Mein Mann und ich waren arm wie Kirchenmäuse. Wir waren zu zweit, hatten gefühlt zwölf Kinder und nur diesen einen winzigen Raum.» Sie luden die Teens buchstäblich in ihr Büro ein. «Wenn ich predigte, sass ich auf unserem Schreibtisch und die Teens sassen auf Stühlen und auf dem Boden.» Am Ende jedes Gottesdienstes huschten Erwachsene in den Raum, um die Kollekte einzusammeln. Cecilia macht vor, wie sie die Nasenflügel anhoben. Sie war irritiert und sprach sie schliesslich darauf an. «Riechst du es nicht?», bekam sie zur Antwort. «Es ist heiss, hier sind 30 bis 40 Teenager – es stinkt erbärmlich!» Seither kontert Cecilia, wenn ihr jemand sagt, er oder sie könne hören, dass Erweckung geschehe: «Ich habe noch nie gehört, wie Erweckung klingt. Ich weiss nur, wie Erweckung riecht.»

Ich habe noch nie gehört, wie Erweckung klingt. Ich weiss nur, wie Erweckung riecht.

Cecilia Chan (Pastor Lia) ist verheiratet mit Tan Seow How (Pastor How). Gemeinsam haben sie die Heart of God Church gegründet, die sie bis heute als Teil des Leitungsteams leiten. An der Explo 25 hat sie über ihren Traum von Kirche gesprochen und wie dieser erst sterben musste, um wahr zu werden.

pastorlia.com

Die Heart of God Church ist eine Kirche in Singapur, in der das Durchschnittsalter 23 Jahre beträgt – Jugendliche sind nicht nur Besucherinnen und Besucher, sondern übernehmen Verantwortung, engagieren sich als Leiterinnen und Leiter und gestalten mit.

heartofgodchurch.org

CHRISTINA JEREMIĆ IM PORTRAIT

Mihaelas Tochter ist zwei Jahre alt, als bei ihr Parodontitis diagnostiziert wird. Die entzündliche Erkrankung führt zu einem fortschreitenden Verlust von Zahnfleisch und Kieferknochen, was die Zähne lockert und im schlimmsten Fall zum Ausfallen bringt. Mihaela weiss, dass sie sich eine zahnärztliche Behandlung in Rumänien nicht leisten kann. Eine Bekannte empfiehlt ihr, in der Schweiz für eine kurze Zeit in der Prostitution zu arbeiten, um die Behandlung finanzieren zu können. In ihrer Verzweiflung folgt Mihaela dieser Empfehlung und landet in Luzern in einem Bordell. Sie verachtet sich schon bald für ihre Entscheidung, obwohl sie ihrer Tochter unbedingt helfen möchte. Nach etwa einem Monat in der Schweiz begegnet sie Christina Jeremić, die in ihr mehr sieht als nur ihren Beruf.

Christinas Geschichte

Schon während ihres Studiums begann Christina, sich gegen Menschenhandel einzusetzen. Ein Bezug zu sozial benachteiligten Menschen wurde schon früh durch ihr Elternhaus hergestellt. «Wir hatten immer ein offenes Haus. Menschen aus unterschiedlichen Lebenssituationen sassen an unserem Küchentisch oder feierten sogar Weihnachten mit uns. Das hat mich sehr geprägt.» Diese Prägung führte dazu, dass Christina Soziale Arbeit studierte. Während ihres Studiums schloss sie sich dem Verein bLOVEd an und begann mit Besuchen im Luzerner Rotlichtmilieu. Kein einfacher Einstieg: «Ich hatte keine Ahnung. Im ersten Bordell liefen die ganze Nacht Pornos auf allen Bildschirmen. Ich weiss noch, wie ich dort stand und dachte: Oh mein Gott, wo bin ich hier gelandet? Gleichzeitig hatte ich aber auch die Gewissheit und den Frieden darüber, dass ich am richtigen Ort war.» Die Anfangszeit war von grossem Enthusiasmus geprägt: «Mit Kaffee, Schokolade und Tee zogen wir als ein Team von spontanen Helfenden los, sprachen mit ihnen von Frau zu Frau, beteten gemeinsam oder redeten über Gott.» Sie waren teilweise auch etwas übermütig unterwegs. Christina erinnert sich: «Einmal brachten wir einen Grill mit auf den Strassenstrich. Wir grillierten den ganzen Abend, gemeinsam mit Prostituierten und etwa zehn Freiern. Das Verrückteste war, dass uns einer von ihnen Geld spendete, weil wir aus seiner Sicht so eine tolle Arbeit machten.» Damals gab es rund 30 Frauen auf dem Strassenstrich in Luzern. Heute würde man dort nur noch sechs oder sieben Frauen antreffen.

Wir grillierten den ganzen Abend, gemeinsam mit Prostituierten und etwa zehn Freiern.

Moderner Menschenhandel

Christina definiert Menschenhandel als eine Anwerbung unter falschen Versprechungen. «Den Menschen wird versichert, dass sie einen Job ausführen können, beispielsweise in der Reinigung oder in der Gastronomie, der dann den Erwartungen aber so gar nicht entspricht. Was dann passiert, ist Ausbeutung.» Die Betroffenen kommen an einen Ort, an dem sie etwas machen müssen, wozu sie nicht eingewilligt haben. Um dem entgegenzuwirken, gründete Christina im Jahr 2022 das Lona Project. Dort stehen Sensibilisierung, Prävention und Aufklärung im Fokus. «Wir wollen Menschen dazu ermutigen, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich für Betroffene einzusetzen.» Sie bieten Schulungen an für Jugendliche aus vulnerablen Gebieten. Das sind z. B. Länder, die von Armut betroffen sind. Jugendliche, die in instabilen Familienverhältnissen aufgewachsen sind, seien in vielen Fällen auch stärker gefährdet. «Es geht darum, Würde zu vermitteln und ihnen ihren Wert aufzuzeigen. Ich bin überzeugt: Wenn du in deiner Persönlichkeit sicher verankert bist, dann lässt du dich nicht so einfach beeinflussen und kannst bessere Entscheidungen treffen.» Während ihres Besuches in einer Roma-Gemeinde in Montenegro machten Christina und ihr Team die Aussage, dass man mit oder ohne Uniabschluss gleich viel wert sei. Der Wert hänge auch nicht davon ab, ob man lesen oder schreiben könne. Ob man aus der Schweiz oder aus Montenegro komme, sei völlig egal. Daraufhin kam ein Ro-ma-Junge zu Christina, sah sie an und meinte: «Du willst mir wirklich sagen, dass du aus der Schweiz gleich viel wert bist wie ich, der aus Montenegro stammt und zudem Roma ist?» Christina versicherte ihm, dass wir alle vor Gott gleich viel wert seien. «Ich werde nie vergessen, wie sich seine Augen augenblicklich mit Tränen füllten.» Gemeinsam mit ihrem Team arbeitet Christina daran, das Präventionsprogramm von Lona Project auszubauen und externe Partner zu gewinnen, die ihre Arbeit vor Ort unterstützen können.

Die Panikattacke

Bei einem weiteren Treffen erzählt Mihaela, dass sie als Kind in Rumänien mehrmals an einem christlichen Lager teilgenommen hat, das von Missionaren organisiert wurde. Die Lieder, die sie dort gesungen haben, kennt sie noch alle. Wenn es ihr nicht gut geht, summt sie diese Lieder immer wieder vor sich hin. Kurz nach dem Treffen der beiden ging wegen der Pandemie auf einen Schlag alles zu. «Wir mussten gemeinsam schauen, wie Mihaela nach Hause kommen konnte. Sie fand glücklicherweise noch einen Flug nach Budapest, von wo aus sie mit dem Zug nach Rumänien fuhr», erinnert sich Christina. Während der Zugfahrt hatte Mihaela eine Panikattacke. In ihrem Abteil sass ein rumänischer Theologiestudent. Er begann zu beten und aus der Bibel vorzulesen. Immerzu sagte er: «Jesus komm, Jesus komm.» Mihaela erlebte einen Moment des tiefen Friedens, und die Panik wich. Christina erinnert sich, wie Mihaela aus Bukarest anrief: «Christina, ich habe diesen Gott erlebt. Ich habe die gleiche Nähe gespürt wie damals im Kinderlager. Ich will nicht mehr in der Prostitution sein. Was mache ich jetzt? Ich habe im Keller noch eine Bibel. Wo muss ich anfangen zu lesen?» Von da an unterhielten sich die beiden einmal in der Woche, und Christina leitete Mihaela im Bibellesen an.

Menschenwürde wiederherstellen

Betroffene Personen lebten oft mit einer Art zweigeteilter Persönlichkeit, erklärt Christina. Zum einen sei da die Person, die in der Prostitution arbeitet, zum anderen aber auch die Mutter, Freundin und Tochter. Die beiden Welten haben nichts miteinander zu tun. Deshalb geben sich die Frauen oft auch einen anderen Namen. «Einmal sagte mir eine Frau, sie sei eine Prostituierte, aber kein Roboter. Sie habe ein Herz. Sie habe gelernt, ihr Herz auszuschalten, wenn sie anschaffen gehen muss, wüsste aber, zu welchem Zeitpunkt sie es wieder einschalten kann.» Gott spricht uns Würde zu und gibt uns einen Wert. Christinas Wunsch ist es, dass Menschen das erfahren dürfen. Dabei achtet sie sehr darauf, wie sie kommuniziert. Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, bedeutet, sie samt ihrer Entscheidungen zu respektieren, insbesondere dann, wenn jemand aus freien Stücken in der Prostitution sein möchte. Aus Christinas Sicht kann die menschliche Würde zwar verletzt, aber niemals ganz genommen werden: «Unsere Worte und Taten haben viel Kraft. So wie wir etwas durch Worte und Taten kaputt machen können, kann durch Worte und Taten auch Wiederherstellung passieren. Menschlichkeit bedeutet, die Menschen nicht auf das zu reduzieren, was ihnen passiert ist oder was sie tun. Es geht darum, den kompletten Menschen zu sehen.»

Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, bedeutet, sie samt ihrer Entscheidungen zu respektieren.

Während ihrer Besuche in Osteuropa hat Christina gemerkt, dass das, was sie und andere in der Schweiz auf dem Strassenstrich unternehmen, zwar gut ist, aber nicht wirklich die Wurzel des Problems trifft. Die Würde der Menschen sei dann bereits verletzt. Sie wiederherzustellen ist zwar möglich, nimmt aber sehr viel Zeit in Anspruch. Christina und das Team von Lona Project wollen neben der Präventionsarbeit realistische Alternativen zur Prostitution bieten, damit die Menschen gar nicht erst in eine solche Situation hineingeraten. Sie denkt dabei u. a. an Kleinkredite, mit denen kleinere Unternehmen realisiert werden können.

Der Heilungsprozess

Nach ihrem Ausstieg aus der Prostitution konnte Mihaela zum einen die Behandlung ihrer Tochter bezahlen, zum anderen begann für sie ein langwieriger Prozess der Heilung und der Vergebung sich selbst gegenüber. Heute weiss sie, dass sie sich nicht länger schuldig fühlen muss, dass sie Gott begegnen darf und – vor allem – dass sie wertvoll ist. Einmal sagte sie zu Christina: «Du hast immer an mich geglaubt, du siehst mich als Mensch und nicht als Prostituierte.» Genau das macht aus Christinas Sicht den Unterschied: Nicht in der Vergangenheit verweilen und auf das Negative schauen, sondern sich auf die Zukunft der Betroffenen fokussieren.

Es geht uns alle an

Verantwortung gegen Menschenhandel zu übernehmen, beginne beim eigenen Konsumverhalten, erinnert Christina. Es gelte abzuwägen, ob es darum geht, möglichst günstig zu konsumieren, oder ob man sogar mit dem eigenen Konsumverhalten anderen Menschen Würde geben kann, weil sich dadurch ihre Arbeitsbedingungen verbessern. «Wir haben das Gefühl, Menschenhandel passiere nur in einer Parallelwelt, nicht in unserer Umgebung. Aber überleg dir mal, wo du deine Nägel machen lässt. Unter welchen Konditionen wird in diesem Studio gearbeitet? Oder frage dich, mit welchem Blick du auf bettelnde Menschen am Bahnhof schaust.» Das heisse nicht, dass in jedem Fall die Polizei gerufen werden müsse, weil diese Personen von Menschenhandel betroffen sein könnten, erklärt Christina. Die Begegnung sollte vielmehr von Menschlichkeit geprägt sein.

Dafür finde sie auch Hinweise in der Bibel. An vielen Stellen im Buch Jesaja (z. B. Jesaja 1,17) oder in den Sprüchen geht es darum, dass wir uns für Gerechtigkeit einsetzen sollen, uns um Witwen und Waisen kümmern, um die Schwachen in der Gesellschaft. Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind, steht in Sprüche 31,8. «Ich habe mich intensiv mit diesen Textpassagen auseinandergesetzt und mir überlegt, warum das damals so wichtig war. Witwen und Waisen fielen damals durch das soziale System. Der Mann war der Versorger. Wenn er starb, brach einem der Boden unter den Füssen weg.» In unserer heutigen Gesellschaft sind Menschen besser geschützt und werden von sozialen und staatlichen Systemen unterstützt. Darum fragt sich Christina: «Wer sind unsere heutigen Witwen und Waisen? Sind es nicht Menschen wie Mihaela? Menschen, die schutzlos sind, durch das System fallen und nicht gesehen werden. Als Christinnen und Christen haben wir aus meiner Sicht den klaren Auftrag, uns um diese Menschen zu kümmern.»

Lona Project setzt sich für Personen ein, die von Menschenhandel betroffen sind. Durch Präventionsprojekte und Workshops in Kirchen und Schulen sensibilisiert und unterstützt Lona Project gefährdete Menschen u. a. in Südosteuropa. Das Ministry von Campus für Christus Schweiz befähigt Menschen vor Ort für Präventionsarbeit und schult im Umgangmit Betroffenen.

lona-project.org

DR. YASSIR ERIC IM INTERVIEW

Wie hast du Unmenschlichkeit in deiner Kindheit erlebt?

Als Kind habe ich den Bürgerkrieg im Sudan miterlebt, wo Menschen gejubelt haben, als andere massakriert wurden. Das war für mich die erste Begegnung mit purer Unmenschlichkeit. Aber ich habe sie auch selbst gelebt. Unmenschlichkeit war Teil meiner Erziehung und Prägung. Sie wurde mir als Normalität vermittelt. Im Alter von acht Jahren brachte mich mein Vater in die Koranschule, wo Gewalt als Erziehungsmittel eingesetzt wurde. Wir lernten dort zwei Jahre lang den Koran auswendig, ohne zu reflektieren. Mein Ziel war, ein Hāfiz zu werden, eine Person, die den gesamten Koran auswendig rezitieren kann. Ich lernte, das Wort Toleranz nie zu verwenden, und wurde darin geschult, Menschen zu hassen, die nicht so dachten wie wir, anders aussahen oder einen anderen Glauben hatten.

Du erzählst in deinem Buch «Hass gelernt – Liebe erfahren» von einem christlichen Mitschüler, der deinen Hass zu spüren bekam.

Ja, die Geschichte von Zacharia ist mir immer präsent. Ich habe ihn als meinen Feind gesehen, weil er anders glaubte und anders aussah. Meine Freunde und ich wollten ihn umbringen und haben ihn brutal verprügelt. Ich höre noch heute seine Schreie. Auch gegen Juden waren wir voller Hass, ohne sie wirklich zu kennen. Wir haben gebetet, dass Gott die Juden auslöscht. Den Holocaust haben wir verherrlicht. Für mich war damals klar: So ein Handeln war ein Dienst für Allah und den Islam. Ich glaubte, etwas Gutes zu tun, indem ich die «Ungläubigen» bekämpfte.

Ich schämte mich zutiefst und dachte, er würde sich an mir rächen wollen. Aber er war mir gegenüber menschlich, obwohl ich so unmenschlich zu ihm gewesen war.

Jahre später trafst du Zacharia in Kairo wieder. Was löste diese Begegnung in dir aus?

Ich schämte mich zutiefst und dachte, er würde sich an mir rächen wollen. Aber er war mir gegenüber menschlich, obwohl ich so unmenschlich zu ihm gewesen war. Er sagte mir, er habe jeden Tag für mich gebetet. Ich erkannte, dass es nicht schwierig ist, Hass mit Hass zu begegnen. Aber um Hass mit Liebe begegnen zu können, brauchen wir Jesus Christus. In Zacharia habe ich den Menschen Jesus gesehen. Das war eine Begegnung, die meine innerste Überzeugung zerbrach. Ich verstand, dass Jesus nicht der Hassprediger war, als den ich ihn sehen wollte, sondern die Liebe selbst.

Wie kam es zu deiner Hinwendung zu Jesus Christus?

Die erste Saat wurde gesät, als der Sohn meines Onkels todkrank im Krankenhaus lag. Ich war gerade bei ihm, als zwei koptische Christen an sein Bett kamen. Aus Höflichkeit erlaubte ich ihnen, für den Jungen zu beten. Das Kind wurde gesund, und ich begann an dem, was ich über Christen gelernt hatte, zu zweifeln. Ich kam mit den Männern ins Gespräch. Nach stundenlangem Austausch sprach ich ein Gebet: «Jesus, wenn du lebendig bist, will ich dich kennenlernen.» Dieses Gebet hat mein Leben verändert.

Wie hat sich dein Menschenbild seither verändert?

Gott hat mich gefunden durch die Menschlichkeit von Christen. Mein Menschenbild ist heute eines der Hoffnung. Ich glaube, dass jeder Mensch von Gott mit einer unveräusserlichen Würde ausgestattet wird, unabhängig von Herkunft oder Glauben. Wenn mein Gottesbild verzerrt ist, wird auch mein Menschenbild verzerrt sein: Im Islam wurde mir beigebracht, dass wir würdelose Knechte sind, die sich Allah unterwerfen müssen. Im Christentum habe ich gelernt, dass wir Kinder Gottes sind, die eine Beziehung zu ihm haben können.

Du bist heute Bischof. Was möchtest du in deiner Rolle bewegen?

Meine Aufgabe als Bischof von EK-KIOS, die als weltweite kirchliche Bewegung Christen mit muslimischem Hintergrund unterstützt, sehe ich darin, Brücken zwischen Kulturen und Religionen zu bauen. Die Bewegung, die ich ins Leben gerufen habe, ist heute ein Netzwerk, das ehemalige Muslime (sogenannte «Muslim Background Believers») betreut, die sich wegen ihres Übertritts zum Christentum oft Verfolgung ausgesetzt sehen. Mir ist es besonders wichtig, dass wir wieder lernen, menschlich miteinander umzugehen und einen längst überfälligen, kritischen Dialog der Kulturen und Religionen führen. Konflikte müssen offen benannt und gelöst werden, nur so wird ein friedliches Miteinander möglich.

Ich bin zuversichtlich, dass wir wieder menschlicher werden, wenn wir uns auf die Liebe besinnen, die Jesus uns vorgelebt hat.

Du betonst die Verbindung zwischen Judentum und Christentum. Warum ist das in deinen Augen wichtig?

Das Christentum ist ohne das Judentum nicht zu verstehen. Die Heilsgeschichte Gottes läuft durch beide hindurch. Mich stört die Unterscheidung zwischen Altem und Neuem Testament, weil es eine einzige Geschichte ist. Im Islam benutzen wir Begriffe wie «Jesus» oder «Maria», meinen aber völlig andere Dinge. Wenn wir die Wurzeln nicht verstehen, können wir das Endprodukt nicht begreifen. Das Asylprinzip, also dass man Fremde aufnimmt, ist ein zutiefst jüdisch-christliches Prinzip, das uns daran erinnert, dass auch wir Fremde sind, die von Gott auf- und angenommen wurden.

Die Juden waren Sklaven in Ägypten. Im selben Land suchte Jesus als Kleinkind mit seinen Eltern Schutz. Als Gemeinde Jesu sind wir ebenfalls Fremde in dieser Welt.

Wie können wir in einer Welt, die von Polarisierung und Abwertung Andersgläubiger und -denkender geprägt ist, das Menschliche in jedem Menschen sehen?

Das gelingt nur in der direkten Begegnung. Wie ich in meinem Buch schreibe: «Wo keine Begegnung stattfindet, bleibt man fremd.» Wir müssen über unseren Schatten springen und uns auf den anderen zubewegen. Ich habe gelernt, zwischen dem Islam als Dogma und den Muslimen als Menschen zu unterscheiden. Schädliche Glaubensüberzeugungen möchte ich generell hinterfragen, nicht jedoch den Menschen, der diese Überzeugung hat. Das ist schwierig, aber meiner Meinung nach der wahrhaft christliche Umgang miteinander. Fremde sind oft nur Freunde, die wir noch nicht kennengelernt haben.

Das Weltgeschehen scheint von einer sich zuspitzenden Rhetorik geprägt zu sein. Wie nimmst du das wahr?

Ja, das bereitet mir Sorge. Ich sehe, wie der Ton in Politik und Gesellschaft rauer wird. Aber ich bin auch dankbar, in einem Land zu leben, in dem die Würde des Menschen unantastbar ist. Das ist ein hohes Gut und nicht selbstverständlich. In meinem Herkunftsland Sudan ist das nicht der Fall. Was mich betrübt, ist, dass die Menschen dieses Gut zu bewahren versuchen, ohne zu sehen, woher es kommt. Ich wünsche mir, dass Europa wieder zu seinen Wurzeln zurückfindet und erkennt, dass Toleranz und Freiheit nicht einfach so entstanden sind. Sie stammen aus der jüdisch-christlichen Prägung: Gott hat uns so geschaffen, dass wir auch Nein sagen können – das ist der Ursprung von Toleranz und Freiheit. Als Aussenstehender sehe ich vielleicht deutlicher, dass die Kultur und Geschichte Europas mehr zu bieten haben als die Kreuzzüge und den Kolonialismus. Aber wir sind arrogant geworden und haben Gott durch Dinge wie Professionalität und Fortschritt ersetzt. Dabei verlieren wir das Menschliche. Das Kreuz auf der Schweizer Flagge ist nicht nur ein Plus, sondern zeugt von dieser Kultur.

Hast du Hoffnung, dass wir (wieder) menschlicher werden?

Ich bin zuversichtlich, dass wir wieder menschlicher werden, wenn wir uns auf die Liebe besinnen, die Jesus uns vorgelebt hat. Was mir hilft, nicht dem Fatalismus zu verfallen und an das Gute im Menschen zu glauben, ist die Überzeugung, dass wir von Gott so geschaffen wurden, dass wir uns verändern können. Als Gesellschaft, als Einzelne und als weltweite Kirche sollten wir uns wieder an diesen Ursprung erinnern. Wir müssen uns auf die direkten Begegnungen einlassen und Versöhnung suchen, wo Trennung herrscht. Das ist eine Frage des Mutes und der Liebe. Meine Hoffnung ist konkret in Jesus Christus begründet, denn ich weiss, wohin ich gehe, sollte ich heute sterben. Er gibt mir die Gewissheit auf ewiges Leben und das lässt mich zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Dr. Yassir Eric setzt sich für interreligiösen Dialog ein und versteht sich als Brückenbauer zwischen Islam und Christentum. Der einstige radikale Islamist musste nach seiner Hinwendung zu Jesus Christus seine Heimat verlassen und wurde von seiner Familie verstossen. Seit 1999 lebt er in Deutschland. Er leitet das Europäische Institut für Migration, Integration und Islamthemen an der AWM Korntal, ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Die meisten Dinge, die Gott schuf, sind erstaunlich bunt! Vielseitig, vielschichtig, vielfarbig. Oder in anderen Worten: Wir können viel voneinander lernen

«Das leben ist nicht schwarz-weiss» – der Titel des Projektes von Judy und Patrick könnte genauso gut der Claim ihres ganzen Lebens sein. Ich will wissen, wie es denn stattdessen ist, ihr Leben. «Auf jeden Fall sehr voll, sehr bunt, sehr vielfältig, teilweise herausfordernd. Aber voller Güte, Dankbarkeit, Hoffnung und Zuversicht.» Judys und Patricks Alltag ist geprägt von vielen Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Menschen. Als interkulturelles Paar wissen sie eines sehr gut: «Der Mensch tendiert zur eigenen, kleinen Welt. Über andere Menschen lässt sich diese kleine Welt wieder weiter, grösser machen. Darin steckt ein enormer Reichtum.»

Ich lebe, weil ich mich bewege. Ich werde. Ich bleibe gespannt – auf mich. Und darum auch und erst recht – auf dich.

Wir treffen uns zu dritt. Online. Wie man das eben so macht, wenn einen geografisch über 600 Kilometer trennen. Ich weiss, dass ihre Tage eng getaktet sind. Umso mehr berührt es mich, dass die beiden mir am Bildschirm in einer fröhlichen Entspanntheit gegenübersitzen, als ob sie alle Zeit der Welt für unser Gespräch hätten. Schnell merke ich: Die beiden sind Menschen-Menschen.

Ich bitte Judy und Patrick, sich gegenseitig zu beschreiben. Judy legt los. Und zwar in einer Weise, als ob sie nicht schon bald drei Jahrzehnte verheiratet wären, sondern sich eben erst verliebt hätten. Patrick sei selbstbewusst, witzig, treu, unterstützend, talentiert, könne gut kommunizieren und gehe überall auf der Welt auf Leute zu, als gäbe es keine sprachlichen oder kulturellen Hürden zu nehmen. Patrick legt nach. Judy sei ein sehr offener Mensch, habe viel Energie, höre Menschen zu, komme ihnen nah und lasse für andere alles stehen und liegen.

Zur Frage, wie sie beschreiben würden, was sie tun: «Weil man, gerade in Deutschland (und in der Schweiz genauso [Anm. d. Autorin]), einen Beruf braucht, um sich zu erklären, ist das unser Beruf: Kunst. Musik. Schreiben. Sprechen.»

Über sich selbst sagen sie auch, sie seien Pilgernde. Sie wollen Lernende, Erlebende und Sich-Verändernde bleiben, weil Leben erstarrt und abstirbt, wenn es sich nicht bewegt. Wie das gelingt? «Auf jeden Fall da, wo man sich mit Menschen auseinandersetzt, die nicht so sind, wie man selbst ist.» Das gelingt, wenn man nicht nur spricht, sondern auch zuhört. Und indem man mit ein bisschen Demut durch die Welt geht. Immer im Bewusstsein, dass es auch andere Perspektiven als die eigene gibt. «Das Ganze ist immer mehr als nur die eigene Erfahrung.»

Judy und Patrick wandern nicht ziellos umher. Pilgern hat ein Ziel. Ihres ist die Ewigkeit. Die grosse Perspektive helfe, Dinge im Hier und Jetzt zu ordnen und Wichtigkeiten richtig zu sehen. In diesem Sinne war auch das Gespräch mit dem syrischen Kurden, der gestern in ihrem Garten sass und mit dem sie über seine Familie sprachen, wichtig. Eben wichtiger als die Dinge, die dringend erledigt werden mussten.

Über andere Menschen lässt sich diese kleine Welt wieder weiter, grösser machen.

Alles, was das Herz und die Hüften bewegt.

Mit der Musik waren die beiden in den letzten Jahrzehnten rund um den Globus unterwegs. «Das Grossartige an Musik ist die Chance, an viele Orte zu reisen. In die Welt und in die Seele.» Von der kleinen Konzertlesung in Deutschland bis zu einem Auftritt in Rio de Janeiro vor Papst Franziskus und drei Millionen Jugendlichen haben sie schon alles gesehen, was das Leben zweier Kunstschaffender so hergibt. Bis zur Pandemie 2020 verging über zehn Jahre lang kein einziger Monat, ohne dass sie irgendwo auftraten. Über eine so lange Strecke von der Kunst zu leben, bedeutet vor allem eines: sehr viel Arbeit. «Kreativität ist zu 90 Prozent Schweiss, nicht Inspiration.» Ideen haben viele. Nur wenige probieren aus, setzen um und bleiben danach dran. Judy und Patrick gehören definitiv zu den Ausprobierern und Dranbleiberinnen dieser Welt. Sie sagen selten «Geht nicht.» oder «Wird kompliziert.», sie sagen: «Wir machen das jetzt einfach und hoffen, dass es funktioniert.»

Judy zeichnet unter anderem ihr «hörendes Herz» aus. Und so entstehen ihre Lieder nicht aus dem luftleeren Raum, sondern aus den Dingen, die sie hört, wenn sie in sich selbst hineinhört, andern und auch Gott zuhört. «Ich möchte das, was ich habe, anbieten und nicht für mich behalten. Das bleibt meine Motivation.» Ob das bedeutet, über Jahrzehnte hinweg neue Lieder zu schreiben und sie mit anderen zu teilen oder im eigenen Dorf einen Raum zu schaffen, wo sich Leute begegnen, die sich sonst nie begegnen würden, ist für die beiden einerlei. In allem, was sie mir erzählen, spüre ich ihren Antrieb, aus der persönlichen Beziehung zu Gott heraus Grosszügigkeit mit Menschen zu leben. So entsteht etwas Echtes zwischen Menschen.

Keiner soll ein Fremder sein.

Judy und Patrick leben mit ihren Söhnen auf dem Dorf. Ein grosser Kontrast zu den Orten, die sie weltweit besuchen. Aber auch ein guter Gegenpol zu dem vielen Unterwegssein. Die Welt ist auch in ihrem Dorf zu finden. Genauer im Zentrum für Geflüchtete. «Bei uns wurde aus einem viel zu lange währenden ‹Man müsste mal› an einem Nachmittag ein schlichtes ‹Wir gehen jetzt einfach!›.» Aus diesem Losgehen entstanden eine Arbeit mit Geflüchteten, ein Verein und unzählige Events und Initiativen. Nicht leicht, den Überblick zu behalten, wenn die beiden davon berichten, so vieles hat über die Jahre stattgefunden. Da sind erstmal die Sommer- und Begegnungsfeste, wo so unterschiedliche Geschichten zusammenkommen, weil so unterschiedliche Menschen auf ein und derselben Festbank sitzen.

Von der Kurdin bis zum Bundestagsabgeordneten. Dann hatten die beiden auch schon mal die Idee der «Küchentischgespräche». Drei Deutsche an einem Tisch, die verschiedener nicht sein könnten. Denn: Deutschsein sieht man einem nicht an. Es gibt solche, solche und solche. Und immer wieder verbinden Judy und Patrick den Gemeinschaftsgedanken mit Musik und laden Geflüchtete aus dem Dorf zum Singen ein. Was als Workshop in der Schule begann, wurde zum Projekt «HOME.Alpenmusik», zu mehreren Konzerten, Open Airs und Musikproduktionen in Zusammenarbeit mit fünf Musikvereinen aus dem Dorf. «Das war musikalisch und menschlich irgendwo zwischen Abenteuer und Wunder!» Eine Zeile aus einem Lied, das bei dieser Initiative entstand:

Schau mich an und sieh den Mensch in mir. Wunder und Welten treffen sich hier.

Das sangen sich die Menschen im beschaulichen Dorf Alpen zu. Und meinten es genau so. Dieses «Sehen und Gesehenwerden» macht einen grossen Unterschied. «Wir wollen den ganzen Menschen sehen. Nicht die Schubladen, die mit ‹geflüchtet› oder ‹muslimisch› oder ‹deutsch› beschriftet sind. Wenn du die Leute wirklich kennst, sprichst du nicht so über sie. Dann sprichst du einfach von ‹Alischer› oder von ‹Malalai›.» Ihr Engagement beschreiben Judy und Patrick als «Protest gegen Grossmaulparolen im Besonderen und die Ungerechtigkeit der Welt im Grossen und Ganzen.» Wir unterschlagen einen Schatz, wenn wir die soziokulturelle Erfahrung anderer nicht integrieren. Dafür muss man aber, egal ob in kirchlichen, gesellschaftlichen oder privaten Kontexten, Leute aus verschiedenen Hintergründen mit an den Tisch holen. Eine Gruppe von weissen Männern im mittleren Alter ist nun mal nicht vielseitig.

Auch im Privaten läuft das bei Judy und Patrick nicht anders. Sie verstecken beispielsweise an Ostern 160 Eier im eigenen Garten und laden alle ein, die kommen wollen. Auch die, die Ostern gar nicht kennen. Und so wurde dieser Feiertag tatsächlich ein Fest des Lebens. «Es ist ganz einfach. Wir sind so beschenkt von Gott. Wir haben alles. Es ist das Mindeste, was wir machen können.» Die Familie Bailey-Depuhl findet immer einen Grund zu feiern. Egal ob Feiertag, abgeschlossene Bachelorarbeit, ein anstehendes Jahr im Ausland oder 55 Lebensjahre. Als ich mit Judy und Patrick spreche, steht die nächste «Fami-ly-Sommer-Party» vier Tage bevor. «Es werden wohl weit über hundert Menschen da sein. Die Nachbarin genauso wie Geflüchtete, der Pfarrer und der Bürgermeister.» Übrigens: Man müsse nicht immer gross denken. Es gehe auch ganz klein. «Aber irgendwie mal machen.»

Wir reden und denken, hoffen und lieben, wir zweifeln, verzweifeln manchmal und immer wieder überleben wir.

Judy und Patrick erzählen in ihrem Projekt «Das Leben ist nicht schwarz-weiss» nicht nur die schönen, sondern auch die schweren Geschichten. Und die Geschichten hinter den Geschichten. Sie lassen die Lasten, aber auch die Hoffnung nicht aus. «Man sollte beides erzählen.» Ihr Normal ist durchmischt. Wie bei allen von uns. Judy und Patrick sind Farbenund Hoffnungssammler, aber auch Verletzte und Stolpernde. Nichts bleibt bei den beiden an der Oberfläche. Auch nicht die Rede von der Verletzlichkeit. Sie legen den Finger auf die Stellen, die weh tun. Auf schattiges Familienerbe, ungelöste Geschichten, eine schwierige Vaterbeziehung, den jahrelangen Kampf mit Bulimie, Alltagsrassismus in Deutschland, strukturelle Ungerechtigkeit, Auswirkungen des Kolonialismus auf Barbados. Sie schreiben und singen von sich und über sich, aber auch über ihren Blick auf die Welt. Persönlich, biografisch, politisch und gesellschaftskritisch.

Wir wachsen auf dem Humus des Vergangenen.

Unser Erbe, unsere kulturelle Prägung, trägt entscheidend dazu bei, wer wir sind. «Knowledge is Power», sagt Judy dazu. Das ist der Grund, warum die beiden tief graben, eine innere Reise zu ihren Wurzeln gemacht haben. Das Bild des Baumes ist ihnen dabei wichtig. «Wenn wir gute Früchte sehen wollen, uns um die Pflanze, die unser Leben ist, kümmern wollen, müssen wir uns auch für die Wurzeln interessieren.» Auch wenn es schwer ist. Auch wenn wir dabei auf Dinge stossen, die kein Mensch sich freiwillig in den Rucksack packen würde. Nur so entsteht ein neues Bewusstsein für die eigene Erfahrung.

Dass ich überhaupt hier bin, erfahre ich als Segen, wenn ich an meine Vorfahren denke, die viel überleben mussten.

Die Ware waren wir.

«Dass ich überhaupt hier bin, erfahre ich als Segen, wenn ich an meine Vorfahren denke, die viel überleben mussten.» Wenn Judy über Generationen zurückblickt, ist da eine Geschichte von ausgerissenen Wurzeln. Westafrika, Sklaverei, die ganzen Abgründe von Unmenschlichkeit, Unterdrückung und Grausamkeit. «Unsere DNA hat Afrika nie vergessen.» Judy hätte so viel Grund, wütend zu sein. Heute als selbstbestimmte Frau zu leben, mit einem weissen Mann verheiratet sein zu wollen – pure Güte und Segen in Judys Retrospektive. Der Fluch liegt darin, dass die Geschichte bis ins Heute reicht. «Wenn ich rausgehe, könnte ich beleidigt und bespuckt werden, unsere Kinder könnten in Gefahr geraten, sie erleben immer wieder Diskriminierung. Das ist unsere Realität.»

Sometimes it can change everything knowing where you come from.

Judys grosses Herz für die Geflüchteten in ihrem Dorf kommt nicht aus dem Nichts. Es versteht, weil es selber weiss. Gefragt nach ihrem Umgang mit dem Schmerzhaften, zu dem ihre Blutslinie führt, sagt sie: «Für mich ist es, wie es ist. Es ist ein Teil von dem, was ich trage.» Daran, wie Judy das sagt, haftet nichts Passives und auch kein Übertünchen. Sie benennt Unrecht klar, spürt den alten, unmenschlichen Geschichten nach, entscheidet aber selbst, was sie damit machen will. «Ich bin nicht Opfer.» «Gewisse Dinge muss man tragen, aber nicht immer ertragen», ergänzt Patrick.

Rassismus ist ein Schweinehund. Wir sollten ihn endlich ertränken. Das Problem: Das Biest kann schwimmen!

Judy und Patrick leisten mit ihrer Kunst auch viel Aufklärungsarbeit in Sachen Rassismus. Als ich in Deutschland kürzlich einen kleinen Teil ihrer Konzertlesung besuchen durfte, machte ich folgende Beobachtung: Als sie auf die «weissen Privilegien» zu sprechen kamen, stand ein älterer, weisser Herr auf und verliess den Raum. Sehr schlechtes Timing, dachte ich. Vielleicht musste er nur aufs Klo. Vielleicht aber auch nicht. Privilegierte sollten zuhören und nicht ausweichen. Nicht mit Beschwichtigungen und Besserwisserei reagieren, nur weil es unangenehm wird. «Wir sind nicht an allem schuld, sind aber auch nicht so unschuldig, wie wir es gerne hätten.»

Es gibt eine menschliche Rasse, aber eben nur eine!

Judy und Patrick wünschen sich Menschen, die Antirassisten werden. Solche, die versuchen, zu entlernen. Einen Schritt zurück machen und Zuschreibungen, die sie automatisch machen, hinterfragen. Denn: «Wir sind wunderbar unterschiedlich und andererseits einfach gleich.»

Ich bin beschenkt und gesegnet durch meinen Vater. Aber auch zutiefst verletzt. Da ist beides da.

Manchmal übermannt das Dunkle das Licht.

Patricks Wurzeln gehen zurück in ein Nachkriegsdeutschland, in eine Zeit, in der die meisten entschieden, nicht mehr über das zu reden, was war. Patrick ist auf einem Hof aufgewachsen, den seine Eltern zu einem Jugendcamp umgebaut haben. «Erstmal war so aufzuwachsen ein grosser Segen. Gleichzeitig war auch immer so eine Last da. Etwas Verstecktes. Ich konnte es nie benennen.» Viel wurde verschwiegen und blieb ein Geheimnis. «Das Unausgesprochene hat sich anders erzählt. In der cholerischen Art des Vaters. In Wut.» Eine Aussprache oder Versöhnung ist nicht mehr möglich. Patrick entdeckt erst nach dem Tod seines Vaters Familiengeheimnisse, die in ein Lebensborn-Heim der SS zur Zeit des Nationalsozialismus zurückgehen. Grosse Teile der Vergangenheit bleiben ungeklärt. Erst die heutige Enkelgeneration in Deutschland, zu der Patrick gehört, will wissen, wie ein gesunder Umgang mit den Dingen gelernt werden kann, über die alle nur schwiegen.«Ich bin beschenkt und gesegnet durch meinen Vater. Aber auch zutiefst verletzt. Da ist beides da.»

Die Fähigkeit, das Dunkle und Schwierige zu integrieren in ihre Geschichte, beeindruckt mich. Bei Judy und Patrick steht der Schmerz mit der Lebensfreude. Die Ungerechtigkeit mit der Grosszügigkeit. Der Schatten mit dem Licht.

Für uns ist es eine Gnade und ein Wunder. 
Ein grosses Dennoch Gottes. Die Hoffnung. Die Liebe. 
Das Leben. – Sie lassen sich nicht unterkriegen.

 

Patrick Depuhl ist Autor, Kommunikationswissenschaftler und eine Stimme, die bewegt. Mit Judy ist er unterwegs mit Konzerten und musikalischen Projekten. Zurzeit auch mit «Das Leben ist nicht schwarzweiss» – zutiefst persönliche Geschichten und Songs.
Judy Bailey ist Singer-Songwriterin und studierte Psychologin. Sie spielte ihre Lieder vor Millionären, Präsidentinnen und dem Papst, ebenso vor Obdachlosen, Geflüchteten und Gefangenen.

HELMA UND DANIEL HALLER IM INTERVIEW

Vovô und Vovó, wo fühlt ihr euch zuhause?

Daniel: Das ist keine leichte Frage. Ich würde sagen, auf beiden Seiten des Ozeans. Wir haben in Brasilien sowie in der Schweiz Freunde und Verwandtschaft, die wir liebhaben.

Helma: Ich würde eher behaupten, dass wir hier in Brasilien zuhause sind. Aber wie Vovô sagt, ist man da zuhause, wo die Menschen sind, die einem nahestehen. Wir haben unser ganzes Leben hier in Brasilien verbracht und trotzdem fühlen wir uns in der Wohnung in der Schweiz bereits wie zuhause – weil es die Menschen sind, die das «Sich-zuhause-Fühlen» ausmachen. Natürlich fehlt dort noch etwas die persönliche Note, aber das wird mit der Zeit kommen.

Daraus lässt sich doch eine Formel ableiten: Heimat = Freunde + Familie + Wohnung.

Helma: Ich würde die Familie an die erste Stelle setzen.

Daniel: Die Formel stimmt für mich, da habe ich nicht viel auszusetzen.

Hattet ihr schon immer das Gefühl, an zwei Orten auf der Welt zuhause zu sein?

Daniel: Naja, bis zu unserem Wohnungskauf vor einem Jahr waren wir in der Schweiz immer nur zu Gast. Das ist natürlich nicht dasselbe Gefühl wie jetzt, wo wir eine eigene Wohnung haben, in die wir uns zurückziehen und in der wir uns einfach auf die Couch hinfläzen können.

Helma: Wir haben diese Spannung aber immer schon gespürt. Obwohl wir stets hier in Brasilien gelebt haben, sind wir ganz und gar europäisch geprägt.

1982 habt ihr zum ersten Mal gemeinsam mit euren Kin dern die Schweiz besucht. Fühlte sich das wie ein Nachhausekommen an?

Helma: Nicht wirklich. Aber als wir beim Wandern das Berner Oberland mit eigenen Augen sehen durften, überstieg die wunderschöne Natur jegliche Vorstellung, die ich bis dahin gehabt hatte. Plötzlich wurden alle Geschichten und Jugendbücher, die ich einst gelesen hatte – wie z. B. Heidi –, lebendig. Das war ein kolossales Erlebnis.

Daniel: Mir ging es ähnlich. Plötzlich wurde dieses Land, von dem ich schon so viel gehört hatte, real. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt viele Gefühle in mir, aber keines davon war ein Heimatgefühl.

Welche Folgen hatte dieser Besuch für euch?

Daniel: Das war an erster Stelle für unsere Kinder ausschlaggebend. Unsere Tochter Monika reiste mit 18 Jahren in die Schweiz, um ein Jahr dort zu bleiben. Daraus wurde ein lebenslanger Aufenthalt, nachdem sie dort ihren Mann kennengelernt hatte.

Helma: Seit diesem Besuch ist unsere Verbundenheit und dadurch auch das Heimatgefühl für die Schweiz stetig gewachsen.

Ist Zwiespalt das richtige Wort, um euer Leben zwischen zwei Welten zu beschreiben?

Daniel: Da ist schon etwas dran, es hat seinen Preis. Wenn du an einem Ort bist, fehlt dir etwas aus der anderen Heimat und umgekehrt. Ich glaube, dieser Zwiespalt ist etwas, das jeder Auswanderer kennt.

Helma: Und sogar deren Nachkommen. Ich bin ja in Brasilien geboren und spüre trotzdem dieses Gefühl, an beiden Orten zuhause zu sein und doch nicht ganz dazuzugehören. Ich würde es allerdings eher als Ambivalenz beschreiben.

Ambivalenz also. Hilft euch euer Glaube dabei, mit dieser klarzukommen?

Helma: Jesus sagt uns in der Bibel: Wir sind in der Welt, aber nicht von dieser Welt – jeder Christ kennt diese Ambivalenz. Das lässt sich auch in unsere Realität übertragen.

Ihr steht mitten im Prozess, endgültig nach Europa zu ziehen. Wo steht ihr da aktuell?

Daniel: Die Frage stelle ich mir immer wieder selbst. Was hemmt uns denn, endgültig in die Schweiz zu kommen? Ein Grund ist sicherlich, dass ich trotz Pensionsalter in der bisherigen Firma weiterarbeiten kann.

Helma: Ich wäre schon jetzt bereit für den Umzug. Es gibt verschiedene Tätigkeitsbereiche in der Schweiz, in die ich mich gerne einbringen würde. Ausserdem sind wir jetzt noch fit genug, um Freundschaften zu schliessen und Neues anzugehen.

Daniel: Es ist eine Frage der Zeit. Aktuell warten wir noch auf grünes Licht, eine innere Ruhe, ein Zeichen von Gott, das sagt: «Jetzt ist es Zeit.»

Helma: Das ist aber keine Last. Wir danken Gott jeden Tag, dass wir das Vorrecht haben, uns in zwei Welten zuhause zu fühlen. Dieser ganze Prozess bis hierhin ist so reibungslos und ruhig verlaufen, dass wir nur staunen können. Deshalb sind wir auch getrost und wissen, dass wir es merken werden, wenn der Zeitpunkt kommt.

Habt ihr die Optionen einander gegenübergestellt?

Helma: Es gibt auf beiden Seiten positive und negative Aspekte. Irgendwann muss man sich einfach entscheiden. Und wenn man sich für etwas entscheidet, muss man etwas anderes loslassen. Das hat sich uns in verschiedenen Lebensbereichen gezeigt.

Hat sich diese Veränderung schon länger angebahnt oder ist der Gedanke daran erst in den letzten Jahren aufgekommen?

Helma: Wir haben vor 30 Jahren schon mal mit demselben Gedanken gespielt. Daniel hatte sich auf eine Stelle in der Schweiz beworben und den Vertrag bereits unterschrieben, um sich dann noch ein letztes Mal mit mir, die in Brasilien auf Bescheid wartete, abzusprechen. Ich war damals schon risikofreudiger als er und wäre bereit gewesen, unsere Zelte abzubrechen. Am Ende erhielt Daniel aber erneut ein Angebot von seinem bisherigen Arbeitgeber, das uns in Brasilien behielt.

Daniel: Ich weiss noch, wie ich damals sehr viel gebetet und trotzdem keine klare Antwort erhalten habe. Das war für mich frustrierend, weil Gott dazu einfach schwieg. Heute denke ich, dass beide Wege wohl gesegnet gewesen wären.

Was werdet ihr loslassen müssen?

Helma: Ich habe hier in Brasilien ein gutes Klavier, welches mich mein Leben lang als Dirigentin und Musikerin begleitet hat. Als wir vor 28 Jahren unsere Wohnung in Brasilien kaufen wollten, entschieden wir uns erst final, als Daniel ausgemessen hatte, ob mein Klavier in den Lift unseres Hochhauses passte. In der Schweiz werde ich nie ein so gutes Klavier besitzen. Das ist etwas, das ich einfach in Kauf nehmen muss.

Wie bewusst gestaltet ihr diese Phase des Übergangs?

Daniel: Wir beten jeden Tag dafür, dass Gott uns den richtigen Moment zeigen wird. Ein klares Zeichen wäre zum Beispiel, wenn mein Arbeitgeber mir mitteilen würde, dass es für mich an der Zeit ist, mich auszuruhen. Dieser Moment kann aber auch ganz anders aussehen. Ich weiss nicht, was Gott vorhat. Aber wir sind gespannt, was er uns noch zeigen möchte.

Wie begegnet euch Gott in dieser Phase?

Daniel: Immer wieder. Zum Teil in sehr irdischen Themen, die für uns aber ein klarer Fingerzeig Gottes sind.

Wie sieht so ein Fingerzeig aus?

Daniel: Zum Beispiel, wie wir zu unserer Schweizer Wohnung gekommen sind. Das war die letzte freistehende Option in der Überbauung. Sie war monatelang ausgeschrieben. Unterdessen prüften wir viele andere Möglichkeiten, die zum Teil älter waren und eine Renovation bedingt hätten. Am Ende dachten wir nochmals an diese Wohnung zurück, die erstaunlicherweise immer noch zu haben war, und erhielten eine Zusage. Alle Schritte verliefen so reibungslos. Andere würden wohl behaupten, das sei Zufall – für uns ist es das nicht. Wir merken, dass Gott uns den Weg bereitet, die Türen öffnet oder schliesst. Danach richten wir uns.

Habt ihr euch auch schon überlegt, dass ihr zu alt für einen solch grossen Schritt seid?

Helma: Für mich spielt das Alter keine Rolle. Daniel sagt öfter mal, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen soll. Vielleicht mache ich mir auch etwas vor. Solange wir fit sind, um neue Freundschaften zu schliessen und woanders Fuss zu fassen, sollen wir das tun. Was mich aktuell am meisten beschäftigt, ist das Aufräumen und Sortieren. Nach 55 Jahren Ehe und zwei Karrieren staut sich einiges an. Allein, was ich an Partituren in meinem Schrank habe …

Daniel: Die werden wir bestimmt nicht alle mitnehmen können!

Helma: Dieses Sortieren ist Teil meines Übergangs. Das ist keine leichte Phase, wenn man sich von Dingen verabschieden muss, die man nicht mehr braucht. Ich verbinde wertvolle Erinnerungen mit diesen Partituren. Jetzt landen sie im Altpapier. Und doch ist es ein gesunder Prozess, wenn man das selbst noch entscheiden kann.

Wie können wir Übergangsphasen erfolgreich meistern?

Helma: Indem wir nicht zu viel Angst vor Neuem haben. Gott hat so viele Überraschungen für uns bereit und meint es so gut mit uns! Die Angst sollte uns nicht daran hindern, neue Schritte zu wagen.

Daniel: Suche den Frieden. Das sollte unsere Richtlinie sein. Solange man innerlich nicht zur Ruhe kommt, stimmt irgendwas nicht. Dann sollte man besser abwarten und weiter beten, dass Gott einem den Weg zeigt. Wenn es so weit ist, wird sich der innere Frieden einstellen.

Helmas Familie emigrierte 1928 aus Berlin in den Süden Brasiliens. 22 Jahre später kam Helma zur Welt. Sie war lange als professionelle Musikerin und Dirigentin auf der ganzen Welt unterwegs. Daniel kam 1950 als Vierjähriger nach Brasilien. Seine Familie liess ihre Heimat in Colombier (NE) zurück. Als Ingenieur arbeitete er an vielen baulichen Grossprojekten in ganz Brasilien mit. Beide lieben das Wandern in den Schweizer Alpen und sind fanatische Bücherwürmer.

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