Orange oder grün?

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Fragen aus der Amen Redaktion an Andreas «Boppi» Boppart, Leiter von Campus für Christus Schweiz, über Zweifel, zurückgelassene und neugefundene Glaubenssicherheiten und die Farbe seiner Shorts.

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Wann warst du zuletzt unsicher?

Hach, heute Morgen. Vor einer Stunde. Genauer vor fünf Minuten. Und gerade eben auch wieder, weil ich nicht genau weiss, was ich auf diese Frage antworten soll. Ich bin zwar mit einem gesunden Selbstbewusstsein gesegnet, aber trotzdem habe ich täglich auch kleinere wie grössere Verunsicherungsphasen. Heute waren es Dinge wie: Soll ich die orangen oder die grünen Shorts anziehen? Soll ich noch rasch mit meiner Tochter in die Badi oder regnet es sowieso in zehn Minuten? Soll ich was kochen, weil die Kids die Reste morgen zum Mittagessen mitnehmen, oder soll ich sie aufessen? (Die Reste, nicht die Kids!) Habe ich für meine morgige Reise an alles gedacht? Welche Antwort wäre hilfreich für dich, die oder der du das hier liest? Und so weiter. Das ist einfach der normale, tägliche Verunsicherungswahnsinn. Je nach Persönlichkeit und Lebenssituation kann’s natürlich auch existentieller werden: Existiert der Gott, an den ich glaube, wirklich? Falls ja, hört er mich? Schaffe ich die Kurve in einer schwierigen Beziehungssituation? Gebe ich meinen Kindern das, was sie benötigen, um gesund zu wachsen? Reichen die Finanzen?

Bist du dir deines Glaubens stets sicher oder kennst du auch Zweifel?

Zweifel kannte ich viele Jahre nur in Chips-Form. Und die liebe ich über alles! Aber ich habe tatsächlich auch zu zweifeln gelernt. In meinen Jugendjahren war ich mit einem schon fast an Leichtsinn grenzenden Übermut und einer unerschütterlichen Überzeugung in vielen Themen unterwegs. Über die Jahre habe ich entdeckt, dass nicht alle Glaubensüberzeugungen der Feuertaufe des Alltags standhalten. Das war teilweise beängstigend, denn ich kannte keine Unschärfe. Und glaubte, dass nur Personen stabil im Glauben stehen können, die auf alle grossen Fragen eine Antwort haben. Für mich war es eine befreiende Entdeckung, dass Gott unerklärlich, grösser, schöner, manchmal mystischer und auch unverfügbarer ist, als ich es ihm in meiner Jugend zugestanden habe. Ich habe gelernt, dass mein Gott derselbe bleibt, unabhängig von meinen Lebenserschütterungen. Dass es nie er ist, der wegbricht, sondern die falschen Bestandteile meines selbstgestrickten Gottesbildes.

Gab oder gibt es Situationen, die dich zweifeln lassen?

Mir kommen zwei Dinge in den Sinn. Es gab eine Phase in meinem Leben, die schon lange her ist, in der mich abends beim Einschlafen regelmässig eine Panik befiel: «Was, wenn das, was ich glaube, nicht wahr ist? Wenn Gott nicht existiert? Wenn da hinten raus gar nichts kommt? Oder alles ganz anders ist, als ich meine?» Das hat mir damals den Magen zusammengezogen. Am nächsten Morgen sah die Welt wieder aufgeräumter aus, denn ich konnte auf so viele wunderschöne und unerklärbare Glaubenserfahrungen zurückgreifen und mir rational die Wahrheiten und Grundlagen der Bibel rund um das Leben, Sterben und die Auferstehung von Jesus in Erinnerung rufen. Ich fand überzeugende Zuversicht in den unzähligen Lebenstransformationen quer durch die gesamte Kirchengeschichte, in den erstaunlichen Parametern der Schöpfung, die unübersehbar nach einem Schöpfer schreit. Nüchtern gesagt realisierte ich auch, dass es mich viel mehr Energie kostet, ein Weltbild ohne Gott zu kreieren und aufrechtzuerhalten. Obendrein fand ich, dass das Leben nach christlichen Werten selbst dann lebenswert ist, wenn es diesen Gott am Ende gar nicht gibt. Letztlich lande ich bei dieser tiefen, demütigen Hoffnung, dieser tief verankerten Gewissheit, dass Gott ist. Und dass er ist, wer er verspricht zu sein. Dass er gut ist. Auch zu mir.

Und zweitens?

Mich lässt es immer mal wieder (ver-) zweifeln, dass ich manchmal so erstaunlich wenig Unterschiede sehe zwischen uns und Menschen, die Gott nicht kennen. Vielmehr sehe ich sehr viel verbissene Dogmatik, verbitterte Grabenkämpfe um Wahrheiten und einen lieblosen Umgang mit Mitmenschen. Alles im Namen der Wahrheit, im Namen Gottes. Da wurde in der Geschichte schon so mancher Kreuzzug geführt und das hat bis heute nicht aufgehört. Meistens sind wir dann wie Saulus blind vor Eifer und überzeugt, damit bei Gott noch Gefallen zu erzeugen. Das lässt mich manchmal verzweifeln und fragen, weshalb wir das – die wir ja auf den Heiligen Geist zurückgreifen könnten – nicht besser hinkriegen. Mich beruhigt, dass Gott diesem Puppentheater auch zuschauen muss, und ich versuche in meinem Verantwortungsbereich, in meiner kleinen Welt, in meinem Wirkungskreis gemäss meinen Überzeugungen zu leben und Friedenssamen zu säen.

Wie gehst du konkret mit Zweifeln um?

Zweifel sind grundsätzlich nichts Schlechtes. Sie sind schlicht und einfach eine Unterkategorie des Glaubens. Dieser simple Gedanke hat mir geholfen. Man kann nichts anzweifeln, dem man nicht eine minimale Chance gibt, real zu sein. Zweifel an Glaubensfragen zeigen, dass etwas daran doch auch wahr sein könnte. Und das ist eine ganz gesunde Grundlage für Glauben.

In den panischen nächtlichen Momenten hat es mir tatsächlich geholfen, einfach nur «Jesus» zu beten. Ein simples Ein-Wort-Gebet, eine kraftvolle Fokussierung, ein Name als Hilferuf. Das hat mich innerlich beruhigt. Ich habe gelernt, dass ich die Zweifel nicht mit aller Kraft bekämpfen muss. Ich lasse sie zu und dadurch ins Leere laufen. Zweifel sind wie die kleinen Monster unterm Bett von früher. Wenn sie realisieren, dass sie gar nicht wirklich furchteinflössend sind, schrumpfen sie weg – schneller als einem Luftballon die Luft entweicht.

Welcher Sache bist du dir felsenfest sicher?

Drei Dinge sind für mich zentral:

Gott ist. Die ganze Welt als Schöpfung trieft förmlich von seiner Gegenwart. Das ganze All singt davon. Die Bibel ist so erstaunlich dicht mit den Menschen und ihren Erfahrungen durch all die Zeiten hindurch. Und letztlich Christus. Christus ist einfach unbeschreiblich. Oder wie der Berner Pfarrer Kurt Marti es einst formulierte: «Christus, ihm glaube ich Gott.»

Gott ist gut. Wenn Gott wirklich existiert, wovon ich tief überzeugt bin, dann muss er gut sein. Und all das Böse und Schlechte ist anders erklärbar. Aber im Kleinen wie im Grossen wird Gottes Charakter, sein Wesen sichtbar und das ist einfach nur gut.

Gott ist gut zu mir. Nur schon «sein zu dürfen», spricht Bände über diesen Gott, der es gut mit mir meint. Und das unabhängig von meinen Lebensumständen, weil mein Erleben oder Nicht-Erleben kein Quäntchen von seiner Güte abschält. Vielleicht wird vieles erst heil und gut, wenn wir es von der Ewigkeit her betrachten. Aber spätestens da wird es sich zeigen.

Nur schon «sein zu dürfen», spricht Bände über diesen Gott, der es gut mit mir meint.

Woher kommt diese Sicherheit?

Es ist die Kumulation persönlicher Erfahrungen. Das Schöne am Älterwerden: Man hat eine Kiste mit kostbaren Glaubensschätzen beisammen.

Als Kind habe ich die Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn geliebt. Tom muss zur Strafe den Zaun von Tante Polly streichen. Er verkauft die mühsame Arbeit den anderen Kindern als ein exklusives Privileg. Deshalb bezahlen sie sogar dafür, dass sie den Pinsel schwingen dürfen – mit ihren kostbarsten Besitztümern: einer toten Ratte an einer Schnur (um sie im Kreis zu wirbeln), einem Stück blauem Flaschenglas (um die Welt in einer anderen Farbe zu sehen), einem Schlüssel, der zu keinem Schloss passt, zwölf Murmeln, einer Kreidefeile und einem einäugigen Kätzchen. Was für ein grossartiger Schatz für einen Jungen!

Ich liebe all die Kostbarkeiten, die in meiner Lebensschatzkiste zusammengekommen sind. Manche scheinen vielleicht wie bei Tom für Aussenstehende nicht wirklich spektakulär oder wertvoll, aber mir bedeuten sie viel. Sie haben im Laufe meines Lebens zu dieser Form der tiefen Glaubensüberzeugung beigetragen. Wenn ich mich mal wieder in Fragen verstricke, hilft oft schon ein kurzer, staunender Blick in meine Schatzkiste.

Was glaubst du heute nicht mehr, wovon du mit zwanzig Jahren überzeugt warst?

Es gab für mich als Jugendlicher viele unaufgebbare Wahrheiten, die ich um jeden Preis verteidigt habe. Wie z. B. was in der Bibel wörtlich zu nehmen ist und was nicht. Auch hatte ich eine übersteigerte Überzeugung davon, dass Gott ziemlich froh sein muss, mich in seinem Team zu haben – und insgeheim dachte ich, dass mir nicht wirklich viel Schlimmes passieren kann, weil er mich bestimmt beschützt. Es galt im Alltag bis ins kleinste Detail herauszufiltern, was Gottes Wille für mich ist. Für mich gab es in einer eher dualistisch betrachteten Welt die Guten und die anderen, und ich wusste sehr klar, wer auf welcher Seite stand. Interessant waren auch die 1990er, als in vielen Kirchen eine klare Vorstellung über eine bevorstehende Entrückung vorherrschte, gefördert durch Filme und Bücher. Auch dachte ich, dass Menschen verloren gehen, wenn ich grad keinen Bock habe, mit ihnen über meinen Glauben zu reden. Ich hatte mich in manchen Bereichen in meiner jugendlichen Schwarz-Weiss-Welt eingenistet und damit fröhlich geglaubt, wie ein Fernsehzuschauer vor der Erfindung des Farbfernsehens.

Und welche Überzeugungen hast du heute, die du mit zwanzig noch nicht hattest?

Ich weiss nun, dass ich Gott weniger gut erkannt hatte, als ich es damals mit zwanzig zu tun glaubte. Auf eine schöne Art und Weise ist er mir mystischer geworden. Gleichzeitig aber auch näher. Ich habe diese unergründliche Schöpfergott-Komponente entdeckt, ohne dabei Jesus als persönlichen Freund zu verlieren. Er ist nicht derjenige, der alles Leid fernhält, und mir sind auch keine neunzig Lebensjahre auf diesem Planeten zugesichert. Er ist der, der mitten im Zerbruch bei mir ist. Ich erlebe, dass er in ganz vielen Themen auch einfach schweigt, weil er mir als Mensch für vieles Eigenverantwortung übertragen hat.

Je mehr sich draussen verschiebt, umso mehr sehnen sich Menschen nach innerer Sicherheit.

Meine Welt ist komplexer geworden. Farbiger. Vielschichtiger. Tiefer, weiter und höher. Es fühlt sich nicht an, als hätte ich Dinge «verloren», vielmehr habe ich unglaublich viel Schönes, Gutes und Wahres dazugewonnen. Ich glaube, es geht letztlich gar nicht so sehr darum, was ich geglaubt habe und heute nicht mehr glaube, sondern wie ich geglaubt habe. Auch der Theologe N.T. Wright nahm an, dass wohl zwanzig Prozent seiner Theologie falsch seien. Er wisse nur nicht, welche zwanzig Prozent. Unsere Erkenntnis ist und bleibt immer Stückwerk. Aber die Art, wie wir glauben, ist zentral. Dass wir ringen dürfen, dass wir zweifeln dürfen, dass wir Falsches erkennen und Neues entdecken dürfen. Dort wo nicht gedacht und nur «mitgeglaubt» werden darf, wo Glaube sich nicht wachstümlich bewegen kann, wird er starr, brüchig und letztlich leblos.

Wie nimmst du unsere Gesellschaft wahr in Sachen Sicherheit?

Ich persönlich schaue auf die Welt durch eine theologische Brille. Und da lässt sich wahrnehmen, dass die Menschen in Zeiten von Unsicherheiten immer dazu neigen, sich zu verselbstständigen und irgendwelche goldenen Kälber zu bauen, um sich eigene Sicherheiten zuzulegen. Sprich: Je mehr sich draussen verschiebt, was aktuell der Fall ist, umso mehr sehnen sich Menschen nach innerer Sicherheit. Sich auf Gott zu verlassen, mutig und vertrauend in Karl Barths «Es wird regiert! … Aber ganz von oben, vom Himmel her!» einzustimmen, wäre eine schöne Reaktion. Krisen spülen jedoch erstaunlicherweise bei uns als Kirche oft nicht etwa Gottvertrauen an die Oberfläche, sondern ein erhöhtes Bedürfnis nach klärenden Grenzen, nach Mauerbau. Nicht selten sind unter der gottgefälligen Oberfläche verschiedene persönliche Ängste auszumachen. Dabei wäre es unglaublich kraftvoll, der Furcht die Liebe entgegenzuhalten. Krisen sind für uns als Kirche die Chance, zu dem zu werden, wozu wir bestimmt sind: ein hoffnungsvolles Licht. Wir täten gut daran, unsere Hoffnung nicht auf irgendwelche goldenen Kälber, Sicherheitsmauern und dogmatischen Listen zu setzen. Sondern auf den, der unser Halt ist und uns in die Weite führt (vgl. Psalm 18).$

Andreas «Boppi» Boppart ist Theologe und Autor, Leiter von Campus für Christus Schweiz und Mitglied des Leitungsteams von Agape Europe. Er mag das Gefühl von Sicherheit, das davon ausgeht, dass immer ein Pack Paprika-Chips von Zweifel im Haus ist.

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