Paul, es hat lange gebraucht, bis du dich im Leben sicher gefühlt hast. Weshalb?
Als erstgeborener Sohn eines gewalttätigen Predigers und Missionars wurde mir der Perfektionismus geradezu in die Wiege gelegt. Ich lebte ständig von aussen nach innen, getrieben von Selbstschutz und Selbstdarstellung. So baute ich mir eine falsche Identität auf, die fortwährend geschützt werden musste.
Erst nach dem Zerbruch meiner Lebensfassade habe ich mit viel Hilfe gelernt, mich in meiner eigenen Haut wohlzufühlen. Heute muss ich mich weder profilieren noch schützen, weil ich mit mir selbst im Reinen bin. Ich habe nach vielen Kämpfen gelernt, von innen heraus zu leben – aus der Sicherheit meiner Identität als Kind Gottes.
Du bist im Dschungel von Papua-Neuguinea aufgewachsen – als einziges ausländisches Kind inmitten der Dani, einem Stamm mit traditioneller Lebensweise. Hattest du eine behütete Kindheit?
Im Gegenteil, meine Kindheit war von ständigen Gefahren geprägt. Da waren die Schlangen, die mich in Albträumen heimsuchten, oder die alten Medizinfrauen, deren Stockschläge ich fürchtete. Und dann der sexuelle Missbrauch, den ich ab meinem fünften Lebensjahr innerhalb des Stamms und im Internat erlebte. Die Rückkehr nach Kanada, als ich zehn war, brachte eine weitere Zeit tiefster Unsicherheit. Ich fühlte mich in der kanadischen Kultur fremd.
Gab dir wenigstens Gott Sicherheit?
Lange Zeit entsprach mein Bild von Gott dem meines leiblichen Vaters: einem jähzornigen Mann, vor dessen Schlägen ich mich täglich fürchten muss. Als mir in der Tradition meiner evangelikalen Erziehung erklärt wurde, dass Jesus ans Kreuz ging und sich auf brutalste Weise zu Tode foltern liess, um uns Menschen vor dem Zorn eines heiligen Gottes zu schützen, dachte ich innerlich: «Nein, danke!». Wie könnte ich mich je in der Gegenwart eines Gottes sicher fühlen, der im Alten Testament Anweisungen gab, Neugeborene zu töten und Genozide an ganzen Völkern veranlasste? Dieser Gott war noch gefährlicher als mein Vater. Einzig bei Jesus konnte ich mich von Anfang an sicher fühlen. Noch heute ist die Vorstellung, mich mitten im Sturm neben ihm im Boden eines Fischerboots schlafen zu legen, ein innerer Ort des Friedens.
Was hat schlussendlich zur Versöhnung zwischen dir und deinem Verständnis von Gott als Vater geführt?
Es war ein langer Prozess, bei dem ich zuerst vieles verlernen musste: vor allem die Vorstellung, dass Jesus mich mit seinem Erlösungswerk vor Gott dem Vater beschützt. Darum erscheint in «Die Hütte» Gott nicht als weisse Gandalf-Figur mit langem Bart. Mack ist die Hauptfigur, die auch mich symbolisiert. Zu Beginn seiner Reise erscheint ihm Gott in weiblicher Form. Macks Vaterbild ist noch nicht geheilt und bereit, um einem himmlischen Vater zu vertrauen.
Entscheidend für mein heutiges Gottesbild war der Moment, als ich in der Bibel die Wichtigkeit der Dreieinigkeit entdeckte. Seit Anbeginn der Zeit lebt Gott in Gemeinschaft mit sich selbst. Die Dreieinigkeit ist die Voraussetzung für Liebe. Wir Menschen fühlen uns zu gesunder Gemeinschaft hingezogen. Durch die Dreieinigkeit zeigt Gott uns, dass unsere wahre Heimat seit jeher mitten im «grossen Tanz» seines Erlösungswerks, im Miteinander zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist, ist. Und in diesen liebenden Tanz werde ich einbezogen. Es ist ein gegenseitiges Sich-Hingeben, Vertrauen, aber auch Mitleiden mit dem anderen, den man liebt. Dieses Dazugehören gibt mir eine tiefe Sicherheit.
Wie hat sich das Fehlen jeglicher Sicherheit in deiner Jugend auf dein späteres Leben als Ehemann und Vater ausgewirkt?
Auf furchtbare Weise. Ich habe meine Abhängigkeiten, meine Angst, mein egoistisches Bedürfnis nach Kontrolle und Perfektionismus in meine Ehe gebracht, viel zu hohe Erwartungen an meine Kinder gestellt und dadurch viel Unheil angerichtet. Und doch: So zerbrochen ich war und so tief ich meine Verletzungen in meine Familie hineinschleppte, sehe ich rückwirkend das Wirken des Heiligen Geistes in meinem Leben, sogar in dieser Zeit. Gott vermag mitten in unserer Zerbrochenheit Schönheit zu bewirken, ohne dass er der Verursacher dieses Zerbruchs ist. Für dieses Wunder bin ich unendlich dankbar.
Wer dich heute kennt, kann sich nur schwer vorstellen, dass du deinen Mitmenschen gegenüber kontrollierend oder herrisch warst.
Das kommt daher, dass der Heilige Geist ein versöhnendes Genie ist! Die Heilung und tiefe Freude, die heute mein Leben bestimmen, sind angesichts meiner Vergangenheit unerklärbar. Nach der Geburt unseres sechsten Kindes hatte ich eine Affäre. Als meine Frau Kim mich mit ihrer besten Freundin ertappte, brach unsere Welt zusammen. Es gab keine Ausreden mehr, keinen Fluchtweg. Ich war am Tiefpunkt angekommen und hatte nur noch die Wahl, mir entweder das Leben zu nehmen oder mich an die Hoffnung zu klammern, dass es sogar für jemanden wie mich einen Weg zur Veränderung gibt.
In tiefster Verzweiflung rief ich den ersten Therapeuten an, den ich im Telefonbuch fand. Er begleitete mich auf dem harten Weg der Versöhnung mit mir und meiner Familie. Das Buch «Die Hütte» erschien elf Jahre nach meiner Affäre. Es markiert eine Art Kulmination meines Heilungswegs.
Wie würdest du dein Leben heute beschreiben?
Meine Angst vor einem wütenden, strafenden Gott hat in meinem Leben nicht eine Spur echter Reue bewirkt. Erst meine Verzweiflung trieb mich in die Arme eines liebenden Gottes und in ein völlig neues Leben. Ich habe heute keine Abhängigkeiten mehr. Keine Geheimnisse. Freude ist meine ständige Begleiterin. Ich habe gelernt, im Moment zu leben. Ich definiere mich nicht mehr über Erfolg oder Leistung. Ich sage oft, die Ganzheitlichkeit, die ich heute erlebe, wäre ohne die Gnade Gottes ein Ding der Unmöglichkeit.
Ich verstand mit der Zeit, dass Gott mich nicht geheilt hatte, um mich zu «gebrauchen». Sein Wirken an mir war ausschliesslich von Liebe motiviert. Nie hat er mich mit Zorn oder Enttäuschung angesehen. Er hat mir seine verzehrende Liebe immer wieder angeboten, um das Lieblose aus meinem Leben wegzubrennen. Sein Zorn galt den Lügen, die mich abhielten, frei und unbekümmert zu sein. Mit meiner Zustimmung zerstörte er wie ein fürsorglicher Arzt diese Lügen Stück für Stück.
Dein Debütroman «Die Hütte» handelt von Macks Begegnung mit dem dreieinigen Gott am Ort seines grössten Schmerzes. Worum geht es in «Die Rückkehr zur Hütte», deinem neuen Roman?
(lacht) Ich hatte nie geplant, «Die Hütte» zu veröffentlichen, und noch weniger, eine Fortsetzung dazu zu schreiben. Natürlich beschäftigten mich im Lauf der Zeit Fragen wie diese: Kann ein Erlebnis, eine tiefe Gotteserfahrung, wie Mack sie hatte, ein ganzes Leben verändern? Und ist eine solche Veränderung von Dauer? Erst als ich mich mit Männern aus dem Todestrakt in Nashville, Tennessee anfreundete, wusste ich, dass ich einen Nachfolgeroman zur Hütte schreiben wollte. Ich stellte mir vor, dass der Mörder von Macks Tochter Missy in der Zelle neben ihnen auf seinen Tod wartet. Welche Gefühle würde es in Mack auslösen, wenn er dem Mörder seiner Tochter in die Augen schauen würde?
Das erste Buch konzentriert sich auf die Geschichte von Mack, der aus dem Gefängnis seiner Trauer und Verzweiflung auszubrechen versucht. Das neue Buch befasst sich mit dem Alltag, in den Mack zurückkehrt, und damit, was die Gottesbegegnung mit den Beziehungen zu seinen Mitmenschen macht.

Für manche Christen ist die Vorstellung schwierig, dass Gott auch Serienmörder liebt. Verstehst du diese Zurückhaltung gegenüber grenzenloser Gnade?
Unbewusst erleben viele von uns eine Art selbstgerechte Entrüstung, wenn wir an die Sünden anderer denken. Wir kategorisieren in verzeihbare und unverzeihbare Sünden. Wir verurteilen andere und vergessen, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist.
Eine weitere Hürde stellt die Angst dar, dass jemand mit seinen Sünden einfach so «davonkommen» könnte. Aber es gibt nichts, das nicht eines Tages ans Licht kommt. Erst wenn wir Christus im anderen erkennen, hören wir auf, in Kategorien wie «heilig genug» oder «zu sündig» zu denken. Wenn uns das gelingt, kann die verändernde Kraft des Evangeliums in uns wirken und wir beginnen, uns über jedes Wunder der Wiederherstellung zu freuen.
Kann die Todesstrafe ein Werkzeug sein, um die Welt sicherer zu machen?
Niemals. Gewalt ist nie Teil der Heilung, sondern immer Teil von weiterer Gewalt. Ein strafendes und vergeltendes Rechtssystem reflektiert in keiner Hinsicht das Wesen Gottes. Und obwohl ich mit diesem Buch keine politische Absicht verfolge, kommt meine Haltung darin zum Vorschein – jedoch immer im Kontext der Beziehung, nicht der Politik.
Dir wird vorgeworfen, du seist ein Universalist. Stimmt das?
Nein. Universalismus – wie alle -ismen – sieht die Welt durch die Brille von Dogma statt Beziehung. Die Idee geht davon aus, dass Erlösung auch ohne das Werk Jesu erlangt werden kann. Ich hingegen bin überzeugt, dass unsere Erlösung auf der Menschwerdung, dem Leiden, dem Tod und der Auferstehung Christi beruht.
Möchtest du unseren Leserinnen und Lesern noch etwas mitgeben?
Ich ermutige dich zu einer Frage: Nach welchem Gottesbild sehnst du dich? Egal, wie gütig und gnädig wir uns Gott vorstellen – in Wirklichkeit ist er viel gütiger und gnädiger. Ich glaube, je grosszügiger unser Gottesbild ist, desto deutlicher wird unser inneres Leben nach Aussen sichtbar. Das nennt die Bibel Metamorphose – wenn die Art, wie du lebst, denkst und fühlst, der erlösten Wahrheit deines Wesens zu entsprechen beginnt.

William Paul Young ist Autor von vier Büchern, lebt mit seiner Frau Kim im US-Staat Oregon und liebt es, mit seinen Enkelkindern im Gras zu liegen und Dinge inKumulus wolken zu entdecken. Sein Roman «Die Hütte» wurde über 25 Millionen Mal verkauft und in 42 Sprachen übersetzt.

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