«Der Hurrikan brachte zum Vorschein, was vorher schon kaputt und mürbe war», sagt Gilberto und versucht, sich auf die zerlöcherte Strasse zu konzentrieren. Nach dem furchterregenden Ereignis im September 2022 sehen mein Mann und ich die Spuren der Zerstörung, die Hurrikan Ian in Kuba zurückgelassen hat: kläglich nackte Stümpfe der sonst so stolzen Königspalmen, bis auf das Fundament eingefallene Holzhäuser und notdürftig zusammengestellte Wellblechdächer. Würden wir mit ein paar dutzend Lebensmittelsäcken und einhundert von GAiN gelieferten Matratzen etwas verändern können?
«Mein Mann brachte unseren Sohn und mich in ein anderes Haus, damit wir dort den Sturm aussitzen konnten. Als wir am nächsten Tag zurückkehrten, konnte ich nur noch weinen. Unser Haus stand ohne Dach da. All unser Hab und Gut ist Ian zum Opfer gefallen: Kleider, Möbel, Matratzen, Küchenutensilien. Einfach alles!», erzählt uns Dialina, als wir ihrer Familie eine neue Matratze bringen. Ihr Mann Samuel und sie sind Pastoren aus Sandino. Samuel ergänzt: «Ich wusste gar nicht, wo wir mit dem Aufräumen beginnen sollten. Die ersten Wochen waren hart, weil wir weder Dach noch Strom noch Wasser hatten, kein Essen kochen konnten und es einfach immer noch weiter regnete.»
Einige Zeit später erfahren wir, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen ist. «Während der Kleine eine zusammengeflickte Matratze hatte, schliefen Samuel und ich zu Anfang auf dem Boden», erinnert sich Dialina. «Als die neue Matratze kam, realisierten wir, dass es nicht nur irgendein Schaumgummi war, sondern eine richtige Matratze!» Es hätte sogar Nachbarn gegeben, die bestürzt zum Quartierchef der Partei gelaufen seien und sich beschwert hätten. «Sie meinten, dass die Matratze von der Regierung subventioniert sei, und wollten wissen, warum sie keine oder eine von schlechterer Qualität bekommen hätten.» Dialina ergänzt: «Unsere Matratze ist etwas Besonderes. Auf ihr können wir bequem schlafen. Das ist wie wenn man mit Gott unterwegs ist: Wir stehen im Leben und sind zuversichtlich, gelassen und sicher, egal was rundherum gerade passiert. Die Matratze erinnert uns täglich daran – spätestens wenn wir uns am Abend ins Bett legen.»
Als ich Dialina schwärmen höre, wünsche ich mir für einen Moment auch eine solche Matratze. Dabei ist unsere wirklich gut genug. Ich stelle fest: Es gibt Menschen auf dieser Welt, die in einer Situation sind, in der eine Matratze nicht nur zu besserem Schlaf verhilft, sondern eine ganze Predigt darstellt – von einem Gott, der sich ganz konkret für die Menschen interessiert und sich um sie sorgt.
DR. KATHARINA STINGELIN IM INTERVIEW
Eine Somnologin ist eine Schlafexpertin. Das leitet sich ab vom lateinischen somnum, was Schlaf bedeutet. Eine Somnologin klärt Schlafprobleme ab, diagnostiziert Schlafprobleme und therapiert diese dann auch. In der Schweiz braucht man zunächst eine medizinische oder naturwissenschaftliche Vorbildung, einen Doktortitel und noch einige weitere Schritte, um sich als Somnologin akkreditieren lassen zu können. Die Somnologie ist noch ein kleines Gebiet der Medizin, das sich jedoch weiterentwickelt und wächst, was gut und wichtig ist.
Ich bin durch Zufall zum Schlaf gekommen. Während des Studiums habe ich ein Wahlfach zum Thema Schlaf bei Tier und Mensch besucht und das hat mein Interesse geweckt. Ich habe meine Master- und Doktorarbeit in diesem Bereich geschrieben. Das Interesse ist geblieben und ich bin in der Schlafmedizin gelandet.
Es gibt über achtzig bekannte Schlafkrankheiten. Einige davon sind körperlich, andere psychisch bedingt. Die Zusammenhänge und die Arbeit an diesen Phänomenen faszinieren mich bis heute und deshalb bin ich sehr gerne Somnologin. Mich begeistert es, Schlafprobleme nicht nur zu identifizieren, sondern Menschen dann auch konkret weiterhelfen zu können. Schlaf ist ein Thema, das wirklich alle betrifft und alle erleben, wie wichtig Schlaf für das eigene Leben und Wohlbefinden ist.
Vereinfacht gesagt betreten wir im Schlaf das Unterbewusstsein. Wir können unser Verhalten nicht mehr steuern und was im Gehirn währenddessen geschieht, ist unglaublich komplex. Wir durchlaufen unterschiedliche Schlafstadien und auch unsere Atmung verändert sich. Im Detail können wir vieles bis heute nicht definitiv erklären, weil wir schlafende Menschen nicht direkt befragen können. Schlaf ist ein Phänomen, das uns zeigen kann, was für Wunderwerke Gottes wir sind und dass wir eben nicht alles letztendlich erklären können.
Warum wir Schlaf brauchen, kann man bis heute nicht endgültig beantworten. Man weiss allerdings, dass wir ohne Schlaf garantiert sterben. Der Mensch ist kein Perpetuum mobile und kann ohne Erholung und Schlaf nicht überleben. Wir können Schlaf auch nicht mit anderen Dingen wie Essen und Trinken ersetzen.
Wir wissen heute, dass zu wenig Schlaf Auswirkungen z. B. auf unser Wohlbefinden hat. Im Kleinkindalter lernen wir unglaublich viel und saugen das Neue wie ein Schwamm auf. In dieser Lebensphase ist Schlaf für all die komplexen Lernprozesse besonders wichtig. Beim Lernen im Erwachsenenalter ist Schlaf für das Speichern und Verarbeiten des Neuen von zentraler Bedeutung. Wenn uns Schlaf fehlt, zeigt sich das unter anderem darin, dass wir langsamer werden, mehr Fehler machen, Heisshungerattacken erliegen oder emotional labil werden. Eine Nacht mit zu wenig Schlaf ist noch kein Problem, doch wo dies über mehrere Tage oder sogar Monate anhält, schadet es unserem Körper.
Eine Insomnie, eine stressbedingte Schlafstörung, kann viele Ursachen haben. Das können ein Todesfall im persönlichen Umfeld, ein Umzug, die Einschulung oder ein Jobwechsel sein. Solche Veränderungen beschäftigen uns, lassen die Gedanken kreisen und können dafür sorgen, dass wir schlecht einschlafen. Wo wir uns psychisch oder emotional nicht abgrenzen können, kann das unseren Schlaf beeinträchtigen. Aber auch körperliche Symptome wie Atemaussetzer können die Schlafqualität mindern. Der Unterschied zwischen psychischen und körperlichen Schlafstörungen liegt in der Therapie. Bei Stress geht es vor allem um Verhaltensänderungen, während bei körperlichen Beschwerden medizinisch nachgeholfen werden kann.
Je länger wir an Schlafproblemen leiden, desto länger dauert auch die Therapie. Deshalb sollte man bei Schlafproblemen, die länger als vier Wochen andauern, Hilfe aufsuchen. Nach Möglichkeit sollte man nicht zuerst mit Medikamenten gegen die Probleme angehen, sondern sich an eine Schlafklinik oder ein Schlafzentrum überweisen lassen.
Um die Probleme identifizieren zu können, wird ein Erstgespräch geführt. Die Patientin oder der Patient füllt ergänzend einen Fragebogen aus. Danach werden erste Schritte geplant, wie z. B. eine Nacht im Schlaflabor, eine zweiwöchige Messung zuhause mit Hilfe eines Bewegungsmessers oder das Ausfüllen eines Schlafprotokolls. Danach werden die Ergebnisse ausgewertet und konkrete weitere Massnahmen geplant. Ob Medikamente dabei helfen können, hängt von der Schlafproblematik ab. Grundsätzlich gilt es, Medikamente nur vorübergehend einzusetzen.
In meinem Umfeld wissen die meisten, dass ich Somnologin bin, und so werde ich immer wieder mit Anfragen konfrontiert und um Rat gefragt. Ich habe den Eindruck, dass Menschen eher ungern darüber reden, wenn sie bereits mit Medikamenten nachhelfen.
Wenn man jünger ist, spielt man Schlafprobleme schnell runter. Der Körper erholt sich schneller und einfacher, wenn er in jungen Jahren weniger Schlaf bekommt. Mit dem Alter verändert sich der Umgang unseres Körpers und unserer Psyche mit zu wenig Schlaf und so wird es zu einem wichtigen Thema.
Früher hat man den ganzen Tag auf dem Hof gearbeitet und ist dann abends müde und erschlagen ins Bett gefallen. Heute gibt es andere Schlafprobleme, die jedoch auch mehr abgeklärt werden. Sie sind ein Resultat unseres Lebensstils und des Luxus, der uns heute zur Verfügung steht. Es gibt neue Stressfaktoren, wie die grosse Medienflut oder die vielen Kriegssituationen und Krisen, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden.
Schlafentzug ist vielfältig. Wenn ich an einem Abend einen Film anschaue und deshalb später als gewohnt zu Bett gehe, ist das noch kein Schlafentzug. Aber auch diese Verkürzung der Schlafzeit werde ich am nächsten Morgen bemerken. Eine ganze Nacht ohne Schlaf führt bereits zu einer klaren Verlangsamung der Reaktionsfähigkeit. Chronischer Schlafentzug, z. B. durch wache Kinder oder beruflichen Druck, wirkt sich nach etwa einem Monat auch auf unsere Reaktions- und Leistungsfähigkeit aus. Sekundenschlaf, Arbeitsunfälle, Genervtheit, Verlangsamung, Flüchtigkeitsfehler oder Kopfschmerzen sind einige der möglichen Symptome im Alltag. Man kann das durch Zuckerzufuhr, noch mehr Beschäftigung und andere Aktivitäten kurzzeitig kompensieren, doch wenn man dann zur Ruhe kommt, stellt man fest, wie sehr man den Schlaf eigentlich bräuchte.
Wenn man auf Schlafentzug und Schlafprobleme nicht reagiert und keinen Schlaf mehr bekommt, steigt das Herzinfarktrisiko und man wird psychisch immer labiler. Woran man schliesslich stirbt, ist nicht so leicht zu beantworten, doch sicher ist, dass man ohne Schlaf stirbt. Nicht umsonst war dies früher eine Foltermethode.
Im letzten Jahr habe ich meine Arbeitsstelle gewechselt, war motiviert etwas Neues zu beginnen und zu lernen. In dieser Phase konnte ich nicht gut schlafen und habe das anfangs auf die Veränderungen bzw. den Neuanfang zurückgeführt. Doch auch nach einiger Zeit wurde es nicht besser und meine Gedanken kreisten immer um Themen aus der Arbeit. Mein Schlaf wurde immer unruhiger. Es handelte sich um eine akute Insomnie. Ich musste die Konsequenzen daraus ziehen, habe gekündigt und ging zurück in die Schlafmedizin. Durch die erneute Veränderung habe ich wieder in einen gesunden Schlaf zurückgefunden.
Ich bin ein echter Morgenmensch und das auch am Wochenende. Ich merke immer, wenn ich abends später ins Bett gehe als gewohnt, da ich morgens trotzdem früh wach bin. Als ich im Schlaflabor Nachtschichten machen musste, habe ich unter dem Schichtarbeitersyndrom gelitten, weil ich zwar morgens nach Hause kam, dann aber nicht schlafen konnte. In dieser Zeit fühlte ich eine depressive Verstimmung, war antriebslos an meinen freien Tagen und war schlecht gelaunt, obwohl ich eigentlich ein initiativer Mensch bin.
Schlaf ist ein Phänomen, das uns zeigen kann, was für Wunderwerke Gottes wir sind und dass wir eben nicht alles letztendlich erklären können.
An oberste Stelle würde ich regelmässige Bettzeiten setzen. Viele Menschen brauchen beim Wechsel von Sommer- auf Winterzeit mehrere Tage bis Wochen, bis sich der Körper an diese eine Stunde Verschiebung gewöhnt hat. Dabei spielt es keine Rolle, wann ich ins Bett gehe oder aufstehe. Vielmehr ist ein regelmässiger Rhythmus für unseren Körper sehr wichtig. Ich würde ausserdem empfehlen, keinen Kaffee nach 16.00 Uhr zu trinken, keinen Alkohol kurz vor dem Schlafen zu sich zu nehmen und wenn möglich wenig Medien direkt vor dem Zubettgehen zu konsumieren. Wenn das nicht möglich ist, muss man in Kauf nehmen, dass man am nächsten Tag müder ist als sonst. Es kann helfen, wenn wir uns auf den Schlaf vorbereiten, indem wir Stressfaktoren in der Zeit vor dem Schlafen reduzieren, wie z. B. emotionale Fussballspiele im TV oder Lichteinflüsse.
Schlaf ist ein gottgegebenes Geschenk. So will ich das auch sehen und annehmen. Ich habe während meines Studiums und in der Forschung immer wieder darüber gestaunt, wie genial Gott uns designt hat und wie auch der Schlaf zu seiner Schöpfung gehört.
Ich wache morgens auf und das Erste, was ich tue, ist ein ausgiebiges Fürbitte-Gebet zu sprechen, um so in den Tag zu starten. Bei der Arbeit zeigt sich mein Glaube vor allem in meinem Umgang mit den Patientinnen und Patienten, die zu mir kommen. Ich will für sie die bestmögliche Behandlung und mache mir immer wieder bewusst, dass Gott sich für uns das Beste wünscht. Jesus ermutigt uns dazu, den Menschen so zu begegnen und mit ihnen umzugehen, wie wir es uns für uns selbst wünschen würden. Hier erlebe ich immer wieder, wie sich meine Haltung den Menschen gegenüber verändert und zu einer anderen Art der Begegnung führt.
Dr. Sc. Nat. Katharina Stingelin ist seit über zehn Jahren und mit grosser Leidenschaft Schlafexpertin (Somnologin SGSSC). Sie arbeitet im somnologischen Team im Zentrum für Schlafmedizin AG in Zollikon. Sie be zeich net sich selbst als Morgenmensch und Langschläferin. Sie ist 41 Jahre alt, verheiratet und lebt im Aargau. Ihre Freizeit verbringt sie gerne auf dem Rennvelo. Sie liebt es, kreativ zu sein und Zeit allein mit Gott in der Natur zu verbringen.
Das alles macht mich nachdenklich, denn diese gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen tangieren unser zukünftiges Zusammenleben und folglich unseren Umgang mit Freiheit. Umso mehr beruhigt es mich zu wissen, dass es neben dieser äusseren, räumlich-begrenzbaren noch eine andere Dimension von Freiheit gibt.
Paulus spricht im zweiten Korintherbrief von einer Freiheit, die sich allem Äusseren entsagt, die quasi die Ebene wechselt von aussen nach innen. Eine von Gottes Geist bewirkte Freiheit, die äusseren Unfreiheiten standhält. Oder anders ausgedrückt: Selbst, wenn wir in gewisser Weise äusseren Zwängen und Einschränkungen ausgeliefert sind, können wir innerlich frei sein. Dieses göttliche Prinzip lässt sich insbesondere bei Menschen beobachten, die in Gefangenschaft leben. Wie etwa bei Dietrich Bonhoeffer oder bei Alexei Nawalny, um zwei jüngere bekannte Beispiele zu nennen. In ihren Briefen und Reden betonten sie die Kraft ihres Glaubens und trotzten, ausgerüstet mit ebendiesem inneren Freiheitsbewusstsein, der äusseren Fremdbestimmung, die von Abschottung und Folter gekennzeichnet war.
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Mich beeindrucken solche Biografien. Ich selbst bin in meinem Leben noch nie in eine derart einschränkende, existenzielle Situation geraten, habe diese göttlichen Freiheitserfahrungen aber schon mehrfach in Beziehungen gemacht, wenn es darum ging, mich aus ungesunden zwischenmenschlichen Strukturen zu lösen.
Bis heute erlebe ich, wie Gottes Geist mir dabei hilft, einen Schritt aus meinen manchmal endlosen Gedankenkreisen herauszutreten. Wie er frische Impulse und neue Perspektiven schenkt. Wie sich dadurch die Dinge relativieren und weniger wichtig werden. Insbesondere dort, wo es um menschliche (Freiheits-)Standards geht.
Gottes Geist befreit. Oder, um einen anderen, mir lieb gewordenen Bibelvers abschliessend zu bedienen: Er zeigt mir die Wahrheit, die mich frei macht (vgl. Johannes 8,32). Eine Wahrheit, die auf Christus fusst. Die zum Selberdenken animiert und in Mündigkeit führt.
Ich bin gar nicht besonders busy. Ich arbeite einfach. Von einem Freund habe ich etwas Wichtiges gelernt: Kümmere dich jeden Tag nur um die drei Dinge, die als nächstes vor dir liegen. Ich muss nicht schon zehn Schritte voraus sein. Dieses Prinzip ist für mich ziemlich befreiend. Es hat für mich viel damit zu tun, präsent zu sein und im Augenblick zu leben. Und das ist überhaupt nicht leicht: Über 70% unserer Gedanken kreisen um die Vergangenheit oder die Zukunft. Gott hingegen ist als das ewige Jetzt immer in der Gegenwart zu finden. Gott, Inspiration, Liebe – alles, wonach ich suche, finde ich im Hier und Jetzt.
Ich spüre Gottes Gegenwart beim Laufen. Wir sind gerade erst nach Vancouver gezogen. Meine neuen Joggingstrecken sind atemberaubend schön! Wenn ich in der Natur bin, nehme ich mich als Teil der Schöpfung wahr. Ich merke, dass die Welt viel grösser ist als ich selbst und dass da ein Schöpfer dahintersteckt. Und mir wird klar: Es gibt mehr als dieses Leben. Als Jesus in Matthäus 6 mit seinen Jüngern über Sorgen redete, verwies er sie auf die Vögel und die Blumen. «Seht sie euch an!» – Ich denke, er meinte das durchaus wörtlich. Geh nach draussen, fühl die Erde unter deinen Füssen, atme tief ein, schau dir die Vögel und Blumen an. Deine Sorgen werden verfliegen. Warum? Weil dir bewusst wird, dass diese Welt von Gott geschaffen ist und dass da überall Leben ist. Nichts und niemand kann dieses Leben aufhalten und du hast einen Platz in dieser wunderbaren Schöpfung Gottes. Da stehst du dann da und bist einfach nur am Staunen.
Ja, zu hundert Prozent. Die Bibel ist keine Gebrauchsanweisung, sondern eine wunderschöne Erzählung, in der es darum geht, dass Menschen Gott suchen, und Gott die Menschen findet. Am liebsten lese ich die Bibel als eine Einladung, Teil dieser Geschichte zu werden. Wir sind eingeladen, darin Entdeckungen zu machen. Ich lese die Texte – vor allem die Evangelien – ganz langsam und versuche, mich in der Geschichte wiederzufinden. Ich nehme verschiedene Perspektiven ein: Wie klingt die Geschichte, wenn ich die notleidende Person bin? Wie klingt sie aus der Sicht der religiösen Leitungsperson oder aus der des Jüngers? Ich stelle mir eine Menge weiterer Fragen: Wo komme ich in der Geschichte vor? Was erfahre ich über Gott? Was soll ich lernen? Womit soll ich mich weiter beschäftigen? Manchmal erleben wir Gott nicht, weil wir auf eine Antwort warten oder meinen, eine Antwort haben zu müssen. Dabei geht es in Beziehungen doch gerade um das Fragen, die Neugier, das Entdecken! Was für eine Beziehung ist das, wenn wir uns nicht für den anderen interessieren? Wie langweilig wird eine Beziehung, wenn wir einander keine Fragen stellen? Jesus hat über 300 Fragen gestellt. Die Bibel ist voller Fragen. Bring Gott deine Fragen! Er liebt das. Vielleicht sind deine Fragen ein Weg, Gott zu begegnen?
«Er öffne euch die Augen des Herzens», betet Paulus in Epheser 1,18. Gott lädt uns ein, die Dinge mit anderen Augen zu betrachten. Wir erwarten vielleicht, dass Gott sich in spektakulärer Art und Weise zeigt, wie bei Mose und dem brennenden Dornbusch. Dabei ist es nicht einmal ungewöhnlich, dass der Busch Feuer fängt. Das ist in der Wüste normal. Das Besondere ist, dass das Feuer den Busch nicht verzehrt! Mose nimmt dieses Detail wahr und geht der Sache nach. Als er hingeht, um sich den Busch genauer anzuschauen, hat er eine Gottesbegegnung. Oft warten wir auf den brennenden Dornbusch in unserem Leben. Dabei brennen die Büsche überall! Die englische Dichterin Elizabeth Browning schreibt in ihrem berühmten Gedicht:
«Die Erde ist mit Himmel vollgepackt,
ein jeder gewöhnliche Busch brennt mit Gott. –
Aber nur der, der es sieht, zieht die Schuhe aus.
Die anderen sitzen herum und pflücken Brombeeren.»1
Es geht darum, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, Dinge wahrzunehmen und zu fragen: Was ist denn hier los? Dann begegnen wir Gott.
Mach dich locker. Du und ich, wir sind keine Superhelden, und das ist völlig in Ordnung. Lade Gott in dein Leben ein und suche ihn in deinem ganz normalen Alltag. Ich habe einige meiner eindrücklichsten geistlichen Erfahrungen mit meinen Kindern gemacht. Das waren keine krassen, lebensverändernden Erlebnisse, sondern ganz unscheinbare Momente.
In meiner Familie tauschen wir uns jeden Abend aus: Wie geht es dir, was war gut, was war nicht so gut, wo hat Gott gewirkt? Manchmal tauschen wir auch Gedanken aus, die wir beim Bibellesen hatten, oder unsere Söhne erzählen, was in der Schule los war. Mit diesem Ritual üben wir ein, Gottes Wirken um uns herum wahrzunehmen. Eines ist nämlich sicher: Gott ist am Wirken!
Unbedingt. Gott hat uns mit unterschiedlichen Persönlichkeiten geschaffen und macht es nicht für alle gleich. Wir sehen das z. B. an den Wundern von Jesus: Es gibt keine Schablone, kein festes Schema. Mal benutzt er Spucke und Matsch, mal spricht er ein einzelnes Wort, manchmal taucht er nicht einmal selbst auf. Ein anderes Mal legt er jemandem die Hände auf, gibt eine Anweisung bzw. stellt eine Frage. Eines ist aber immer gleich: Jesus begegnet den Menschen da, wo sie es brauchen und so, wie sie es brauchen. Ich bin dafür das beste Beispiel. Ich liebe Abenteuer, habe Spass am Entdecken, am Risiko, am Unbekannten. In meiner Kindheit nannte man mich rebellisch, weil ich immer die Grenzen austesten wollte. In der Kirche war all das nicht willkommen. Inzwischen weiss ich: Gott hat mich so geschaffen – das hatte nie etwas mit Rebellion zu tun. Genau diese Eigenschaften machen mich zu einer fantastischen Evangelistin und Speakerin! Was ich damit sagen will: Ich bin überzeugt, dass Gott dir so begegnet, wie es dir entspricht.
Ich habe lange gedacht, dass wir am Ziel angelangt sind, wenn wir ein Leben mit Gott beginnen. Dabei geht das Abenteuer dann doch erst richtig los! Je länger ich mit Gott unterwegs bin, desto grösser ist meine Neugier und desto mehr bin ich am Staunen. Wir werden unser Leben lang erneuert und es gibt immer noch mehr zu entdecken. Das finde ich enorm befreiend.
Mit «mehr» meine ich nicht grösser, toller, spektakulärer. Es geht nicht um Leistung. Vielleicht muss ich mich nicht einmal besonders anstrengen. Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit dem Atmen und mit verschiedenen Atemtechniken. Manchmal spreche ich während der Atemübungen ein Gebet. Kürzlich hatte ich Jesus vor Augen, wie er nach der Auferstehung seinen Jüngern begegnet.2 Aus Angst haben sie sich eingeschlossen. Da begegnet ihnen der Auferstandene und haucht sie an. Atmen ist etwas Natürliches, das können wir alle. Vielleicht ist es gar nicht so kompliziert: Wir atmen, versuchen, ganz da zu sein, und lassen uns beschenken.
Ich denke, dass uns alles, was wir nicht kennen, Angst einflössen kann. Was Menschen Angst macht im Hinblick auf die Gegenwart Gottes, sind ihre Vorstellungen von Gott. Auch die Menschen in der Bibel hatten Angst. Sie befürchteten, Gott könnte sie verurteilen. Sie schämten sich und hatten das Gefühl, sie seien unwürdig. Aber weisst du, wie die Geschichte jeweils weitergeht? Gott sagt sinngemäss: «Hab(t) keine Angst. Ich bin nicht so, wie du denkst.» Die Ängste waren unberechtigt, weil Gott gar nicht so ist, wie sie befürchteten. Auch Mose wundert sich über Gott, als das Feuer den Dornbusch nicht verzehrt. Eine Kraft, die nicht unterdrückt, verletzt oder zerstört wird? So etwas kannte er nicht. Und Gott macht deutlich: Das hier ist komplett anders als alles, was du kennst. Was hier passiert ist heilig.
Unser einseitig männliches Gottesbild halte ich für problematisch. Wir stellen uns Gott oft als Vater vor, aber selbst Jesus hat ihn nicht nur als Vater beschrieben. Als er über Jerusalem weint, verwendet er zum Beispiel das Bild der Mutterhenne. Für mich war es wichtig, andere Bilder zu haben, weil ich ein schwieriges Verhältnis zu meinem Vater hatte. Ich musste mich aufmachen und verschiedene Bilder miteinander versöhnen: Gott ist ein Vater, aber auch eine Mutter. Er ist Bruder und Schwester, Hirte und Freund. Die Bibel bietet uns verschiedene Bilder an, damit alle Menschen einen Zugang zu Gott finden, und stellt uns Gott auch in weiblichen Bildern vor. In Genesis 1 ist zum Beispiel vom Geist Gottes die Rede, der über den Wassern schwebte. Und das hebräische Wort für Geist ist weiblich. In frühkirchlicher Zeit war der Geist fast immer weiblich, sozusagen der weibliche Teil der Dreieinigkeit. In den Gleichnissen ist Gott sowohl der Hirte als auch die Witwe. Ihr Frauen, traut euch, die weibliche Seite Gottes in den Blick zu nehmen. Ihr Männer, lasst euch darauf ein und benutzt die weibliche Form, wenn ihr vom Geist Gottes redet. Wir sind alle eingeladen, die Fülle Gottes zu entdecken.
Vielen Dank für das Gespräch!
Danielle Strickland lebt mit ihrem Mann und drei Söhnen in Vancouver. Die Kanadierin ist im ständigen Einsatz für Menschen- und Frauenrechte, schreibt, predigt und hat einen eigenen Podcast. Sie ist seit Jahren mit Campus für Christus verbunden. Eines ihrer Anliegen ist, dass Frauen und Männer im Reich Gottes gemeinsam und auf Augenhöhe unterwegs sind. daniellestrickland.com
1 Elizabeth Barrett Browning, The Poetical Works, New York 1910
2 Johannes 20,19 ff.
Meine Seele lebt von den Momenten, in denen sich Himmel und Erde küssen, Augenblicke, in denen ich Erfahrungen mache, die ich mit einem gesunden Grad an Überzeugung dem Gott der Bibel zuschreibe. Was mich dabei überrascht, aber eigentlich nicht überraschend ist: Viele meiner Gotteserfahrungen zeichnen sich dadurch aus, dass Gott sich überhaupt nicht an meine Spielregeln zu halten scheint, wo er auftauchen und wie er wirken darf – und wo und wie nicht. Stattdessen ist er stetig daran, mich herauszufordern, meinen eigenen Horizont zu erweitern.
Ein erstes grosses Learning in dieser Thematik ist, dass ich es inzwischen geradezu liebe, mich selbst immer wieder out of my comfort zone zu bewegen, um Gott an Orten zu entdecken, die meinen bisherigen Vorstellungen so gar nicht entsprechen. Ich habe realisiert, wie oft ich mich am Ort und am Rahmen gestossen habe, während Gott schlicht und ergreifend die Herzen betrachtet. So habe ich an den unterschiedlichsten Orten – von den Philippinen über den Nahen Osten und Bosnien-Herzegowina bis nach Tansania – Menschen erlebt, die von Gott auf unkonventionelle Weise ergriffen worden sind, obwohl sie in meinen Augen am «falschen Ort» gebetet oder Gebete in der «falschen Form» verrichtet haben. Aber immer wieder gab mir Gottes Geist unmissverständlich zu verstehen, dass er nicht auf das Äussere schaut, sondern auf das aufrichtig und sehnsüchtig nach ihm suchende Herz. Sein gnädiges Ansehen einer Person, das letztlich ja auch mir zugute kommt.
Hier ein paar Streiflichter:
Ein nüchterner Gottesdienst in einer europäischen Stadt, wo ich für die Predigt in einer wild zusammengewürfelten internationalen Community eingeladen war: Atmosphäre staubtrocken und steif, chaotisch und für mich als Schweizer latent anstrengend. Doch Gott schien das weder zu kümmern noch abzuschrecken. Er war da.
Ein Predigtdienst im Heilsarmee-Gottesdienst in einer grösseren Stadt: null Ambiente, ein knappes Dutzend vom Leben gezeichnete Besuchende, der Worship kläglich und selbst bei einstimmigen Liedern automatisch mehrstimmig. Aber Jesus sang mit.
In der Grabeskirche in Jerusalem: Unverständlich für viele in unseren Breitengraden wälzen sich da die Menschen in Massen am vermeintlichen Salbungsstein von Christus vorbei, in der Hoffnung, etwas von Gottes Geist mit nach Hause nehmen zu können. Wie ich als kritischer Beobachter die Szenerie betrachtete, war es, als rede Gottes Geist in mein Herz, dass er – entgegen meinem Verstehen – diesen Menschen gerne begegne, weil deren ehrliche Sehnsucht in Gottes Augen mehr wiegt als die Richtigkeit meiner sauberen Dogmatik.
In einem berühmten bosnischen Pilgerort für Maria, was so manchen evangelischen Christen die Nackenhaare sträuben lässt: Bewegt habe ich dort miterlebt, wie vier Teenager sich an mir vorbei drängten, um in der vordersten Reihe inbrünstig betend auf die Knie zu fallen. Es ist derselbe Ort, an dem gleich mehrere meiner Freunde Jesus Christus begegnet waren, woraus in der Folge eine der lebendigsten Missionsbewegungen in Österreich entstand. Gott scheinen die evangelischen Bedenken herzlich wenig zu kümmern.
In einem charismatischen Setting, alles darauf ausgerichtet, dass Menschen Heilung erleben: Einem skeptischen Beobachter konnte leicht der Verdacht aufkommen, dass Gott hier als Heilungsmaschine verzweckt wird, die auf Knopfdruck reagieren sollte. Doch ihn schien das nicht zu stören, denn Menschen haben ihn offensichtlich erlebt.
Die Liste liesse sich noch lange weiterführen und hat zu einem zweiten Learning geführt: Gott hat mich mit seiner Grosszügigkeit immer neu überrascht. Er steht den unterschiedlichen Ausdrucksformen unseres Glaubens viel weitherziger gegenüber, als wir Christinnen und Christen es untereinander tun. Ich bin deshalb zur Überzeugung gelangt, dass unser Reden über ihn und das gegenseitige Beurteilen von Erfahrungen mit ihm von viel mehr Demut geprägt sein sollten. Denn die Gotteserfahrungen anderer können von den meinen stark abweichen. Doch diese Abweichungen bedeuten noch lange nicht, dass die Erfahrungen «falsch» sind. Sondern eher, dass mein Gottesbild noch zu kleinkariert ist und dass ich mich öffnen darf für Gottes unfassbare Grösse, für seine vielfältige Art, sich zu offenbaren, sein unergründliches Wesen, das er immer wieder für uns Menschen aufblitzen lässt und das sich in und an Christus für uns greifbar kristallisiert hat.
Natürlich mag jemand die Frage aufwerfen: «Was aber, wenn bei all den Erfahrungen, die du beschreibst, Christus und die Verkündigung von ihm verfälscht sind?» Ich glaube, dass wir gut daran tun, selbst in dieser Hinsicht vornehme Zurückhaltung walten zu lassen. Denn wie oft ist das, was wir für «einen anderen Christus» halten, nur meiner Geschichte, meiner begrenzten Erfahrungswelt, meiner Perspektive auf das Kreuz geschuldet? Es sollte nicht entscheidend sein, ob mein Gegenüber dieselben Worte benutzt, in allen Belangen zu einem deckungsgleichen Bibelverständnis gekommen ist, ähnliche Vorlieben für christliche Rituale und Liturgien hat oder dieselben Glaubenserfahrungen teilt. Darum versuche ich als drittes Learning, in meinen Begegnungen immer wieder zu entdecken, ob und wo ich in meinem Gegenüber Gott erkennen kann, ob derselbe Geist in uns lebt und welche Reich-Gottes-Früchte ich in seinem Leben ausmachen kann. Dies im demütigen Wissen darum, dass wir auf denselben Christus blicken können, es aber von verschiedenen Seiten aus tun – und sich deshalb unsere Erfahrungen und theologischen Ansätze nicht kongruent übereinanderlegen lassen.
Ein viertes Learning für mich ist, dass Gotteserfahrungen nicht machbar sind. So können zwei Personen, die im selben Moment das Gleiche sehen und erleben, davon unterschiedlich berührt werden. Ein Beispiel dafür sind Petrus und Johannes, die am Morgen nach der Auferstehung von Jesus das leere Grab inspizieren (Johannes 20,1-10). Vers 9 beschreibt, dass die Jünger bis zu dem Zeitpunkt noch nicht verstanden hatten, dass ihr Rabbi sterben und wiederauferstehen würde. Wenn wir nun von Petrus lesen, wie er in das Grab hineingeht und die Leinentücher und das Schweisstuch sieht, scheint das bei ihm nichts weiter ausgelöst zu haben. Doch als danach Johannes in die Grabhöhle geht und genau dieselbe Szenerie erblickt, heisst es – und das ganz unaufgeregt: Er sah und glaubte. Ich liebe diese schlichte Beschreibung. Sie macht deutlich: Eine Gotteserfahrung hat nicht damit zu tun, was wir äusserlich sehen und erleben – sondern damit, was dabei letztendlich in uns drin geschieht.
Ein weiteres Learning ist die Tatsache, dass sich im Lauf unseres Lebens die Art unserer Gotteserfahrungen ändert oder weiterentwickelt, und das kann verunsichern. Manchmal geschieht es sogar, dass frühere Erfahrungen in der Erinnerung verschwimmen, verblassen oder uns fremdartig erscheinen. Wenn wir sie anhand unseres heutigen Glaubensstandes beurteilen, kann das dazu führen, dass wir sie abwerten, ihnen misstrauen oder sie wegpsychologisieren und rückwärtszweifeln: Habe ich das wirklich so erlebt? War das Gott oder einfach den Emotionen des Moments geschuldet? Hatte mir da tatsächlich der Himmel etwas zufallen lassen, oder war das einfach Zufall? Mir hat folgende Perspektive geholfen: Anstatt frühere Erfahrungen generell als nichtig oder «daneben» zu erklären, lasse ich sie einfach als das stehen, was sie damals waren: tiefe, glückselige Momente, die wir damals gebraucht hatten, um zu glauben. Und wer sagt denn, dass Gott uns nicht auch gemäss unserer Glaubensentwicklung Dinge zufallen lässt? Gleichzeitig denke ich, dass Gott mir heute mehr und anderes zumutet als noch meinem 18-jährigen Ich. Dass er mich ermutigt und sagt: «Du bist an einem anderen Ort auf deiner Glaubensreise. Ich erwarte von dir, dass du anders glaubst. Du brauchst das oder jenes nicht mehr. Du erlebst mich anders und dein Glaube ist differenzierter und komplexer geworden, aber deshalb nicht weniger echt.»
Ein letztes Learning zum Schluss: Gott kann sich uns im Tun und Nichttun offenbaren. Im lauten Sturm oder im leisen Säuseln. In grossen Emotionswogen oder einem nüchternen Gedanken. In einem eingeübten Glaubensritual oder im Zerbruch – und in der Heilung – eines Gottesbildes. Die Frage ist am Ende, ob ich Gott zugestehe, ausserhalb meines Denkens und Glaubens, meines bisherigen persönlichen Erlebens und Nichterlebens zu wirken und zu sein. Ob ich ihm erlaube, mit anderen einen anderen Erfahrungsweg zu gehen als mit mir. Ob ich mich ihm ganz überlasse. Was ich dabei bewahren will, ist nicht ein bestimmtes Gottesbild, sondern ein sich nach ihm sehnendes Herz.
Dabei ist es entspannend zu wissen, dass seine Sehnsucht nach mir noch einmal ungleich grösser ist als meine. Und er sie ungebrochen lebt. Das gibt mir Raum, neugierig zu bleiben. Mit offenen Augen leben, um zu entdecken, wann, wo und wie er bei mir auftaucht. Egal, wie unspektakulär und ungewohnt es sich für mich anfühlen mag. Auf dass es auch von mir heissen darf: «Er sah und glaubte.»
Unser Gehirn ist absolut fantastisch und cool. Es besteht aus fast 100 Milliarden Neuronen, wobei jedes bis zu 10 000 Verknüpfungen zu anderen Nervenzellen hat, über welche elektrische und chemische Signale weitergeleitet werden, wenn eine bestimmte Reizschwelle überschritten wird. Pro Sekunde erreichen uns ca. 11 Millionen Sinneseindrücke, von denen unser Gehirn nur etwa 40 weiterverfolgt. Das Wunderbare dabei ist: Wenn wir lernen, können wir beeinflussen, welche Informationen weitergehen und wo dadurch die Verbindungen zwischen den Neuronen stärker und dabei wirklich physisch dicker werden. So wird aus einem schmalen Trampelpfad zwischen zwei Nervenzellen eine Autobahn. Das Gehirn nimmt dabei nicht den besten, sondern den einfachsten Weg. Aber auch das können wir beeinflussen. Eine Gewohnheit oder etwas Gelerntes kann umtrainiert werden, wenn es bewusst gesteuert wird. Die Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Umstände anzupassen, nennt man Neuroplastizität und diese hat man – aus neurologischer Sicht – bis ins hohe Alter.Â
Theoretisch ja. Eine Studie untersuchte beispielsweise Londoner Taxifahrer, welche sich den ganzen Stadtplan auswendig merken mussten. Man fand heraus, dass sich bei ihnen Hirnareale entwickelt haben, die sonst niemand hat. Auch wenn ich beispielsweise das Jonglieren neu lerne, entsteht ein Bereich in meinem Hirn, den ich vorher so nicht hatte. Dasselbe geschieht mit negativen Gedanken. Wenn wir schlecht über uns selbst denken, wachsen bildlich gesehen «Neuronen-Bäume», die destruktiv auf unseren Selbstwert wirken.
Unser Gehirn geht auf die Dinge ein, die wir machen respektive denken, und entwickelt sich entsprechend weiter. Wenn wir Bereiche des Gehirns jedoch nicht brauchen, verkümmern sie. Im Fachjargon: «Use it or lose it». Wie etwa bei Menschen mit Depressionen, die infolge ihrer Erkrankung ihren Frontalkortex – der für Planung, Strategie und Empathie zuständig ist – eher wenig nutzen, was zu Veränderungen im Volumen und in der Aktivität bestimmter Bereiche ihres Frontalkortexes führen kann.Â
Es gibt verschiedene Dinge, die wie Wellness für unser Gehirn sind. Dabei ist es jedoch immer wichtig, dass wir ein wohlwollender Cheerleader unseres Gehirns sind. Wir sollten versuchen, nicht alle guten Ratschläge krampfhaft umzusetzen oder uns zu schelten, wenn wir mal wieder etwas nicht geschafft haben. Wir sollten in freundlicher Begegnung mit dem eigenen Gehirn versuchen herauszufinden, wo wir hinschauen möchten und wie wir Lernstrategien ganz natürlich in den Alltag einbauen können. Die folgenden fünf Faktoren begünstigen das Lernen erheblich:
Lernen geschieht nie ohne Emotion. Das limbische System, welches eine Schlüsselrolle in der Emotionsregulierung spielt, ist beim Lernen auch immer aktiv. Die emotionalen Reaktionen beeinflussen die Art und Weise, wie Informationen verarbeitet werden. Daher ist es enorm wichtig, wie man einer zu lernenden Materie gegenübersteht. Wer positive Gefühle für ein Thema aufbringt, macht dadurch den Weg frei, den Inhalt aufzunehmen, zu verarbeiten und zu speichern.Â
Handkehrum braucht es viel Energie, sich etwas über den kognitiven Weg anzueignen, wenn negative Emotionen im Spiel sind und wenig bis kein innerer Antrieb vorhanden ist.Â
Wenn wir uns bewegen, wird im Hippocampus – der zuständige Beamte für Gedächtnisbildung – Neurogenese angeregt. Mit anderen Worten: Es bilden sich neue Neuronen. Diese tragen zur Entstehung neuer synaptischer Verbindungen bei und bieten die physische Grundlage für das Verknüpfen von Sachverhalten, das Entstehen von Ideen und fürs Lernen. Studien bestätigen das: Wenn vor, während oder nach dem Lernen Bewegung stattfindet, ist der Lerneffekt signifikant grösser.Â
Innerlich und mental loszulassen, ist etwas vom Gesündesten, das wir tun können. Wenn ich aktiv und fokussiert am Zuhören, Nachdenken oder Lernen bin, sind die Beta-Wellen im Gehirn aktiv. Diese ermöglichen Konzentration und das Aufnehmen von neuem Inhalt. Neue Verknüpfungen entstehen jedoch insbesondere dann, wenn ich den Gedanken freien Lauf lasse. Wenn ich nicht unter Druck bin, hat das Gehirn Raum und Zeit, Dinge neu zu verknüpfen und zu ordnen. Diese frischen Verbindungen sind oft unerwartet und lösen Aha-Momente aus, woraus kreative Ideen entstehen.Â
Um unserem Gehirn dieses Loslassen zu ermöglichen, sind Pausen im Alltag wichtig: Zeit an der frischen Luft, Meditation, Spaziergänge, bewusstes Atmen, mit anderen Menschen austauschen oder Dinge aufschreiben. In diesen Pausen sollten wir allerdings darauf achten, uns nicht vom Mobiltelefon unterhalten zu lassen. Denn das wäre keine Pause für unser Gehirn. Vielmehr würde es so mit neuen Reizen und Informationen beliefert, was dazu führt, dass die vorher aufgenommenen Informationen überschrieben statt verankert werden.Â
Im Übrigen ist Beten maximales Loslassen.Â
Angst lähmt und verhindert, dass man sich auf Unbekanntes einlassen, Neues lernen und vorankommen kann. Für emotionale Reaktionen, wie unter anderem Angst, ist die Amygdala zuständig. Dieser Teil unseres Gehirns ist darauf geprimt, den negativen Emotionen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den positiven. Wir denken ungefähr fünfmal länger über Negatives nach und schenken negativem Feedback im Schnitt fünfmal mehr Aufmerksamkeit. Dies ist ein natürlicher Schutzmechanismus, damit Gefahr schnell erkannt und mit fokussiertem Handeln bewältigt werden kann. Grundsätzlich befinden wir uns im Alltag aber selten in wirklich gefährlichen Situationen und die Reaktion unserer Amygdala ist etwas überproportional – sie meint es da oft etwas zu gut mit uns. Auch hier sind wir aber nicht machtlos. Wir können unserer Amygdala gut zureden, sie so gewissermassen umtrainieren und ihre Übervorsichtigkeit entlarven, damit sie sich entspannt und das Positive ein stärkeres Gewicht erhält.Â
Diese Haltung kann uns auch in Bezug auf unseren Glauben und bei der Entwicklung der Kirche helfen. Ein zu starker Beschützerinstinkt, der alles bewahren und sich auf nichts Neues einlassen kann, ist zwar neurologisch sehr gut begründbar, aber hindert uns am Vorankommen.
Und wem es schwer fällt, keine Angst zu haben, sollte singen! Oder musizieren, tanzen und lachen. Bei diesen Tätigkeiten sind praktisch alle Hirnareale aktiv, was sich für unser Gehirn wie eine Massage anfühlt und in der Folge positive Emotionen auslöst. Da kommt die Amygdala mit ihrer Angstmacherei nicht durch. Zusätzlich kann sich das Gehirn, wenn es grossflächig aktiv ist, neu ordnen und Verknüpfungen – und somit unsere kognitiven Fähigkeiten – stärken.Â
Ein weiterer schöner Effekt des gemeinsamen Singens ist, dass sich bei allen Beteiligten die Hirnaktivitäten synchronisieren – was stark verbindend wirkt. Wenig überraschend also, dass durch die Musik auch eine Verbindung zu Gott gefunden werden kann und sie als bedeutendes Element in der Kirche installiert wurde.Â
Ich stehe ihr grundsätzlich positiv gegenüber. Es steht ausser Frage, ob wir sie nutzen – denn das tun viele bereits –, wir sollten uns vielmehr damit befassen, wie wir mit ihr umgehen. Unser Denkapparat will aktiv sein und wenn wir ihn aufgrund von KI weniger oder nicht brauchen, bildet er sich zurück. Ich empfehle, mit der KI Pingpong zu spielen. Vielleicht macht man sich zuerst selbst Gedanken, holt sich dann Inspiration von ChatGPT, verknüpft diese Informationen neu im Gehirn, fragt eventuell nochmals zurück und so weiter.Â
Die künstliche Intelligenz vereinfacht und beschleunigt gewisse Prozesse, wir haben immer höhere Speichermengen und Zugriff auf Informationen unterschiedlichster Art. Dies ist eine enorme Ressource, stellt uns jedoch vor neue Herausforderungen. Unser Gehirn muss mehr filtern, priorisieren und entscheiden, worauf es sich konzentriert, um in der Informationsflut nicht unterzugehen. Man muss bewusst entscheiden, welchen Informationen man sich aussetzt und welchen nicht. Vielleicht ist es nicht mehr nötig, eine Einkaufsliste auswendig zu lernen, dafür ist das Hirn damit beschäftigt zu filtern, welche der uns zugestellten Informationen relevant, welche manipulativ oder einfach überflüssig sind. Nichtsdestotrotz würde unser Gehirn es lieben, eine Einkaufsliste auswendig zu lernen. Am besten in Verbindung mit lustigen Bildern. Â
Oh ja! Sinnhaftigkeit und spirituelle Verankerung sowie die Fähigkeit, loszulassen, machen den Menschen nachhaltig glücklich und bilden die beste Voraussetzung fürs Lernen. Klar kann ich auch ohne Gott eine Power-Pose machen, was mich in meinem Selbstwert stärkt und mein Lernen begünstigt. Aber noch viel einfacher und vor allem nachhaltiger ist es, wenn ich das nicht ständig aus mir selbst heraus produzieren muss.Â
Im Gegensatz dazu beflügelt das Lernen unsere Spiritualität, wenn wir beispielsweise in der Bibel lesen, mit Menschen unterwegs sind, Gott Lieder singen oder in der Natur stehen und dabei Neues über Gott entdecken.Â
Auf eine Antwort von ihm persönlich bin ich jetzt schon gespannt. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass auch er es liebt, Neues zu entdecken und zu sehen, wie sich Dinge entwickeln und vorwärts drehen.
Dr. Maria Brasser liebt die Vielseitigkeit. Beim Tanzen, als Lehrerin, im Schreiben ihrer Doktorarbeit, beim Hausumbau oder mit ihren zwei kleinen Kindern wird sie nie müde, zusammen mit ihrem Gehirn und Gott, Neues zu entdecken. Ihre Leidenschaft investiert sie unter anderem ins Projekt «Hirncoach», welches sich der mentalen Fitness und Gesundheit des Gehirns verschrieben hat. Die wissenschaftlich fundierten Trainings stimulieren das Gehirn ganzheitlich, wirksam und wohltuend: ein Trainingsprogramm mit Knobelaufgaben, Experteninterviews, Bewegungsanregungen, Atemübungen und Tipps für Ernährung, Schlaf, Kreativität, Koordination und soziale Kontakte.
Weitere Infos auf www.hirncoach.ch
Es gibt Lernschritte, für die wir uns freiwillig entscheiden können: einen Tastaturschreibkurs besuchen, Fremdsprachenkenntnisse mit einer gamifizierten Sprachapp verbessern oder nach der Pensionierung Orgelunterricht nehmen. Sehr viel öfter werden uns aber Lernprozesse von aussen aufgezwungen. Immer wieder muss man sich neue Fertigkeiten aneignen oder Dinge auffrischen, die man früher einmal draufhatte. Wer kann wohl die Formel für die Flächenberechnung eines gleichseitigen Dreiecks noch aus dem Effeff herleiten?Â
Hinzu kommt, dass sich in den letzten Jahren die Welt gefühlt immer schneller dreht und viele Menschen vom eingeforderten Lerntempo überfordert sind. Eine globale Pandemie, das Umgestalten von Arbeitszeiten, -pensen und -rhythmen, Krieg in Europa, Digitalisierung und KI sowie soziale und politische Verschiebungen zwingen nicht nur der Menschheit als Ganzer, sondern auch mir als Individuum Veränderungen auf, die wir mit Methoden, die früher noch funktioniert haben, heute nicht mehr bewältigen können. Die Geschichte der Choluteca-Brücke in Honduras, der 434 Meter langen «bridge of the rising sun», illustriert diesen Umstand auf eindrückliche Weise. Wegen der regional schwierigen Wetterverhältnisse hatte man die Brücke zwischen 1996 und 1998 komplett restauriert. Ein paar Monate später kam Hurrikan Mitch. Die Vorher-nachher-Bilder sind irritierend. Auf beiden Bildern steht die Brücke unbeschädigt da, nur scheint es auf dem zweiten Bild so, als habe der Sturm sie verschoben, denn statt über den Fluss zu führen, stand sie nach Mitch neben dem Fluss. Aber: Nicht die Brücke hatte sich wegbewegt, sondern alles rundherum. Die «winds of change» haben die Landschaft umgepflügt und den gesamten Flusslauf verschoben, sodass die Brücke zwar noch genauso dasteht, wie ursprünglich geplant, aber trotzdem ihren Zweck nicht mehr erfüllt, nämlich Menschen von Punkt A über den Fluss nach Punkt B zu bringen.Â
Die Choluteca-Brücke ist ein starkes Bild für unsere gegenwärtige Situation – nicht zuletzt auch für uns als christliche Community und weltweite Kirche. Oft brüsten wir uns als Kirche, dass wir dem Zeitgeist noch immer getrotzt haben und genauso dastehen wie vor 2000 Jahren. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, obwohl oft vergessen wird, wie viele Veränderungen wir auch in diesen 2000 Jahren äusserlich wie innerlich schon durchlaufen haben. Tatsache ist aber, dass gerade in den letzten Jahren der Wind der Veränderung mächtig geblasen hat. Das Leben fliesst anders, ganze Landmassen haben sich bewegt. Wir stehen zwar noch am selben Ort, aber inwieweit erfüllen wir als christliche Kirche unseren Zweck, nämlich dass wir Menschen uns als Brücke von Punkt A zu Punkt B, also zu Gott, erfahren lassen?Â
Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wo müssen wir unter den veränderten Bedingungen unsere Brücke hinstellen, damit sie wieder ihren Zweck erfüllt? Und was sind meine persönlichen Lernschritte, zu denen mich die veränderten Bedingungen zwingen?
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Veränderungen und die Art, wie wir darauf am besten reagieren, haben sich immer wieder mal in neuen Konzepten abgebildet. VUCA ist eines davon, ein in den 1990er-Jahren auf einer US-Militärhochschule entwickeltes Konzept, das sich vor einigen Jahrzehnten auch hierzulande verbreitete. Seinen Ursprung hatte es in der Zeit nach dem Kalten Krieg, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als man neu herausfinden musste, wie man mit all den tektonischen Verschiebungen auf internationaler Ebene umgehen sollte. VUCA steht für die vier Begriffe Volatility (Volatilität, Flüchtigkeit), Uncertainty (Ungewissheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Ambiguität, Mehrdeutigkeit). Es beschreibt eine multilaterale Welt, in der vieles sich sprunghaft verändert, in der Entwicklungen nicht vorhergesagt werden können und in der die Komplexität steigt und viele Elemente zusammenkommen, die unbekannt sind und in denen Informationen unterschiedlich gedeutet werden können und müssen. Von dem Akronym lässt sich auch eine Strategie ableiten, wie die Herausforderungen der VUCA-Welt zu bewältigen sind – und davon können wir auch als Kirche lernen:
Volatilität fordert als Reaktion Vision. Wichtig ist, dass man in allem Wandel das übergeordnete Ziel im Auge behält, aber sich gleichzeitig darauf einstellt, dass Veränderung die einzige Konstante ist und der Weg zum Ziel sich immer wieder anpassen muss. Ich spiele mit meinen Kindern gerne «Das verrückte Labyrinth». Dabei muss man sich auf einem Spielbrett einen Weg durch ein Labyrinth suchen, um bestimmte Gegenstände zu sammeln. Durch die Mitspieler verschiebt sich der Spielplan aber bei jedem Spielzug, was dazu führt, dass die eigenen Pläne permanent durchkreuzt werden. Man muss umplanen. Das Ziel bleibt unverändert, der Weg dorthin kann aber ein ganz anderer sein. Auch für uns als Kirche bleibt die Vision bestehen – Menschen mit Jesus bekannt zu machen – aber den Weg dorthin müssen wir immer wieder neu suchen und finden.
Uncertainty benötigt Understanding, Verstehen. Zuhören und Lernen wird zu einer absolut wichtigen Eigenschaft, denn Entwicklungen können kaum noch vorausgesagt werden. Es braucht einen Paradigmenwechsel hin zur Demut, die nicht aus dem Wissen heraus handelt, sondern sich auf das Nichtwissen einlässt und der Neugierde Raum gibt. Für mich ist die Geschichte der Kartographie ein eindrückliches Beispiel dafür. Karten des 15. Jahrhunderts zeigen die damals bekannte Welt, wobei grosse Teile, ja ganze Kontinente, fehlen. Aber man hat «aus dem Wissen heraus» gezeichnet und war überzeugt davon, dass dies die Welt abbilde. Nicht weiter verwunderlich, dass es für Kolumbus auf Basis dieses Denkens 1492 nicht vorstellbar war, einen neuen Kontinent entdeckt zu haben. Später hat man gemerkt, dass es da doch noch mehr Land gibt. Um 1526 veröffentlichte Salviati darum eine der ersten Karten mit ganz viel Weissfläche, der Terra Incognita. Es war ein Sichtbarmachen des Unbekannten, das zu einem Paradigmenwechsel führte. Der neugeweckte Entdeckergeist führte dazu, dass innerhalb weniger Jahrzehnte grosse Teile unseres Planeten erforscht wurden – eine Haltung, die sich auch in anderen Wissenschaften niederschlug. Auf heute übertragen, täte es uns als Kirche gut, eine «Reformation des Nichtwissens» einzuführen und Räume zu schaffen, wo wir mit Menschen gemeinsam Gott entdecken können, anstatt ihnen unser vermeintlich umfassendes Wissen über ihn aufzudrücken.Â
Complexity benötigt als gesunde Reaktion Clarity, Klarheit. Komplexität verlangt das Akzeptieren der eigenen Begrenztheit und die Einsicht, dass wir ergänzungsbedürftig sind und komplexe Fragen mehr denn je nur noch im Miteinander lösen können. Ein schönes Beispiel ist die Geschichte, dass es einem internationalen Forscherteam gelungen ist, acht über die Welt verteilte Radioteleskope zusammenzuschliessen, dadurch ein virtuelles Riesenteleskop zu erzeugen und so zum ersten Mal ein schwarzes Loch zu fotografieren – wissenschaftlich eine gigantische Errungenschaft dank klarer Absprachen über Ländergrenzen hinweg (lest dazu das Interview mit dem Forschungsleiter dieses Projekts, Heino Falke, in der Amen-Ausgabe 3_22, Anm. d. Red.). Als Kirche können wir davon lernen, besonders wenn wir daran denken, dass die biblische Erzählung sich vom Einfachen ins Vielfältige entwickelt – sie startet in der Schöpfungsgeschichte mit Menschen in einem überschaubaren Garten und endet in der Offenbarung bei einer goldenen Stadt. Als Kirche sind wir herausgefordert, uns den zunehmend komplexen Fragen der heutigen Gesellschaft zu stellen. Doch das wird nur gemeinsam und im entschlossenen Miteinander gelingen.Â
Ambiguity will ausdrücken, dass die Welt weniger schwarzweiss ist, als man sie sich bisweilen gemalt hat, und man Agilität braucht, um auf die Mehrdeutigkeit zu reagieren. Was es bedeuten kann, im Entweder-Oder steckenzubleiben, beweist die Geschichte von Kodak, dessen fatale Fehlentscheidungen zum Niedergang der einstigen Weltmarke führten. Kodak dominierte in den 1970er-Jahren den amerikanischen Fotomarkt mit einem Anteil von mehr als 80 Prozent. Mit Steven J. Sasson war es sogar ein Kodak-Ingenieur, der die weltweit erste Digitalkamera erfand. Nur: Kodak wollte den bis in die 1980er-Jahren so «gut laufenden» Analogfilmen keine Konkurrenz schaffen und forcierte die digitale Entwicklung nicht weiter. Doch schliesslich landete man, vom technologischen Fortschritt überrollt, in der Insolvenz. Als Kirche sollten wir uns vor theologischem Schwarzweiss-Denken hüten, und mit Agilität und Unterscheidungsvermögen auf die gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit reagieren.Â
Inzwischen hat sich die Welt rasant weiterentwickelt. Besonders die letzten zwei, drei Jahre haben sich so angefühlt, als würden wir alle und überall bis zu den Knien in unbekannten Sümpfen waten. Die als immer komplexer wahrgenommene Gegenwart wird seit 2020 mit BANI beschrieben. Das Akronym steht für Brittle (brüchig, porös), Anxious (ängstlich, besorgt), Non-linear (nichtlinear) und Incomprehensible (unbegreiflich, unverständlich). BANI ist die Fortführung von VUCA. Aufgrund volatiler Systeme und dem schnellen Wandel können unflexible Systeme unter der Belastung brüchig werden, etwa wenn globale Lieferketten zusammenbrechen, weil im Suezkanal ein Schiff steckengeblieben ist, und in England darum plötzlich keine neuen Gartenzwerge mehr erhältlich sind. Angst ist dann die Folge von Unsicherheit und Unberechenbarkeit. Nichtlinearität ist die Weiterentwicklung des Komplexen und bildet ab, dass Ursache und Wirkung nicht mehr in einem kausalen Zusammenhang stehen. Auch bei BANI gibt es Lösungsansätze, die man mit dem Akronym RAAT beschreibt: Man reagiert mit Resilienz auf Brüchigkeit, mit Achtsamkeit auf Angst, mit Adaption auf Nichtlinearität und mit Transparenz auf Unverständliches. Die Welt versucht zu lernen, und auch uns als christlicher Kirche wird nichts anderes übrigbleiben.Â
Doch genau das wird uns lebendig halten. Denn wir Menschen wurden von Gott so geschaffen, dass wir konstant entdeckend und dazulernend unterwegs sein dürfen. Selbst Jesus war diesen Prozessen ausgesetzt und musste «am Leben wachsen» und durch Leiden auf Gottes Stimme hören lernen (Hebräer 5,8). Jesus hat seine Nachfolgerinnen und Nachfolger nach rabbinischer Tradition mathetaà genannt, die Bezeichnung für Lernende, Schüler (Johannes 8,31). Deren Ausbildungszeit war nach drei Jahren nicht einfach mit einer Reifeprüfung oder einer Bachelorarbeit abgeschlossen, sondern ging fliessend über in eine weitere, lebenslange Lernphase mit dem Heiligen Geist (Johannes 14,26; 16,13). Lernen und Entdecken ist als gottgegebene Eigenschaft in uns Menschen angelegt und die Bibel lässt durchblicken, wie etwa Epheser 2,7 zeigt, dass uns diese Dynamik auch in der Ewigkeit weiter begleiten wird. Gott mutet uns die VUCA- und die BANI-Welt zu, nicht damit wir uns daraus zurückziehen, sondern ihn, Gott selbst, mitten darin suchen und finden – und lernen, was wir lernen sollen, um die Menschen zu werden, als die Gott uns gedacht hat. Und um zu erkennen, welche Brücken er uns wo bauen heisst, damit die Menschen unserer Zeit ihn finden und erfahren.Â
Manchmal führen mir die Umbrüche unserer Zeit in meinem Leben und in meinen Verantwortungen wieder erschreckend deutlich meine tiefe Abhängigkeit von Gottes Zutun und Mittun vor Augen. Manchmal fühle ich mich wie Daniel in der Bibel im Exil, und ich wünschte mir einen Engel Gabriel, der mir die Vision Gottes wieder neu vor Augen malt und zuspricht: Ich bin gekommen, um dir all diese Dinge zu erklären (Daniel 9,22-23).
Und dann lese ich an anderer Stelle, in der Aufzählung der Helden, die sich David angeschlossen hatten, über die Angehörigen Issachars, von denen es heisst, dass sie die Zeiten zu beurteilen verstanden und wussten, was Israel tun musste (1. Chronik 12,33). Genau das benötigen wir heute auch wieder: die Fähigkeit, die Zeiten zu lesen, gemeinsam Dinge zu verstehen und daraus abzuleiten, was zu tun ist. Ich glaube, dass wir als christliche Gemeinschaft erkennen, was zu tun ist, wenn wir uns wieder ganz neu als Gemeinschaft von Lernenden begreifen. Gott hat sich nicht gewandelt, sondern er ist auch jetzt mitten im Chaos mit uns und lehrt uns – nicht nur das, was wir wissen müssen, sondern vor allem das, was in dieser Zeit die von ihm vorbereiteten guten Werke sind, die wir persönlich und als Gemeinschaft umsetzen sollen.
Es regnet in Strömen, als ich mit einer modernen Schlüsselkarte die uralte Holztür öffne, die vom Innenhof des ehemaligen Zisterzienserklosters auf der Klosterhalbinsel in Wettingen in die Ausstellung «Glaube, Macht, Wissen» führt. Heute drücken in den historischen Gebäuden rund 1000 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule die Schulbank. Sie huschen an mir vorbei, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, während ich die Karte auf den Sensor lege. Ich weiss, was mich gleich erwartet: das langgezogene Parlatorium mit dem schlichten Deckengewölbe und das kleinere fensterlose Observatorium nebenan. Heute habe ich beide für mich allein.Â
Ich beginne meinen Rundgang im Archiv der Fragen, dem Herzstück des Parlatoriums. Es ist ein Raum im Raum, eine lichtdurchlässige Holzkonstruktion mit zwei Ein- bzw. Ausgängen. Ich trete ein und stehe in einem Wald aus Fragen. Dunkel gebeizte Holzschilder mit je einer Frage in weissen Lettern hängen an Zapfen. Für die untersten muss ich mich bücken, für die obersten steht ein Schemel bereit. Jede Frage ist eine Einladung, erfahre ich.Â
«Von Anfang an war klar, dass es im Parlatorium keine klassische Museumsausstellung geben soll. Das Parlatorium wurde etwa um 1600 erbaut. Hier verrichteten die Mönche ihre Arbeiten. In diesem Raum war, anders als in anderen Bereichen der Klausur, das Sprechen erlaubt. Später, zur Zeit des Lehrerseminars, war das Parlatorium ein Aufenthaltsraum, in dem ebenfalls diskutiert wurde. Diese Raumgeschichte wurde für die Konzipierung des Museums aufgegriffen.» (Museum Aargau.)
Die Ausstellung lädt ein zum Gespräch und zu einer vertieften Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen, die im Spannungsfeld zwischen Wissen und Glaube angesiedelt sind. Die Fragen dienen als Ausgangspunkte für Gedanken, Gespräche und die Suche nach Antworten zu den Themenbereichen Glaube, Macht und Wissen. Ich bin eingeladen, die Schilder in die Hand zu nehmen und neu anzuordnen. Ohne zu zögern, mache ich mich an die Arbeit, wähle Fragen aus, sortiere und gruppiere. Vor meinen Augen entsteht eine von mir persönlich kuratierte kleine Ausstellung von Fragen zum Thema Wissen und Lernen.
«Welche Frage ist die wichtigste?» steht auf einem der Schilder. Ich entscheide mich für die folgende: «Komme ich durch Lernen ans Ziel?» Ich will sehen, wie Besucherinnen und Besucher auf die Frage reagiert haben. Dazu nehme ich die Fragetafel von der Wand und platziere sie auf ein markiertes Feld an der Station «Kommentare». Im selben Moment erscheint meine Frage auf einem grossen Bildschirm an der Wand. «Mit jeder Erfahrung lerne ich für künftige Ereignisse und Probleme dazu», schrieb mk. «Welches Ziel ist gemeint?» tippe ich in das Kommentarfeld. Und schiebe gleich noch eine Frage hinterher: «Lerne ich dadurch, dass ich Fragen stelle?» Die Frage drängt sich mir förmlich auf an diesem Ort, an dem seit Jahrhunderten Wissen weitergegeben wird. Kann es sein, dass Lernende von Fragen mehr profitieren als von Antworten?Â
Meine neue Frage schreibe ich an der Station «Teilen» auf ein schwarzes Kartonschild und fotografiere mich damit. Zack, erscheint mein Selfie neben den Selbstportraits anderer Besucherinnen und Besucher, die jeweils auch eine Frage in die Kamera halten. Ich zücke noch einmal den weissen Stift und betätige den Auslöser: «Lernen wir unser Leben lang?» Es ist ein gutes Gefühl, meine Fragen in den Raum zu stellen. Weniger gut fühlt es sich an, mit meinen Fragen allein zu bleiben, keine Antworten zu erhalten. Ich erinnere mich, dass bei einem vorigen Besuch meine Begleitung den Raum gar nicht mochte, sich regelrecht erdrückt fühlte von der Fragenflut. Weil ich an diesem verregneten Dienstag im November, an dem es nicht so richtig hell werden will, die einzige Besucherin bin, muss ich aushalten, dass eine Reaktion vorerst ausbleibt.Â
Die vielen Fragen werden mir zur Frage. Sie sollen «die Besucherinnen und Besucher anregen, über sich selbst und die eigene Einstellung zum Leben, zum Tod, zum Universum, zur Religion, zu Macht und zum Umgang mit Wissen nachzudenken. Es sind keine Wissensfragen. Somit ist keine Antwort falsch, alle sind richtig.» (Museum Aargau.) Ein Dialog soll angeregt werden, erfahre ich auf der Website. Was aber, wenn kein Gespräch entsteht? Ist eine Frage an sich schon wertvoll, und bringt sie uns auch ohne eine Antwort weiter? Was kann eine Frage, was eine Antwort nicht kann? Welchen Beitrag können Fragen heute leisten? Braucht es sie mehr denn je? Wo wir doch mit ein paar Klicks unendlich viele potenzielle Antworten abrufen können. Kann es sein, dass das Überangebot an Information eine Kultur des Fragens und Hinterfragens geradezu verlangt? Wie helfen Fragen uns dabei, zu lernen, uns zu orientieren? Dienen sie dazu, unsere Neugier und Lernfreude anzuregen? Welchen Einfluss haben Fragen auf Wissens- und Erkenntniszuwachs? Sind Fragen der beste Weg, Wissen zu konstruieren? Meine Neugier ist geweckt.
Zu Hause am Schreibtisch beginne ich, zu tippen. Suchmaschine auf, Frage rein. Die Eingabe «Frage Kloster» im Suchfeld führt leider nur zu Interviews über den Zölibat und die Herausforderungen des Klosterlebens. Bald lande ich aber bei den Scholastikern im Mittelalter. Fragen können uns helfen, Dinge zu begreifen, Wissen zu vertiefen, davon waren sie überzeugt. Die Namen Sokrates und Plato ploppen auf. Schon für sie hatten Fragen eine zentrale Bedeutung, erfahre ich. Da kommt mir in den Sinn, dass es im Judentum eine Kultur des Fragens gibt. Ein paar Klicks weiter lese ich, dass Talmud-Schüler lernen, gute Fragen zu stellen. Das bringt mich direkt zu Jesus Christus. Stellte er nicht auch unfassbar viele Fragen?Â
Zurück zur Suchmaschine. «Fragen Jesu» tippe ich. Ich muss es anders formulieren: «Wie viele Fragen stellte Jesus?». Ich lande wieder nur bei Fragen an Gott, bei Fragen über den Glauben. Ich frage auf Englisch «How many questions did Jesus ask?» und werde fündig. Man muss nur richtig fragen.Â
Über 300 Fragen Jesu werden in den Evangelien überliefert, ergibt meine Recherche. Liebst du mich? (Johannes 21,15 ff.) oder Was sagt ihr, wer ich sei? (Matthäus 16,15) kommen mir als erstes in den Sinn. Fragen, die Menschen an ihn richteten, beantwortete er selten direkt. Um genau zu sein: Er beantwortete gerade mal 3 von 187 Fragen. «Jesus, warum hast du so viele Fragen gestellt?» Sicherlich nicht, weil er auf Antworten aus war oder unser Wissen überprüfen wollte. Aber warum dann?Â
Fragen stossen Denkprozesse an, bringen uns weiter. Sie können an uns nagen, uns aufwühlen und verunsichern. Uns den Schlaf rauben. Fragen haben das Potenzial, uns in Bewegung zu setzen. Jesu Fragen liessen aufhorchen, provozierten, forderten heraus, trafen ins Mark. Er machte es seinen Zuhörerinnen und Zuhörern nicht leicht: Indem er Fragen stellte, spielte er ihnen den Ball zu. Er nahm ihnen die Antwort bzw. die Suche nach einer Antwort nicht ab. Offensichtlich sollten sie sich selbst aufmachen und zu ihren eigenen Schlüssen kommen. Macht das (Jesu) Fragen so besonders? Dass die Verantwortung ganz bei uns ist und bleibt? Dass wir uns nicht zurücklehnen und bequem konsumieren können? Dass sie uns aktivieren und uns Freiheit lassen?
Ich beschliesse, es vorerst dabei zu belassen. Ganz im Stil der Ausstellung lasse ich die Fragen genüsslich weiter in mir nachhallen und ihre Wirkung entfalten. «Unser Leben kommt einem nie versiegenden Fluss an Fragen gleich», stand auf einer der Ausstellungstafeln. Let it flow. Ich bin dabei.
Die Klosterhalbinsel Wettingen ist einer von zehn Standorten von Museum Aargau. Die Dauerausstellung «Glaube, Macht, Wissen» ist im ehemaligen Parlatorium und im Observatorium untergebracht. Entstanden ist die Ausstellung in Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern der Kantonsschule. Im Zentrum steht ein Archiv mit ca. 300 Fragen. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, weitere Fragen zu stellen und an die nächsten Besuchenden weitergeben. Dass zwischen den Schülerinnen und Schülern, die als Hosts im Parlatorium tätig sind, und den Besuchenden ein Dialog entsteht, ist ebenso Teil des Konzepts.
Nach einer Winterpause öffnet das Museum am 29. März 2024.
https://www.museumaargau.ch/klosterhalbinsel-wettingen
Von jeher wird beim Brotbacken dem Teig aus frischem Mehl Sauerteig oder Hefe beigefügt, um den Teig zu durchsäuern, zu lockern und aufgehen zu lassen. Die Wirkung des Sauerteigs wird in der Bibel, vor allem im Neuen Testament, als Bild für zunächst unauffällige, jedoch alles durchdringende Einflüsse verwendet – und dies bemerkenswerterweise fast durchwegs im unguten Sinn. Eine Ausnahme bildet das Gleichnis vom Reich Gottes, das Jesus mit der treibenden Kraft des Sauerteigs vergleicht (Matthäus 13,33; Lukas 13,21). Allerdings könnte selbst dieses Gleichnis im negativen Sinn ausgelegt werden, doch davon später.Â
«Sauerteig» steht somit für den innersten Antreiber, den regierenden «(Un-)Geist» oder das Glaubenssystem hinter dem, was ein Mensch tut oder lässt. In den Evangelien mahnt Jesus seine Jünger explizit, sich vor dem Sauerteig der Pharisäer, der Sadduzäer und des Herodes zu hüten (Matthäus 16,5-12; Markus 8,13-21; Lukas 12,1-3). Als Jesus diese Warnung ausspricht, haben seine Jünger gerade vergessen, genügend Brot als Proviant mitzunehmen und denken nun, Jesus halte ihnen das irgendwie durch die Blume vor. Aber Jesus erinnert sie im Gegenteil an die zwei übernatürlichen Brotvermehrungen, die sie vor Kurzem miterlebt hatten. Indirekt sagt er damit, dass wir uns wegen unserer Fehler nicht zu sorgen brauchen, ja, dass für unser Leben immer gesorgt werden wird, solange wir mit ihm verbunden sind. Aber auch, dass wir uns davor hüten sollten, uns selbst «Leben» zu verschaffen oder die Dinge in den Griff zu kriegen, sei es auf die Weise der Pharisäer, der Sadduzäer oder des Herodes.
Die Pharisäer waren fromme Menschen, die es wirklich ernst meinten. Sie wollten Gott gefallen, dadurch dass sie das Gesetz sorgfältigst befolgten, und Jesus hat ihnen das auch mehrfach attestiert. Gleichzeitig bezichtigte er sie der Heuchelei: Dass sie davon überzeugt waren und andere glauben machten, sie erfüllten alle von Gott geforderten Gebote, während sie für die wesentlichen Teile des Gesetzes – Barmherzigkeit und Liebe – blind waren. Ihre Gerechtigkeit entsprach dem «Dienst nach Vorschrift», aber von der weit darüber hinausgehenden Dimension des Reiches Gottes, wie Jesus sie in seinem Charakter, seinen Worten und Taten verkörperte, blieben sie unberührt, ja, sie reagierten sogar feindlich darauf.
Christen sind vor dem pharisäischen Sauerteig bis heute nicht gefeit. Wie schnell geht es mehr um das menschlich Machbare: um das richtige Glaubensbekenntnis, das Einhalten bestimmter Benimmregeln oder um das Wahren eines «christlichen» Scheins anstatt um tätige Liebe, Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit, wie sie nur Gottes Gnade schenken kann.Â
Die Sadduzäer waren vom hellenistischen Denken geprägte Rationalisten. Sie waren verflochten mit der Obrigkeit und der politischen Klasse und gehörten zu den Reichen, Einflussreichen und Vornehmen. Sie glaubten wohl an die fünf Bücher Mose, aber leugneten die Auferstehung von den Toten, ein Weiterleben nach dem Tod sowie die Existenz von Engeln und Geistern. Zu ihnen sagt Jesus in Markus 12,24: Ihr irrt, weil ihr weder die Schriften kennt noch die Kraft Gottes.Â
Es gibt Christen, die sich über den Sauerteig der Pharisäer erhaben fühlen, dafür umso mehr von dem der Sadduzäer motiviert werden. Ihr Glaube ist mehr von politischer Korrektheit als von einer unmittelbaren Gottes- und Christusbeziehung geprägt. Sie haben einen Schein der Frömmigkeit, aber die übernatürliche, rational nicht erklärbare Dimension des Glaubens und das unmittelbare Reden Gottes ist ihnen suspekt. Auch vor dem sadduzäischen Sauerteig mit seiner Lehre und Lebenseinstellung, sagt Jesus, sollten Christen sich hüten.
Warum nennt Jesus auch noch den Sauerteig des Herodes? Worauf spielt er damit an? Wenn wir betrachten, was uns in den Evangelien über den Charakter des Herodes überliefert wird, steht «sein» Sauerteig für Positionsdenken und Machtwahn, für Populismus und Gefallsucht, aber auch für die Angst vor Gesichts- und Einflussverlust. Ein weiterer Aspekt ist die Sensationsgier. Herodes möchte von Jesus einfach gerne Zeichen und Wunder sehen (Lukas 23,8).Â
Jesus würde den Sauerteig des Herodes nicht erwähnt haben, wenn Christen nicht auch dafür anfällig wären. Wo sind wir selbst gefährdet, um jeden Preis für unsere Position, für unsere Macht und unseren Einfluss zu kämpfen? Wo folgen wir selbst «christlichen» Systemen, die mit Manipulation, Angstmache und Druck arbeiten?
Wir können Christus nachfolgen und doch immer noch von gewissen Sauerteig-Einflüssen gesteuert werden. Es ist gut, sich das mahnende Wort von Jesus an seine Jünger selber zu Herzen zu nehmen und sich immer wieder mal betend zu fragen: «Was treibt mich eigentlich im Innersten an? – Wo bin ich pharisäisch, sadduzäisch, herodianisch «sauerteigig» geprägt, statt im «Ungesäuerten der Lauterkeit und Wahrheit» zu leben (1. Korinther 5,8)? Wo bin ich versucht oder unter Druck, mehr aus mir, aus meinem Dienst, aus meiner Gemeinde machen zu wollen, als was Gott uns gegeben hat (Römer 12,3)? Wo bin ich im Glauben, in meinem Wesen und Handeln hart-rechthaberisch, distanziert-abgeklärt oder überheblich-angstgesteuert geworden?Â
Wie oben angetönt, lohnt sich in diesem Zusammenhang nochmals ein Blick auf das Gleichnis vom Sauerteig: Es (das Reich Gottes) ist gleich einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Mass Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war (Lukas 13,21). Warum erzählt Jesus dieses Gleichnis ausgerechnet als Antwort auf die Pharisäer, die ihm vorwerfen, dass er die gekrümmte Frau am Sabbat geheilt hat? Könnte es sein, dass Jesus hier den pharisäischen Sauerteig anspricht, der manchmal dem Reich Gottes täuschend ähnlich daherkommt, aber mit seiner Gesetzlichkeit und seinem Buchstabenglauben Gottes Reich mit seinen menschenfreundlichen Absichten korrumpiert?
In diesem Sinn ist es unerlässlich, dass wir ein Leben lang gut hinschauen und unterscheiden lernen, wo Menschen (auch wir selbst) «Jesus Christus» sagen, aber in Wirklichkeit vom Sauerteig getrieben sind – ob nun in Gestalt von Gesetzlichkeit, Vernunftgläubigkeit oder Machtdenken. Wenn wir in unserer Zeit nochmals tiefer erkennen und uns einklinken wollen in das, was Christus am tun ist, wird das bei allen notwendigen Debatten und Diskussionen vor allem durch Gottes Geist sowie durch Demut, Lernbereitschaft und Gebet geschehen.
Jesus hat seinen Nachfolgern schon ganz zu Beginn der Bergpredigt ans Herz gelegt, dass das Erfahren des Reiches Gottes nicht in äusserer Stärke, sondern in geistlicher Armut liegt (Matthäus 5,3), in täglicher Abhängigkeit von Gott, seiner Gnade und seinem Geist. Darum müssen wir uns nicht Sorgen machen, wann immer wir «vergessen haben, Brot mitzunehmen». Darum dürfen wir alle Angst ablegen, wo wir Dinge nicht im Griff und unter Kontrolle haben. Darum können wir getrost alle Versuche, uns selbst Leben zu verschaffen, in Jesu Hand legen. Das tun wir, indem wir in jeder Lage nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit trachten, gut hinhören und erspüren, was Jesus vorhat und wo er uns wieder ein Stück mehr den Horizont erweitert darüber, was es heisst: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer (Matthäus 9,13).
Alles begann 1973 mit dem «Kurs für ansteckendes Christentum» in Amriswil, an dem HP und Vreni teilnahmen. Heute würde wohl ein solcher Kurstitel für mehr Fragen als für Anmeldungen sorgen, aber jene Tage – das persönliche Erfahren der Kraft des Heiligen Geistes und das Miterleben, wie Menschen in der Folge Jesus in ihr Leben einluden – weckten eine Sehnsucht in dem damals noch jungen Ehepaar, die bis heute spürbar ist. Wenn Vreni und HP über ihre erste Zeit als Mitarbeitende bei Campus für Christus erzählen, leuchten ihre Augen und sie strahlen grosse Freude und Dankbarkeit aus für all das, was sie in den fünf Jahrzehnten bei Campus für Christus erleben und teilen durften.
1976 liessen sich die beiden als vollzeitliche Mitarbeitende zu Campus für Christus berufen. Es war die Entscheidung gegen eine vielversprechende Karriere in der Wirtschaft und im Familienbetrieb und für ein Leben als «Missionare» in einem kleinen Werk mit grossen Ambitionen. Seine unternehmerische Energie brachte HP zunächst bei der Gründung der Arbeit unter Studierenden ein, später in der «Aktion Neues Leben», bei mehreren EXPLO-Konferenzen, bei Pionierprojekten im Ausland und als Programmverantwortlicher bei Christustagen.
Mit drei grossen Zielen übernahm HP 1983 die Leitung von Campus für Christus, die ihn und Campus für Christus über 30 Jahre lang bewegen und antreiben sollten: (1) In jedem Ort der Schweiz sollten erweckliche Gemeinschaften entstehen, (2) geisterfüllte Leiterinnen und Leiter in allen Bereichen der Gesellschaft gefördert und (3) geistliche Ströme in Form von Know-how, Menschen und Finanzen freigesetzt werden. Zu diesen drei Zielen kam im Laufe der Zeit die Förderung der Einheit unter Christinnen und Christen als weiteres wichtiges Ziel dazu, das Campus für Christus in der Schweiz wesentlich prägen sollte. «Denn mir wurde bewusst, dass die ersten drei Ziele nur in Gemeinschaft mit dem ganzen Leib Christi erreicht werden könnten. Nicht zuletzt sollten die EXPLO-Konferenzen dazu dienen», so HP.
Wenn HP von seiner ersten Begegnung mit Pfarrer Ernst Sieber und Weihbischof Martin Gächter erzählt, blitzt sie wieder auf, diese Leidenschaft für Einheit von Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Traditionen und Denominationen. Als Vorreiter bereiteten HP und Vreni zusammen mit anderen den Weg, auf dem sich Campus für Christus auch heute noch für das Miteinander der Kirchen in der Schweiz einsetzt.
Ein erstes Highlight war die «Aktion Neues Leben», durch die in den 1980er-Jahren über 3000 Bibel-Gesprächskreise entstanden sind. Vreni erinnert sich gerne an diese Zeit: «Bis heute hören wir, was die ‹Aktion Neues Leben› bewegt hat. Tausende Christen haben sich aktiv beteiligt. Hunderte von Gebetsseminare und Kurse über ‹Vom Glauben reden lernen› wurden landauf landab durchgeführt. Und überall hingen Plakate ‹Neues Leben – schon gefunden?›».Â
Über die Jahre hinweg konnten verschiedene Ministries gegründet und Dienste in vielen Ländern gestartet werden. Immer wieder betonen die beiden, wie Gott sie im Lancieren von neuen Diensten und Projekten mit offenen Türen überrascht hat. Die Dankbarkeit darüber, all das miterlebt zu haben, und die Faszination für das einende und kraftvolle Wirken des Heiligen Geistes sind bis heute gross. Ein Highlight, das sich auf besondere Art in die Geschichte der Nüeschs eingebrannt hat, ist der Christustag 2004: «Zweimal brach die Sonne durch, als am 13. Juni die Fahnenträger der (damals) 2786 politischen Gemeinden und die 117 Nationalflaggenträger das Fussballfeld im Basler Joggeli betraten. Es war, als würde Gott uns damit seine Freude darüber zeigen, dass Christinnen und Christen sich dazu verpflichten, fortan für ihre Mitmenschen zu beten und sie unter den Segen Gottes zu stellen.»
Aber es gab auch schwierige Momente, bei denen Campus für Christus Gefahr lief, von einer lebendigen Bewegung zu einer toten Maschine zu mutieren. Alles schien äusserlich gesehen zu funktionieren, aber das innere Feuer fehlte. Da half es, das geplante Programm zu streichen und gemeinsam im Gebet auf Gottes erneuerndes Wirken zu warten – was dann auch, Gott sei Dank, nicht ausblieb.Â
Zuweilen fühlten sich Nüeschs zu Unrecht angegriffen, weil sie mit Campus für Christus gewisse Glaubensgeschwister unterstützten, die nicht zum evangelikalen Mainstream gehörten. «Gott lehrte uns, nicht selbst zu kämpfen oder uns zu verteidigen, sondern ihm die Sache zu übergeben und die Menschen unter seinen Segen zu stellen.» In dieser Zeit entstand das Motto, das HP seitdem begleitet: Lobe Gott. Segne Menschen. «Auch wenn mir das nicht zu 100 Prozent gelungen ist, versuche ich auch heute noch, danach zu leben – es hat sich hundertfach bewährt.»
In den Anfangsjahren gab es auch Situationen, in denen man statt auf Gott mehr auf die Stimmen von Mitchristen hörte, die meinten, dies oder jenes sei so gesegnet gewesen, dass man es unbedingt wiederholen sollte. Manchmal sei sicher auch ein wenig Stolz im Spiel gewesen, wenn er zu wenig nach Gottes Willen gefragt habe, so HPs ehrliche Bilanz. Später habe man in der Missionsleitung vor wichtigen Entscheidungen immer eine Zeit des hörenden Gebets eingelegt und Gott um seine Bestätigung gebeten. «Das hat uns vor manchen Fehlern bewahrt.»
Mit einem freundlichen Grinsen sagt HP dann: «Vielleicht war es mein wichtigster Beitrag bei Campus für Christus, alles zu tun, um dem Wirken des Heiligen Geistes nicht allzu sehr im Weg zu stehen», und fügt dann mit einem ernsteren Ausdruck hinzu: «Leider ist es dann doch hie und da vorgekommen, dass ich Gott nicht vertraute oder mein allzu menschlicher Verstand mir in die Quere kam.» Genau solche Momente lehrten den sonst so selbstbewussten Leiter und Macher zwei wichtige Dinge: Vertrauen und Demut. Gott habe sich nie um HPs Pläne gekümmert, sondern ihn die Spannung zwischen Abwarten und Aktivwerden auszuhalten gelehrt. So sind Ministries wie FAMILYLIFE, Crescendo oder auch die Diplomatenarbeit nicht dann entstanden, als HP es geplant hatte, sondern als Gott es für richtig erachtete.
«Campus für Christus soll ein Katalysator für das Entstehen von geistlichen Bewegungen sein», sind HP und Vreni überzeugt. Deshalb sei die Eigenschaft, Spannungen aushalten zu können, entscheidend. Den richtigen Moment und die offenen Türen abzuwarten, wann es Campus-Energie braucht, damit geistliche Ströme freigesetzt werden können, die auch über die Schweizer Landesgrenzen hinausgehen.
Während HP und Vreni in all der Zeit Campus für Christus mitgeprägt haben, wurden sie selbst durch Christus, für den sie voller Begeisterung und mit grossen Erwartungen vorangingen, verändert, herausgefordert und belebt. Und genau das wünschen die beiden Campus für Christus für die Zukunft: In aller Arbeit soll es um Christus und sein Versöhnungswerk am Kreuz gehen, das unbedingt im Zentrum bleiben muss. Dazu gehöre auch die Demut, anzuerkennen, dass Campus für Christus als Missionsbewegung nur ein kleiner Teil eines viel grösseren Projektes Gottes ist. «Es geht immer um Christus, nicht um Campus.» Vreni und HP sind dankbar, dass Gott Campus für Christus unter der Leitung von Boppi mehr denn je auf wunderbare Weise braucht. Die Sehnsucht nach immer mehr von Christus ist offensichtlich, und dazu können beide nur «Amen» sagen.

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