Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde (1. Mose 1,1). Gott schafft immer wieder Neues, wie es Jesaja besagt (Jesaja 43,18-19) und lädt uns ein, uns allezeit zu freuen über das, was ich schaffe» (Jesaja 65,18).

 

DER ERFINDERGOTT

Gott ist ein Erfindergott. Deshalb ist Innovation im Sinne von Erneuerung zutiefst in der Existenz der Schöpfung und unseres Menschseins verwurzelt. Innovation «passiert». Überall und permanent. Bis in den Alltag hinein. Wenn ich am Kochen bin und mir bestimmte Zutaten fehlen, kann das zu innovativen Ideen führen, mit dem Resultat, dass am Esstisch unterdrückte Würgegeräusche die still gezollte Anerkennung unterbrechen. Wenn ich im Dachstock ein riesiges Regal als Bibliothek verbauen möchte und realisiere, dass da mittendrin noch ein Balken herausragt und irgendwoher noch Strom gezogen werden müsste, fordert mich das zu kreativen Lösungen heraus. Wenn Tamara und ich uns als Ehepaar und Familie alle paar Monate wieder auf veränderte Umstände einstellen müssen, brauchen wir innovative Energie. Und selbst das Schreiben dieser Zeilen ist pure Innovation – eine Anordnung von Buchstaben, wie sie noch nie in genau dieser Kombination auf einem Blatt zu finden war.

Letztlich sind wir als Menschen fähig zu kreativen Prozessen, weil wir darin zutiefst und wohl am deutlichsten Gottes Wesen und seine Schöpfungskraft widerspiegeln. Der Trugschluss jedoch, dass fromme Menschen in irgendeiner Weise kreativer sein sollten, wird durch die Realität widerlegt. Kreativität scheint durch die Ebenbildlichkeit im Menschsein grundsätzlich angelegt und verankert, weshalb wir in der Weltgeschichte bis heute auf allen Gebieten erstaunliche Entwicklungsschübe beobachten können. 

Gott hat eine Entwicklungsdynamik in seine Schöpfung gelegt, die uns Menschen immer wieder Neues, neue Gesetzmässigkeiten, neue Möglichkeiten erforschen und entdecken lässt. So wie Sprüche 25,2 sagt: Gottes Ehre ist es, eine Sache zu verbergen, die Ehre der Könige aber, eine Sache zu erforschen. Es gehört daher zum Menschsein – als Ebenbild Gottes – und zu seinem Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, dass er – aus der Verbindung mit Gott und seinem Geist – entdeckerfreudig, kreativ, künstlerisch, erfinderisch und innovativ tätig ist, zum Wohl der Schöpfung und der Menschheit und zur Ehre Gottes.

 

EIN UNIVERSELLES LEBENSKONZEPT

In diesem Sinn sind wir Menschen und ist die Welt auf Weiterentwicklung, auf Innovation, ausgelegt. Und das gehört, wie ich in meinem Buch «Neuländisch» ausgeführt habe, unabdingbar zur 

gesunden Vorwärtsbewegung des Lebens und Glaubens. Innovation kommt vom lateinischen «innovare», was wörtlich «erneuern» bedeutet – ein Prozess, der sich überall in der Schöpfung wiederfindet, von der Natur bis zum eigenen Körper. Das ständige Erneuern entspricht dem Lebenskonzept, das der «Seht, ich mache alles neu»-Gott für uns Menschen entworfen hat (vgl. Offenbarung 21,5). Während du diesen Satz liest, werden über 50 000 Zellen in deinem Körper erneuert. Täglich verlieren wir 14 Gramm tote Hornzellen. Das sind zig Millionen – und nach rund einem Monat haben wir einen völlig erneuerten Zellsatz auf der Hautoberfläche. Wenn wir achtzig sind, haben wir an die 400 kg Haut verloren. Gott sei Dank. Bereits Haut und Haare zeigen, wie wichtig Erneuerung für uns Menschen ist. Was unser Körper äusserlich macht, muss unser Inneres ebenso tun. Paulus drückt es so aus: Mögen auch die Kräfte unseres äusseren Menschen aufgerieben werden – unser innerer Mensch wird Tag für Tag erneuert (2. Korinther 4,16). Ein faszinierender Vers mit einer wegweisenden Aussage. Unser Inneres ist «mit Haut und Haar» auf tägliche Erneuerung ausgelegt. Und dies, weil es für den Prozess der Christus-Ähnlichkeit, für die wir geschaffen worden sind, notwendig ist. Erneuerung also, damit ihr Gott immer besser kennenlernt und seinem Bild ähnlich werdet (Kolosser 3,10).

Unternehmerisch spricht man bei einem solchen «Optimierungsprozess» von inkrementeller Innovation – wenn etwas Bestehendes beispielsweise besser oder schöner gemacht wird. Dem gegenüber steht die disruptive Innovation, die beschreibt, wenn man eine völlig neue Lösung für ein Problem entwickelt. Beide Dynamiken finden sich auch im Glaubensleben – die konstante Erneuerung wie auch das mutige Beschreiten von Neuland. Sie bedingen beide die Bereitschaft, mich im Leben immer wieder aufzumachen in den Beziehungen, in meinem Denken und Glauben und vorwärtszusuchen. Die Bereitschaft, mich nicht einfach «gefunden habend» hinzusetzen, sondern neugierig glaubend Christus zu folgen. Und Luthers pointierte Formulierung zu akzeptieren: «Ein Christ ist im Werden, nicht im Gewordensein.»

«Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte», sagte Gustav Heinemann, ehemaliger Bundespräsident von Deutschland. Das gilt nicht nur für unser persönliches Leben, sondern auch für so viele andere Systeme, zum Beispiel für eine Gemeinde oder für Beziehungen – wo man sich nicht mehr miteinander weiter- und aufeinander zu bewegt, da verkümmert etwas und stirbt ab. Bei der Mystikerin Teresa von Ávila klingt das wunderschön: «Ich meine, dass es der Liebe nicht möglich ist, irgendwo stehen zu bleiben. Wer nicht wächst, schrumpft.» Wenn wir unserem Glauben nicht erlauben, sich innovativ und kreativ weiterzuentwickeln, dann verkümmert er über die Jahre. Er schrumpft. Und wir degenerieren schlussendlich zu zynisch-verbitterten Glaubenszwergen.

 

INNOVATIONSBREMSEN

Es gibt verschiedene Dinge, die Innovation ausbremsen. Oft hat das mit einem bestimmten Mangel zu tun. Hier sechs Arten, die ich in meinem eigenen Leben immer wieder mal identifizieren kann.

 

  1. Ein Mangel an Zeit: Ein Grund für mangelnde Innovationsenergie bei Kreativprozessen, wie zum Beispiel dem Schreiben, kann Zeitdruck sein. Innovation ist weder ein Espresso, der auf Knopfdruck aus der Maschine kommt, noch ein Diamant, der unter Druck geboren wird. Innovation braucht Raum und Zeit, um sich zu ereignen. Und wenn es mir an kreativer Denkenergie fehlt, muss ich mir die Zeit einplanen, nehmen und gestalten. Da wir nicht in uns abgeschlossene Wesen sind, sondern verwoben mit dem Umfeld, hat auch das aktive Gestalten des äusseren Raumes Einfluss auf die Innovationsprozesse in uns.

 

  1. Ein Mangel an Mut: Der französische Schriftsteller André Gide sagte: «Der Mensch kann nicht zu neuen Ufern aufbrechen, wenn er nicht den Mut aufbringt, die alten zu verlassen.» Oft geschieht Veränderung nur deshalb nicht, weil die Angst vor Veränderung den Mut zu Boden ringt. In der Geschichte von Jesus mit den Jüngern im Sturm wird dies deutlich. Sie haben Panik, er schläft. Dann befiehlt er dem Sturm, ruhig zu sein. Doch gleich darauf kommt es zu der schockierenden Begegnung mit jenem nackten, besessenen Mann in Gerasa, der alle terrorisiert und dann von Jesus geheilt wird. Was mir bei der Geschichte ins Auge sticht, ist die Tatsache des «Nach der Angst ist vor der Angst»-Phänomens. Als Jesus den Sturm stillte, brach bei den Jüngern nicht etwa eitle Freude aus. Nein, sondern: Jetzt wurden sie erst recht von Furcht gepackt (Markus 5,41 NGÜ). Das Gleiche geschah mit den Menschen, die in der Region des Besessenen lebten und von ihm bedroht wurden. Als Jesus aber ihr Problem löste und der Mann friedlich wie ein Lämmchen da sass, bekamen sie es mit der Angst zu tun, und sie drängten Jesus dazu, ihr Gebiet zu verlassen. 

Wir stossen da auf eine menschliche Reaktion, die ich immer wieder beobachte: Mehr noch als vor der unbequemen oder schmerzhaften Situation, in der wir uns befinden, fürchten wir Menschen uns vor Veränderung. Ich begegne Menschen, deren ganzes Leben nach Veränderung lechzt, die nach einer Begegnung mit Gott dürsten, aber es nicht schaffen, ihre Situation loszulassen und sich von Gott weiterführen zu lassen – sie haben Angst, was Gott mit und aus ihnen machen könnte. Oder wie es Uli Eggers, ein Freund von mir, auf den Punkt gebracht hat: «Für viele ist das stille Leiden am Ist-Zustand beherrschbarer und bequemer als der Mut zur Wahrheit.»

 

  1. Ein Mangel an Bereitschaft zu scheitern: Innovation und einen neuländischen Spirit im eigenen Leben zuzulassen, bedeutet, zu akzeptieren, dass Fehler, Umwege und Sackgassen natürlicherweise Teil des Lebens sind. Dass es darum geht, hoffnungsvoll vorwärtszuscheitern und daran nicht zu zerbrechen. Vom grossen Erfinder Thomas Edison erzählt man sich, dass er Tausende von erfolglosen Versuchen mit verschiedenen Drähten absolvierte, bis er endlich eine funktionierende Glühbirne entwickelt hatte. Er selbst soll dazu gesagt haben: «Ich habe nicht versagt. Ich habe nur 10 000 Wege gefunden, die nicht funktionieren.» Das Nichtfunktionieren, Stolpern, Umfallen, Fehler- und Umwege-Machen ist nicht einfach Versagen, sondern integraler Bestandteil dessen, was sich Leben nennt.

 

  1. Ein Mangel an Veränderungsenergie: Die meisten Veränderungen brauchen einen Startschub, einen Energieaufwand. Als würde man versuchen, ein grosses Wasserrad in Schwung zu bringen. Dazu muss man einen bestimmten Widerstand überwinden, der in manchen Systemen oder auch in persönlichen Situationen sehr gross sein kann. Personen, aber auch Organisationen haben ein Immunsystem – und da sprechen wir nicht vom biologischen, sondern von einem Immunsystem geistiger Natur. Wenn Veränderung in das System eingespeist wird, kann das zu einer autoimmunen Abwehrreaktion führen. Genau wie ein Körper, der ein neues Herz bräuchte, um zu überleben, dieses abstossen wird, wehren sich Systeme gegen Veränderungen, selbst wenn diese gut und überlebenswichtig wären. Ich habe schon so oft Teams oder Organisationen in Change-Prozessen begleitet und die Quintessenz war oft: «Wir wollen unbedingt Veränderung – aber nur, wenn alles so bleibt, wie es ist.» Das Immunsystem reagiert sofort und es braucht oft viel Veränderungsenergie und Veränderungswille, um diese Abwehrreaktion zu überwinden. 

 

  1. Ein Mangel an Loslassenkönnen: Eine weitere Bremse nennt die Wissenschaft «Escalating Commitment» (Eskalierende Verpflichtung). Sie taucht dort auf, wo man in etwas Bestimmtes schon so viel Herzblut, Zeit oder Geld investiert hat, dass man nicht mehr anders kann, als weiter an dem Projekt oder der Stossrichtung festzuhalten, selbst wenn sie keinen Erfolg verspricht. Man ahnt zwar, dass es nicht erfolgreich sein wird, aber hat den Zeitpunkt verpasst, um auszusteigen, oder etwas zu ändern. «Escalating Commitment» lässt sich vielerorts entdecken: Wenn man einfach weiterhin auf eine offensichtliche erfolglose Strategie setzt – etwa auf eine Marketingkampagne, die nicht läuft, aber weil da schon eine Million drinsteckt, investiert man noch mehr. Oder wenn der Preis für Heizöl steigt, aber weil man es verpasst hat, vorher einzukaufen und es jetzt teurer ist, wartet man noch länger, obwohl es nur noch schlimmer wird. Oder da ist eine Gemeinde, in der man einen bestimmten Wert, eine Tradition oder eine Moralvorstellung jahrzehntelang hochgehalten hat, obwohl man spürt, dass es in der heutigen Zeit nicht mehr stimmig ist.

 

  1. Ein Mangel an Weitblick: Konrad Adenauer sagte: «Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber nicht alle haben den gleichen Horizont.» Innovation wird manchmal nicht möglich, weil wir sie nicht sehen wollen. Weil wir nur schon in unserem Kopf nicht zulassen, dass eine Lösung möglich wäre, die ausserhalb unseres Blickfeldes liegt. Denn innovative Lösungen sehen oft anders aus als die, die wir uns vorstellen können. Der Erfinder des Automobils Henry Ford sagte: «Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: ‹Schnellere Pferde.›» Im christlichen Glauben haben wir zusätzlich noch den Faktor Gott, der für Überraschungen sorgen kann. So wie es der Diener von Elisa erlebte, als Elisa in einer ausweglosen Situation betete, dass Gott dem Diener die Augen öffnen möge (2. Könige 6,17). Darum ist es in Teams so unglaublich hilfreich, mit Menschen, die unterschiedliche Persönlichkeiten haben, unterwegs zu sein, weil man so automatisch aus verschiedenen Perspektiven auf ein Thema blickt.

 

MUTIG VORWÄRTSGLAUBEN

Erneuerung wird dort möglich, wo wir unseren Mängeln ins Auge sehen. Und uns nicht mehr von ihnen blockieren und bremsen lassen, sondern uns nach vorne ausrichten. Im Sommer besuchte ich mit meiner Familie das tansanische Massai-Dorf Ngito, wo die Bewohner vor zwei Jahren unter grosser Dürre litten und kein Wasser hatten. Die Frauen mussten täglich acht Stunden laufen, um an Wasser zu gelangen. Sie waren dann auf einen Hügel gestiegen, um Gott anzuflehen, ihnen doch Wasser zu schenken. Die Vorstellung der Menschen war wohl, dass sich die Schleusen des Himmels öffnen und massive Regengüsse eintreten würden. Fakt war aber, dass kurz nach dem Gebet unser Team von GAiN auftauchte, um Abklärungen zu machen, ob man in genau diesem Dorf einen Brunnen bohren könnte, mit der Folge, dass in diesem Dorf nun einer unserer Brunnen steht und Wasser spendet.

Gott hört es, wenn wir um Veränderung und Erneuerung beten. Ein erster Schritt ist es, ihn in unseren Mangel hineinzulassen, im Vertrauen auf die Verheissung in Philipper 4,19: Mein Gott aber wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus. Und dann geht es darum, sich mutig aufzurappeln – oder von Gott aufrichten zu lassen – und hoffnungsvoll vorwärtszustolpern – in das, was Gott zeigt und wirkt. Hinein in wohltuend Neues, hinein in Leben fördernde Veränderung.

Wörter können wild und gefährlich sein oder auch harmlos und träge wirken. Sie können wohlige Gefühle wachrufen oder Kontraktionen im Magen verursachen. Manche Wörter tragen eine farbige Wolke mit sich wie ein Kind einen Ballon nach dem McDonald’s-Besuch. Manche Wort-Ballone sind farblos und grau, andere hoffnungsvoll grün, tiefsinnig dunkelblau oder farbenfroh gesprenkelt. «Ausharren» hat etwas grell Oranges. Nicht unschön, aber ein bisschen giftig, sperrig und angriffig. Vor allem fadet die Farbe wie bei einem PowerPoint-Effekt erst langsam ein, um dann umso sanft-penetranter zu wirken. 

 

DIE KONSTRASTBEWEGUNG

«Ausharren» klingt definitiv nicht neutral. Irgendetwas in mir sträubt sich, das Wort einfach so zu mögen. Als Kind unserer Zeit steh ich damit keineswegs allein da. Die gegenwärtig heranwachsende Gen Z ist die erste Generation, die von Geburt an untrennbar mit dem Smartphone verwoben aufwächst. Für sie sind sofortiger Zugang zu Informationen und permanente Erreichbarkeit gegeben. Erstaunlicherweise führt das zu einer Gesellschaft, die mehr Wissen verfügbar hat, als jede Generation zuvor und doch weniger fähig ist, Wissen anzuwenden. Sie hat mehr Kommunikationskanäle als je und ist im kommunikativen Umgang nicht besser geworden. Sie hat mehr Optionen und ist weniger imstande als je, nachhaltige Entscheidungen zu fällen. Vor allem aber hat sie sich an die Geschwindigkeit gewöhnt und weiss nicht mehr, dass manche Dinge Zeit brauchen. 

Welch Gegensatz zu unserem Sommereinsatz als Familie in Tansania: Als ich die Verantwortlichen der Kirche fragte, wann der Gottesdienst beginnt, bei dem ich predigen sollte, bekam ich als Antwort keine Uhrzeit. «Wenn alle da sind», hiess es pragmatisch. Und irgendwann zwischen 10.00 und 12.00 Uhr werden bestimmt alle da sein, warum also nervös auf die Uhr schauen. Tatsächlich hat mir der African Way sehr gut getan – obwohl ich mich ab und zu dabei ertappte, im Tagesablauf nach Fixpunkten zu suchen, die mir Orientierung gaben. Es half, mir selbst zuzureden, dass das «Hier sein» und das Warten, bis es Essen gibt, auch mit Leben gefüllt ist. 

Und mir ist neu klar geworden, weshalb in unserem durchgetakteten Leben im Westen so viele Menschen Entschleunigung und Ruhe suchen, Achtsamkeit und Einfachheit üben und auch im gottesdienstlichen Rahmen ruhige, klösterliche und liturgische Elemente immer mehr Einzug halten.

 

DARUNTER BLEIBEN

Der Wortschatz einer Sprache sagt viel über die jeweilige Kultur aus. In Indonesien gibt es ein paar Dutzend Worte für Reis. Inuit haben mehrere Bezeichnungen für Schnee. Die Art und Häufigkeit, wie Menschen Worte verwenden, verdeutlicht deren Stellenwert in ihrem Alltag. Das Wort «Ausharren» glänzt dabei hierzulande grossflächig mit Abwesenheit. Es taucht schlicht nirgends auf. Es verdeutlicht den Puls einer Gesellschaft, die Ausdauer haben und Warten können genauso verdrängt wie etwa die Frage nach Gott oder die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod. 

Während ich diese Zeilen schreibe, harre ich einmal mehr in der Deutschen Bahn aus, irgendwo im Niemandsland. «Fahrwerkstörung» oder so heisst es dann meistens. Es trifft zurzeit bei so ziemlich jeder meiner Reisen in Deutschland ein und das Überraschende ist, dass es mich jedes Mal wieder neu nervt. Ich ergebe mich einmal mehr meinem Schicksal, harre aus und warte, bis es irgendwie weitergeht. Und plötzlich realisiere ich, dass es sich im Glaubensleben genauso verhält. Fast immer geschieht etwas, das uns zwingt, zu warten, und oft ist das Einzige, was wir tun können, da wo wir gerade sind auszuharren, bis es weitergeht.

Der biblische Begriff für «Ausharren» bedeutet wörtlich übersetzt «darunter bleiben». Unter etwas bleiben wie unter einem Schirm. Es bedeutet, im Leben und besonders in schwierigen Situationen nicht einfach «auszusteigen» und davonzulaufen, sondern «darunter zu bleiben». Manchmal ist das überlebenswichtig. Im Militär war ich in einem Lawinenkurs, als wir in einer Hüte auf fast 3500 Metern von einem gewaltigen Schneesturm überrascht wurden. Während fast drei Tagen war es unmöglich, sich mehr als ein paar Meter von der Hütte wegzubewegen. Wir konnten nicht evakuiert werden und hatten keine Möglichkeit, mit unseren Skiern das Tal zu erreichen. Also harrten wir in der Hütte aus – die Nächte lag ich lange wach, direkt unterm Dach, während einen Meter über mir der Sturm unerbittlich tobte. Manchmal möchte ich genau das Gegenteil: mich in unangenehmen Situationen «darüber erheben». Ich möchte die Dinge beschleunigen, Abkürzungen nehmen, ausweichen und davonlaufen. Aber viele Prozesse im Leben sind abkürzungsfrei angelegt und müssen durchlebt werden. Oft erst im Rückblick können wir die Schätze erkennen, die wir aus solchen Lebensphasen gewonnen haben. Und wir entdecken, dass es nicht um das schnellstmögliche Erreichen eines Ziels geht, sondern sich Leben gerade in der Warte- und Ausharrezone abspielt. Verbunden mit wertvollen Lektionen, entscheidenden Begegnungen und schönen Dingen, an denen wir sonst ignorant vorbei geeilt wären.

 

DAS AUSHARREN DES CHRISTUS

Ausharren ist weder meine Königsdisziplin noch eine meiner Geistesgaben. Eher ein Wachstumsbereich mit viel Luft nach oben. Doch beim Lesen in der Bibel ist mir in den vergangenen Monaten dieses Wort wie noch nie an vielen Stellen aufgeleuchtet. Nur ein paar Beispiele:

Römer 5,3-4 sagt, dass uns das Ausharren in Drucksituationen zu bewährten und hoffnungsvollen Menschen macht: Wir rühmen uns auch in den Bedrängnissen, da wir wissen, dass die Bedrängnis Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung.

Hebräer 6,12 fordert uns auf, nicht träge zu sein und aufzugeben, sondern dranzubleiben, um Gottes Verheissungen zu erleben: … damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachahmer derer, die durch Glauben und Ausharren die Verheissungen erben.

  1. Thessalonicher 3,5 – eine meiner Lieblingsbibelstellen zum Thema Ausharren – ist ein Segensgebet: Der Herr aber richte eure Herzen auf die Liebe Gottes und auf das Ausharren des Christus! Es drückt den Wunsch aus, den ich auch für Campus habe: Dass wir unseren Auftrag, Gottes Liebe in diese Welt hineinzutragen, mit dem durchhaltenden Warten auf Christus verweben. Denn oft erfordert Glauben ein geduldiges Ausharren auf Christus, ein Aushalten von Dürrezeiten, bis Gott sich wieder zeigt, bis er wieder überraschend ins Leben hineinbricht und Erntezeiten schenkt. Für Campus als Bewegung ist Ausharren für mich neu zu einem wichtigen Kontrapunkt geworden, den wir bei all der Zielorientierung, die wir haben, vor Augen und im Herz festhalten wollen. 

 

FRUCHT BRINGEN DURCH AUSHARREN

Das führt zu einem nächsten Aspekt des Ausharrens, den wir bei Lukas 8,15 finden: Das in der guten Erde aber sind die, welche in einem redlichen und guten Herzen das Wort, nachdem sie es gehört haben, bewahren und Frucht bringen mit Ausharren.

Als Campus-Bewegung wollen wir Frucht bringen, wie auch immer diese Frucht in den einzelnen Ministries definiert ist. Ich selbst möchte auch ein «fruchtbares» Leben leben. Dass man aber an Früchten nicht ziehen kann, damit sie schneller wachsen, ist selbst denen klar, die keinen Garten haben. Frucht bringen ist untrennbar verbunden mit dem Warten auf Wachstum, das nicht in unseren Händen liegt. Und das bringt den Faktor Zeit ins Spiel. In Psalm 1 heisst es, dass der Mensch Frucht bringen soll zu seiner Zeit und dass seine Blätter nicht verwelken. Das lässt uns entspannt leben, selbst wenn in einer Phase des Ministries oder auch des Lebens die Frucht mal ausbleibt. Das Wachstum der Frucht liegt nicht in unseren Händen – unser Part ist es nur, zu schauen, dass wir nah am Wasser bleiben. Die Frucht selbst ist Gottes Sache. 

 

DER JAHRESZYKLUS DES AUSHARRENS

Ausharren gehört zum Leben wie der Winter zum Jahreszyklus. Sich in diesen Zeiten das Vertrauen zu bewahren, fällt nicht immer einfach. Und es ist tröstlich, dass es selbst den Besten nicht immer gelingt. Für mich ist Johannes der Täufer ein wohltuendes Beispiel. Bei ihm sind Lebensphasen ersichtlich, bei denen uns unerschütterlicher Glaube aus allen Poren entgegendrückt. Aber er kennt auch die andere Seite der Glaubensmedaille. In seinen «hohen» Zeiten klingt es so: «Seht, hier ist das Opferlamm Gottes, das die Sünde der ganzen Welt wegnimmt!» Oder: «Das habe ich nun mit eigenen Augen gesehen, und darum bezeuge ich, dass dieser Mann der Sohn Gottes ist» (Johannes 1,29.34). Geballte Überzeugung lag in seinen Worten. Aber dann läuft das Leben plötzlich nicht mehr rund, die begeisterte Menge ist weg, und Johannes versinkt in der Einsamkeit seiner Gefängniszelle. Seine innere Reise schlägt sich in der so nachvollziehbaren und schier brüchig anmutenden Frage an Jesus nieder: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten? (Matthäus 11,3). Das Leben von Johannes war gezeichnet von Warten. Von Warten und Ausharren. Vom Warten auf den Einen. Und dieses Ausharren war geprägt von Momenten tiefsten Vertrauens, aber auch durchzogen von Momenten des Zweifelns, die alle «Glaubenswahrheiten» brachial in den Hintergrund drückten. Dieses Spannungsfeld nennt man «Leben».

Gott ist nicht erschüttert über das Wechselbad unseres Glaubenslebens. Er bleibt Gott und er bleibt treu, selbst wenn wir ihn zwischenzeitlich kaum erkennen können. Das können Phasen sein, in denen uns eine Krankheit, ein Schicksalsschlag oder ein durchkreuzter Plan aus der Bahn wirft. Eine ungeklärte oder spannungsgeladene Beziehung auf der Seele lastet. Existentielle Sorgen oder auch Glaubenszweifel in grossen Lebensumbrüchen umtreiben. 

Gerade unsere (christliche) Instant-Generation tut gut daran, von Johannes warten und ausharren zu lernen und unabhängig von Lebensumständen fest auf Christus ausgerichtet unterwegs zu bleiben. Manchmal mutig und überzeugt, manchmal fragend und zweifelnd. Jedoch in allem sich Christus immer neu zuwendend und auf ihn zulebend.

Wenn ich auf meinem Handy Social Media öffne, zeigen mir Menschen, wer sie sind und vor allem, wer sie nicht sind. Das kann heute etwas anderes sein als morgen. Spätestens übermorgen muss es anders sein. Denn, sich im Wochentakt neu zu erfinden, scheint der Standard. Was nicht funktioniert, wird ausgetauscht. Was nicht ankommt, verschwindet und kommt in anderer Gestalt wieder. Sich ständig weiterzuentwickeln und auf keinen Fall stehen zu bleiben, gilt als Erfolgsmaxime. Firmen, Marken, Menschen, Kunst – immer wieder in einem neuen Kleid. Am Puls der Zeit. Die Fähigkeit, sich zu wandeln, zählt als Beweis für die eigene Agilität und für die Nähe zum Zeitgeist. Die Malerin Carmen Herrera verkörpert inmitten dieses Phänomens ein seltenes Gegenmodell. Sie lebte, was beinahe ausgestorben scheint: Selbsttreue. Und noch etwas: Demut. Gerade deswegen fasziniert mich ihre Geschichte. Die einer unendlich langen Nichtkarriere. 

IHR WERDEGANG

Carmen Herrera wurde 1915 in Havanna geboren. Das Kind aus einem kubanischen, journalistischen Haus besuchte Kunstkurse und studierte später Architektur. Ungewöhnlich für eine Frau ihrer Zeit. Später entdeckte sie, wie sie sagte, die Welt der Malerei für sich: «I found my world in painting.» Sie heiratete den US-Amerikaner und Oberschullehrer Jesse Löwenthal, zog mit ihm nach New York und studierte Kunst. 

Von Anfang an malte sie abstrakte Bilder. Auf ihren Leinwänden ist nichts Gegenständliches zu finden. «Keep it simple», lautete ihr Motto. Je weniger, desto besser. Minimalistisch, geradlinig, mathematisch genau, mit klaren Farben. Sie reduzierte und reduzierte. Geometrische Formen mit einer Farbpallete von zwei, höchstens drei Farben. Sie entwickelte ihre eigene visuelle Sprache und fand «die Schönheit der geraden Linie». Was auf Strenge und Formalität vermuten lässt, ist bei ihr pure Leidenschaft. «Ich habe noch nie eine gerade Linie gesehen, die ich nicht geliebt hätte», lautet ein bekanntes Zitat von der Künstlerin. Dieser Liebe blieb sie treu. Und das über 70 Jahre lang, obwohl der Erfolg ausblieb.

Sie arbeitete am liebsten alleine und in völliger Ruhe in ihrem New Yorker Loft. Jeden Tag setzte sie sich hin und malte. Abseits vom damaligen Zeitgeist. Unbeeindruckt vom tonangebenden Expressionismus dieser Zeit, blieb Herrera Ende der Fünfziger bei ihrem Stil. Ihre Kunst mag heute, wenn man sich so durch die Bildersuche im Netz scrollt, ästhetisch und angesagt sein, zu ihrer Zeit war sie es nicht. Oder noch nicht. Sie blieb ungesehen. Das Los einer Künstlerin, die ihrer Epoche wohl einen Schritt voraus war. Wenn man bedenkt, dass damals männliche Zeitgenossen wie der bekannte Jackson Pollock expressiv mit den Farbeimern um sich schmissen. Als Frau und Lateinamerikanerin, die akkurate Linien liebte, hatte Herrera auf dem Kunstmarkt einen schweren Stand. Vielleicht passte sie einfach zu wenig ins Muster, um erfolgreich zu sein. 

DER SPÄTE DURCHBRUCH

Dann wurde ihre Kunst plötzlich – oder endlich – weltberühmt. Nach rund 70 Jahren Kunstschaffen verkaufte sie die ersten ihrer Bilder, da zwei Sammlerinnen auf sie aufmerksam wurden. Als Herreras Bilder einige Jahre danach teuer wurden, wachten auch die Museen auf. Als Herrera 101 Jahre alt war, wurde sie mit einer Retrospektive in den USA zum ersten Mal im grossen Stil ausgestellt. Ihr Ehemann, der sie zeitlebens mit seinem Lehrergehalt unterstützt und sie immer zum Kunstschaffen ermutigt hat, ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Er war Teil des jahrzehntelangen Dranbleibens und hat das Ereignis zum Schluss verpasst. Heute hängen ihre Bilder in allen wichtigen Museen dieser Welt und erzielen auf Auktionen fünfstellige Verkaufspreise. 

In der New York Times wurde der Artikel über Herrera mit «The Hot New Thing in Painting» betitelt. Das nimmt fast schon skurrile Züge an, wenn man bedenkt, dass diese Frau über 90 Jahre alt war. Nachdem sie siebzig Jahre lang beinahe unbeachtet von der Aussenwelt in ihrem Atelier in Manhattan gearbeitet hatte, wurde sie als der neueste Tipp der Kunstwelt gefeiert. Anfang dieses Jahres ist sie im Alter von 106 Jahren gestorben.

Und jetzt kommt mein persönlicher Glanzpunkt der Geschichte: Angesprochen auf das plötzliche Interesse an ihrer Kunst meinte die Malerin vor Jahren in einem Interview der New York Times: «Ich hatte nie in meinem Leben eine Vorstellung von Geld, und ich hielt Ruhm für eine sehr vulgäre Sache. Also habe ich einfach gearbeitet und gewartet. Und am Ende meines Lebens erhalte ich eine Menge Anerkennung, zu meinem Erstaunen und zu meiner Freude.»

Ich bin beeindruckt davon und nehme der uralten Lady jedes ihrer Worte ab. Das tönt nicht nach aufgesetzter Demut. Denn auf eine so lange Strecke bröckelt das Aufgesetzte und wird entlarvt. Scharlatane halten für gewöhnlich nicht so lange durch. Ich entdecke in ihrer Rückschau zudem keinen Funken Verbitterung. Was noch viel mehr beeindruckt. Ihre Geschichte ist ein Paradebeispiel dafür, dass belohnt wird, wer warten kann. Wir wissen aber alle, dass es nicht immer so ist. Es steht nicht immer ein Honigtopf am Ende eines Weges. Dass Carmen Herrera zum Schluss hin mit so viel freudigem Erstaunen und Demut dasteht, ist doch vielmehr der Tatsache geschuldet, dass sie eben nicht jahrzehntelang ihren Durchbruch erwartete und eisern dafür kämpfte. Der Punkt ist doch gerade, dass sie nicht damit rechnete. Sie hat einfach nur «gearbeitet und gewartet». 

 

Was ich von Carmen Herreras Geschichte lernen will:

«Lueg, Grosspapi! Gäll, guet!» Was ich schon als Vater mit unseren Töchtern erlebt habe, feiert mit unseren Enkeln zurzeit wieder Hochkonjunktur: Kopfstand bestaunen, Zeichnungen loben, Kletterkünste begutachten, Theaterstücke beklatschen. Ich bin selbst überrascht und zuweilen fast überfordert von diesem unbändigen Bedürfnis der Kiddies, gesehen zu werden. Erst als Grossvater hat es mir gedämmert: Genau das – dieses Gefühl und dieses Vertrauen, gesehen zu sein – bietet uns der himmlische Vater an. 

 

Sich von Gott ansehen lassen
Wir sollen vertrauen, dass wir von Gott gesehen werden. Wir sind eingeladen, vor seinem Angesicht zu leben. Und wo wir das wagen, werden wir merken, wie menschenfreundlich und gütig er ist (Titus 3,4): Wie er uns dabei hilft, in seinem licht- und liebevollen Blick uns selbst zu erkennen. Wie er uns ermutigt, echt zu werden und als die, die wir sind, in Erscheinung zu treten – und etwas von seiner Herrlichkeit widerzuspiegeln und auszustrahlen.

Martin Buber schrieb: «Man kann glauben, dass Gott ist, und in seinem Rücken leben. Wer ihm vertraut, lebt in seinem Angesicht.» – Die Frage ist: Wo lebe ich aktuell im Hinblick auf Gott, in seinem Rücken oder in seinem Angesicht? Vielleicht kennen wir beides: die kostbaren Momente, in denen wir Gottes Gegenwart spüren und etwas davon wahrnehmen, dass er uns sieht und freundlich ansieht. Andererseits Zeiten, in denen wir Gott den Rücken zugewandt haben, weil wir so völlig mit anderem beschäftigt sind. Mitunter auch die Erfahrung, dass Gott sich scheinbar von uns abgewandt hat und, wie es der Psalmist ausdrückt, sein Angesicht verbirgt (Psalm 13,2; 44,25; 88,15; 104,29 u. a.). 

 

Von Gottes Angesicht erleuchtet
In der Bibel, insbesondere in den Psalmen, gibt es viele Gebete, die an dieses Spannungsfeld zwischen einem Leben im Angesicht bzw. im Rücken Gottes anknüpfen. Sie ermutigen uns bis heute, uns immer neu aufzumachen, um im Gebet Gottes Angesicht zu suchen, zum Beispiel Psalm 27,8: An dein Wort denkt mein Herz: Sucht mein Angesicht. Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Oder Psalm 105,4: Fragt nach dem Herrn und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit. Denn so sagt es Psalm 16,11: Wenn wir Gottes Angesicht suchen, werden wir erfahren, dass du mir den Weg zum Leben zeigst und dass vor deinem Angesicht Fülle von Freuden ist und Lieblichkeiten in deiner Rechten immerdar.

Andere Gebete zielen darauf ab, dass Gott doch (neu) sein Angesicht über uns leuchten lasse (zum Beispiel Psalm 31,17; 67,2; 80,4.8.20). Dies erinnert an den Aaronitischen Segen, der bis heute am Schluss des Gottesdienstes ausgesprochen wird (4. Mose 4,24-26): Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden. 

Im Grund ist es zweimal dasselbe mit anderen Worten ausgedrückt: Wo Gott sein Angesicht über uns leuchten lässt, werden wir erleuchtet, werden wir mit seiner Gnade, seiner Güte beschenkt und tauchen ein in seine friedvolle Gegenwart. 

Schliesslich finden wir in den Psalmen auch die Einladung, unsererseits Gottes Blick zu erwidern und auf ihn zu schauen. Dann, so die zugehörige Verheissung, werden wir selbst zum Strahlen kommen, und unser Angesicht wird nicht beschämt werden (Psalm 34,6). Das ist das Gegenteil von jenem unsäglichen Zerrbild des Glaubens, dass Gott vor allem unsere Sünden und Fehler registriert und sofort «straft», wenn wir etwas Verbotenes tun. Dabei ist Gott überhaupt nicht interessiert an unseren Fehlern, er ist interessiert an uns selbst, daran, dass wir zum Leben und zum Blühen kommen und als seine Ebenbilder immer mehr seine Herrlichkeit und Schönheit ausstrahlen. So drückt es Paulus in 2. Korinther 3,18 aus: Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht. 

 

Transparenz und Beziehung
Es geht also darum, dass wir beides üben: Gottes Angesicht suchen und ihn mit den Augen des Herzens betrachten, indem wir unser aufgedecktes Gesicht, unsere Wirklichkeit, Gott zuwenden, uns transparent machen. So entsteht Beziehung von Angesicht zu Angesicht – etwas, das ja auch für das Miteinander von Menschen gilt, besonders zwischen Freunden und Liebenden: Das Gesicht, das Einanderanschauen, ist entscheidend. Das Gesicht ist die Schnittstelle zwischen unserem Inneren und Äusseren, und es ist die Schnittstelle in unseren Beziehungen. Erst wo wir einander wohlwollend und ohne Argwohn unser Gesicht (das innere und äussere) zuwenden, entsteht Verbundenheit. Wenn wir einander nicht ansehen und ansehen lassen, werden wir aneinander vorbeireden. 

 

Selbsterkenntnis durch Begegnung
Gleichzeitig entdecken wir in der echten, gegenseitigen Zuwendung ein Stück mehr, wer wir selbst sind, denn: «Der Mensch wird am Du zum Ich.» Martin Bubers berühmter Satz gilt für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, aber sicherlich auch für unser Verhältnis zu Gott. In der Begegnung mit Gott erkenne ich, wer ich bin. Und daraus kann ich entdecken, was Gott von seinem Wesen in mich hineingelegt hat, damit ich es widerspiegle. 

Darum betont Jesus, wenn er über das Gebet spricht, dass wir nicht religiös werden und auch nicht viele Worte machen müssen, sondern darauf achten sollen, dass es zu einer Begegnung mit dem Vater-Gott kommt, im Vertrauen darauf, dass er mich sieht und eingeht auf das, was mich wirklich beschäftigt: Wenn du aber betest, geh in deine Kammer, schliess die Tür und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten (Matthäus 6,6).

 

Sich neu einmitten und fokussieren
Es gibt für diese tägliche Begegnung mit Gott, bei der er mich ansieht und ich ihn anschaue, keinen Ersatz. Gerade in den vergangenen Monaten habe ich diese Erfahrung wieder ganz neu gemacht: Ich kann mir die inspirierendsten Podcasts und Predigten «reinziehen», die spannendsten Bücher lesen, mich «christlich» für alles Mögliche interessieren und engagieren: Wenn es auf Kosten meiner persönlichen Zeit mit Gott geht, wenn es den Platz für das «Suchen seines Angesichtes» und die Begegnung mit ihm einnimmt, zieht es mich früher oder später weg – von Gott und auch von mir selbst. Ich verliere mich. Unmerklich gerate ich aus Gottes Angesicht in seinen Rücken. Statt von Gottes Geist wird mein Inneres bestimmt von all den Dingen, die um Aufmerksamkeit rufen, von Idealbildern dessen, was man als Christ alles tun sollte, sowie von Gefühlen der Überwältigung («es ist mir alles zu viel») und des Nichtgenügens gegenüber all den diffusen Ansprüchen. 

Wenn ich mir andererseits diese (oft so unspektakulär-gewöhnlich sich anfühlenden) Zeiten im stillen Kämmerlein wirklich nehme, mein Herz mit Gott teile, ihm meine leeren Hände und geistliche Armut hinhalte, einen Abschnitt in der Bibel lese und das Wort auf mich wirken lasse, es zum Gebet mache und vielleicht etwas ins Tagebuch schreibe, geschieht es unmerklich und doch spürbar, dass ich wieder eingemittet werde. Dass ich wieder weiss, wer ich bin und wofür ich gesetzt bin (und wofür nicht). Dass wieder Klarheit einzieht und ich getrost loslassen darf, worum ich mich nicht kümmern muss. Aber mit Zuversicht das anpacken kann, was heute dran ist, und was es für mich bedeutet, wenn Jesus sagt: Folge du mir nach (Johannes 21,22).

 

«Sorge für den Input, ich sorge für den Output»
Wenn wir Gottes Liebe in diese Welt ausstrahlen möchten, gibt es nicht viel, zu dem wir nachdrücklicher eingeladen sind, als Gottes uns freundlich zugewandtes Angesicht zu suchen, die Begegnung mit dem Dreieinen, so gut wir können, zu kultivieren – und uns dann einfach davon überraschen zu lassen, was daraus entsteht. Vor vielen Jahren habe ich in der Stille dafür ein schönes Wort, eine Art himmlische Ermutigung, empfangen, als sage Gott: «Peter, sorge du für den Input, ich sorge für den Output! Sorge dafür, dass du diese Zeiten vor meinem Angesicht und in der Begegnung mit mir wirklich nimmst. Dann werde ich dafür sorgen, dass daraus gute Frucht entsteht.» Gott hat Wort gehalten. Aus diesen zweckfreien Zeiten vor seinem Angesicht ist für mein Leben und meinen Dienst so viel Wesentliches geworden, so viel Gutes gewachsen und Unfruchtbares abgefallen – zwar nicht immer sofort und nachvollziehbar, aber doch erstaunlich und eindeutig.

Meine erste «richtige» Predigt hielt ich am 22. August 1999, anlässlich einer Sommernachtsparty. Ich eröffnete sie mit einer humorvollen Anekdote über vier Angestellte des bulgarischen Staatsfernsehens, die entlassen worden waren, weil sie die Sonnenfinsternis verpasst hatten. 

 

Meine Lebensreise

Meine damaligen Predigten waren gespickt mit unterhaltsamen Elementen, Witzen und theatralisch untermalten Geschichten. Das Resultat war, dass viele kirchenferne Menschen sich entspannt dem Glauben annähern konnten – und es zugleich Stimmen aus den eigenen Reihen gab, die den Humor kritisierten. Nachträglich und selbstkritisch betrachtet war davon tatsächlich fast unerträglich viel vorhanden und die eigentliche Aussage leicht verbaut. Wie wenn man bei einer Nussschokolade zwischen all den Nüssen die Schokolade suchen müsste. 

Gleichzeitig aber habe ich schon damals in meinen Anfängen als Prediger die nüchterne Erkenntnis gewonnen: Wir Christen sind weitherum ein humorloses Völklein. Dieses Fehlen fröhlicher Ausgelassenheit mag ganz unterschiedlich gewurzelt sein. Für Einzelne war und ist göttliche Heiligkeit und Humor unvereinbar. Andere empfinden geistlichen Tiefgang und die gefühlte Oberflächlichkeit von Humor unpassend. Wieder andere opfern Humor in seiner Gesamtheit, weil er «für bestimmte Personen verletzend sein könnte». Gewisse Kreise wähnen sich in einem ernsten und erbitterten Kampf gegen den allgemeinen gesellschaftlichen Zerfall, in dem es keinerlei Platz für Humor geben kann.

Für mich persönlich war es eine lange Reise, mich mit meinem eigenen Sinn für Humor auseinanderzusetzen und ihn versöhnt auszuleben – dies als Ausdruck meiner Lebensfreude, meiner unbeschwerten hoffnungsvollen Sicht nach vorne und auch meiner Art, das Leben zu ertragen. Ein Meilenstein war mein MA in praktischer Theologie, die sich dem Thema «Humor in der Predigt» widmete und mich selbst zu einem völlig neuen Selbstverständnis führte. Die anfängliche Frage «Hat Humor in der Predigt eine Existenzberechtigung?» drehte sich zur kernigen Aussage: «Christlicher Glaube ohne humorvolle und fröhliche Elemente hat keine Existenzberechtigung.» Hier einige Gedanken, warum Humor für eine gesunde Spiritualität unverzichtbar ist.

 

Weil er heilsam ist

Wenn man nach Quellen zur medizinischen Wirksamkeit des Lachens sucht, dann stösst man unweigerlich auf den Namen Norman Cousins. Der Wissenschaftsjournalist aus dem 20. Jahrhundert litt an einer unheilbaren Krankheit (Spondylarthritis), seine Überlebenschancen betrugen lediglich 1 : 500. Anstatt nach dem Erhalt der Prognose zu verzweifeln, machte er sich folgende Gedanken: Da es wissenschaftlich bewiesen ist, dass negative Gefühle den Organismus schwächen, könnte der Umkehrschluss möglich sein, dass positive Gefühle eine stärkende Wirkung haben. Vom Krankenhaus zog er in ein benachbartes Hotel und liess sich stundenweise komische Filme vorführen, lustige Bücher vorlesen, von Besuchern Witze erzählen etc. Bald schon entdeckte er, dass er mit seiner These richtig lag. Bereits nach zehn Minuten herzhaftem und intensivem Lachen verspürte er, dass sich seine sonst stark verkrampften Muskeln entspannten, die Schmerzen erträglich wurden und er ca. zwei Stunden zu schlafen vermochte. Ständige Messungen zahlreicher physiologischer Werte bewiesen, dass Lachen die typischen Stressreaktionen reduziert und zu erhöhter Heilstoff-Produktion im Körpersystem führt. Cousins hatte sich buchstäblich gesund gelacht. Nicht umsonst gilt er heute als einer der Väter der Gelotologie, der Lachforschung.

 

Weil Gottes Dimension aufleuchtet

Der Theologe Stephan Holthaus definiert Humor als «ein Durchkreuzen des Natürlichen». Er ermöglicht uns, die Ebene zu wechseln, auf der wir sonst so oft gefangen sind. Er bringt eine andere Dimension ins Spiel: das Unerwartete, das Überraschende, die unbegrenzte Fantasie beispielsweise, oder eben die unendliche Grösse Gottes, seine Erhabenheit in Bezug auf unsere begrenzten menschlichen Gedanken. Die Fähigkeit, Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und darüber herzhaft zu lachen, wurde uns von Gott eingepflanzt. So ist der Rückschluss legitim, dass aufgrund der göttlichen Ebenbildlichkeit nicht nur das Geschöpf, sondern auch sein Schöpfer Humor haben muss. Dementsprechend hielt der Schriftsteller Tucholsky den lieben Gott, an den er angeblich nicht glaubte, gar für einen Humoristen. Was Gott als gute Eigenschaft geschaffen hat, müsse er selbst im Übermass besitzen, lautete Tucholskys hypothetische Schlussfolgerung. Oder anders gesagt: «Gott hat Humor, denn er hat den Menschen geschaffen.» Unsere Frage muss sein: Gestehen wir Gott überhaupt zu, humorvoll zu sein?

Der deutsche Theologe Helmut Thielicke schrieb, dass der Humor im Innersten des Menschen gründet und demzufolge mit seiner Ganzheit zu tun hat. Dabei wirft er die Frage auf, ob der Mensch gerade im Humor seinem eigentlichen Wesen begegne. Dies aufgrund der Tatsache, dass Humor für ihn der Inbegriff der Gelöstheit ist. Was wäre, wenn Thielicke recht hätte und sich der Mensch im Humor so verhält, wie er im Entwurf des Schöpfers gemeint war, und genau dort das menschliche Original aufblitzt?

 

Weil er gesunde Distanz schafft

Ebenfalls bei Thielicke – und untermauert durch die Thesen namhafter Grössen wie Sigmund Freud oder Viktor Frankl – bin ich auf das Wort «Distanz» gestossen. Er sieht beim Witz die Fähigkeit, Distanz zu sich selbst oder einer Situation zu schaffen, als eine Voraussetzung für das befreiende Gelächter. In Abgrenzung zum Witz ist es Humor, der diesen Freiraum überhaupt erst schafft. Humor ermöglicht uns, auch in schmerzlichen Lebenslagen eine gesunde Distanz zu schaffen, und fördert die Selbstironie, was dann diese Souveränität erzeugt. Komik und Witz stossen hier an Grenzen, die nur noch der Humor zu überschreiten vermag.

Für mich liegt in dieser Fähigkeit, gesunde Distanz zu gewinnen, die wesentlichste Eigenschaft des göttlichen Geschenkes. Das Angebot, im Alltag die Ebene wechseln zu können, den Schauplatz des Geschehens innerlich zu verlassen und die Ereignisse oder sich selbst aus einem entfernteren Blickwinkel zu betrachten. «Nur wer über den Dingen steht, kann sie belächeln», lässt der englische Schriftsteller G. K. Chesterton den Detektiv-Pater Brown sagen. 

 

Weil er zur christlichen Freude gehört

In der Kirche gab es im Spätmittelalter den Brauch des «Risus paschalis», eine besondere Osterliturgie, bei der das Lachen und die Freude der Gläubigen hervorgerufen werden sollten, um an den Sieg von Jesus über den Tod zu erinnern. Dabei tut die christliche Freude nicht so, als ob es kein Leid, kein Kreuz und keine Depression mehr gäbe. Der Autor Josef Danko ist überzeugt, dass nur, wer das Kreuz kennt und mit den Trauernden trauert, drei Tage später auch mit den Lachenden lachen kann. Dieser Brauch der Ostkirche oder auch der Liturgie in den Kathedralen des Mittelalters verwandelte die Kirche zumindest zu Ostern in eine «lachende Kirche». Bei der Nachricht, dass Jesus auferstanden ist, stimmt die Gemeinde in schallendes Gelächter ein, weil Hölle, Tod und Teufel österlich überwunden worden sind.

Natürlich gab es auch Epochen der Humorlosigkeit in der christlichen Kirche. Humorverächter waren insbesondere die Kirchenväter Chrysostomus und Augustinus. Der christliche Gelehrte Origenes meinte, dass der Christ auf Erden weinen solle, da erst im Himmel die Zeit des Lachens käme – im Gegensatz zum antiken christlichen Schriftsteller Tertullian, der diesbezüglich anderer Auffassung war. 

Der Schweizer Theologe Karl Barth hat einmal formuliert: «Freude ist das Rarste und Seltenste in dieser Welt. Fanatischen Ernst und Enthusiasmus und humorlosen Eifer haben wir genug, aber Freude? Das weist darauf hin, dass die Erkenntnis des lebendigen Gottes selten ist.» Und er fügt an anderer Stelle hinzu: «Humor ist eine wichtige christliche Angelegenheit, das Gegenteil von aller Selbstbestaunung und Selbstbelobigung.»

 

Weil er Ewigkeitsperspektive gibt

Josef Danko schreibt auch, wenn der Mensch durch Jesus Christus die Erlösung von Sünden erfährt, wenn er hineingeführt wird in eine ewige und unbeschreibliche, «himmlische» Zukunft auf der neuen Erde, dann wird sein Mund voll Lachens sein. Wie könnte also dieses herzhafte Lachen grundsätzlich etwas Schlechtes sein? Wieso sollte dieses Lachen, das einmal in der Ewigkeit stattfindet, aus der Gegenwart verdrängt werden? In die gleiche Richtung ging der Schriftsteller Jean Paul: «Nur der, der um die Ewigkeit weiss, hat rechten Humor.» Wahrscheinlich können sehr viele Christen heutzutage nicht mehr lachen, weil ihnen diese Ewigkeitsperspektive verloren gegangen ist. Das Wissen um die Ewigkeit relativiert nämlich das Zeitliche und führt dazu, dass man die Dinge, sich selbst und das Leben nicht mehr so verbittert ernst zu nehmen braucht. Es befreit und befähigt zu einer entspannten Lebenseinstellung und lässt uns selbst Schwieriges mit einer gewissen «Heiterkeit» hinnehmen wie etwa Luthers Übersetzung von Psalm 46,3–5 zeigt:

Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. 

 

Weil er Menschen für Gott öffnet

Es gibt offensichtlich viele Gründe, warum Humor ein wesentlicher Beitrag für gesunde Spiritualität ist. Insbesondere gilt das auch im Hinblick auf gute Predigten. Denn wenn der Verkündiger den Zuhörenden dabei hilft, in diesen humorvollen Zustand einzutreten, ihn vielleicht in all der Schwere seines Lebens überhaupt wieder zu ergründen, dann verhilft er ihnen auch, sich selbst so zu sehen, wie er ursprünglich geplant war. Menschen entdecken unter Umständen nicht nur ihr Lachen wieder, sondern finden auch zu sich selbst und gleichzeitig zu Gott. Von daher dürfte es keine Gemeinde geben, in der Humor in der Predigt keinen Platz hat, denn die Begegnung mit sich selbst und mit Gott gehört zu einem Grundbedürfnis des Menschen. Wo sonst sollte dieses Grundbedürfnis gestillt werden, wenn nicht in unseren Kirchen? Falls Thielicke recht hat, wovon ich ausgehe, dann darf Humor und Lachen nicht mit Abwesenheit glänzen, sondern muss geradezu ein Markenzeichen der Gemeinschaft von Christen werden.

Auf meinem persönlichen Weg dazu hat mir am meisten geholfen, bewusst und genüsslich die Pleiten, das Pech und die Pannen meines Lebens schriftlich festzuhalten. Dadurch lernte ich – auch gemeinsam mit meiner Frau Tamara – mich nach Missgeschicken zunehmend schneller wieder zu fassen. So konnten wir bereits schon lachen, währenddem Tamara Tomatensauce an der ganzen Küchendecke verteilte oder ich auf Fliegenjagd unser Sofa demolierte, und nicht erst hinterher. Wir haben gelernt, die Zeitspanne zu verkürzen, die zwischen einem Lebenslapsus und dem distanzierten «Darüber-Lachen» liegt. Im Leben können wir uns immer entscheiden, ob wir uns ärgern wollen oder ob wir den ganzen Frust einfach weglachen und ihm gar keinen Raum lassen, unser Herz zu zerfressen.

Ich habe euch hier ein unfassbar wertvolles und besonderes Klangholz mitgebracht – Bergfichte in 1800 Meter Höhe gewachsen. Daraus wird in ein paar Wochen eine Geige entstanden sein. Ich bekomme Ehrfurcht, wenn ich solch ein Holz in der Hand habe. Es sind vielleicht einer von 10 000 Stämmen, die so ein Klangholz hervorbringen.

 

Das Gleichnis vom Klangholz

Ich möchte euch, weil ich so eine Liebe zu diesem Holz habe, gern ein Gleichnis weitergeben: das Gleichnis vom Klangholz, ein Gleichnis über die menschliche Seele und darüber, was ich durch dieses Holz gelernt habe. Aus diesem Holz eine Geige zu bauen ist eine grosse Leidenschaft, und ich habe es auch mit sehr leidenschaftlichen Menschen zu tun. Musiker, die in meine Werkstatt kommen, sind zum grossen Teil sehr anstrengende und leidenschaftliche Menschen. Sie haben ein grosses Können, sie spielen auf den grossen Bühnen dieser Welt und sie sind oft sehr verletzt, stehen unter Druck, haben auch Ängste. Mit diesen Menschen zu tun zu haben, ist eine grosse Herausforderung. Manchmal habe ich das Gefühl, das sind so grosse Seelen, die ganze Werkstatt schwappt davon voll, und ich muss aufpassen, dass ich nicht absaufe in den ganzen Ansprüchen, die an mich gestellt werden. Denn was diese Menschen wollen, ist nicht eine Geige. Die Menschen suchen ihre Stimme. Es ist die Stimme der Seele, die auf einer Geige anfängt zu singen. Zufällig ist es bei mir eine Geige. Es könnte genauso eine Klarinette, Oboe, Trompete, ein Klavier oder Cello sein. Die menschliche Seele sucht ihren Klang, und das ist so tief, so verletzlich und mit so einer grossen Sehnsucht verbunden. Wenn Menschen ihren Klang, ihre Stimme gefunden haben, und sie spielen, dann hat man den Eindruck, sie fliegen. Sie haben die Flügel ausgebreitet, fliegen und wissen gar nicht, dass sie fliegen können. Ich erlebe immer wieder Musiker, wenn sie spielen, dass sie Zeit und Raum vergessen, sie haben das Gefühl, sie werden gespielt. Das Instrument spielt den Musiker, nicht der Musiker spielt die Geige.

 

Wenn der Hobel die Hand führt

Ich habe es vor Kurzem wieder erlebt: eine Bratschistin aus einem der grossen deutschen Sinfonieorchester. Sie hat angerufen vor drei Jahren. Wir haben uns kennengelernt. Ich habe zu spüren versucht, was für ein Mensch ist sie, was sie als Bratsche braucht. Nach drei Jahren – in der Zeit habe ich natürlich viele andere Instrumente gebaut – war die Bratsche fertig, von der ich gespürt habe, das ist jetzt ihre Stimme. Sie kam dann, hat die Bratsche genommen und begonnen, die Cellosuiten von Bach zu spielen. Sie musste nach zwei Minuten aufhören, weil ihr die Tränen in Strömen aufs Instrument gelaufen sind. Sie konnte nicht mehr weiterspielen. Sie hat die Bratsche weggelegt und gesagt, sie sei überwältigt, sie kann nicht mehr, sie muss sich erstmal erholen. Sie wusste nicht, dass es so was gibt, dass sie so eine Stimme haben kann.
Solche Erlebnisse sind bewegend und berührend, setzen mich aber auch sehr unter Druck, weil man das nicht machen kann. Man kann es nur empfangen, man kann es sich schenken lassen. Ich weiss nicht, wie es geht, ich muss mich hineinfühlen und ich muss während des Arbeitens spüren, was die Hände tun sollen. Oft ist es dieses Gefühl, das ist das Schönste an der Werkbank, wenn ich erlebe, als ob der Hobel die Hand führt. Nicht die Hand den Hobel, der Hobel führt die Hand und die Hand lässt es nur zu und sie erlaubt, dass der Hobel das Richtige tut. Die Augen wollen nichts mehr, sie schauen nur noch zu und es entsteht ein tiefes Glücksgefühl über die entstehende Stimmigkeit. Dann merke ich manchmal plötzlich, ich habe vier Stunden lang nichts gedacht. Ich habe nur erlaubt, dass das Richtige passiert. Ich habe das Rauschen des Holzes gehört. Ich habe erlebt, dass alles geschieht, wie es sein muss. Es gibt ein grosses Gefühl der Dankbarkeit, wenn sowas gelingt und am Ende die Stimme eines Menschen, die Stimme seiner Seele, entstanden ist.

 

Mehr Kraft nützt nichts

Jedes Holz ist anders. Wenn das Holz sich nicht zu erkennen gibt, kann ich es nicht zum Klingen bringen. Jeder gute Geigenbauer weiss, er muss das Holz erkennen in seiner Klangfarbe, in seiner Steifigkeit, seiner Dämpfung, seinem Elastizitätsmodul, in seinem ganzen Klang. Alles, was Holz ausmacht, muss sich zu erkennen geben, damit es klingen kann. Jeder Geigenbauer seit 500 Jahren macht das gleiche: Er nimmt es in die Hand und er klopft es an. Es gibt sich zu erkennen, indem ich den Klopfimpuls dem Holz gebe. Doch wenn man nur irgendwie draufklopft, gibt es keinen Klang, es bleibt dumpf. Das Holz muss an der richtigen Stelle gehalten werden, um zu klingen. Das Holz hat geheimnisvolle Knotenpunkte, Ruhepunkte, in denen man es halten muss, damit es klingt.
Das ist ein Gleichnis für die menschliche Seele. Manchmal erleben wir diesen dumpfen Ton, wo nichts zum Klingen kommt. Es gibt diese Zeiten, wo wir müde sind, und es schwerfällt, mit Freude in den Tag zu gehen, wo alles anstrengend und mühsam geworden ist. Und dann sagt mir dieses Holz: «Martin, glaube nicht diese gefährlichste Lüge der Seelenführung, dass dein Leben zum Klingen kommt, wenn du mehr Kraft aufwendest. Wenn dein Leben dumpf und kraftlos geworden ist, klingst du nicht mit mehr Kraft, sondern du klingst, wenn du an der richtigen Stelle in die Ruhe kommst.» Gerade in frommen, geistlich-spirituellen Kreisen und bei gewissenhaften Menschen, die so genau wissen, wie’s geht, läuft man Gefahr, dass man sich zum Guten prügeln will. Man merkt, die Seele ist schwach, müde, frustriert, vieles ist so anstrengend geworden im Leben, aber man denkt, es muss doch gehen! Und so prügeln wir auf uns ein, bis wir – im englischen depressed, – niedergeschlagen und depressiv sind. Doch die Lösung ist nicht, dass wir mehr Kraft brauchen, um zu klingen, sondern dass wir an der richtigen Stelle gehalten sind.

 

Gehalten in der Ruhe des Herzens

Deswegen habe ich mich gefragt, was dieser Ruhepunkt ist, und herausgefunden, dass alle grossen Kirchenväter, angefangen von Augustinus, diesem Punkt einen Namen gegeben haben, der sich über die Jahrhunderte der Menschheit mit diesem Begriff gezeigt hat. Sie nennen es die Herzensruhe, die Ruhe des Herzens. Doch was bedeutet es, in der Ruhe des Herzens gehalten zu sein. Ich habe viel darüber nachgedacht und meine Antwort ist peinlich: Es ist nur ein einfaches Wort, aber ich glaube, es ist die tiefste Wahrheit, die wir als Menschen hören sollen. Dieses Wort heisst Vertrauen. Nur ein Mensch, der aus Vertrauen lebt, ist in der Ruhe des Herzens gehalten und kann klingen. Das Geheimnis des Menschen, das Geheimnis der menschlichen Seele, ist: Du wirst klingen, wenn du aus Vertrauen lebst. Dann bist du gehalten, denn zu vertrauen heisst nicht, du musst dein Leben halten, sondern du weisst, ich werde gehalten, ich bin gehalten. Darum kann ich frei klingen, mein Leben wird zum Klingen kommen.
Das Vertrauen des Herzens ist das Geheimnis der ganzen Schönheit des Lebens, und aller Lebensfreude. Es ist das Geheimnis der Autorität und der Vollmacht, es ist das Geheimnis des klingenden und strahlenden und leuchtenden Lebens, dass du aus Vertrauen lebst. Doch wie komme ich dahin, an so einem Punkt gehalten zu sein, aus Vertrauen zu leben? Wie wachse ich hinein in dieses Vertrauen? Meine Antwort: Ich glaube, es hat zu tun mit einer ganz eigenen Qualität des Betens. Viele unserer Gebete sind so unfassbar ermüdend. Sie sind so, als hätten wir uns über all die Jahre, die wir im Glauben leben, irgendwie umgeben mit so einer religiösen Fettschicht. Wir beten so unglaublich korrekt und es kommt trotzdem nichts mehr durch. Wir beten unsere religiösen Gebete, und oft ist es so, habe ich den Eindruck, als würde der Himmel die Augen verdrehen und sagen: «Oh, er betet schon wieder.» Wir ermüden den Himmel mit unseren religiösen Gebeten, und Gott sagt: «Ich höre euch nicht!» Es ist wie ein Geigenbauer, der das Holz falsch klopft und das Holz sagt: «Ich klinge nicht.» Und der Geigenbauer sagt: «Ich höre dich nicht.» Ich glaube, das Geheimnis des Betens ist, dass wir uns zu erkennen geben im Gebet, genau wie das Holz sich mir zu erkennen gibt. Nur dann kann ich es als Meister zum Klingen bringen. Wenn wir uns Gott gegenüber nicht durch die Gebete des Herzens, in der Tiefe des Herzens, zu erkennen geben, weil wir so religiös geworden sind, dann kann Gott uns nicht zum Klingen bringen.
Es gibt aber manche Gebete, ich nenne es Herzensgebete, die den Himmel erschüttern und Gott sagt: «Jetzt habe ich dich gehört.» Es sind diese Herzensgebete der vollkommenen Ehrlichkeit. Manchmal ist es so, dass wir nicht mal einen ganzen Satz zu Ende sprechen können, und Gott sagt: «Dieser halbe Satz – jetzt hast du dich zu erkennen gegeben – du hast gebetet, was du wirklich im Herzen hast!»

 

Eine andere Art des Betens

So ist es mir immer wieder gegangen, dass ich mich fragte: Was braucht mein Leben, was braucht diese Werkstatt, was brauchen meine Instrumente für einen Menschen, für einen Geigenbauer, dass sie klingen können? Und ich merke: Ich bin selbst ein Instrument, das sich einstellen muss, um Instrumente bauen zu können, die klingen. Nur wenn ich aus diesem Vertrauen lebe, können Instrumente entstehen, die die Stimme eines Menschen sind.
Mein Werkstatthaus hat vier Stockwerke, ganz oben im Dachgeschoss ist die kleine Dachkapelle, und was ich mir angewöhnt habe ist, dass ich mich dort oben jeden Morgen hinsetze und meine Hände wie zu einer Schale Wasser mache. Ich lege die Bibel hinein und «trinke» Gottes Wort. Ich trinke diese Worte, oft ist es nur ein einzelner Vers. Das Wichtigste dabei ist, nicht kaputt zu denken, was ich lese, sondern es wie Wasser aufzunehmen. So ist es mir vor einiger Zeit gegangen: Im Markusevangelium bin ich auf das Wort gestossen: Früh am Morgen, noch vor Sonnenaufgang, ging Jesus in eine einsame Gegend, um zu beten. Ich habe das sicher schon oft gelesen, aber habe mich plötzlich gewundert und gefragt: Was hat Jesus da eigentlich gemacht, wie hat Jesus all die Stunden im Gebet in der Einsamkeit verbracht. Denn er hat doch seinen Jüngern gesagt: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Also hat Jesus nicht viele Worte gemacht. Während ich das so bewegt hatte, ist so ein Herzensgebet passiert, dass ich mich in dieser tiefen Sehnsucht des Herzens sprechen hörte: «Jesus ich möchte beten lernen wie du.» Ich bin fast erschrocken, dass ich das sagte. Und im gleichen Moment glaubte ich zu hören, wie Jesus sagt: «Martin, mein Gebet war und ist vollkommenes Vertrauen.» Dann habe ich es bildhaft vor mir gesehen, wie Jesus sich auf einem Felsen in der Einsamkeit niedergelassen hat. Es waren nicht viele Worte, er hat einfach gewartet, dass er durchflutet wird von Vertrauen, dass er eintaucht in diese Gottespräsenz und sein ganzes Leben, sein Geist, seine Seele von diesem Vertrauen durchdrungen werden. Und wie alles, was dann im Leben Jesu passiert ist, nur eine andere Art zu beten war. Es kam aus diesem Vertrauen heraus, dass das Richtige geschehen konnte. Und so war es, als sagte er mir: «Wenn du so durchflutet bist von Gott und durchflutet bist von Vertrauen, dann wird alles, was du an diesem Tag tust, nur eine andere Art des Betens sein. Du wirst an die Werkbank gehen und du wirst merken, deine Hände werden zum Gebet und tun das Richtige. Du kannst den Händen vertrauen und spürst, was passieren soll. Und Menschen, die kommen, du wirst sie anschauen und du wirst spüren, was mit ihnen ist. Alles, jedes Gespräch, jeder Blick, alles was du tust, der ganze Tag wird nur eine andere Art des Betens sein. Gib acht, dass du durchflutet bist von mir. Nimm dir die Zeit, rede nicht viel im Gebet, sondern rede das, was ich wirklich hören muss.»

 

Lass dich spielen!

Gib dich deshalb mit deinem Herzen vor Gott zu erkennen, denn nur wenn Gott dich erkennen kann, kann er dich zum Klingen bringen, und der Tag wird erfüllt sein, von dem was geschehen soll durch dich. Das ist für mich der eine Punkt des Gleichnisses, die Knotenpunkte, die Ruhe, das vollkommene Vertrauen. Aber es ist eigentlich nur die Hälfte. Die andere Hälfte möchte ich auch noch andeuten. Das sind die Schwingungsbäuche. An den falschen Punkten lässt sich das Holz nicht anregen. Es lässt sich nur anregen, wenn du am richtigen Punkt erregt wirst. Das ist die andere Seite der Schönheit mit Gott zu leben, aus dem Vertrauen in diese Ruhe des Herzens zu kommen. Aber dann zu spüren: Wo werde ich unruhig? Es gibt eine heilige Unruhe, dass du angeregt wirst von Gott, dass du spürst, er macht dich unruhig auf etwas. Du spürst etwas, du hörst etwas, du siehst etwas, du merkst etwas in einer bestimmten Situation. Es knistert. Jetzt kann etwas passieren, und das ist das Geheimnis des Heiligen. Eines meiner Lieblingsworte von Jesus im Johannesevangelium 5,19, wo Jesus von sich selber sagt: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht, das tut in gleicher Weise der Sohn. Jesus hat in dieser vollkommenen Ohnmacht gelebt zu sagen: «Ich kann nichts von mir aus tun.» Diese Ohnmacht in uns zu bejahen ist die Grundlage jeder Vollmacht. Alles andere ist, wir leben aus uns selbst. Aber zu sagen: «Ich tue nichts von mir aus, sondern ich höre, ich sehe, spüre, was Gott tut und das tue ich.» Dann geschehen Wunder und Heilungen und die richtigen Begegnungen und zur richtigen Zeit der Trost und das rechte Wort und das, was wir tun sollen und wir werden uns wundern, wie sehr Gott durch uns zum Klingen kommt.

Das ist für mich das Geheimnis, das Zusammenspiel, eine Liebesgeschichte, die zwischen uns und Gott passiert. Dieses Zusammenspiel zwischen dem Glauben, den Gott in uns in unserem Herzen finden kann, und der Gnade, die uns anregt, dass das Richtige geschieht. So glaube ich, ist das vielleicht der wichtigste Satz in meinem Leben und er heisst: «Die Gnade möchte unseren Glauben spielen, wie ein Musiker sein Instrument. Deshalb heisst Glauben: Lass dich spielen!»

 

Personenbeschreibung zum Portraitbild:

Martin Schleske ist Geigenbaumeister, Physiker und Schriftsteller. Die New York Times nannte ihn «einen der führenden Geigenbauer unserer Zeit». Solisten und Konzertmeister aus der ganzen Welt zählen zu seiner Kundschaft. Seine Bücher «Der Klang» (2010) und «Herztöne» (2016) schafften es auf die «Spiegel»-Bestsellerliste. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. 

Der vorliegende Text ist eine gekürzte Version seines Talks anlässlich der Explo Days 2021.

Mich begleiten ganz verschiedene Sehnsüchte durch mein Leben. Einzelne tauchen sporadisch auf, andere begleiten mich über längere Wegstrecken. Manche sind marginal, andere scheinen mir absolut essenziell.

 

Die Gratwanderung
Die prickelnde und schöne Sehnsucht nach einem entspannten Filmabend mit Paprikachips und einem Glas Wein lässt sich wohl am einen Ende dieser Skala einordnen. Am anderen Ende sind die Sehnsüchte beheimatet, die Ausdauer, Warten und Hoffen erfordern und sich je nachdem zu einer herausfordernden Aufgabe des Überwindens entwickeln können. Bei einem unerfüllten Lebenstraum kann der Sehnsuchtsschmerz schon sehr tief gehen.

Wenn wir nun in diesem Heft über einen Gott sprechen, der uns in unseren Sehnsüchten begegnet, gleicht das erst einmal einer Gratwanderung. Auf der einen Seite kann es schnell einmal kitschig-banal werden: Gott als Selecta-Automat, der auf jedes Problem den richtigen Artikel zur Lösung ausspuckt. Auch «Jesus als universelle Antwort auf alle Probleme» klingt hier an. Auf der anderen Seite kann es hart und abgehoben werden: Was interessieren Gott unsere Sehnsüchte? Er hat Wichtigeres im Sinn, er will uns von den Sünden erlösen und ewiges Leben geben – was immer das auch heissen mag und auch wenn das heutzutage da draussen kaum jemand mehr versteht.

 

Das unbefriedete Herz
Trotzdem und genau deswegen plädiere ich leidenschaftlich dafür, unsere Sehnsucht als «Weg Gottes mit unserer Seele» zu entdecken sowie als «Weg zu Gott» anderen Menschen liebzumachen. Nicht, indem wir behaupten, Gott würde alle unsere Sehnsüchte durch eine Instanterfüllung auflösen. Das Unerfüllte existiert, in jedem Leben ist es anderswo verortet. Aber, indem wir aufzeigen und dazu ermutigen, sich von der eigenen Sehnsucht zu Gott hinführen zu lassen, der – wenn man ganz tief gräbt – Urgrund aller Sehnsüchte ist.

Vereinfacht könnte man sagen: Da existiert ein Gott. Ursprung und Schöpfer allen Lebens. Die Sehnsüchte, die wir in unserem Leben spüren, sind alle Ausdruck eines «unbefriedeten» Herzens. Sie sind Folge der fehlenden Gegenwart Gottes in unserem Leben, in unserem Hier und Jetzt. Sie zeigen das Loch, das durch den Wegfall des Ewigen in unser Herz gerissen worden ist – denn dafür wurde es ursprünglich geschaffen. Gott hat uns die Ewigkeit in unsere Herzen gelegt (Prediger 3,11). Der Wegbruch der ursprünglichen Gottesgegenwart hat eben tiefere Spuren hinterlassen, als wir Menschen im Alltag oft realisieren. Was bleibt, ist dieses Loch in unserer Seele, dieses unerfüllte Sehnen, dessen Schmerz wir alle mit unterschiedlichsten Coping-Strategien zu überwinden versuchen.

 

Gottes Angebot
Und da hinein kommt nun Gottes Angebot, unsere Sehnsüchte zu stillen. Wie er das tut, zeigt sich wohl am stärksten in der Person von Christus – in seinem Leben gleichermassen, wie im Sterben. In der Art, wie er mit Menschen umging, wie er ihnen begegnete, wie er sie in ihren tiefsten Bedürfnissen erkannte und ganz persönlich und individuell auf sie einging – all das widerspiegelt diesen Gott, der unsere spezifischen Sehnsüchte kennt und uns da, wo wir sind, abholen will. Das Evangelium ist voller Geschichten, die Mut machen, in unserer persönlichen Suche und Sehnsucht nach Leben nicht allein zu bleiben oder in heimliche «Selbstbefriedung» unseres Herzens abzutauchen, sondern uns an diesen wunderbaren Christus zu wenden, der laut eigenen Worten gekommen ist, um uns das Leben in Fülle zu bringen (Johannes 10,10). Wichtig ist nun – ob wir selbst auf der Suche nach Leben sind oder andere auf dieser Suche begleiten –, dass wir uns bewusstwerden, was denn «Leben in Fülle» für uns bzw. für den einzelnen Menschen in seiner jeweiligen Situation, in seiner Biografie und Persönlichkeit sowie in seiner Kultur, in der er lebt, bedeutet. Und wo und wie die Erlösung, die Jesus Christus gebracht hat, an der Sehnsucht dieses Menschen ansetzen will.

 

Erlösung umfassend verstehen
Genau deshalb haben wir diese Ausgabe dem Thema Sehnsucht gewidmet, denn die Sehnsucht ist untrennbar mit der Erlösungstat von Christus verwoben. Allerdings müssen und dürfen wir erst einmal neu entdecken, wie viel mehrschichtiger sich Erlösung gestaltet, als wir es in christlichen Kreisen über weite Strecken vermittelt haben, wenn wir uns allein auf die Vergebung unserer Schuld beschränkt haben. Doch diese Verkürzung der frohen Botschaft hat Christus selbst nicht gemacht. Allein schon in seiner Antrittsrede in Lukas 4,17ff macht er mit dem Zitat der Jesaja-61-Prophetie klar, dass er gekommen ist, um den Armen das Evangelium zu predigen, den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und um die Zerschlagenen in Freiheit zu entlassen, und um das Gnadenjahr des Herrn auszurufen. Damit spielte er auf das Halljahr an, das jeweils fünfzigste Jahr im Zyklus des Volkes Israel, wenn jeweils Grund und Boden zurück an die ursprünglichen Besitzer ging, Versklavten die Freiheit geschenkt und Schulden erlassen wurden.

Tatsächlich hat Christus mit seinem Leben und Sterben eine umfassende Erlösung für nach Leben und Sinn Dürstende gebracht, die nicht nur über eine rein persönliche Dimension hinausgeht, sondern auch soziale und globale Veränderungen bewirken will wie Gerechtigkeit und Gleichstellung von Unterdrückten, Missachteten, Armen und Unfreien. Die Erlösung von Jesus adressiert das ganze Spektrum menschlicher Sehnsüchte. Die Vergebung unserer Schuld gehört unbedingt dazu, sie ist aber nur ein Bestandteil seiner gewaltigen Erlösungstat am Kreuz.

Wenn wir Erlösung in diesem umfassenden Sinn verstehen und das Evangelium entsprechend ganzheitlich verkünden, kann uns jedoch von zwei Seiten der Wind ins Gesicht blasen.

 

Gegenwind eins
Da höre ich Menschen sagen: «Ach, das mit den Sehnsüchten ist doch nur ein Trick, um letztendlich doch wieder nur die eine Botschaft zu betonen, dass Christus für unsere Schuld gestorben ist und uns vergibt!» Dem würde ich heftig widersprechen. Denn damit sind wir wieder bei den Verkürzungen des Evangeliums, die ich oben und noch ausführlicher im Artikel ab Seite 17 beschrieben habe. Jesus selbst hat nicht nur diesen einen Aspekt der Vergebung gepredigt. Auch lässt sich das Evangelium nicht nur auf das Kreuz beschränken. Wer das tut, wird Jesus nicht gerecht. Matthias Langhans, Teamleiter von Campus für Christus Österreich, weist mit Recht darauf hin, dass Jesus Christus bereits in und ebenso mit seinem ganzen Leben die gute Botschaft verkörpert hat und dass er bereits in seinem Sterben – und nicht erst nach seiner Auferstehung – sagen konnte: «Es ist vollbracht.» Dies macht die Kreuzestat nicht weniger notwendig. Das Leben, Sterben und die Auferstehung von Jesus bilden zusammen die eine gute Botschaft, die aus vielen verschiedenen guten Botschaften besteht. Sie alle zeigen den einen Jesus, wie er individuell an den einzelnen Sehnsüchten der Menschen anknüpft und darauf eingeht: Einem Zachäus in seiner Einsamkeit begegnet er mit Nähe und Freundschaft. Der gekrümmten Frau in ihrer Beschämung schenkt er Würde. Mit der Frau am Brunnen spricht er über ihren Durst nach echtem Leben. Einen Nikodemus holt er ab in seiner Suche nach dem Sinn des Lebens. Wie oft verliert er kein Wort zum Thema Sünde, Vergebung oder Umkehr, sondern nur dort, wo er spürt, dass es dran ist, zum Beispiel beim gelähmten Mann am Teich Betesda oder im Nachgespräch mit der Ehebrecherin! Seine Handlungen sind genauso wenig austauschbar wie seine Heilungen oder seine Gespräche. Situativ hat Jesus seine Zugänge gewählt und in die vorhandenen Sehnsüchte hineingesprochen. Genau diesen Jesus mag ich so sehr.

 

Gegenwind zwei
Ein zweiter Gegenwind warnt: «Halt, wenn Christen beginnen, andere Menschen bei ihren Sehnsüchten abzuholen, werden sie aufhören zu evangelisieren; sie werden nicht mehr von Gottes Rettung aus der Verlorenheit reden und nicht mehr die Busse zur Vergebung der Sünden verkünden.» Bei allem Goodwill fällt es mir schwer, diesen Gedankengang nachzuvollziehen. In meinem Verständnis von dem Gott der Bibel ist es schlicht nicht denkbar, dass eine direkte Korrelation zwischen dem Seelenheil meines Nachbarn und meinem Netflixkonsum besteht. Dass mein Nachbar nicht gerettet wird, nur weil ich mich heute für einen gemütlichen Sofaabend entschieden und nicht mit ihm am Gartenzaun ein tiefes Gespräch geführt habe – das bedient für mich ein sehr ungesundes und unvollkommenes Gottesbild. Natürlich bin ich überzeugt, dass Gott uns in seinen wunderbaren Heilsplan für diese Welt miteinbaut. Er ist es, der rettet, und wir dürfen daran teilhaben. Aber ich bin ebenso überzeugt, dass es ihm um mehr geht, als dass wir eine stereotype Botschaft verkünden, die sich allein auf Vergebung der Schuld und persönliches Seelenheil konzentriert. Bei vielen Christen ist die Motivation dafür ohnehin schon lange weggebrochen. Heute dagegen glauben viele – mindestens ebenso auf der Bibel gegründet –, dass Gott souveräner, gnadenvoller und vor allem unabhängiger von unseren menschlichen Anstrengungen wirkt. Dies ist nicht etwa ein Verlust von Wahrheit, sondern einfach eine gesunde Kurskorrektur und Weiterentwicklung, wie sie im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder stattgefunden hat.

Wenn wir also verschweigen, dass die Erlösungstat am Kreuz noch schöner, farbiger und mehrdimensionaler ist, als wir es oft präsentieren – nur, um die Not und die Dringlichkeit zu erzeugen, dass wie bisher evangelisiert wird –, dann ist das ein sehr schräges Konzept von Wahrheit und Motivation. Die grössere Dimension des Evangeliums schmälert doch in keiner Weise das Kreuz und die Schuld-Vergebungs-Dynamik. Vielmehr öffnet sie den Horizont und malt das Gesamtbild noch schöner.

 

Das ganze Bild gibt die Durchschlagskraft
Es käme doch niemandem in den Sinn zu sagen: «Wir lassen das gesamte Orchester weg, packen Bratschen, Cellos und all die andern Streicher und Musikinstrumente in den Schrank, weil sonst die erste Geige nicht mehr so deutlich klingt.» Tatsächlich wird die erste Geige ja getragen vom gesamten Orchester und sie klingt nicht etwa weniger schön, sondern vielmehr wird die Musik veredelt, da sie erst im Miteinander zu einer wahren Symphonie anschwellen kann. Deshalb sollten wir uns nicht ängstigen, wenn wir über ein ganzheitliches Evangeliumsverständnis nachdenken, sondern vielmehr darf es Freude auslösen, diese Symphonie des Evangeliums in ihrer ganzen Pracht, mit lauten und leisen Tönen, in die Welt hinauszuposaunen. Dadurch schaffen wir Landebahnen für das Evangelium bei Menschen, die beim Wort «Schuld» keinen Berührungspunkt verspüren. Dadurch ergeben sich bei anderen Momente der Umkehr und der Hinwendung zu Gott, weil sie in ihren Sehnsüchten Gottes Erlösungsdynamik erfahren. Und durch ein ganzheitlich verkündetes und gelebtes Evangelium entsteht eine neue Glaubwürdigkeit auf allen Ebenen, wie wir es etwa durch unsere humanitären Ministry-Einsätze schon mehrfach erlebt haben. Dies erst gibt dem Evangelium seine Durchschlagskraft und Glaubwürdigkeit zurück und lässt es in seiner ganzen Schönheit und Wahrheit in unserer Welt aufstrahlen.

 

Noch ein Wort zur «Busse»
Menschen sind nicht etwa uninteressiert am christlichen Glauben – aber eine zu stark simplifizierte Evangeliums-Präsentation von uns Christen genügt ihnen einfach nicht mehr. Dazu gehört auch unser Verständnis des Begriffs «Busse tun», den wir – auch oft verkürzt – nur mit Bekennen von Schuld und Umkehr von moralischem Vergehen verbunden haben. Dabei geht es laut Urtext vielmehr und primär um ein vertrauensvolles sich Hinwenden zu Gott, ein Heimkehren dahin, wo wir eigentlich herkommen und ein Umdenken und Umsinnen. Nun kann je nach Person – und das zeigen die Evangelien sehr schön – die erste Hinwendung zu Gott auch aus ganz anderen Gründen als einem Schuldbewusstsein und dem Bedürfnis nach Vergebung erfolgen. Und je nach Sehnsuchtsdynamik erkennen wir bei den verschiedenen Menschen immer wieder eine andere Facette der Umkehr und des Umsinnens, welche die Begegnung mit Jesus auslöst – und die dann im Lauf des Lebens zu weiteren Schritten des Umsinnens führen wird, wie wir zum Beispiel im Leben von Petrus so schön sehen können.

 

Nach vorne und auf Gott schauen
Es ist Zeit, dass wir Christen uns von Gott neue Einsichten, Worte, Wege und Zugänge schenken lassen, damit wir das Evangelium wieder mit Freude und von innen heraus bewegt in diese Welt hineintragen können. Ich glaube, die Welt lechzt danach. Wir brauchen gleichzeitig weder erstaunt noch besorgt darüber zu sein, wenn bei vielen von uns die Evangelisationsantreiber der letzten Jahrzehnte – genauso wie bei unseren Mitmenschen das Interesse an einem schuldzentrierten Erlösungsangebot – weggebrochen sind. Wir müssen nicht dagegen ankämpfen, dass sich Dinge verändern, sondern darum ringen, dass wir verstehen, wie Gott uns weiterführt. Die richtige Bewegung ist darum hoffnungsvoll nach vorne orientiert – hinein in ein «Revival» eines ganzheitlichen Evangeliums. Im Vertrauen, dass wir auf dieser Reise keineswegs Christus und das Kreuz verlieren, sondern vielmehr all das Verborgene und Wertvolle zurückgewinnen, was uns unterwegs bereits vor vielen Jahren abhandengekommen ist.

Es ist Zeit, dass wir uns neu klar werden, was uns persönlich wirklich antreibt, was unsere echte Motivation sein könnte, das Evangelium in Wort, Tat, Kraft und Liebe mit den Menschen und mit dieser Welt zu teilen, und wie wir dabei an ihren spezifischen Sehnsüchten anknüpfen können. Unsere eigene Sehnsucht könnte dafür ein guter Ansatz sein. Es lohnt sich, ihr neu auf die Spur zu kommen und darüber mit Gott und miteinander ins Gespräch zu kommen. Mich persönlich bewegt dabei am stärksten die Tatsache, dass Gott uns als Botschafter der Versöhnung berufen hat. Was ist es bei dir?

Dass wir uns von Eigenschaften, Fähigkeiten oder der Rolle anderer Menschen inspirieren und motivieren lassen, ist für unsere persönliche Entwicklung eine unschätzbare Ressource. Doch ebenso wichtig ist, dass wir einen reifen Umgang mit unseren Vorbildern lernen.

Vorbilder wecken unsere Sehnsucht

Seit meiner Kindheit bis heute spielen Vorbilder in meinem Leben eine wichtige Rolle. Wobei es in meinen Teenagerjahren (jetzt darf man an die 1980er-Jahre denken) wahrscheinlich die höchste Dichte davon gab: Da war der Mitschüler, dessen Beliebtheit und Rolle als Klassenclown ich bewunderte – und das eine oder andere imitierte ich zum Leidwesen meiner Lehrer. Da gab es den Jugendkreisleiter, der seine Bibel so gut kannte und dessen Quantität und Qualität der stillen Zeit mir zum Vorbild wurde. Da war der Referent, der mich auf unseren Jugendfreizeiten mit seinem missionarischen Eifer faszinierte und dessen Kühnheit und Unverfrorenheit ich mir zum Vorbild nahm. Da war der charismatische Pastor, in dessen Wohnzimmer ich die ersten Erfahrungen mit dem Heiligen Geist machte und der für viele Jahre mein Mentor wurde. Und da gab es den Schlagzeuger der legendären Resurrection Band, der mir zum Vorbild wurde, als ich in diesen Jahren selbst Schlagzeug lernte.
Vorbilder wecken in uns eine Sehnsucht. Was wir an oder mit ihnen erleben, erzeugt Wünsche für das eigene Leben. Vorbildern geben wir die Erlaubnis, uns zur Erreichung bestimmter Ziele herauszufordern, damit wir darüber nachdenken und ihnen nacheifern. Sie setzen in Bewegung und helfen uns, über uns hinauszuwachsen. Vorbilder haben diese erstaunliche Kraft, von aussen in unsere innerste Motivation und Entschlossenheit hineinzuwirken. Vorbilder eröffnen uns Horizonte, zeigen was möglich ist, spornen uns an, zeigen einen Weg auf. Vorbilder weisen damit über uns selbst hinaus und verschaffen uns einen Eindruck davon, wonach man sich ausstrecken könnte.

Vorbilder formen uns

Vorbilder motivieren aber nicht nur, sie formen auch etwas in uns. Sie sind Teil des Gestaltungsprozesses unseres Herzens und unserer Fähigkeiten. So beobachte ich die besondere Begabung eines Menschen und etwas in mir sagt: Das möchte ich auch können! Ich nehme die positive Charaktereigenschaft eines anderen wahr und sehne mich nach der gleichen charakterlichen Stärke oder Feinheit. Und so wird aus der Bewunderung die Arbeit an mir selbst. Ich beginne, an dieser Fähigkeit, die ich am anderen bewundere, zu arbeiten. Ich übe mich an dieser Charaktereigenschaft, die mir so positiv aufgefallen ist.
Im Vergleich zu einer inspirierenden Begegnung werden Vorbilder eher zum Orientierungspunkt. Ich blicke immer wieder in ihre Richtung. Ihr Einfluss ist kein einmaliges Ereignis, sondern wiederholt sich. Am Anfang wecken sie unsere Sehnsucht und später erhalten sie diese Sehnsucht aufrecht.
Inspiration oder Imitation
Aber genau hier kann auch die Gefahr von Vorbildern liegen: Wir geben ihnen ein Stück Macht über unser Innenleben. Schlimmstenfalls führt es dazu, dass ich mehr und mehr fremdbestimmt werde. Statt durch die Hilfe eines Vorbildes meine eigene Sehnsucht zu entdecken und meine eigenen Ziele zu formulieren, beginne ich das Leben oder die Spiritualität anderer zu imitieren. Vorbilder sollen uns inspirieren, wir sollten sie nicht imitieren. Inspiration macht unser Innenleben reicher, Imitation lässt unser Potenzial verarmen.
Gute Vorbilder wissen um diese Gefahr. Sie wollen Räume öffnen und nicht einengen. Ihre persönliche Klarheit setzt andere nicht unter Druck. Sie freuen sich darüber, Orientierungspunkt zu sein, und weigern sich, Fixpunkt zu werden.

Vorbilder und Neid

Nun lösen aber positive Charaktereigenschaften, besondere Fähigkeiten oder das geglückte Leben anderer nicht nur unsere Bewunderung aus. Manchmal geschieht das Gegenteil. Statt Bewunderung entsteht Neid. Neid erzeugt Abwehrmechanismen. Der liebevolle Charakter, die Fähigkeit, sich gut auszudrücken, oder das glückliche Familienleben, das ich bei anderen wahrnehme, erscheinen irgendwie unerreichbar. Und so entwickelt sich der andere nicht zum Vorbild, es geht keine motivierende Kraft von ihm aus, sondern der Neid verlangt danach, das insgeheim Bewunderte abzuwerten und schlecht zu machen! Was ich eigentlich wünsche, ist mir beim anderen plötzlich unsympathisch.
In der Bibel wird uns dieser Mechanismus immer wieder vor Augen gestellt. Am deutlichsten vielleicht zwischen König Saul und David. Aus der anfänglichen Wertschätzung wird am Ende purer Neid. Und was ich beneide, kann konsequenterweise nicht mehr erstrebenswertes Ziel sein, sondern wird zum Feind. Damit beraubt uns der Neid ganz vieler Möglichkeiten und Optionen. Der Neid tabuisiert dann gewissermassen bestimmte Wünsche und Ziele, nur weil sie ein anderer vielleicht besser verwirklichen kann als ich selbst.
Das entscheidende Gegenmittel für den Neid ist die Fähigkeit, anderen etwas gönnen zu können. Das Gönnen sollten wir unbedingt trainieren, denn wir werden immer wieder in Situationen kommen, wo wir jemand anderen als Gesegneten, Beschenkten, Begabten oder Fähigeren als uns selbst erleben. Wer anderen etwas gönnen kann, kann sich über ihre Fähigkeiten mitfreuen, erlebt sie nicht als Bedrohung, sondern kann sie positiv in die eigene Motivation und Zielsetzung integrieren. Nur so entstehen Vorbilder statt Feindbilder!

Vorbilder und Enttäuschung

Leider erleben wir es in regelmässigen Abständen, dass Menschen, die für uns und viele andere als Vorbild gedient haben, von ihrem Sockel stürzen. Man hat ihre Predigten geliebt, ihre Lieder gesungen, ihre Podcasts gehört, ihre Leiterkonferenzen besucht, sich an ihren Gemeinden orientiert, ihre Integrität, ihre Ehe oder ihr Familienleben bewundert. Und plötzlich kommen – meist unfreiwillig – ihr Fehlverhalten, ihr sexueller oder geistlicher Missbrauch, ihre Finanzskandale, ihr Ehebruch, ihr unmoralischer Lebensstil oder Ähnliches ans Licht. Schockiert stellen wir fest, dass diese Personen weit hinter dem zurückgeblieben sind, was sie selbst verkündigt oder eingefordert haben. Es bleibt das dumpfe Gefühl der Ernüchterung. Man wurde von ihnen getäuscht und man hat sich in ihnen getäuscht. Es scheint fast so, als ob mit ihrem Sturz auch die eigenen Ziele, Absichten und Hoffnungen einstürzten. Wenn dieser Mensch in Wirklichkeit so war, wie steht es dann um seine Leiterschaft, seinen Gemeindebauansatz, die Prinzipien in seinem Ehebuch oder die von ihm praktizierten Geistesgaben? Was bleibt davon übrig? Ist mit dem Fall des Vorbildes auch alles andere verloren? Muss man nun alles vergessen, was Bill Hybels jemals auf einem Leitungskongress gesagt hat, und macht es noch Sinn, ein Buch von Ravi Zacharias weiterzugeben?
Enttäuschung sät Misstrauen. Die Skandale um berühmte Personen beschädigen die grundlegende Glaubwürdigkeit von Vorbildern. Schnell schleicht sich der Gedanke ein, dass vielleicht bei diesem oder jenem bekannten Vorbild auch noch irgendwelche Leichen im Keller liegen. Und im schlimmsten Fall verabschiedet man sich ganz von der Idee der Vorbilder. Bei Politikern und Managern hat man sich irgendwo damit abgefunden, dass Sein und Schein weit auseinanderklaffen. Aber unter uns Christen hat man irgendwie auf andere Zustände gehofft.

Das Stigma des Unverzeihlichen

Ich persönlich plädiere für eine Längsschnittmentalität. Es gibt einen Unterschied, ob man den Querschnitt eines Menschen nimmt oder den Längsschnitt. Der Querschnitt ist eine Momentaufnahme. Wie steht es um die Integrität eines Menschen zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Und dieser eine Zeitpunkt entscheidet dann über die gesamte Glaubwürdigkeit eines Menschen. Der Längsschnitt hingegen zieht das gesamte Leben in Betracht. Das einzelne Fehlverhalten, der einzelne Vorfall zerstört nicht das gesamte Lebenswerk.
Ich ärgere mich immer wieder, wenn ein fähiger Politiker wegen irgendeiner Fehlentscheidung oder einer unsauberen Doktorarbeit zurücktreten muss. Ein klarer Fehler, eine einzige Sünde diskreditiert den gesamten Menschen. Sie bekommen das Stigma des Unverzeihlichen. Warum ist Rücktritt unsere einzige Antwort auf Scheitern? Warum genügt es nicht mehr, von ganzem Herzen um Verzeihung zu bitten? Wenn Scheitern mit der Zerstörung der gesamten Biografie einhergeht, gibt es irgendwann keine Vorbilder mehr – oder nur noch Heuchler.
Wenn sich allerdings im Längsschnitt zeigt, dass ein Fehlverhalten das ganze Leben durchzieht, ist nicht nur der Moment verdorben, sondern tatsächlich die Biografie beschädigt. Die so wichtige Umkehr ist dann auf der Strecke geblieben.
Ich musste einmal am eigenen Leib erleben, was es bedeutet, wenn eine einzelne Predigt, mit deren Inhalt andere Pastoren in der Stadt nicht einverstanden waren, meinen gesamten Ruf als Prediger ruiniert. Egal was man 20 Jahre lang gepredigt hatte, diese eine Predigt führte dazu den Kanzeltausch mit mir zu verweigern.

Überforderte Vorbilder

Enttäuschung über Vorbilder kann aber noch ganz andere Ursachen haben. Es ist gut möglich, dass Vorbilder nicht hinter dem zurückbleiben, was sie selbst behaupten, sondern hinter dem, was wir in sie hineinprojizieren. Zwar erfüllt die Person durchaus ihre eigenen Ansprüche, aber sie erfüllt nicht meine Ansprüche. Und hier kann es geschehen, dass Personen überfordert sind von meinen Ansprüchen an ihr Vorbild. Weil ich im anderen etwas verwirklicht sehen wollte, von dem ich überzeugt war, dass es die Welt oder die Stadt oder unsere Kirche dringend braucht. In Wahrheit war nicht der Mensch, so wie er ist, ein Vorbild, sondern ich habe vielmehr in ihn mein Idealbild einer bestimmten Rolle oder Eigenschaft hineinprojiziert, mit der Hoffnung, diese nun personalisiert vor mir zu haben. Hier verzerrt sich die Idee vom Vorbild zum Idol. Man bewundert nicht länger, was ist, sondern was sein sollte. Es ist diese gefährliche Überhöhung eines Menschen, bei der die Schattenseiten so lange wie möglich ausgeblendet werden, damit die auf ihn projizierten Eigenschaften umso heller leuchten. Ganz fatal wird es, wenn ein Vorbild diese Projektion dankbar entgegennimmt und damit sein Ego aufpoliert. Gut konnten wir diese fatale Überhöhung beim letzten amerikanischen Präsidenten beobachten.
Aber auch bei milderen Verläufen kann die Erwartungshaltung anderer für Vorbilder zu einer Falle werden. Man spürt, dass die Rolle als Vorbild eng verbunden ist mit den Erwartungen der Menschen. Um deren Respekt und Achtung nicht zu verlieren, ist man versucht, am Ende mehr das Image zu pflegen als die Realität. Man trägt Masken und führt ein Doppelleben, um all den Erwartungen gerecht zu werden, selbst wenn man innerlich an ihnen schon längst gescheitert ist. Was bleibt, ist die Aufrechterhaltung einer Rolle, die inzwischen zum identitätsstiftenden Merkmal der eigenen ausgehöhlten Persönlichkeit wurde.

Selbst ein Vorbild sein?

Wir alle sind damit vertraut, Vorbilder zu haben. Im besten Fall inspirieren sie uns, machen uns leidenschaftlich, eröffnen uns Spielraum und schenken uns Orientierung. Aber wie sieht es damit aus, selbst für andere ein Vorbild zu sein? So manch einer weist diesen Gedanken weit von sich. Er löst regelrecht Ängste aus. Dahinter steckt zum einen ganz oft eine mangelhafte Selbstwertschätzung. Aber ich kann andere nur wertschätzen, wenn ich mich selbst wertschätzen kann. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Wo diese Selbstwertschätzung fehlt, fällt es schwer, die eigenen Eigenschaften oder Fähigkeiten zu würdigen. Manch einer findet sich selbst, seine Begabungen oder sein Können so gewöhnlich, so mittelmässig oder gar mangelhaft, dass es ihm nie in den Sinn kommen würde, damit jemals Vorbild zu sein. Am Ende führt diese mangelnde Selbstwertschätzung zur dauerhaften Selbsteinschränkung. Ich beraube mich der Möglichkeit, andere zu inspirieren, weil ich mich selbst in den Niederungen der Banalität verortet habe.
Zum anderen setzt der Gedanke, Vorbild zu sein, viele Menschen furchtbar unter Druck. Weil sie den Eindruck haben, nicht zu schaffen, was man als Vorbild tun müsste, oder der Rolle als Vorbild nicht gerecht zu werden, wird jede Entwicklung in Richtung Vorbild zur Belastung. Statt sich darüber zu freuen, dass andere Menschen dies oder jenes vorbildlich an mir finden, denke ich nur noch darüber nach, sie in Zukunft nicht zu enttäuschen oder zu vermeiden, dass sie meiner Mittelmässigkeit doch noch auf die Schliche kommen. Am Ende zieht man sich zurück, um in der Unscheinbarkeit dem Druck aus dem Weg zu gehen.
Aber vielleicht sind gerade meine Normalität, meine Treue trotz der Mittelmässigkeit, meine Experimentierfreudigkeit, mein Wuchern mit dem einen Pfund, das ich habe, genau die Dinge, die mich für andere zum Vorbild machen. Ich muss nicht dauernd und nicht mit meinem ganzen Leben und meiner gesamten Biografie ein Vorbild sein. Diesen Teil können wir getrost Jesus überlassen. Wir dürfen uns von Herzen darüber freuen, wenn wir Menschen in diesem oder jenem Bereich inspirieren dürfen.

Zur Person:
Martin Benz ist Theologe, Ehemann und Familienvater von drei erwachsenen und zwei Vorschulkindern, Pastor (1993–2018 Vineyard Basel; seit 2019 ELIA-Gemeinde Erlangen) und daneben als Songwriter (Live-CD mit eigenen Songs), Buchautor («Wenn der Geist fällt» 1995; «Filterwechsel» 2018) sowie als Blogger (movecast.de) tätig.

Vor etwa sieben Jahren bin ich zusammen mit meinem Mann aus der Freikirche ausgetreten, zu der wir gehörten. Der Abschied war freundschaftlich, aber da wir keinen für die Gemeinde annehmbaren Grund dafür vorweisen konnten – etwa einen Umzug oder eine Weisung von oben – war das Unverständnis seitens der Gemeindeleitung gross. «Welche Überzeugungen könnt ihr denn nicht mehr teilen?», wollte der Pastor wissen. «Woran genau glaubt ihr nicht mehr?» Es gelang uns nicht, ihm verständlich zu machen, dass genau diese Frage das Problem anzeigte. Unser Problem war nicht – jedenfalls nicht in erster Linie – dass in der Gemeinde die falschen Antworten gepredigt wurden. Unser Problem war, dass Fragen gestellt wurden, die für uns nicht mehr im Vordergrund standen. Vor allem die eine, die in der Predigt, in den Hauskreisen, in der Auseinandersetzung mit der Bibel enorm viel Raum einnahm: «Was ist der richtige Glaube?»

«Was ist der richtige Glaube?»

In der evangelikalen Theologie, mit der ich aufgewachsen bin und die mich bis heute prägt, habe ich diese Frage vielerorts als Leitfrage wahrgenommen: «Was ist die richtige, biblische Überzeugung? Was genau muss ich glauben?» Diese Leitfrage kommt zum Ausdruck in Predigten und Positionspapieren, aber auch in der Themensetzung, in Bewerbungsverfahren, in der Förderung von Mitarbeitenden, in der Gottesdienstgestaltung, in Bündnissen und Partnerschaften, in der theologischen Ausbildung.

Zur Begründung und zur Beantwortung der Leitfrage wird die Bibel in Anspruch genommen. Sie ist das Wort Gottes, unangefochtene Autorität, Richterin über die Rechtgläubigkeit. Sie ist der Massstab, an dem gemessen wird, was richtig ist. Sie liefert die richtigen Antworten, wenn sie richtig gelesen und gedeutet wird. Gleichzeitig wird die Bibel selbst der Leitfrage unterworfen: Welcher Urtext, welche Übersetzung ist die richtige? Welche Deutung ist die richtige? Welches Bibelverständnis ist das richtige? Nur der richtige Umgang mit der Bibel führt zu den wahren Antworten.

Was macht diese Leitfrage – «Was ist der richtige Glaube?» – so attraktiv, dass christliche Strömungen immer wieder von ihr eingenommen werden? Was ist so bestechend an ihr, dass sie auch in der postmodernen Gesellschaft zur DNA evangelikaler Gemeinden gehört? Sie vermittelt uns ein Gefühl der Sicherheit. Wir wollen auf ein stabiles Fundament bauen, unsere Überzeugungen von einer übergeordneten Instanz beglaubigt wissen und nicht von Gefühlen, Trends, gesellschaftlichen Entwicklungen und subjektiven Erfahrungen. Wir fürchten Willkür, Unverbindlichkeit, Verwässerung. Wir fürchten die Reaktion Gottes.

Ernüchterung statt Wahrheit

Für mich war der unique selling point der Leitfrage «Was ist der richtige Glaube?» allerdings weniger die Furcht vor Fehlern als die Liebe zur Wahrheit. Als junge, engagierte Gläubige stand für mich fest, dass es die eine Wahrheit gibt und dass ich sie kennen und dafür einstehen wollte. Ich liess mir mit zwanzig das Wort «Wahrheit» auf den Knöchel tätowieren, um dieser Überzeugung Ausdruck zu verleihen. Ich wollte und konnte mich nicht zufriedengeben mit einem «Wenn das für dich stimmt» oder einem «Richtig ist, was dir guttut». Ich wollte wissen und akzeptieren, was wahr ist, unabhängig davon, ob es mir gefiel oder mehrheitsfähig war.

Die Leitfrage «Was ist der richtige Glaube?» führte mich aber nicht zur Wahrheit, sondern zur Ernüchterung. Ich merkte: Sie gaukelt mir eine Sicherheit vor, die es nicht gibt. Sie suggeriert eine Eindeutigkeit, die nicht existiert. Unser Gott ist ein verborgener Gott. Er hat darauf verzichtet, sich eindeutig zu offenbaren. Kein Wunder, das er vollbracht hat – von der Teilung des Meeres bis zum leeren Grab – wurde von allen Menschen als Wunder gedeutet. Keine Glaubensgemeinschaft, keine Gemeinde kommt anhand der Bibel zur selben Wahrheit, zur gleichen und klaren Antwort auf die Frage «Was ist der richtige Glaube?».

Durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Christentums und der Entwicklung der Lehre wurde mir immer stärker bewusst, mit welcher unvermeidbaren Voreingenommenheit wir die Bibel lesen. Viele der Lehren, die ich so selbstverständlich als «biblisch fundiert» betrachtet habe, sind in Wahrheit von einer bestimmten Tradition, einer bestimmten Zeit oder einer bestimmten Region der Welt geprägt. Christinnen und Christen haben überall und zu allen Zeiten die Bibel selektiv gelesen, ihre Inhalte unterschiedlich gewichtet und gedeutet, unterschiedlich darüber geurteilt, was auf welche Weise zu verstehen ist.

Risse im Fundament

Der zweite Grund, warum ich der Frage «Was ist der richtige Glaube?» nicht mehr alles unterordnen möchte, ist meine Überzeugung, dass Gott dies auch nicht tut. Ich will und kann nicht glauben, dass es tatsächlich die Frage ist, die uns an der Himmelspforte gestellt wird und über unseren Einlass ins Paradies entscheidet. Falsche Trinitätslehre? Vielleicht findest du in den hinteren Rängen noch einen Stehplatz! Zuviel Erbarmen mit Homosexuellen? Pech gehabt! Erwartet Gott wirklich von uns – vom Analphabeten, von der Hochschulprofessorin, vom achtjährigen Kind, von der Migrantin – zu erkennen, was der richtige Glaube ist?

In vielen christlichen Gemeinschaften ist mir genau diese Erwartung begegnet, und es hat mich zermürbt, zu sehen, welche Wirkung sie entfaltet. Anhand der Leitfrage «Was ist der richtige Glaube?» werden Menschen beurteilt, befördert oder ausgegrenzt, eingeladen oder fallengelassen. Gemeinden spalten sich, grenzen sich ab, feinden einander an. Zweifelnde zerbrechen an dem, was sie als Fundament betrachten, aber in Wahrheit eine bröckelnde Mauer ist. Natürlich dürfen Fehler gemacht werden, natürlich gibt es Vergebung und auch Grosszügigkeit. Aber Vergebung und Grosszügigkeit setzen voraus, dass der Scheiternde den Anspruch kennt und anerkennt, woran er gescheitert ist.

Diese Erfahrungen lassen mich daran zweifeln, dass die Frage «Was ist der richtige Glaube?» das Reich Gottes auf Erden herbeiführt. Ich glaube vielmehr: Solange sie für unsere Kirchen die Leitfrage ist, wird es unheimlich schwer für uns sein, als Christinnen und Christen gemeinsam der Welt und einander zu dienen und unsere Vielfalt zu einer Ressource zu machen.

Welche Frage soll uns leiten?

Halte ich die Frage deshalb für falsch oder ohne Berechtigung? Natürlich nicht! Sie wird Menschen beschäftigen, solange es Menschen gibt. Sie beschäftigt auch mich. Aber es ist nicht die einzige Frage und ich behaupte, es ist nicht die wichtigste. Wenn ich alle Geheimnisse kenne und alle Erkenntnis besitze und wenn ich allen Glauben habe, Berge zu versetzen, aber keine Liebe habe, so bin ich nichts, schreibt Paulus. Denn Stückwerk ist unser Erkennen (1. Korinther 13). Die Liebe zur Wahrheit drückt sich aus, in dem demütigen Eingeständnis, sie nicht zu besitzen.

Wenn es nun nicht zuerst und vor allem darum geht, das Richtige zu glauben, worum geht es dann? Es gibt christliche Gemeinschaften, die die Frage «Wie sollen wir leben?» in den Vordergrund stellen. Für andere ist die Frage «Wie finden wir zu uns selbst?» zentral, oder die Frage «Wie stärkt mich mein Glaube?» Jede dieser Fragen ist relevant und berechtigt. Ich sehe aber auch bei jeder von ihnen das Risiko der Einseitigkeit, wenn sie zu viel Raum einnimmt und andere Fragen verdrängt.

«Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer»

Noch einmal: Worauf kommt es wirklich an? Diese Frage wurde auch an Jesus herangetragen. Zum Beispiel, als er nach dem höchsten Gebot gefragt wurde. In seiner Antwort zitierte er zwei Stellen aus der Torah: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Matthäus 22,37f). In anderem Zusammenhang kam Jesus von sich aus darauf zu sprechen, worauf es ankommt. Nachdem seine Jünger gegen das Sabbatgebot verstiessen, sagte er zu ihren Anklägern: Wenn ihr begriffen hättet, was das heisst – Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer – dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt (Matthäus 12,7, zit. Hosea 6,6).

Liebe, Barmherzigkeit und Glaube beschreiben ein Verhältnis, sie brauchen ein Gegenüber. Es geht um Beziehung. Beziehung zu Gott, zu meiner Umwelt, zu meinen Mitmenschen, zu mir selbst. Beziehung, die von Vertrauen und Verantwortung geprägt ist. Gesunde, freiwillige, reife, versöhnte, liebevolle, authentische Beziehung. Die Botschaft Jesu ernst zu nehmen, bedeutet für mich, immer wieder unsere Motivation, unsere Regelwerke, Ziele und Anliegen daraufhin zu befragen, ob sie in solche Beziehungen hineinführen oder daraus herausführen. Ob sie unserer Gemeinschaft mit Gott und einander dienen oder zum Selbstzweck geworden sind. Ob der Glaube Verbindung schafft oder Unschuldige verurteilt. Es bedeutet, zu fragen: «Wohin führt Liebe?» Wohin hat Gott sich von seiner Liebe zu den Menschen führen lassen? Und wohin führt diese Liebe uns?

Wenn ich frage «Wohin führt Liebe?», dann frage ich nach dem, was Jesus das Reich Gottes nennt. Dann will ich wissen, zu was für einer Welt, was für einer Gesellschaft, was für einer religiösen Kultur, was für einem Umgang miteinander und mit der Schöpfung die Liebe Gottes uns führt. Die Frage beschränkt sich aber nicht auf das ethische «Wie sollen wir leben?». Sie umfasst auch die Frage «Worauf können wir hoffen?». Denn wenn die Liebe Gottes Motiv ist, dann reicht ihre Wirkkraft über unsere Möglichkeiten und über unser Leben hinaus.

Umgang mit der Bibel

Die Leitfrage «Wohin führt Liebe?» bringt mich zu einem Bibelverständnis, das nicht jedes Wort in Übereinstimmung bringen muss, sondern nach der Entwicklung und Stossrichtung fragt. Wenn ich danach frage, wohin Liebe führt, dann interessieren mich der Weg und das Ziel der Geschichte Gottes mit den Menschen. Dann sehe ich fasziniert, wie seine Verheissung bei einem einzelnen Menschen (Abraham) ihren Ausgang nahm und zu einer Verheissung für die ganze Welt wurde.

Wenn ich frage «Wohin führt Liebe?», dann brauche ich keine Sicherheit darüber, in welcher Reihenfolge das Ende der Welt vonstattengeht. Stattdessen freue ich mich an der Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dann frage ich nicht, ob die Bibel Sex vor der Ehe erlaubt. Eher denke ich darüber nach, was es bedeutet, in Beziehungen Verantwortung für andere und für mich selbst zu übernehmen. Dann erkenne ich: Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen, nicht der Mensch um des Sabbats willen (Markus 2,27).

Wenn ich frage «Wohin führt Liebe?», dann ist es weniger wichtig, ob die Schriften der Bibel früher oder später entstanden sind, von einem oder von mehreren Autoren bearbeitet wurden. Dann bringt es meinen Glauben nicht ins Wanken, wenn sich ein Bericht als historisch fragwürdig erweist oder Texte sich widersprechen. Denn die Liebe Gottes äussert sich für mich nicht darin, dass er der Welt ein perfektes Buch diktiert hat, sondern darin, dass sein Geist in den Worten der Bibel wirkt und mich dazu in Beziehung treten lässt. Und vor allem äussert sie sich im lebendigen Wort, in Christus, in dem Gott sein Gesicht gezeigt hat.

Die Spannung aushalten

Wenn ich frage «Wohin führt Liebe?», dann bemühe ich mich mit anderen Gläubigen (vielleicht sogar mit Andersgläubigen!) um eine Beziehung und eine gemeinsame Vision und halte es aus, dass wir nicht dasselbe für richtig halten. Dann weiss ich, dass die Welt uns nicht daran erkennen wird, dass wir recht haben oder uns einig sind, sondern daran, dass wir uns lieben (Johannes 13,35).

In dieser Spannung zu glauben und zu lieben, ist alles andere als einfach. Wir fürchten uns davor, Verrat an der Wahrheit zu üben, auch wenn wir wissen, dass wir nichts wissen. Insofern ist es keineswegs so, dass die Leitfrage «Wohin führt Liebe?» den Weg durch das breite Tor weist, während die Frage nach dem richtigen Glauben durch die enge Pforte führen würde. Umso mehr plädiere ich dafür, die Spannung auszuhalten und die Chancen darin wahrzunehmen. Wenn ich sehe, mit wem Jesus seine Zeit verbrachte, dann gewinne ich den Eindruck, dass er es auch getan hat.

Andi wird seiner Frau vorwerfen, ihn zu kontrollieren. Und sie wird ihm erklären, warum das leider notwendig sei. In einer Partnerschaft wird kontrollierendes Verhalten mit grosser Wahrscheinlichkeit zum Problem werden. Im Berufsleben dagegen ist Kontrolle, wenn sie auf angemessene Weise geschieht, nicht problematisch. Da ist sie notwendiger Teil des betrieblichen Ablaufs.

Versuchen wir Gott zu kontrollieren?

Wie ist das in unserer Beziehung zu Gott? Gibt es von Gottes Seite her so etwas wie Kontrolle? Das liegt nahe, schliesslich ist Gott der Herr der Welt. Ihm gehört – im Bild gesprochen – der Betrieb. Er ist der Eigentümer, und er macht die Regeln. Oder ist es doch anders? Geht es gar nicht um einen Betrieb? Euch habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid, sagt Jesus denen, die ihm folgen (Johannes 15, 15). Wir sind zur Freundschaft mit Gott erwählt worden. Es ist Gottes Entschluss, uns als seine Freunde anzusehen, und Freunde kontrolliert man bekanntlich nicht.

Wir stellen die Frage aber auch andersherum. Versuchen wir Gott zu kontrollieren? Wollen wir ihn auf unsere Vorstellungen von ihm hin festlegen? Versuchen wir, ihm zu sagen, wie er es zu machen hat? Wie würde ein solches Beten klingen? Wie würde solch ein Bibellesen aussehen?

Ich meine, dass es nicht wenige Christinnen und Christen sind, die glauben, Gott sagen zu müssen, wo es lang geht. Sie drängen darauf, dass Gott es so macht, wie sie es erwarten. Sie verhalten sich wie Yvonne ihrem Mann gegenüber: «Das ist jetzt genug. Lass das.» Wenn Christen meinen, es sei ihre Aufgabe, Gott auf den richtigen Weg zu bringen, geschieht das meiner Meinung nach in drei Varianten – (1) der stürmenden, (2) der kämpfenden und (3) der anklagenden. Ich will diese drei kurz darstellen.

Gott bestürmen

«Man muss Gott einfach bestürmen.» So formulieren es manche. Es braucht meinen Einsatz im Gebet, um Gott zum Handeln zu bringen. Denn von allein tut Gott es ja nicht. Wer betet, muss Gott zuerst informieren. Ihm detailliert erklären, wo das Problem liegt, und ihm Vorschläge machen, wie es zu lösen ist. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott weder unsere Not noch den Zustand seiner Welt kennt. Gott muss jedoch nicht nur informiert, sondern auch motiviert werden. Der betende Mensch muss «stürmen», damit Gott sein Gebet überhaupt ernstnimmt. Ausserdem will Gott immer wieder neu um dasselbe gebeten werden. Denn er ist nicht nur uninformiert und unmotiviert, sondern auch noch vergesslich.

Wer so betet, hat eine seltsame Vorstellung vom Gott der Bibel. So wie beschrieben, verhalten sich ja gerade die Götter, über die die Propheten und die Psalmbeter spotten (Psalm 135, 16f). Solche Götter haben mit dem Gott Israels, dem Vater Jesu, nichts zu tun. Garnichts. Beim Gott der Bibel muss man nicht stürmen. Ihr sollt nicht beten wie die Heiden, sagt Jesus. Macht es anders als sie! Denn euer Vater weiss, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet (Matthäus 6, 7f). Jesus bringt seinen Jüngern bei, mit Gott zu reden, wie er selbst es tut. Er redet mit seinem Vater im Himmel. Er sucht die Anliegen seines himmlischen Vaters – und ist sich sicher, dass sein Vater die Anliegen des Sohnes ebenso sorgfältig im Blick hat.

Vielleicht wollen manche von Ihnen jetzt auf die Gleichnisse vom «bittenden Freund» und vom «ungerechten Richter» verweisen. Das sind aber Kontrastgleichnisse. So wie sich der um Mitternacht aufgeweckte Freund (Lukas 11) oder der ungerechte Richter (Lukas 18) verhalten, so verhält sich Gott gerade nicht! Das ist die Pointe dieser beiden Gleichnisse. Während der Freund und der ungerechte Richter erst einmal bestürmt und überredet werden müssen, muss Gott gerade nicht bestürmt und überredet werden. Gott ist anders! Gott gibt seinen Kindern aus freien Stücken, was sie erbitten.

Es soll kein Missverständnis entstehen: Gottes Kinder dürfen immer mit Gott reden, ihm zu jeder Zeit ihre Herzen ausschütten. Aber wir machen das nicht, damit Gott etwas tut. Nicht, um ihn zum Handeln zu bewegen. Gott trägt uns bereits in seinem Herzen, er weiss, was wir bedürfen. Er hat die Haare auf unserem Kopf alle gezählt.

Für Gott kämpfen

Die zweite Variante des kontrollierenden Gebets besteht in der Annahme, für Gott und seine Sache kämpfen zu müssen. Das Gebet wird zum «Joystick» an einer unsichtbaren Spielkonsole, mit der Einfluss genommen wird auf die Vorgänge in der himmlischen Welt. Es braucht mich, es braucht mein Gebet, damit Gottes Sache auf Erden den korrekten Lauf nehmen kann.

Wer so betet, scheint zu glauben, dass der Kampf im Himmel noch nicht entschieden sei. Das ist er aber! Satan wurde aus dem Himmel geworfen (Lukas 10, 18; Offenbarung 12, 9). Gott hat seine Herrschaft bereits aufgerichtet. Wenn wir Gott um etwas bitten, dann darum, dass Gottes Herrschaft auch bei uns aufgerichtet wird. Im Gebet fragen wir: Gott, wo bist du gerade dran? Was tust du? Da – und genau da – wollen auch wir uns engagieren. So hat es Jesus selbst gehalten (Johannes 5, 19f). Im Gebet bekommen wir Anteil an den Anliegen Gottes. Was Gott tut, darauf wollen wir unsere Aufmerksamkeit und Liebe richten.

Gott beschuldigen

Die dritte Variante, Gott zu kontrollieren, verbindet sich mit einer Anklage. Ich halte Gott vor, was er alles nicht für mich getan hat. Da sind Menschen älter geworden, haben sich viel in ihrer Gemeinde eingesetzt und sind zunehmend enttäuscht. Vielleicht wurde der richtige Ehepartner nicht gefunden, die zwei oder drei erhofften Kinder wurden nicht geboren. Das angedachte Eigenheim gibt es nicht, und die Gesundheit ist sowieso ein Thema für sich: «Und dabei hatte Gott es mir doch versprochen.»

An dieser Stelle wird es interessant. Natürlich darf ich nachfragen, natürlich darf ich reklamieren bei Gott. Aber es braucht den Fakten-Check. Wenn man so will, ist jetzt tatsächlich eine Kontrolle angebracht. Was hat Gott mir versprochen? Hat er sein Versprechen nicht gehalten? Oder wurden meine Vorstellungen enttäuscht, die ich von ihm habe?

Der Fakten-Check: Was hat Gott versprochen?

Wenn ich Enttäuschung verspüre und meine, Gott sei mir etwas schuldig, muss ich fragen: Was hat er mir denn versprochen? Ich mache einen Abgleich meiner Realität mit den Zusagen Gottes. Das darf ich, ohne jede Einschränkung. Dafür muss ich allerdings wissen, was Gott mir tatsächlich zugesagt hat. Was hingegen sind Dinge, von denen ich nur meine, dass er sie mir zugesagt hat? Lesen wir also nach, was Gott seinen Jüngern versprochen hatte. Petrus war so freundlich, diese Frage direkt an Jesus zu richten: Was wird uns dafür? Was bekommen wir dafür, dass wir dir gefolgt sind und vieles verlassen haben? Und er bekommt eine ebenso direkte Antwort. Ich lade euch dazu ein, die Antwort in Markus 10, 28ff selbst nachzulesen.

Gott aus der Kontrolle zu entlassen bedeutet, dass ich erstens damit aufhöre, ihn manipulieren zu wollen. Ich muss weder viel, noch oft, noch tränenreich beten. Ich entlasse Gott aus der Kontrolle, indem ich ihn zweitens dafür anbete, dass er den Kampf bereits gewonnen hat. Es ist meine Aufgabe, das zu bezeugen. Und ich entlasse Gott aus meiner Kontrolle, indem ich mich drittens an seine Zusagen halte. Auf diese Zusagen dürfen wir Gott behaften, und wir sollen das auch! Aber ob meine Vorstellungen von persönlichem Glück, Familie, Haus, Beruf usw. erfüllt werden, darf nicht zum Kriterium der Glaubwürdigkeit Gottes werden.

Dass Gott mir Gutes tun will, steht ausser Frage. Er sucht mich in derselben Weise, wie ich ihn suche. Er ist ja der Freund. Er hat Freude daran, uns immer mehr zu den Menschen werden zu lassen, die wir sind. Dazu müssen wir Gott nicht überreden.

Auch Gott macht den Fakten-Check

Wie sieht es nun von Gottes Seite her aus? Kontrolliert Gott seine Welt, kontrolliert er seine Gemeinde? Das Wort «Kontrolle» kommt in der Bibel zwar nicht vor, aber es heisst oft, dass Gott «sieht» und dass er «prüft». Gott macht den Fakten-Check, indem er hinschaut, ob unsere Lebensführung dem entspricht, was er uns anvertraut hat. Es ist ihm nicht egal, wie Menschen leben. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott (Micha 6, 8). Gott schaut nicht hin, um alles im Griff zu behalten oder damit nichts aus dem Ruder läuft. Er will seine Welt vielmehr zurechtbringen, bevor seine Herrschaft sichtbar und die Erde endgültig erneuert wird.

Gott sieht sich ununterbrochen an, was ihm gehört. Seit der Schöpfung heisst es, dass er «sieht» und dass er für das Seine sorgt. Im Alten Testament wird 1303 Mal vom «Sehen» erzählt. Wenn es um uns Menschen geht, schaut Gott genau hin: Wie verhält es sich? Wie machen sie es? Wie geht es ihnen? Dass Gott hinschaut, heisst, dass sein Handeln auffallend frei von Ideologie ist. Es zählt nicht das, was er theoretisch über uns «denkt», sondern was er an uns «sieht». Er sieht auch auf das, was nicht im Lot ist. Immer wieder kündigt er Gericht an. Siehe, die Augen Gottes des HERRN sehen auf das sündige Königreich, dass ich’s vom Erdboden vertilge, wiewohl ich das Haus Jakob nicht ganz vertilgen will, spricht der HERR (Amos 9, 8).

Gott prüft – damit wir uns nicht täuschen

Gott prüft uns Menschen also. Was heisst das genau? Wie der Tiegel das Silber und der Ofen das Gold, so prüft der HERR die Herzen (Sprüche 17, 3). Oder: Einen jeglichen dünkt sein Weg recht; aber der HERR prüft die Herzen (Sprüche 21, 2). Ich würde das als eine Form des Kontrollierens beschreiben. Gott macht einen Reality-Check. Er überlässt es nicht unserem Urteil, sondern er urteilt selbst darüber, ob unser Weg gut ist.

Gott prüft auch seine Gemeinde, diejenigen, die zu ihm gehören. Diese blieben, um Israel durch sie zu prüfen, damit kund würde, ob sie den Geboten des HERRN gehorchten, die er ihren Vätern durch Mose geboten hatte (Richter 3, 4). An unserem Verhalten wird sichtbar werden, ob wir tatsächlich an Gott festhalten bzw. «festkleben», wie es die hebräische Sprache ausdrückt (Psalm 22, 5f). Erst im Lebensvollzug zeigt sich, ob ich tatsächlich an Gott festgemacht bin. Schlimm wäre es, wenn ich mich dabei über mich selbst täuschen würde. Wenn ich meine, ich würde an Gott hängen, aber in Wirklichkeit klebe ich an etwas anderem. Darum betet der Psalmist in Psalm 139: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. (Psalm 139, 23)

Es kann mir nichts Besseres passieren

Manche Geschehnisse oder Lebensumstände werden sich als Zeit der Prüfung herausstellen. Sie helfen dabei, dass ich mich als wahr – heisst als verlässlich – erweise: gegenüber Gott und gegenüber Menschen. Vielleicht bekommt jetzt der eine oder andere Angst. Und wenn es am Ende doch nicht reicht? Wenn Gott mich prüft, kann es dann sein, dass es zu wenig ist, nicht genug ist, nicht genau genug ist? Es ist bedenklich, wenn wir glauben, dass Gott mich prüft, um mir meine Defizite vorzuhalten. So ist es nicht. Gott prüft mich, damit ich mich nicht täusche. Er prüft mich aber auch, um mir am Ende zurecht zu helfen. Wo es bei mir nicht reicht, da bitte ich Gott darum, dass er mich weiterbringt. Und er tut es. Ich werde gerichtet durch Jesus, der sich an unserer Stelle hat richten lassen. Darum kann mir nichts Besseres passieren, als dass Gott genau hinsieht.

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