Die Vorstellung darüber, was Gott von mir erwartet, hängt einerseits stark von unserem Selbstverständnis und unserem Selbstvertrauen ab, andererseits offenbaren unsere Antworten auf diese Fragen einiges über die Gottesbilder, denen wir glauben.

«Wie soll ich dich empfangen?»

So beginnt ein altes Kirchenlied von Paul Gerhardt, und es verkörpert die Sehnsucht, Gott zu begegnen. Ein Anliegen, mit dem sich schon viel früher, vor über 2700 Jahren, der Prophet Micha herumschlug. Allerdings scheint er schon damals verstanden zu haben, dass wir uns dabei oft selbst im Weg stehen:

«Womit soll ich vor den HERRN treten, mich beugen vor dem Gott der Höhe? Soll ich vor ihn treten mit Brandopfern, mit einjährigen Kälbern? Wird der HERR Gefallen haben an Tausenden von Widdern, an Zehntausenden von Bächen Öls? Soll ich meinen Erstgeborenen geben für mein Vergehen, die Frucht meines Leibes für die Sünde meiner Seele?» Micha 6,6–7 (EÜ)

Micha übertreibt. Seine rhetorischen Fragen lassen eigentlich keinen Zweifel daran, dass Gott sich diese Dinge nicht wirklich von uns wünscht. Trotzdem beobachte ich bei mir allzu oft, wie ich Gott unterstelle, dass er auf irgendwelche Konventionen, christliche Regeln und Gebote fixiert sei. Und meine Aufgabe nun darin bestehe, all diese Dinge einzuhalten und in Ehren zu halten. Dabei glaube ich das eigentlich selbst nicht.

Die Bibel erzählt die lange Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung und den Menschen. Immer wieder hat Gott uns Menschen Ordnungen und Möglichkeiten mit auf den Weg gegeben, damit wir ihm begegnen und unser Leben meistern können. Wir Menschen geben uns Mühe, diese Ordnungen in unser Leben einzugliedern und Formen zu finden. Wir wollen es «recht» machen. Dabei lehrt uns die Geschichte, dass aus der guten Ansicht und sogar aus guten Dingen allerdings immer wieder Gesetzlichkeiten geworden sind, mit denen wir uns selbst kaputtmachen und letztendlich das Ziel aus den Augen verlieren.

Schon vergessen?

Trotzdem versuchen wir immer wieder, es «recht» zu machen und Gott so zu begegnen, damit er uns hört. Die Dinge «recht» machen zu wollen bedeutet aber nicht, dass sie auch gerechter sind, uns tatsächlich weiterhelfen und zum Leben dienen können. Hier hilft Gott in seiner Antwort an Micha weiter, und was er sagt, ist eindeutig:

Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott. – Micha 6,8 (EÜ)

Kann es so einfach sein? Recht tun, Güte lieben und achtsam mit Gott mitgehen? Doch es heisst: Das ist gut und es ist das, was Gott von uns erwartet. Dabei ist auch die Reihenfolge interessant. Das hebräische Wort mischpat bedeutet so viel wie «Recht üben», «Recht einhalten» oder einfach «Recht (aus)sprechen». Wir sind dazu berufen, mit anderen (und auch uns selbst) recht umzugehen, und das tun wir immer dort, wo wir Güte zeigen, Liebe teilen und das im Glauben an den einen Gott tun, der uns zu diesem «Rechttun» befähigt.

Gerechtigkeit ist eine Entscheidung

Doch wie soll das praktisch geschehen? – Denn es ist bekanntlich leicht, über Gerechtigkeit nachzudenken und zu reden, und gleichzeitig ist es so viel schwerer, sie ganz konkret in unserem Alltag zu leben. – Die schlichte Antwort: Indem wir zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit trachten (Matthäus 6,33). Es geht um eine neue Realität des Miteinanders unter der Herrschaft Gottes, und genau das hat Jesus vorgelebt. Als man eine Ehebrecherin vor ihn führt (Johannes 8,1–11), beharrt er nicht auf dem Gesetzesbuchstaben wie die Ankläger. Er spricht das Problem an, aber Jesus geht auf die Frau ein, nimmt sie ernst und findet einen Weg, damit Gerechtigkeit lebendig und fassbar wird.

Jesus begegnete den Menschen ohne eine vorgefertigte Meinung oder Vorurteilen, und gleichzeitig konnte er sich von falschen Erwartungen anderer abgrenzen. Sein Vorbild ermutigt, und es fordert uns heraus, uns aufeinander einzulassen (vgl. 1. Petrus 2,21) und uns konsequent von Jesus her zu fragen und zu prüfen: Wie begegne ich den Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe? Welche Vorurteile prägen mein Verhalten im Umgang mit anderen? Welche Möglichkeiten habe ich, den Menschen um mich herum gerecht zu werden und ihnen zum Recht zu verhelfen? Güte zu lieben bedeutet eben auch, anderen Gutes nicht nur zu wünschen, sondern es auch zu tun, soweit es in meiner Macht liegt. Und so ist Gerechtigkeit auch (m)eine tägliche Entscheidung.

Gutes tun …

Dabei unterschätzen wir unsere Möglichkeiten und suchen oft zu weit. Meist fängt es ganz einfach damit an:

«Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Das sind die Opfer, an denen Gott Gefallen hat.» – Hebräer 13,16 (EÜ)

Gutes tun und das, was ich bin und habe, mit anderen zu teilen – das klingt so einfach und fordert mich trotzdem täglich heraus. Denn das Gute ist selten abstrakt und meistens sehr praktisch: ein freundliches Wort, geschenkte Zeit, ein offenes Ohr, ein Blick über den eigenen Tellerrand – das sind konkrete Schritte, wie wir unser Miteinander gerechter gestalten können.

… und geistesgegenwärtig handeln

Micha wird von Gott daran erinnert, wie wichtig es ist, an ihm dranzubleiben und ihm «achtsam» zu folgen. Im Zentrum steht das Hören lernen auf Gottes Stimme und dann auch das Tun, was ich von Gott mitbekomme. Wo ich so an Gott dranbleibe, wird er durch mich andere ermutigen, aufbauen und trösten, und so nehmen Gottes Gerechtigkeit und seine Güte in unserem Zusammenleben prophetisch Gestalt an (vgl. 1. Korinther 14,3).

Gott wünscht sich nicht ein Leben voller Opfer, die ihm unsere Hingabe beweisen sollen, sondern er hat Freude daran, wenn wir selbst grosszügige «Opfer voller Leben» sind (vgl. Römer 12,1–2). Unser ganzes Leben soll ein Ausdruck unserer Hingabe an Gott und für seine gerechte Sache sein. Dort nimmt sein Reich Gestalt an, und es wird für unsere Mitmenschen und die ganze Gesellschaft immer neu zeichenhaft sichtbar.

Von Leonardo Iantorno in der Ausgabe: 4/2020

Ich weiss, ich bin nicht der Einzige, der sich Albert Camus’ Roman Die Pest von 1947 zuwandte, als das Coronavirus zuschlug. Das Buch erzählt vom Ausbruch und Rückgang einer Epidemie in der algerischen Stadt Oran und von ihren verheerenden Auswirkungen auf deren Bewohner. Im Laufe der Geschichte werden die uralten Fragen aufgeworfen, rund um die – wie es der Stadtarzt ausdrückt – «einzigen Gewissheiten, die wir alle gemeinsam haben, Liebe, Leiden und das Exil».

Der örtliche Priester, Pater Paneloux, interpretiert die Pest als das Gericht Gottes über das ungläubige Volk Orans und beschliesst, dass er entweder seinen Glauben aufgeben oder die Pest als Gottes Willen akzeptieren muss – es gibt keinen Mittelweg. Das dachte Camus offenbar auch. Er zieht nicht einmal die Möglichkeit in Betracht, dass Gott gegen die Pest ist, und das sogar noch mehr als die Bewohner der Stadt. Und so wirft er die uralte Frage auf: Wenn Gott allmächtig ist und die Krankheit so hasst wie wir, warum lässt er sie dann zu?

Drei Erklärungen

Im Lauf der Jahre haben die Theologen drei allgemeine Erklärungsansätze zum Problem des Bösen verfolgt: Das Böse existiert entweder, weil Gott denkt, dass es in einem übergeordneten, mysteriösen Plan – so dachte Pater Paneloux – in irgendeiner Weise gut für uns ist, oder wegen einer Macht, die in der Welt gegen den Willen Gottes gerichtet ist, oder weil Menschen ihren freien Willen missbrauchen. Mit anderen Worten, die Schuld liegt bei Gott, bei Satan oder bei uns.

Nun, jede dieser Ansichten hat etwas für sich. Wir alle wissen aus Erfahrung, wie Kämpfe und Leiden uns viel lehren können. Dann gibt es andere Zeiten, da wir das Vokabular des Bösen verwenden müssen für das Dunkle und Unmenschliche, das uns zum Beispiel in der kalten Bosheit eines psychopathischen Kinderschänders, in den Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands oder im Todeskult des IS entgegenkommt. Und wahr ist auch, dass ein Grossteil der alltäglichen Not, die wir erleben, auf all die Verletzungen zurückzuführen ist, die wir Menschen einander zufügen, sei es durch achtlose Worte, absichtliche Grausamkeit oder schiere Gleichgültigkeit.

Doch keines dieser Argumente befriedigt wirklich. Die Vorstellung, dass Gott absichtlich Krankheit, Tod und Elend sendet, weil es gut für uns ist, ist in einer Covid-19-Station schwer zu akzeptieren. Und nicht jedes Bisschen unerklärlichen, bösen Verhaltens kann dem Teufel angelastet werden. Und drittens ist es schwierig zu erkennen, wie der freie Wille des Menschen die Mutation eines Virus wie des diesen verursachen soll.

Die Irrationalität des Bösen

Es gibt einen Grund, warum alle drei Argumente keine rationale Erklärung für das Böse liefern: Das Böse ist per definitionem irrational und ohne Erklärung. Es gibt eine lange Tradition des christlichen Denkens, die das Böse als die Abwesenheit oder, genauer gesagt, als die Korruption des Guten betrachtet – eine Art ontologischer Auszehrungskrankheit – wie ein Virus, das die Zellen zerstört, an denen es befestigt ist. Es gibt eine Zufälligkeit des Bösen, die es unberechenbar macht, ohne jegliche Ordnung oder Muster.

Wenn wir also die Frage stellen, warum das Böse existiert, ist das nicht wirklich eine passende Frage. Das Böse «existiert» nicht in dem Sinne, wie Gott existiert, oder du existierst, oder der Bildschirm, den du betrachtest, existiert. Das Böse ist einfach der Prozess der Korruption oder des Zerfalls, der am Ende alles zerstört. Wenn wir also fragen, warum das Böse existiert oder welchen Zweck es hat, kann es keine Antwort geben — das Böse hat keinen Zweck, weil es das Fehlen von Zweck ist. Es kann keine Bedeutung haben, weil es das Fehlen von Bedeutung ist. Es kann keine Erklärung haben, weil es das Fehlen von Erklärung ist. Es kann keinen Sinn haben, weil es per definitionem sinnlos ist.

Infolgedessen kann jeder Versuch, das Geheimnis des Bösen zu erklären, immer nur partiell und unvollständig sein. Wir könnten entscheiden, dass diese Argumente über das Leiden keinen Sinn ergeben, und darum beschliessen, nicht an Gott zu glauben. Aber haben wir damit das Problem gelöst? Krankheit, Trauer und Tod werden anhalten, egal was wir glauben.

Wo könnten wir also Mittel und Wege finden, um durch das Leiden hindurch zu leben und dagegen zu kämpfen? Richard Dawkins schrieb: «Schlussendlich wird das Universum unweigerlich in ein Nichts abgleiten, das nur seinen Anfang widerspiegelt … Zu schade, wenn du nun denkst, das sei düster und trostlos. Die Realität schuldet uns keinen Trost.» Er mag Recht haben, dass wir kein Recht auf Trost, Hoffnung oder Gerechtigkeit haben, aber es macht es nicht einfacher, ohne sie zu leben.

Das Geheimnis der christlichen Hoffnung

Irgendwie müssen wir doch in der Covid-Station oder im Krematorium Hoffnung finden, denn ohne Hoffnung gibt es nur Verzweiflung, und es ist sehr schwierig, das Leben so zu leben. Die Entscheidung, nicht zu glauben, weil es schwierig ist, einen guten Gott mit der Existenz des Bösen in Einklang zu bringen, mag es einem ermöglichen, sich in die kalte Pose intellektuellen Heldentums zu werfen. Sie hilft aber nicht viel, wenn man einem lieben Freund beim Atemkampf in einem Krankenhausbett zusieht. Irgendwie müssen wir doch die Hoffnung finden, dass Scheitern und Schicksal nicht das letzte Wort haben.

Ich habe unter den Christen noch niemanden getroffen, der behauptet, das Problem des Bösen verstanden und beantwortet zu haben. Trotzdem glauben Christen immer noch. Sie glauben, weil sie etwas so Gutes und Zwingendes entdeckt haben, das sie einfach vom Glauben überzeugt.

Sie haben die Geschichte von einem Gott gehört, der in Jesus Christus in die Finsternis einer Welt eingetreten ist, die sich von Licht und Leben abgewandt hatte. Einem Gott, der das Böse auf sich nahm und es in den Ereignissen, die wir zu Ostern feiern, besiegte. Einem Gott, der uns nun einlädt, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu werden, dadurch, dass wir uns von unserer Selbstzentriertheit abwenden und immer mehr lernen, nicht nur uns selbst zu lieben, nicht nur unsere Nachbarn, sondern auch unsere Feinde.

Über das Rätsel des Bösen hinaus wächst dabei die Gewissheit, dass Gott nach allem, was schon gesagt und getan worden ist, und auch nach Coronavirus, Tsunamis und Krebs doch gut ist.

Die Christen vertrauen auf diese Güte nicht durch einen Akt philosophischer Verdrehung der Fakten, sondern weil sie diese Güte im Angesicht, in den Händen, im Leben, im Tod und in der Auferstehung von Jesus sehen, und das in einer Weise, die ihnen die Hoffnung gibt, dass er die Macht des Bösen gebrochen hat und sie eines Tages endgültig ausrotten wird. Sie glauben, denn wenn Jesus Christus wirklich der Schlüssel für das Mysterium von «Liebe, Leiden und Exil» ist, dann ist das Geheimnis, das im Herzen aller Dinge verborgen ist, die Liebe, die den Tod, das Verderben und das Böse überwindet.

Deshalb glauben wir Christen. Nicht, weil wir die Antwort auf die Frage nach dem Leiden kennen, sondern weil die Menschen nicht ohne Hoffnung leben können. Und die christliche Geschichte gibt uns eine Hoffnung, die wir nirgendwo sonst finden können.

Als kleiner Junge und von vier Geschwistern der jüngste, mit dem niemand spielen wollte, war es mir dann und wann furchtbar langweilig. Auf meine Frage «Was sölli mache?» folgte oft die wenig hilfreiche, sarkastische Antwort: «Am Bode sitze und lache!» Doch mir war nicht zum Lachen. Auch später und mitten im Trubel des Lebens holte mich die Langeweile immer wieder mal ein. Sie wurde mit zum Grund, warum ich als Student anfing, mich für Gott zu interessieren. Ich fing an zu beten, weil ich zutiefst erkannte, dass ich mir selbst kein «Leben» vermitteln und aus mir selbst keinen Sinn ziehen kann.[1]

Jesus – das Leben – einlassen

Meine Gebete um Leben wurden erhört. Nicht immer genau so, wie ich es erwartete, aber im Blick auf die gut vierzig Jahre, die ich mit Jesus unterwegs bin, weit über meine Erwartungen hinaus. Immer wieder habe ich erlebt, wie aus dem Gebet dieses von Gott geschenkte, nicht machbare Leben floss: sei es in meiner Gottesbeziehung, in der Beziehung zu anderen Menschen, im Miteinander bei Campus für Christus, im Erkennen meiner Berufung, aber auch in überraschenden Begegnungen und Erfahrungen des gewöhnlichen Alltags.

Im Buch «Die Hütte» gibt es einen interessanten Dialog, in welchem Jesus dem Protagonisten Mack sinngemäss erklärt, dass es beim Beten einfach darum gehe, «unser ganzes Leben aus der Beziehung mit Gott zu ‹erfahren› und zu gestalten». Gott ist der Lebensspender schlechthin (1. Timotheus 6,13). Bei ihm ist die Quelle des Lebens (Psalm 36,10), und wenn wir beten, öffnen wir diesem göttlichen Lebensstrom die Tür. Darum sagt Jesus zu allen und besonders zu den selbstgenügsamen Menschen: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und mit ihm essen und er mit mir. Es ist ein wunderschönes Bild, das immer wieder Wirklichkeit wird, wenn wir uns echt mit dem Herzen darauf einlassen. Der norwegische Theologe Ole Hallesby (1879–1961) definiert das Gebet mit ebendiesem Bild: «Beten heisst Jesus einlassen.» Denn mit Jesus – der Gott und der das Leben ist (Johannes 1,1–5) – kommt auch dieses göttliche Leben mit seinem Duft und Glanz, seiner Kraft und Weite hinein, wo immer wir ihm durch unser Gebet die Tür öffnen.

Damit an uns Leben geschieht

Mir gefällt diese Perspektive. Gebet ist dann nicht in erster Linie eine Anstrengung unsererseits, ein Wegbeten von Problemen oder ein verbissenes Ringen um Gebetserhörungen, sondern ein Sichöffnen zu Gott hin, damit an mir und an unserer Gemeinschaft das hier notwendige «Leben aus Gott» geschieht. Das kann sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken:

  • Meine Sicht der Dinge, meine Sicht der Menschen verändert und klärt sich.
  • Ideen, Kreativität und Lösungen für Probleme kommen uns in den Sinn.
  • Herzen und Beziehungen werden gestärkt, geheilt, vertieft, erneuert.
  • Das ganze Klima unseres Miteinanders verbessert sich.

Häufig verändert sich durch unser Beten im Moment nichts Augenfälliges. Aber längerfristig werden wir sehr wohl feststellen, dass unser persönliches und gemeinsames Gebet etwas bewirkt – dass es unser Sein und Tun, unsere Beziehungen, unser Arbeiten und Zusammenarbeiten immer wieder eigenartig wärmt, belebt und erfüllt. Und andererseits, dass ohne Gebet still und leise die Substanz des Lebens entweicht – wie die Luft aus einem Pneu: Routine schleicht sich ein, Beschwertsein, Stress und Dünnhäutigkeit nehmen zu, unser Inneres stumpft ab, wird träge und müde.

In diesem Sinn ist es eine gute Gewohnheit, nur schon mal dieses schlichte Gebet immer und überall zu beten: «Jesus, komme du hier mit deinem Leben hinein – in diese Begegnung … in dieses Gespräch … in diese (schwierige) Beziehung … in mein Chaos mit den Kindern … in meine Arbeit heute … in meine Ferien und meine Freizeit, aber auch in meine Gottesbeziehung und in die Gestaltung meines ganzen Lebens!»

Ketzerische Beobachtungen

Wie eingangs erwähnt, kann auch das tollste Leben, wenn es nicht von Gott her «belebt» ist, ganz schön langweilig sein. Darum tun wir gut daran zu beten. Aber wer hat es nicht schon erlebt, dass auch Beten – ob allein oder manchmal noch mehr in der Gruppe – mitunter irritierend langweilig ist. So langweilig, dass wir dann doch lieber langweilig leben, als langweilig beten. Doch gerade, weil ich davon überzeugt bin und es immer wieder erfahren habe, dass ohne Gebet auch das Leben auf der Strecke bleibt, habe ich versucht, dem Geheimnis des Betens tiefer auf den Grund zu gehen. Einmal bin ich der Frage nachgegangen: Wofür wird eigentlich gebetet – und wofür nicht? Und wie unterscheidet sich das von meinen und unseren durchschnittlichen Gebetszeiten?

Beim Auswerten aller Stellen zum Thema Gebet im Neuen Testament machte ich einige interessante, zum Teil ketzerische Beobachtungen – hier stichwortartig wiedergegeben:

  • Viel Dankgebet und Aufruf zum Dank, wenig «Worship»
  • Viel Gebet um tiefere Erkenntnis Gottes, seiner geistlichen «Schätze», seines Willens[2]
  • Viel Gebet für die gemeinschaftliche Beziehungsqualität und Wachstum in der Liebe[3]
  • Viel Gebet für die Zeugniskraft der Gemeinde nach aussen[4]
  • Wenig Gebet für die «Welt» – ausser 1. Timotheus 2,1–2 und «Vergib ihnen …», jedoch Auftrag zu segnen[5]
Drei Dimensionen des Gebets im Neuen Testament.

Zusammengefasst erkennen wir drei Dimensionen, an denen wir unser Gebet immer wieder ausrichten können:

UP – nach oben: Mit Dank, Lob und einem Bibelwort richten wir den Blick auf Gott und seine Verheissungen und beten um die Verherrlichung seines Namens und dafür, dass wir in der Beziehung zum dreieinigen Gott und im Erkennen seines Willens wachsen.

IN – nach innen: Wir beten für unsere Beziehungen, für das Wachsen in der Liebe, für die Einheit in der Leitung und für unser Zusammenleben und -arbeiten als Gemeinschaft.

OUT – nach aussen: Wir beten für unser Zeugnis persönlich und als Gemeinschaft nach aussen in Wort und Tat, Evangelisation, Mission, Diakonie, Kinder- und Jugendarbeit usw.

Diese drei Dimensionen sind eine hilfreiche Leitlinie für unser persönliches Gebet, besonders aber auch dafür, wenn wir zum gemeinsamen Gebet zusammenkommen. Eine einfache, regelmässige Gebetszeit von 30 bis 60 Minuten kann sich etwa an folgendem Ablauf orientieren:

  • Leitwort (Tageslosung, Wochenspruch, Bibelvers, Lied – keine Predigt!)
  • Lob und Dank für die Zusage dieses Leitwortes und/oder Dank für Gottes Wirken in und mit uns unter dem Aspekt «UP» – Gebet gemeinsam, zu zweit oder in Gruppen
  • Zwei bis drei aktuelle Gebetsanliegen unter dem Aspekt «IN» (Zusammenarbeit, Liebe, Einheit) – Gebet in Gruppen, zu zweit oder gemeinsam
  • Eines oder mehrere Gebetsanliegen unter dem Aspekt «OUT» (Verkündigung, Mission, Neuland, Kraft und Kreativität Gottes) – Gebet gemeinsam oder in thematischen Gruppen
  • Segen – Segensgebet oder Segenslied, einander zu zweit segnen
Als Gemeinschaft eine begeisternde Gebetskultur entwickeln

Was können wir darüber hinaus tun, damit unser Gebet nicht Gefahr läuft, langweilig zu werden, sondern im Gegenteil die Teilnehmenden ermutigt und motiviert? Wie können wir als Gemeinde, Gemeinschaft, Gruppe eine begeisternde Gebetskultur entwickeln?

Leitung: Es ist für alle Teilnehmenden hilfreich, wenn Gebetszeiten – ausser im ganz kleinen Kreis – (gabenorientiert) geleitet werden. Als Raster für den Ablauf kann oben genannte Struktur dienen. Beim Leiten geht es jedoch nicht darum, eine Andacht oder Predigt zu halten, sondern den Ablauf zu moderieren, ein Gespür für den Gebetsfluss zu haben und das Gebet thematisch und von der Form her (Plenum, Gruppen von zwei oder drei, Themengruppen usw.) zu lenken. Dazu gehört zum Beispiel auch, liebevoll, aber klar aufs gegebene Thema zurückzuführen, wenn gewisse Beter «abdriften», oder auch mit geeigneten Formen dafür zu sorgen, dass sich alle Anwesenden, nicht nur die Schnellen, Geübten oder «Vielbeter», beteiligen.

Werte: Bei Campus für Christus haben wir für unsere gemeinsamen Gebetszeiten fünf Werte definiert, die uns pädagogisch wichtige Orientierung geben, die wir sichtbar an die Wand geheftet haben, zu denen wir uns bekennen und wozu wir einander immer wieder ermutigen:

Dankend: Wir pflegen eine Gebetskultur der Dankbarkeit und Anbetung, indem wir uns stets vergegenwärtigen, dass Gott die Quelle aller guten Gaben ist und dass es im Letzten immer darum geht, dass Gott verherrlicht und seine Ehre vermehrt wird.

Wahrnehmend: Wir versuchen beim Beten stets wach zu sein im Geist, und zwar auf drei Ebenen:

  • für das, was gebetet wird,
  • für das, was im eigenen Inneren vorgeht,
  • für das, was wir von Gottes Geist oder seinem Wort her empfinden.

Daran versuchen wir anzuknüpfen und es im Gebet weiter zu entfalten.

Verheissungsorientiert: Wir halten uns an die Verheissungen der Bibel, beten glaubensvoll vom Wort Gottes her und pflegen damit eine Gebetssprache, die von Freude und Erwartung geprägt ist.

Aktiv: Wir bleiben nicht passiv, sondern tragen zu einer dynamischen Gebetsgemeinschaft bei, indem wir uns schnell und aktiv beteiligen, einander beim Beten bestärken und überhaupt zum gemeinsamen Gebet ermutigen.

Vielfältig: Wir pflegen bewusst eine Vielfalt von Gebets- und Ausdrucksformen ‒ von charismatisch bis liturgisch, von enthusiastisch bis eher leise, von Gebet in kleinen Gruppen bis Plenumsgebet ‒ und bringen uns auch da ein, wo es uns von unserer Persönlichkeit her nicht so liegt.

Rhythmisierung: Eine gute Gebetskultur besteht einerseits aus Gefässen für regelmässiges Gebet, die von der Zeit, dem Ort, und der Länge her möglichst alltagskompatibel sind, zum Beispiel wöchentlich eine halbe Stunde frühmorgens. Daneben lebt gemeinsames Gebet von zusätzlichen, kreativen Initiativen und Aktionen wie Gebetsraum, Gebetswochen, Gebetsnächten, Gebetsstationen nach Gottesdienst etc.

Arbeitsgruppe für Kernauftrag Spiritualität und Gebet: Es kann sich als (Kirch-)Gemeinde lohnen, eine solche Arbeitsgruppe – zu der auch ein Mitglied der Gemeindeleitung gehören sollte – einzusetzen mit dem Auftrag, dem geistlichen Leben der Gemeinde zu dienen, Gebetsaktivitäten zu koordinieren und Angebote zur Vertiefung des geistlichen Lebens bereitzustellen.

Um den Heiligen Geist bitten

Das Trachten des Geistes ist Leben und Frieden. Römer 8,6 bringt nochmal auf den Punkt, worum es beim Beten geht: dass wir uns immer wieder beim Heiligen Geist einklinken und um den Heiligen Geist bitten, dass er uns aus aller Langeweile heraus zu mehr Leben und Frieden führt. Dass er uns davor bewahrt, einem Ideal – auch einem Gebetsideal – nachzueifern, sondern uns da, wo wir als Gemeinschaft stehen, den nächsten Schritt auf dem Weg zu dem Leben zeigt, das Gott uns schenken möchte.

[1] Mehr darüber in meinem Buch «Glauben mit Herz, Leben mit Sinn. Aus der Freundschaft mit Gott leben», SCM, Witten 20154.

[2] Mt 6,9; Eph 1,17–23; Kol 1,9–11; 2,3; 2 Thess 1,11–12; 1 Kor 14,1.

[3] Joh 17,21 ff.; Eph 3,17–20; Phil 1,9–11; 2 Thess 3,2–5; Kol 2,1–2; Heb 13,3.

[4] Mt 9,38; Lk 11,13; Apg 4,29–31; Eph 6,18–20; Kol 4,2–5; 2 Thess 3,1.

[5] Joh 17,9–20; Mt 5,44; Röm 12,14; 1 Petr 3,9.

Persönlich bin ich ein grosser Fan von Paulus und seinen Briefen, vor allem dem Römerbrief, dessen Inhalt Europa durch die Reformation nachhaltig verändert hat. Die Auslegung paulinischer Briefe und Texte hat unser Verständnis des Evangeliums massgeblich geprägt, Gott sei Dank. Und doch hat diese Prägung auch ihre Spuren hinterlassen und zu einem einseitigen Evangelisationsverständnis geführt.

Die Evolution der Evangelisation – von Paulus zu Jesus

Unter Evangelisation verstehen wir heute in erster Linie das Verkündigen und Erklären der Rettungstat von Jesus Christus am Kreuz. Daran ist nichts falsch. Das Evangelium ist Gottes Wahrheit, die Kraft hat und gepredigt, gelehrt, verteidigt und geglaubt werden soll. In einem typischen Text dazu beschreibt Paulus sich als jemand, der das Evangelium bekräftigt und verteidigt (Hervorhebung durch den Autor):

So halte ich es denn für richtig, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige (Philipper 1,7).

Vor allem in den letzten drei Jahrzehnten hat man, inspiriert durch das Zeugnis der Apostelgeschichte, versucht, das Verständnis des Evangelisierens zu erweitern. Immer wieder hört man den Satz: «Wir wollen heute Apostelgeschichte erleben!» Man drückt damit die Erwartung aus, dass die Verkündigung des Evangeliums von Zeichen, Wundern, Heilungen und der manifestierten Gegenwart Gottes begleitet sein möge. Und das braucht es tatsächlich dringend – gerade in einer postmodernen und nachchristlichen Kultur, die nichts von einer absoluten Wahrheit wissen will. Sie muss Gott selbst erfahren können, im eigenen Leben, im Alltag, in der Gemeinschaft. Dazu eines von vielen Beispielen aus der Apostelgeschichte, die das Verkünden des Evangeliums mit Zeichen und Wundern schildert:

Sie (Paulus und Barnabas) verweilten nun lange Zeit (in Ikonion) und sprachen freimütig in dem Herrn, der dem Wort seiner Gnade Zeugnis gab, indem er Zeichen und Wunder geschehen liess durch ihre Hände (Apostelgeschichte 4,3).

Es wäre jedoch schade, wenn wir hier stehenblieben. Denn es gibt bezüglich des Evangeliums im Neuen Testament noch mehr Dimensionen zu entdecken. Wenn Paulus selbst im 1. Korinther 11,1 schreibt: Folgt meinem Beispiel, wie ich dem Beispiel Christi, dann sollte unser Blick zumindest auch auf die vier Evangelien und die Person Jesus Christus selbst gerichtet sein. Doch wie können wir seinem Beispiel folgen? Wie hat denn Jesus selbst «evangelisiert»? Was hat er überhaupt unter dem Evangelium verstanden, zu einem Zeitpunkt, da das Kreuz und die Auferstehung noch gar nicht geschehen waren?

Es geht um Soli Deo Gloria

Bevor ich näher auf diese Fragen eingehe, möchte ich noch einen Schritt zurückgehen und die Frage aufwerfen: Was ist eigentlich das letztendliche Ziel des Evangeliums? Im Bewegen dieser Frage habe ich selbst eine Entdeckung gemacht, die mir bezüglich Evangelisation einen ganz neuen Horizont eröffnet hat: Wenn wir nämlich die biblischen Hinweise ansehen, ist Jesus Christus nicht zuerst für uns Menschen gestorben und auferstanden, sondern er hat durch seine unfassbare Liebe (selbst für seine Feinde), durch seinen Tod am Kreuz, seine Auferstehung und die zukünftige Wiederherstellung der Schöpfung Gott alle Ehre zukommen lassen (Philipper 2,11). Oder an anderer Stelle: Gott will uns bis in alle Ewigkeit damit zeigen, wie überwältigend gross seine Gnade ist, seine Güte, die er uns durch Jesus Christus erwiesen hat. (Epheser 2,7). Es ist diese überwältigend grosse Güte und Liebe zu jedem einzelnen von uns Menschen, die sich am stärksten durch Jesus Christus selber – seiner Geburt, seinem Leben, seinem Umgang mit den Menschen, seinem Tod und seiner Auferstehung – gezeigt hat und die uns Einblick in das tiefste Herz Gottes gibt. In Christus ist Gottes Charakter und seine Schönheit klarer, sichtbarer und offensichtlicher als nirgends sonst geworden. Und deswegen schreibt Paulus zu seiner Motivation der Verkündigung des Evangeliums im 2. Korinther 4,15: Ja, unser ganzer Dienst geschieht für euch. Denn Gottes Gnade soll immer mehr Menschen erreichen, damit dann auch eine ständig wachsende Zahl Gott dankt und ihm die Ehre gibt. Darum ist das erste Ziel jeglicher Evangelisation: Soli Deo Gloria (lateinisch: «Gott allein sei die Ehre»).

Anbetung Gottes durch Hingabe unseres Lebens

Wenn wir also «evangelisieren», sind wir Maler, die die Schönheit Gottes in Christus darstellen. Wir sind Musiker, die in den schönsten Tönen den Charakter Gottes erklingen lassen. Wir sind wie eine Braut, die von ihrem Bräutigam begeistert schwärmt. Dieses oft in der Bibel verwendete Bild beschreibt wunderbar unsere Rolle als «Evangelisierende, die in den höchsten Tönen von ihrem Angebeteten sprechen». Bei diesem Schwärmen geht es jedoch nicht allein um Worte, sondern um den ganzen Ausdruck unserer Hingabe – so, wie es jene Frau tat, die ihr kostbares Nardenöl im Wert des Jahresgehaltes eines Tagelöhners auf das Haupt von Jesus goss. Die Frau war eine verschwenderische Liebhaberin, und Jesus hat sie als Zeugin des Evangeliums voll bestätigt, indem er betonte, dass wo immer in der Welt das Evangelium verkündet wird, man erzählen werde, was diese Frau getan habe (Markus 14,9).

Evangelisation ist also nichts anderes als «Anbetung Gottes durch Hingabe unseres Lebens», sei es durch Worte oder durch unser Lebenszeugnis, die beim Empfänger wiederum Anbetung und Dank an Gott auslöst. Dabei sind wir manchmal die Aktiven, die Gebenden, manchmal auch die Empfänger, und es spielt keine Rolle, ob wir Jesus schon seit Jahren nachfolgen oder ihn noch kaum kennen: Alle brauchen wir es immer wieder, dass wir die «frohe Kunde» und das Schwärmen von Jesus Christus, unserem himmlischen guten Vater und dem Geist Gottes, der uns lebendig macht, sowohl von anderen hören als auch selbst weitertragen.

Die Symphonie des Evangeliums

Leider haben wir das Schwärmen von Gott über weite Strecken verlernt, und zu oft spielen wir höchstens unsere «vier Lieblingstöne» des Evangeliums – mit Überzeugung natürlich, aber doch einförmig. Dabei hat die «Gute Nachricht» eine solche Bandbreite an Klangfarben. Klar sollen wir davon reden, dass Jesus gekommen ist, um uns mit Gott zu versöhnen. Dass uns durch seinen Tod am Kreuz neues, ewiges Leben geschenkt wird und wir dort mit Gott in Ordnung kommen (Römer 3,24). Dass damals der Vorhang im Tempel, der zwischen Menschen und Gott stand, zerriss und wir nun freien und direkten Zugang zu Gott haben (Matthäus 27,51). Dass wir nun durch den Glauben an Jesus Kinder Gottes und Teil seiner Familie sind und Gott «Abba (Papa), Vater» nennen dürfen (Römer 8,15).

Aber damit nicht genug: Da erwähnt Petrus in seiner Predigt am Pfingsttag kaum das Kreuz, sondern spricht vielmehr über die Auferstehung von Jesus Christus. Das ist die «frohe Botschaft», die er verkündet (Apostelgeschichte 2,14-36). Auch Paulus schwärmt davon, dass wir einmal den gleichen Auferstehungsleib – einen «Körper 2.0» – haben werden wie ihn Christus als Erstgeborener der neuen Schöpfung hatte (1. Korinther 15). Wow! Und dass nicht nur wir auferstehen werden, sondern die ganze Schöpfung auf ihre Neuschöpfung «hinfiebert» (Römer 8,20-22). Und dass diese Auferstehungskraft bereits jetzt in den Glaubenden durch das Wirken des Heiligen Geistes «durchdrückt» (Römer 15,18+19).

So dürfen auch wir davon schwärmen, was es bedeutet, dass wir mit der Kraft Gottes – dem Heiligen Geist – bevollmächtigt werden (2. Korinther 1,22), dass die Früchte des Geistes an unserem Charakter sichtbar werden und wir mit den Gaben des Geistes den Menschen Gott näherbringen können. Wir dürfen auch davon schwärmen, dass es in der Beziehung mit Gott noch viele Geheimnisse zu entdecken gibt wie etwa jenes, das seit ewigen Zeiten verborgen war und jetzt durch Gottes Geist in uns sichtbar geworden ist – Christus in uns, die Hoffnung seiner Gegenwart (Kolosser 1,25-27).

Doch manchmal müssen wir mit dem Schwärmen viel weiter vorne beginnen – und das mag unser Bild, wie wir das Evangelium verkünden sollen, etwas durcheinanderbringen. Aber es hilft, einmal näher zu betrachten, wie Jesus Christus seine Jünger ganz am Anfang aussandte, um das Evangelium zu verkündigen. Der Kreuzestod und die Auferstehung waren ja noch nicht geschehen und Jesus hatte zur Zeit der ersten Aussendung (Lukas 9,1-6) zu seinen Jüngern noch kaum über seinen Tod und seine Auferstehung gesprochen – das tat er erst später, und die ganze Tragweite davon haben die Jünger ohnehin erst nach der Auferstehung von Jesus begriffen. Was war also das Evangelium, die frohe Kunde, die die Jünger zuerst verkünden sollten? Es war die schlichte Botschaft, «dass das Reich Gottes nahe gekommen ist» (Matthäus 10,7). Das Evangelium war sozusagen die «Weihnachtsbotschaft», dass Gott und die Herrschaft seiner Liebe den Menschen jetzt durch Jesus greifbar und erfahrbar geworden ist. Die Hirten waren denn auch die ersten Evangelisten, die diese «frohe Kunde» verbreiteten, dass der Himmel auf die Erde gekommen ist (Lukas 2,17-18). Dass Jesus Christus geboren worden ist, der «Immanuel» – Gott mit uns (Matthäus 1,23).

Wie hat Jesus evangelisiert?

Davon können auch wir heute lernen. Wenn Jesus sagt, dass wir als seine Nachfolger genauso von ihm gesandt sind, wie auch er vom Vater gesandt wurde (Johannes 20,21), ist es wichtig, dass wir genau hinsehen. An mehr als zehn Stellen in den Evangelien wird berichtet, dass und auf welche Weise Jesus das Evangelium predigte. Spannend daran ist, dass im Gegensatz zu den Briefen oder der Apostelgeschichte ganze Begegnungen von Jesus mit Menschen geschildert werden. Wie ist Jesus verschiedenen Menschen als «Evangelist» begegnet? Was hat er gesagt und wie gehandelt?

Eine erste Erkenntnis ist, dass Jesus immer wieder Menschen eingeladen hat, mit ihm Zeit zu verbringen und an seinem Leben teilzuhaben: Komm und seht!, sagt er zu Andreas und einem anderen Jünger, vermutlich Johannes (Johannes 1,39). Jesus teilt mit ihnen den Alltag, sie erleben seine Beziehung zu seinem himmlischen Vater, sie werden Zeugen davon, wie er mit Menschen umgeht, wie sie geheilt, befreit und – wie zum Beispiel die Frau am Brunnen – im Innersten erkannt und in ihrer Würde wiederhergestellt werden (Johannes 4).

Auch heute interessieren sich gerade kirchenferne Menschen weniger dafür, was wir ihnen von Jesus in der dritten Person erzählen, aber sie sind offen dafür, mit uns Jesus zu erfahren. Warum lassen wir unsere nächsten Freunde und Bekannten, die uns, wie Jesus sagt, aufnehmen (Matthäus 10,11-13) – das heisst, die uns wohlwollend gesinnt sind –, nicht an dem teilhaben, was uns wirklich wichtig ist? Zum Beispiel, indem wir einen Psalm, der uns viel bedeutet, gemeinsam lesen und darüber sprechen, ein für uns kostbares Anbetungslied gemeinsam anhören, einen gemeinsamen Spaziergang durch die Natur machen und kurze Dankgebete zu unserem guten Schöpfergott machen oder für unsere Freunde ein kurzes Segensgebet sprechen, wo sie vor einer konkreten Herausforderung stehen? Oft öffnen sich Menschen für Gott nicht darum, weil sie eine Gebetserhörung erlebt haben, sondern weil sie von unserem natürlichen, vertrauten Umgang mit unserem himmlischen Vater fasziniert sind. Weil sie uns als Schwärmende von unserem Liebhaber erlebt haben.

Eine zweite Erkenntnis ist, dass Jesus immer wieder Leute um sich herum herausgefordert hat: Komm, folge mir nach! (Lukas 5,27; Markus 10,21). Als Gesandte von Jesus sind wir Träger der Gegenwart Gottes und Friedensbringer (Matthäus 10,13) und dürfen, wenn die rechte Zeit dafür ist, Menschen bewusst in die Nachfolge von Jesus rufen. Es geht jedoch nicht in erster Linie darum, dass Menschen das ultimative Bekehrungserlebnis haben, sondern dass sie freudige Nachfolger von Jesus werden, immer mehr erfüllt mit seinem Geist unter seiner guten Königsherrschaft vorwärtsgehen. Dies geschieht Schritt um Schritt und auf diesem Weg braucht es immer wieder Entscheidungen zur Nachfolge, zu ganzer Hingabe – und zum fröhlichen, weisen und mutigen Schwärmen von Jesus, so wie es für unser Gegenüber passend ist und ihn einen Schritt mehr in die Anbetung und den Dank Gottes hineinlockt.

Ernst, wie bist du mit dem Thema Scham näher in Berührung gekommen?

Vor 14 Jahren wurde ich von christlichen Leitern in Uganda angefragt, Weiterbildungskurse in Seelsorge für einheimische Pastoren und Mitarbeiter anzubieten. In der Vorbereitung wurde mir bewusst, dass ich mich mit dem Thema Scham auseinandersetzen musste, weil – anders als der Westen mit seiner Schuldkultur – Uganda wie alle afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Länder von einer Schamkultur geprägt ist, von einer Kultur, in der Ehre, Zugehörigkeit und das Wahren des Gesichtes oberste Priorität haben. Je mehr ich mich dann ins Thema vertiefte, desto klarer wurde mir, dass Scham auch uns im Westen viel stärker bestimmt, als ich bisher angenommen hatte. Auch im Blick auf mein eigenes Leben ging mir plötzlich auf, dass da oft weniger Schuld, als vielmehr Scham im Spiel gewesen war.

Kannst du dazu ein Beispiel geben?

Über lange Zeit meines Lebens hinweg habe ich mit undefinierbaren Schuldgefühlen und diffusem schlechten Gewissen gekämpft. In der Auseinandersetzung mit dem Schamthema wurde mir bewusst, dass es bei vielem gar nicht um Schuld, sondern um Scham geht, und dass vieles mit Erfahrungen in meiner Kindheit und Jugend zu tun hatte. Ich bin in einem kleinen Dorf, in einem frommen Elternhaus und in finanziell bescheidenen, bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen. Einerseits ein schönes und behütetes Umfeld, andererseits habe ich mich als Teenager oft dafür geschämt, irgendwie nicht so sein zu können wie die anderen Jugendlichen und nicht wirklich dazuzugehören. Zudem war es meinem Vater und meiner Mutter sehr wichtig, was die Leute im Dorf dachten, da wir ja als Christen Vorbilder sein mussten und bei der Mutter auch Menschenfurcht mitspielte. Mit der Entdeckung des Schamthemas und dem, was auch die Bibel dazu lehrt, konnte ich nun anders und hilfreicher mit meinem Innenleben und meinen Emotionen umgehen

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Schuld und Scham?

Schuld empfindet man, wenn man merkt, dass man etwas ganz konkret Falsches getan hat gegenüber Gottes Ordnungen oder gegenüber Mitmenschen. Scham hingegen fühlen wir, wenn Gefahr besteht oder es tatsächlich geschieht, dass andere davon erfahren und ich deswegen – und auch aus weiteren Gründen – als Mensch abgewertet und von der Gemeinschaft ausgeschlossen werde. Dabei gilt es zwischen Scham, die von innen kommt, und Scham, die von aussen genährt wird, zu unterscheiden. Im letzteren Fall sprechen wir von Schande oder Beschämung.

Wie entsteht innere und äussere Scham konkret?

Innere Scham entsteht als Urgefühl im Menschen schon ab dem zweiten Lebensjahr, wenn wir in unserer Schwäche oder einem Fehlverhalten entdeckt werden oder uns blossgestellt fühlen und dann den Eindruck gewinnen, nun deswegen aus der Gemeinschaft, zu der wir eigentlich gehören möchten, ausgeschlossen zu sein. Scham von aussen entsteht durch Dinge, die uns andere Menschen angetan haben, durch beschämende Worte und Taten wie Mobbing, Missbrauch oder Herabwürdigung in irgendeiner Form, die dazu führen, dass wir uns wertlos fühlen und unwürdig, zur Gemeinschaft dazuzugehören. Doch gerade dieses Dazugehören («Belonging») ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Wenn immer dieses Grundbedürfnis gestört ist, entsteht Scham, und dies kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Ebenso kann uns Scham im Lauf des Lebens immer wieder und auf verschiedene Art einholen (vgl. Box «Scham – Arten und Ursachen»).

Gibt es für dich in der Beschäftigung mit Scham so etwas wie eine Schlüsselerkenntnis?

Für mich ist es die Entdeckung, welch grosse Bedeutung die Bibel von der Genesis bis zur Offenbarung dem Thema «Scham und Ehre» gibt – es nimmt wohl ebenso viel Raum ein wie das Thema «Schuld und Gerechtigkeit». Warum haben wir das bisher nicht gesehen? Wohl auch deswegen, weil es in der deutschsprachigen Theologie, die stark von der Erkenntnis der Reformation geprägt ist, kaum behandelt wird. Im Gegenteil, über Jahrhunderte war die Verkündigung in unseren Kirchen und Gemeinden eher von einer Theologie der Schuld geprägt, häufig auch gepaart mit Gesetzlichkeit und Moralin, die beschämen. Sodass die Menschen am Schluss des Gottesdienstes dastanden und dachten: «Was da gefordert wird, schaffen wir eh nie!» Natürlich muss Sünde beim Namen genannt werden, aber dann noch vielmehr der Weg der Barmherzigkeit und Gnade gezeigt werden.

Was sagt die Bibel über Scham und darüber, wie wir davon frei werden? 

Zunächst unterscheidet die Bibel gesunde und ungesunde Scham. Gesunde Scham empfinden wir, wenn wir jemandem wirklich Unrecht getan haben und uns das klar vor Augen steht. Gesunde Scham treibt uns dazu, um Vergebung zu bitten, wenn möglich, Wiedergutmachung zu leisten und, soweit es an uns liegt, Versöhnung zu suchen. Ungesunde Scham dagegen zeigt sich an diffusen schlechten Gefühlen über mich selbst, an einer undefinierbaren Ablehnung meiner Person, in einer Verneinung des Lebens. Ungesunde Scham hindert mich daran, das zu leben, wofür ich leben möchte, auszudrücken, was ich wirklich fühle, zu meinen Überzeugungen zu stehen und dafür einen eigenständigen, auch unkonventionellen Weg zu gehen. Vor allem hindert mich Scham daran, in echte Beziehungen zu treten und Beziehungen zu leben. Genau bei diesen negativen Gefühlen über mich selbst gilt es hinzuschauen: Was möchte Gott mir zeigen? Was hindert mich wirklich? Was ist es, das mich denken lässt, nicht dazu zu passen? Warum lebe ich nicht, wofür ich leben möchte?

Wie weit ist es hilfreich, sich aktiv mit der eigenen Schamgeschichte auseinanderzusetzen

Es lohnt sich, einmal betend aufzuschreiben, wann und wie sich innere Scham und äussere Beschämung in unserem Leben eingenistet haben. Vielleicht erkenne ich auch, wo hinter einer Suchtproblematik oder einem zwanghaften Verhalten eine tiefsitzende Scham wurzelt, aus der Gott mich befreien möchte. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht damit überfordern, ein für alle Mal eine allumfassende Befreiung zu suchen. Es geht immer nur einen Schritt um den anderen, um die eine Sache, die Gottes Geist mir jetzt bewusstmacht. Das kann zum Beispiel ein beschämendes Ereignis oder eine schamvolle Phase meines Lebens sein, die ich vor Gott bringen und bei ihm ablegen darf. Ich erinnere mich an ein Ehepaar, das einmal alles Verletzende und Abwertende, das sie während einer schwierigen Zeit ihres beruflichen Lebens erlebt hatten, aufschrieben und dann im Wald verbrannten. Es brachte ihnen nachhaltig Entlastung. Wir werden jedoch gegenüber Scham nie gänzlich resistent werden, denn sie ist Teil unserer menschlichen Existenz. Vielmehr geht es darum, dass wir mit Scham – wie etwa mit Angst – einen hilfreichen Umgang finden und Resilienz entwickeln.

Wie können wir diese Resilienz, diese Widerstandskraft gegen ungesunde Scham, entwickeln?

Ich möchte drei wichtige Quellen nennen: Dankbarkeit, Gottes Wort und heilende Gemeinschaft. Viel Scham entsteht aus dem Vergleichen mit anderen. Sich vergleichen ist ein Schamförderer ersten Ranges. Ich selbst habe früher zum Beispiel als Nichtakademiker in der Gesellschaft «studierter Leute» oft Hemmungen gehabt und das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Es dauerte Jahre, bis ich mich auf meine eigenen Qualitäten und die Schätze meines familiären Erbes besann, zum Beispiel auf mein zu Hause erworbenes handwerkliches Geschick. Dankbarkeit ist ein Schlüssel und ich habe in der Seelsorge Menschen oft dazu angehalten, eine Dankbarkeitsliste ihres Lebens aufzuschreiben.
Eine zweite Quelle finden wir in der Bibel, besonders im Meditieren der Person Jesus. Er hat sich vollkommen mit unserer Scham identifiziert und kann uns in unserer Scham zutiefst verstehen. Jesus ist der am schlimmsten Beschämte aller Zeiten. Er hat unsere Scham und Schande ganz auf sich genommen, um uns mit Gnade und Barmherzigkeit, mit Ehre und Würde zu krönen. Es lohnt sich, sich dieses Herzensanliegen Gottes selbst zu Herzen zu nehmen, die Bibel unter diesem Gesichtspunkt von Scham und Ehre zu lesen und auf das eigene Leben wirken zu lassen (siehe Box «Umgang mit Scham in biblischen Texten»).
Schliesslich brauchen wir alle die heilende Gemeinschaft von Menschen. Scham können wir meist nicht allein überwinden. Es tut gut, die eigenen Schamauslöser – innere Scham und äussere Beschämung – mit jemandem zusammen vor Gott zu bringen. Und mitzuwirken, dass christliche Gemeinschaften nicht Orte der gegenseitigen Beschämung, sondern des gemeinsamen Heilwerdens sind.

Prof. Dr. Thorsten Dietz, Direktor des Marburger Instituts für Religion und Psychotherapie an der Evangelischen Hochschule TABOR in Marburg, beschäftigt sich mit der Theologie und Praxis christlicher Spiritualität und damit, wie sich religiöse Erfahrung und psychische Gesundheit wechselseitig beeinflussen. Er ist Buchautor von «Sünde. Was Menschen heute von Gott trennt.» (SCM R. Brockhaus, Witten 2016) sowie «Weiterglauben. Warum man einen grossen Gott nicht klein denken kann.» (Brendow Verlag, Moers 2018).

Thorsten Dietz, wie finden wir zu einem gesunden Umgang mit der Bibel, damit wir in einen reifen Glauben hineinwachsen?

Ich benenne mal die grösste Gefahr und die grösste Chance im Umgang mit der Bibel. Die grösste Gefahr ist eine tief eingeschlichene Haltung der Erwartungslosigkeit. Wenn Menschen kaum noch in der Bibel lesen oder ihr Alltag davon gar nicht mehr berührt wird, ist es eigentlich egal, was sie über die Bibel denken. Sie mögen auch die Bibel noch so hochschätzen und für absolut gültig halten – wenn sie nicht mehr die Erwartung haben, dass die Bibel jetzt und heute ins Leben spricht, hilft das alles nichts. Das ist auch der Fall, wenn Menschen vor allem die Bibel lesen, um bestätigt zu werden, wenn sie immer wieder bei Ihren Lieblingsversen und -gedanken bleiben. Auch so wird man erwartungslos – und nach aussen rechthaberisch.
Die grösste Chance sehe ich in einer immer neu entfachten Neugierde auf den Reichtum und die Vielfalt der Bibel. Wer sich so mit der Bibel beschäftigt, lernt nie aus. Und das ist gut so! Biblische Texte unterbrechen unsere Selbstgespräche. Sie sprengen unsere verengten Horizonte. Daher ist es so wichtig, neugierig zu glauben. Ein solcher Umgang mit der Bibel ist heilsam und befreiend. Denn so wird der zentrale Inhalt der Bibel, Gottes Liebe in Jesus Christus, nicht zum fixen Wissen, sondern immer wieder neu zu einem Geschenk.

Welche Spektren gibt es im Bibelverständnis?

Es gibt natürlich sehr unterschiedliche Zugänge zur Bibel. Ich möchte an dieser Stelle von einer zentralen Einsicht ausgehen und von dieser Mitte her nachzeichnen, in welche Richtungen das Verständnis der Bibel einseitig werden kann.
Eine richtige und weit verbreitete Formel bezeichnet die Bibel als Gottes Wort im Menschenwort. Diese Formel ist sehr hilfreich, weil sie zugleich zeigt, wie man auf zwei Seiten vom Pferd fallen kann. Die eine Schieflage tritt da ein, wo ich nur darauf ausgerichtet bin, in allem Gottes Weisung für mich heute zu sehen und die menschliche Seite der Bibel kaum beachte. Gerade im Alten Testament gibt es ja Aussagen zu Themen wie Sklaverei, Todesstrafe, Prügelstrafe – nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene – usw., die für uns heute ziemlich sperrig sind. Andererseits können wir nicht verzichten auf alttestamentliche Linien wie Gerechtigkeit für die Unterdrückten, Sabbatruhe als Unterbrechung der Arbeit, weisheitliche Offenheit für Erfahrungserkenntnisse oder auch ein positives Bild der Sexualität.
Die andere Einseitigkeit wäre die Lektüre der Bibel als eines rein geschichtlichen Dokuments. Man wird dabei sehr viel Interessantes und Erhellendes lernen. Aber je mehr ich die Bibel vor allem historisch verstehen möchte, desto eher verliere ich die Erwartung, dass Gott mir etwas zu sagen hat.
Beides gehört zusammen. Gott spricht. Davon handeln die biblischen Erzählungen. Gott hat gesprochen mit den Vätern und Müttern des Glaubens, durch Machttaten oder auch ganz unscheinbar, in einem stillen, sanften Säuseln (1. Könige 19,13), oder durch eine Eselin (4. Mose 22,28). Gott spricht konkret, zu bestimmten Menschen und durch ganz konkrete Menschen, in vier sehr verschiedenen Evangelien, durch Apostel mit ganz unterschiedlichen Temperamenten; mal begrifflich wie bei Paulus, mal in einer Flut von Bildern wie in der Offenbarung des Johannes. Ich darf die Bibel weder mit Gott selbst verwechseln noch von ihm loslösen.

Wie kommen wir als Otto Normalchristen in dieser Bandbreite der «Brillen» zu einer hilfreichen Hermeneutik?

Man sollte die Frage der richtigen Bibelauffassung nicht überschätzen. Es hängt nicht alles am Schriftverständnis, an den Theorien, mit denen wir glauben, das Wesen der Bibel und ihre Autorität für uns heute erklären zu können. Viel entscheidender ist doch das wirkliche Hinhören, Lesen, Ins-Leben-Ziehen der Bibel! Gläubige diskutieren zu oft, was sie generell über die Bibel denken, und zu wenig, wie ihre konkreten Aussagen in unserem Leben Gestalt gewinnen.
Was ist denn die richtige «Brille»? Ganz schlicht: der Glaube, die persönliche Gottesbeziehung, die «geöffneten Augen des Herzens» (Epheser 1,18). Alle wissenschaftliche Scharfsichtigkeit lässt uns blind bleiben, wenn diese Augen des Herzens verschlossen sind. Es hängt auch nicht daran, dass wir die Botschaft Bibel zu einer richtigen «biblischen Weltanschauung» zusammenfügen. Solche Programmworte führen leicht zu ideologischer Systematisierung, die den einzelnen Texten gar nicht mehr gerecht wird. Vielmehr geht es darum, sich ganz konkret ein Wort bzw. eine Geschichte im Vertrauen und in Liebe gesagt sein lassen.

Wie gehen wir um mit der Spannung zwischen biblischen Dogmen resp. geistlichen Wahrheiten und der heutigen Tendenz, die Bibel sehr geschichtlich zu lesen, das heisst, mit der Berufung auf den historischen Zusammenhang vieles zu relativieren und manches heute ganz anders zu verstehen als frühere Generationen?

Historischer Wandel ist eine Tatsache. Im Neuen Testament ist es ja offensichtlich, dass man zur Zeit der römischen Besatzung viele Vorschriften der Thora gar nicht mehr umsetzen konnte. Es gab keinen König mehr, den man auf die biblische Ordnung von 5. Mose 17,14-20 hätte verpflichten können. Die entscheidende Instanz war jetzt der römische Kaiser bzw. seine Statthalter. Jesus und die Apostel stellten sich wie selbstverständlich darauf ein. Und solcher Wandel geht immer weiter.
Wir alle verstehen die Bibel mit unseren heutigen Denkhorizonten, die zutiefst geprägt sind von unserer Zeit. Das gilt für alle Gläubige, egal wie konservativ oder liberal sie sind. Die spannende Frage ist ja: Wie gehe ich mit diesem kulturellen Abstand ehrlich um, ohne die Bibel als Orientierung für die heutige Zeit zu verlieren? Es geht ja nicht grundsätzlich darum, biblische Aussagen heute ganz anders zu verstehen als damals. Auch wäre es viel zu einfach zu sagen: Das Alte Testament gilt heute nicht mehr, das ist abgetan, aber im Neuen Testament ist jede Anweisung wortwörtlich gültig. Denn die Konsequenz davon wäre, dass viele Gläubige immer weniger im Alten Testament lesen und sich das Vorurteil immer weiter vertiefen würde, dass der Gott der Hebräischen Bibel grausam ist. Was wir brauchen, ist ein geschichtliches Verständnis der Bibel, die Einsicht, dass die biblischen Autoren selbst im Lauf der Jahrhunderte bzw. Jahrtausende von Gott zu immer neuen und auch anderen Erkenntnissen geführt worden sind.

Wie können wir da unterscheiden lernen? Welche «Wahrheiten» sind unaufgebbar? Wo ist die «Wahrheit» von Gottes Wort wachstümlich-veränderlich?

Wahrheit ist in der Bibel ein Beziehungsbegriff. Jesus Christus ist die Wahrheit (Johannes 14,6). In ihm kommt alles, was Gott mitteilen möchte, zum Ziel. Er ist das Wort Gottes (Johannes 1,1; Offenbarung 19,13). Und das ist entscheidend für den Umgang mit der Bibel insgesamt. Der Hebräerbrief beschreibt das ganz wunderbar: Gott hat vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet zu den Vätern durch die Propheten und hat zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn (Hebräer 1,1f.). Jesus Christus ist Gottes letztes Wort. Das ist nicht einfach chronologisch zu verstehen, Jesus ist Gottes letztes Wort als Erfüllung, als Ziel, als Pointe.
Gott allein ist ewig. Sein Wort ist stets zeitbezogen. Auf dem Weg der biblischen Offenbarungsgeschichte spiegelt sich vieles, was für die damals Angesprochenen selbstverständlich war, wie beispielsweise die Benachteiligung von Frauen, gewaltsame Lösungen in der Erziehung und im Recht, Vernichtungskriege etc. Im Laufe der Offenbarungsgeschichte wird deutlich: Im Lebensgespräch mit seinem Gott wächst Israel zunehmend aus manchen Auffassungen heraus. Manches wurde um «eures Herzens Härte willen» (Matthäus 19,8) Teil der biblischen Texte. Was in den alten Texten steht, wird dadurch nicht einfach falsch. Es geht hier nicht um eine Kritik der Texte, sondern um die Einsicht, dass sich manches als eine Etappe auf dem Weg erweist.
Manchmal hat der christliche Weg sogar über das hinausgeführt, was in neutestamentlicher Zeit noch geboten war. Ein Beispiel: Schon das Alte Testament hat den Umgang mit Sklaven stark reglementiert im Sinne einer möglichst humanen Behandlung der Leibeigenen. Das Neue Testament hat für die christliche Gemeinde festgelegt, dass der Unterschied von Freien und Sklaven nicht mehr ins Gewicht fallen darf (Galater 3,28). Doch an eine Kritik der gesellschaftlichen Institution der Sklaverei denkt im Neuen Testament niemand, auch Jesus nicht (Lukas 17,7-10). Aber irgendwann – und ich finde leider ziemlich spät – haben Christen diese Linie konsequent weitergedacht und gesagt: Es sollte überhaupt keine Sklaverei geben! Ähnliche Tendenzen gibt es in der zunehmenden Anerkennung der Frau als gleichberechtigte Partner der Männer oder in der Entwicklung zur gewaltfreien Kindererziehung. Die Frage ist nicht: Bibeltreue oder Bibelkritik. Solche Alternativsetzungen verraten ein geschichtsloses Denken. Die Frage ist immer: Verlängern und erweitern wir biblische Prinzipien wie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit etc. im Blick auf die Fragen unserer Zeit – oder verbleiben wir lieber in den Gewissheiten von gestern?

Sie arbeiten beim Online-Angebot Worthaus mit. Manche werfen der Plattform vor, ihre Redner bestritten die Glaubwürdigkeit der Bibel, leugneten Wunder und Offenbarung. Was sagen Sie zum Vorwurf, Worthaus folge bibelkritischen Prämissen und höhle den Glauben aus (2. Timotheus 3,5; 4,3)?

Manche Vorwürfe gegen Worthaus waren sehr pauschal und verallgemeinernd. Ein konsequent bibelkritisches Konzept, dass es keine Offenbarung und keine Wunder gäbe oder dass die historischen Berichte der Bibel weitgehend unglaubwürdig seien, wird von keinem einzigen Worthaus-Redner vertreten. Eine Bibelauslegung mit solchen Prämissen würde Theologie auf Religionsgeschichte, wenn nicht reine Religionskritik, reduzieren – und sich mittelfristig überflüssig machen.
Natürlich gibt es unter den bisherigen Sprechern bei Worthaus ein ziemlich breites Spektrum von Auffassungen. Selbstverständlich sind kritische Anfragen an bestimmte Vorträge und konkrete Aussagen nicht nur legitim, sondern willkommen. Wir brauchen Diskussion und auch mal Streit. Aber wer solche berechtigten Anfragen dazu verwendet, ganz grundsätzlich vor einer «Worthaus-Bewegung» oder einer «Worthaus-Theologie» zu warnen, wird unsachlich. Eine einheitliche Worthaus-Ideologie für sämtliche Fragen gibt es nicht mal in Ansätzen. Bei Worthaus freut man sich über mündige Hörerinnen und Hörer, die es verlernen, sich alles Mögliche vorsetzen zu lassen, um es kritiklos zu akzeptieren. Auch bei grundsätzlich anderer Denkweise können freikirchliche bzw. evangelikale Gläubige vielleicht ja auch bei einem liberalen Theologen manches lernen; wie ich mich umgekehrt ja auch freue, wenn ganz freisinnige Christenmenschen entdecken, dass ihnen ihre frommen Geschwister etwas zu sagen haben.

Evangelikale Christen fühlen sich der Wahrheit von Gottes Wort verpflichtet (vgl. Johannes 17,17): Was bedeutet es in der heutigen Zeit, «in der Wahrheit zu wandeln» (2. Johannes 4) und der «gesunden Lehre» (1. Timotheus 1,10; Titus 1,9) zu folgen? Worauf kommt es wirklich an, worauf weniger?

Wenn es um die Wahrheit geht, dann ist das Ziel nicht: Recht behalten! Sondern in der Wahrheit zu wachsen und zu leben. Und in der Wahrheit zu leben heisst, dem Weg der Liebe zu folgen, dem einen und neuen Gebot Jesu (2. Johannes 5!) In der Liebe wird unser Leben wahr.
Daher ist es selbstverständlich, dass sich christliche Gemeinden auch für eine Reihe von ethischen Fragen stark machen. Grosse ethische Anliegen sollte man dabei nicht mit Ranglisten gewichten. Christen stehen für den Schutz des Lebens, vom Anfang bis zum Ende – und für den Schutz der Umwelt, ohne die es gar kein Leben mehr geben kann. Sie treten ein für die Familie, für stabile, verlässliche Wachstumsbedingungen für alle Kinder – und für den Frieden in der Welt, zum Beispiel auch für die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen. Nichts davon ist unwichtig oder auch nur nachrangig.
Richtig ist: Kein Mensch kann sich mit allen diesen Anliegen gleichmässig beschäftigen. Es wird immer persönliche Schwerpunkte geben. Vergröbert gesprochen: Die liberale Christenheit ist manchmal in Gefahr, die persönliche Verantwortung im Nahbereich der Familie zu vernachlässigen, die evangelikale Christenheit hat sich lange viel zu wenig um die Lebensbedingungen der Armen oder um Fragen der Ökologie gekümmert. Hier könnten sich alle zuerst selbst prüfen, wo sie bei sich selbst Nachholbedarf entdecken – und zumindest wertschätzen, dass andere sich da engagieren.

Was, wenn ich selbst kein leidenschaftlicher Bibelleser bin? Wie finde ich einen mündigen Zugang zur Bibel ohne ungesunde Abhängigkeit von «Experten»?

Es gibt nicht nur eine falsche Abhängigkeit von Experten, sondern auch eine ungesunde Angst vor ihnen. Ohne die vielfältige Vorarbeit von Experten könnten wir die Bibel gar nicht lesen, es gäbe nicht mal eine Bibel. Jeder, der die Ursprachen Griechisch und Hebräisch nicht beherrscht, liest die Bibel aus zweiter Hand. «Allein die Bibel» (sola scriptura) heisst nicht: «Wir brauchen keine Experten.» Doch, wir brauchen viele Experten. Aber kein einziger davon hat das letzte Wort; das hat die Bibel selbst. Daher ist es ein eher schlechtes Zeichen, wenn manche Gläubige sich nur auf einen sehr exklusiven Kreis ausgewählter Experten verlassen. Man sollte immer wieder mal ganz unterschiedliche Bibelauslegungen an sich heran lassen – und dann wieder die Bibel selbst lesen und sich im Gespräch mit anderen ein eigenes Urteil bilden.

Welche Rolle spielt der Heilige Geist – der Geist, der uns in aller Wahrheit leiten wird. Wie kann ich das praktisch erfahren und worauf sollte ich achten? Wie kann ich alles prüfen und das Gute behalten (1. Thessalonicher 5,21)?

Verstehen ist ein unverfügbares Geschenk. Ich kann nichts dazu beitragen, dass mir etwas als wahr einleuchtet, mich tröstet und fröhlich macht. Der Heilige Geist ist es, der uns erleuchtet (1. Korinther 2,10-16). Kein guter Wille und keine Wissenschaft macht dies überflüssig. Schon daher sollte man mit seinen eigenen Einsichten stets demütig und bescheiden umgehen. Immer gilt: Was hast du, das du nicht empfangen hast? (1. Korinther 4,7)
Man kann das Wirken des Geistes weder produzieren noch völlig verhindern. Menschen können sich allenfalls so querstellen, dass sie das Wirken des Geistes dämpfen (1. Thessalonicher 5,19). Alles zu prüfen ist natürlich eine Lebensaufgabe, eine, die der ganzen Gemeinde und nicht jedem allein gestellt ist. Und entscheidend ist: Wir prüfen unsere Einsichten nicht getrieben von der Angst vor Irrtümern, sondern voller Hoffnung auf das Gute, was es zu entdecken und zu behalten gilt! Wer für sich selbst sagt «Hauptsache, nicht in Irrtümer geraten!», der wird viel Gutes aus Angst vor möglichen Fehlern abwehren.

Abschliessend: Welchen Rat geben Sie jungen – und gestandenen – Christen, um in einen reifen und tragenden Glauben hineinzuwachsen?

Die Nachfolger Jesu wurden «Jünger» genannt, ganz wörtlich «Schüler». Gesunder Glaube zeigt sich in der Haltung, gerne zu lernen und ein Schüler zu bleiben, der offen für Neues ist. Das gilt gerade auch für gestandene Christen. Gute Schüler bewahren sich einen Anfängergeist. Sie glauben ihren Lehrern den Satz: Es gibt keine dummen Fragen. Es gibt nichts Gesünderes als eine Gemeinschaft mit Jünger- bzw. Schülergeist.
Lernen heisst aber auch: nicht immer alles vergessen. Es gibt kein Wissenserwerb ohne Wiederholung, ohne Befestigung und Vertiefung des bereits Erkannten. Es ist zum Beispiel sicher nicht gut, wenn wir alle drei Jahre unser Liedgut komplett austauschen. Wir brauchen einen Liederschatz, der uns durch das Leben begleitet. Wir brauchen auch feste Gebete, die wie ein cantus firmus unsere Wege formen: das Vaterunser, der 23. Psalm und andere Psalmen. Wir können viel lernen von der Weisheit der alten Pietisten. Ich beschäftige mich sehr gern und viel mit der Kirchengeschichte. Ich leide daran, wie geschichtslos heute viele geistliche Bewegungen und Aufbrüche sind und bin mir sicher: Je weniger wir uns um die Weisheit der Alten kümmern und alles meinen selbst erfinden zu müssen, desto mehr werden wir erleben, dass wir viele Fehler wiederholen. Natürlich müssen wir uns dann auch den heutigen Herausforderungen stellen, für die es bei den Müttern und Vätern im Glauben keinen Bauplan gibt. Aber vor genau solchen völlig neuen Herausforderungen standen frühere Generationen auch schon immer wieder.

Doch wie drücken wir aus, dass Gott Raum in unserem Herzen hat? Wir haben vermutlich eine Bibel auf dem Nachttisch. Und meistens noch zwei, drei weitere im Regal. Vielleicht hängt sogar ein Bibelvers am Kühlschrank. Und wir schenken Gott Zeit, wenn wir zu ihm beten und auf ihn hören. Das ist wunderbar. In diesen Gebetszeiten kann es manchmal eine willkommene Abwechslung und Hilfe sein, Gott auch äusserlich Raum zu schaffen. Gegenstände und bewusste «Rituale» helfen dabei, den Trubel des Alltags hinter uns zu lassen und einfach bei Gott zu sein. Wenn beim Beten auch unsere Sinne angesprochen werden, erleichtert das die Konzentration. Das kann durch ganz einfache Dinge geschehen. Auf den folgenden Seiten findest du dafür einige Ideen. Die meisten dieser Ideen sind spontan zuhause umsetzbar, einige sind für unterwegs gedacht und wieder andere eignen sich am besten für Gebetsräume, weil sie etwas Vorbereitungszeit benötigen.

Ruth Maria, was war deine erste Erfahrung mit christlicher Meditation?

Da war ich noch ein kleines Mädchen. Ich bin katholisch aufgewachsen und deshalb war mir das freie Beten damals kein Begriff. Dennoch hatte ich eine Sehnsucht danach, mit diesem Gott, so wie ich ihn damals verstanden habe, zu reden und ihm nahe zu sein. Also habe ich vor dem Einschlafen meinen Rosenkranz gebetet. Ich meditierte auf diese Weise über das Geheimnis des Lebens und das Sterben von Jesus Christus. Oft bin ich während des Betens eingeschlafen. Das war für mich eine sehr schöne Erfahrung.

Was schätzt du heute am Meditieren?

Ich schätze daran, dass ich gar nichts tun muss. Gerade weil ich eine sehr aktive Frau bin. Mal nichts tun zu müssen ist etwas Besonderes in meinem Alltag. Bei anderen Gebetsformen bin ich mehr gefordert. Bei der Fürbitte zum Beispiel oder beim Singen von Liedern. Beim Meditieren kann ich einfach sein. Ich muss keine «fromme Leistung» erbringen. Zum Beispiel lese ich einen Bibeltext und lasse ihn wirken. Ich muss keine intellektuelle Erkenntnis haben. Der Text kann einfach in mir wirken. Darauf achte ich und komme dann mit Jesus ins Gespräch darüber.

Kannst du noch genauer beschreiben, was du beim Meditieren genau machst?

Ich nehme mir ungefähr eine halbe Stunde Zeit. So lange brauche ich, um runterzufahren. Es ist wie bei einem Auto ‒ da schaltet man auch nicht direkt vom fünften in den ersten Gang. Man schaltet Gang für Gang runter. Dasselbe geschieht beim Meditieren. Man sucht sich einen «Meditationsgegenstand», das kann ein Bibeltext sein, eine Zeile aus einem christlichen Lied, ein Gegenstand, ein Bild, eine Ikone oder auch eine Situation aus dem Leben, etwas, das mich beschäftigt, oder eine Entscheidung, die ich fällen muss. Diesen «Meditationsgegenstand» betrachtet man. Man liest den Text immer wieder oder sieht sich das Bild immer wieder an und lässt es auf sich wirken.

Denkst du über den Gegenstand nach?

Vielleicht, aber das ist nicht das Ziel. Ich versuche wahrzunehmen, was der Gegenstand in mir auslöst. Das kann ein Gedanke sein. Aber auch eine Emotion: Freude? Trauer? Zweifel? Hoffnung? Wut? Unsicherheit? Dank? Nach etwa zwanzig Minuten komme ich mit Jesus über meine Empfindungen ins Gespräch. Ich rede mit ihm von Freund zu Freund. So lehrte es schon Ignatius von Loyola. Nach diesem Gespräch mit Jesus verweile ich einfach noch einen Moment und lasse die ganze Meditation auf mich wirken.

Wie lange meditierst du über einen Text oder Gegenstand?

Ich kann schon mal drei Wochen über denselben Text nachdenken. In der Regel so lange, bis ich den Inhalt des Textes in einem Gebet formulieren kann, das ich während eines Atemzugs sagen kann. Diese Art des Betens nenne ich Kontemplation. Im Vergleich zur Meditation ist das ein wortarmes In-, Bei-, Vor-, Mit-Gott-Sein. Ich denke nicht an die Zukunft und auch nicht an die Vergangenheit. Ich bin einfach im Hier und Jetzt. Gerhard Teerstegen umschreibt Kontemplation so: «Schweig dem Herrn und halt ihm still, dass er wirke, was er will.» Das ist nicht ganz so einfach, wie es klingt, weil dann meistens das innere Kopfkino losgeht.

Hast du einen Trick, wie man ganz gegenwärtig sein kann?

Am besten gelingt das mit dem bewussten Wahrnehmen des Atems. Denn atmen kann ich weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit. Das kann ich nur hier und jetzt. Darum sind sogenannte Atemworte eine gute Hilfe, um ganz in Gottes Gegenwart zu sein. Zum Beispiel: «Ich werde getragen, ich lasse mich tragen.» Wenn mir dann in den Sinn kommt, dass ich noch Wäsche waschen muss, dann bete ich: «Ich werde getragen mit meiner Wäsche, ich lasse mich tragen mit meiner Wäsche.» In der christlichen Kontemplation geht es darum, alles, was in der Stille in mir auftaucht, Jesus Christus zu überlassen.

Worin unterscheidet sich christliche Kontemplation von fernöstlicher Meditation?

Die äusseren Formen können sehr ähnlich sein. Das Knien, Sitzen und die Achtsamkeit auf den Atem sind ähnlich. Der entscheidende Unterschied liegt in der Weltanschauung hinter der Meditation. Sehr vereinfacht gesagt geht es bei fernöstlichen Meditationen darum, sich zu entleeren. Das gilt zunächst auch für die christliche Kontemplation. Für Christen ist die innere Leere nicht das Ziel, sondern ein Übergang. Ziel ist die Begegnung mit Gott. Hier kommt Jesus ins Spiel. Aus der Ruhe heraus können wir ihm begegnen, und genau um die Beziehung zu ihm geht es. Ich beschreibe christliche Kontemplation gerne in folgendem Dreischritt: Wahrnehmen, wahr sein lassen, Gott überlassen.

Begegnest du Jesus immer, wenn du meditierst?

Oft ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Spürbar geschieht in den meisten Fällen gar nichts mit mir. Wir können eine Gottesbegegnung nicht «machen» – auch nicht mit Meditationstechniken. Aber trotzdem sind auch die eher trockenen Meditationen für mich wichtig, um mich auf Gott auszurichten. Nur weil ich Gottes Gegenwart nicht fühle, heisst das nicht, dass er nicht da ist. Im Gegenteil, er ist immer da. Wir dürfen unseren Glauben nicht von unseren Gefühlen abhängig machen.

Wie viel muss man über Gott wissen, um mit der christlichen Meditation anzufangen?

Nichts. Ich würde sagen, es wäre hilfreich, wenn man zu etwa 50 Prozent in Betracht ziehen würde, dass es einen Gott gibt. Das ist ein guter Start. Für eine erste Meditation empfehle ich dann zum Beispiel den Text aus dem Buch Jesaja der Bibel. Für ein allererstes Mal kann auch eine Anleitung in einem Kurs sehr hilfreich sein. Wer sich dann länger in die christliche Meditation vertiefen möchte, dem empfehle ich stets das Lesen der Evangelien. Wenn man dann während des Lesens auf einen Satz stösst, der innerlich anklingt, kann man diesen gleich für eine Meditation verwenden.

Was rätst du jemandem, der zum ersten Mal meditiert?

Ich ermutige die Person. In der Bibel liegen viele Versprechen darauf, wenn wir uns Gott nähern. Zum Beispiel: In Umkehr und Stillehalten besteht euer Heil, in der Ruhe und im Vertrauen liegt eure Stärke. Oder: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe verschaffen.

Immer wieder begleitest du Menschen darin, das Meditieren einzuüben ‒ was sind die häufigsten Erfahrungen dabei?

Immer wieder höre ich von den Kursteilnehmern, dass sie eine ganz tiefe, innere Ruhe erfahren haben und ermutigt wurden. Ebenso erfahren viele Wegweisung in Lebensfragen, sie werden dankbar oder schöpfen neue Hoffnung. Einige sagen, dass das Meditieren ihnen einen ganz neuen Zugang zu Gott schenkt.

Wie hat dich das Meditieren über die Jahre selbst geprägt?

Die grösste Veränderung, die geschehen ist: Mein Wissen über Gott ist vom Kopf ins Herz gerutscht. Vor allem, was das Thema «Gnade» betrifft. Durch das Meditieren konnte ich verinnerlichen, dass ich das wirklich Wesentliche weder selbst tun kann noch muss. Es kommt von Gott. Weiter wird durch das Meditieren meine Seele genährt. Ich konnte über die Jahre einen riesengrossen Schatz an Bibelworten und Liedern im Herzen sammeln. Durch das viele Wiederholen wurden sie Teil von mir. Nicht zuletzt wurde ich viel gelassener in Bezug auf das Leben.

Wie drückt sich diese Gelassenheit aus?

Vor einigen Jahren hatte ich eine schwierige Operation. Es ging darum herauszufinden, ob ich Krebs hatte oder nicht. Ich erinnere mich, wie ich die Worte aus Jesaja meditierte, bevor mich die Narkose einholte: «Ich werde getragen, ich lasse mich tragen.» Als ich wieder aufgewacht bin, waren die Worte sofort wieder in meinem Bewusstsein. Noch bevor ich überhaupt die Augen öffnete und die Schmerzen wahrnahm. Das war für mich eine schöne Erfahrung. Es war die Frucht von jahrelanger Übung und Gnade Gottes gleichermassen.

Wird das Meditieren nicht irgendwann langweilig?

Es gibt Zeiten, in denen es mir schwerer fällt, im Alltag Zeit fürs Meditieren freizuschaufeln, ja. Aber das liegt nicht daran, dass mir das Meditieren aus den Ohren hängt. Vielmehr liegt es an den sehr vollen Tagen, in denen es mir manchmal schwerfällt, zur Ruhe zu kommen. Dann betrachte ich es wie eine Übung. Im Üben kann die Kraft erfahren werden. Ich muss dabei nichts fühlen oder erleben. Es ist gut, einfach nur da zu sein. Etwas fromm ausgedrückt: Das ist für mich ein Akt der Liebe und Hingabe an meinen Liebsten, meinen Jesus. Ich drücke so auch mein Vertrauen ihm gegenüber aus.

Inwiefern hilft dir das Meditieren dabei, das zu verarbeiten, was du erlebst?

Ich gebe während des Meditierens alles, was in mir aufsteigt, in die Hände von Jesus. Vielleicht kommt mir eine Person oder ein Problem in den Sinn. Dann bete ich: «Jesus, ich überlasse sie/es dir.» Es hilft mir zudem, mich selbst wahrzunehmen. Empfindungen, die während des Tages vielleicht verborgen blieben, kann ich im Meditieren verarbeiten und ebenfalls in die Hände von Jesus geben.

Verliert man bei so viel Stille und Blick nach innen nicht manchmal etwas den Kontakt zur Welt?

Nein, gar nicht. Denn wenn ich mich nach innen ausrichte, dann wartet da Jesus Christus auf mich. Beim Meditieren begegne ich Christus in mir, der mich stärkt, tröstet und ermutigt. Aus dieser Begegnung wächst der Wunsch, wieder nach draussen in die Welt zu gehen, Menschen zu begegnen und aktiv zu sein. Die verschiedenen Aktivitäten wiederum treiben mich erneut in die Kontemplation und die Gegenwart Gottes. Denn ich sehe viel Not, Dinge, die mich ärgern, und Ungerechtigkeit. Die beiden Dinge Alltag und Meditation bilden einen Kreislauf und befruchten sich gegenseitig.

Würdest du demzufolge sagen, dass christliche Meditation deinen Alltag positiv beeinflusst?

Unbedingt. Beim Meditieren richte ich meine Antennen auf das Wesentliche aus. Ich versuche zu erspüren, welchen Weg Gott mich heute führen möchte und welche guten Werke er für mich vorbereitet hat. Während des Tages sind für mich auch spontane, ungeplante Stossgebete wichtig. Diese dauern manchmal weniger als eine Minute. Aber sie helfen mir dabei, auf Jesus ausgerichtet zu bleiben.

Interview: Viviane Herzog

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