Wie im Himmel, so auf Erden. Die Worte aus dem Unservater rühren von jeher eine tiefe Sehnsucht in mir an. Nicht nach überwältigenden Emotionen, sondern nach der schlichten Begegnung mit Christus. An ihr hängt alles. Wo er erscheint, öffnet sich der Himmel, erwachen Menschen zum Leben und zu begeisterndem Glauben.
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Es gibt diese «Jesus nut», die Jesus-Mutter, die bei manchen Helikoptermodellen alles zusammenhält. Bricht sie, löst sich der Hauptrotor vom Hubschrauber – und man kann nur noch «Jesus» beten. Für mich ein starkes Bild, wofür Jesus eigentlich steht.
Jesus ist der Brennpunkt göttlichen Wirkens. Nirgendwo sonst hat sich Gott so greifbar und nahbar gezeigt wie in Jesus. In ihm ist der Himmel zu den Menschen gekommen, hat der Himmel die Erde geküsst. In und durch Jesus hat sich die göttliche Liebe, die versöhnende und erlösende Kraft Gottes personifiziert. Jesus ist Ursprung und Ziel allen Lebens und aller Lebendigkeit.
Das hat sich schon bei seiner Geburt gezeigt, als die Engel das Lob sangen: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden. Und wo immer Jesus auf dieser Erde seine Füsse hingesetzt hat, hat sich Himmel ausgebreitet, ist etwas vom Frieden, vom umfassenden Shalom Gottes greifbar geworden, wurden Menschen von ihm ergriffen und verwandelt.
Jesus hat seine Nachfolger nicht nur dazu berufen, dafür zu beten, dass Gottes Friedenswille «wie im Himmel so auch auf Erden» verwirklicht wird, sondern auch dazu, selbst Teil dieser Mission zu werden, den Himmel auf die Erde zu bringen – als Gesandte an Christi Statt, als Friedensstifterinnen und Versöhnungsbotschafter. Deshalb hat Himmel auf Erden immer auch mit Mission zu tun, und zwar mit der «Missio Dei», Gottes Mission. Der südafrikanische Theologe David Bosch hat dazu geschrieben, dass Gott in Christus sich selbst in die Welt gesandt hat, die beiden dann den Heiligen Geist und sie schliesslich uns als Kirche. Unsere Existenz als christliche Gemeinschaft in dieser Welt ist deshalb unzertrennlich verwoben mit Mission, mit dem Gesendetsein. Und das ist wunderschön, denn wie Bosch sagt: «Mission hat ihren Ursprung im Vaterherzen Gottes. Er ist sendende Liebe und das ist die tiefste Quelle der Mission. Es ist nicht möglich, noch tiefer vorzudringen: Es gibt Mission, weil Gott die Menschen liebt.»
Doch wer hat es nicht schon erfahren: Unser Einklinken – und besonders das Eingeklinkt-Bleiben – in diese Mission Gottes ist nicht immer einfach. Viele Christinnen und Christen sind im Glauben euphorisch gestartet und irgendwann, ausgebremst durch das Leben, auf einer Insel der Ernüchterung gestrandet.
Schon zu biblischen Zeiten und durch alle Jahrhunderte der Kirchengeschichte hinweg scheint es zur christlichen Glaubensreise dazu zu gehören, dass unser Glaube und unsere Leidenschaft für Gottes Sache manchmal aufs Massivste erschüttert werden. Nichts geht mehr: Der Himmel ist verschwunden, Glauben scheint sinnlos, geschweige denn ein Teilnehmen an Gottes Mission.
Hier können die Nach-Auferstehungsgeschichten eine grosse Hilfe sein. Gefühle wie enttäuschte Hoffnungen, Ängste und Trauer spielen eine grosse Rolle und wir können daran lernen, wie wir mit der Glaubensspannung zwischen Gottes Gegenwart und Abwesenheit umgehen und wie wir zu einer neuen und tieferen Christuserfahrung durchbrechen können.

Meine Lieblingsgeschichte diesbezüglich ist die der Emmaus-Jünger in Lukas 24. Sie zeigt psychologisch und geistlich auf unvergleichliche Art und Weise, welchen Prozess wir durchlaufen müssen, um wieder neu zu leidenschaftlichem Glauben durchzubrechen. Im Buch KREUZREISE – ein Nachfolgekapitel zu KREUZ-WEISE – habe ich die sieben Stationen des Em-maus-Wegs beschrieben, die ich im Folgenden verdichtet festhalte.
Bevor wir den Weg der beiden Emmaus-Jünger betrachten, wage ich die These – wie auch manche kirchliche Traditionen –, dass es sich nicht um zwei Männer, sondern um ein Ehepaar handelte, nämlich um Maria und Kleopas aus Emmaus. Das mag einige Fragen aufwerfen, sprengt aber den Rahmen dieses Artikels. Mehr darüber findet sich in KREUZREISE.

Dass die zwei als Jünger bezeichnet werden, lässt darauf schliessen, dass es sich um zwei Menschen handelt, die diesem Rabbi Jesus nachgefolgt waren, an ihn geglaubt und auf ihn gehofft hatten. Sicher waren sie fasziniert von ihm, vielleicht manchmal auch ängstlich besorgt über das, was sie erlebten. Wohl schwankten sie bei seinen Aussagen dann und wann hin und her zwischen inspiriert und verwirrt. Aber irgendetwas hatte sie zu einem bestimmten Zeitpunkt gepackt. Eine Sehnsucht war geweckt oder gar gestillt worden, weshalb sie entschieden hatten, sich diesem Zimmermann aus Nazareth anzuschliessen. Ein solches Momentum nenne ich «Faszination», eine göttliche Erfahrung, die Menschen dazu bewegt, sich abenteuerlichen Aufbruchsbewegungen mit unbestimmtem Ausgang anzuschliessen.
Und genauso startet fast jede persönliche Glaubensreise – egal, ob christlich sozialisiert oder nicht. Irgendwo im Leben gibt es diese einzelnen Momente oder Lebensphasen, in denen für uns der Himmel auf die Erde kommt. Da wird eine tiefe Faszination gepflanzt. Ich werde ergriffen davon, dass da nicht nur ich bin, sondern auch Er – und damit jemand, der alles menschlich Er-denk- und Erfühlbare übersteigt.

Der junge Glaube ist gespickt mit Hoffnungen aller Art: wie Gott ist, aber auch, wie er sein müsste, wie er einzugreifen hätte. Die Hoffnung darauf, dass er Kriege stoppt, vermeintlich ungute Gesellschaftsentwicklungen korrigiert und die Dinge wieder zurechtrückt. Dass er Machtmissstände korrigiert und Gerechtigkeit wiederherstellt. Dass er die Situation der Armen und Unterdrückten verbessert und die anderen bezahlen müssen. Die Hoffnung, dass er heilt und Gutes tut. Zig Hoffnungen: für mich, meine Familie und für uns als Weltgemeinschaft. Doch dann tut Gott nicht das, was ich will, oder nicht so, wie ich denke, dass er sollte, könnte, müsste.
Immer wieder finden wir uns als Glaubende in Situationen wieder, in denen auf die Faszination die Desillusion folgt. Der Himmel scheint sich zu verfinstern. Unser Bild von Gott wird erschüttert und wir ziehen uns zurück in Richtung unseres Emmaus. In solchen Momenten ist es jedoch wichtig zu realisieren, dass lediglich unser Bild von Gott erschüttert wird und nicht Gott selbst. Man wird ent-täuscht. Sprich: Man sitzt nicht mehr der Täuschung, der Illusion, des selbstkonstruierten Gottesbildes auf. Doch genau solche Erschütterungen und Desillusionierungen können den Himmel auf andere Weise als bisher auf die Erde bringen, weil sie uns helfen, Gott noch einmal ganz neu zu sehen. Klarer. Wahrer. Gesünder.

Zunächst aber erleben Maria und Kleopas ein Absinken in innere Verdunkelung. Als würden ihnen die Augen zugehalten. Die Desillusion führt nicht selten zu etwas, das ich im Emmaus-Weg «Glaubensdepression» nenne. Weil wir nicht zwischen «mein Gott bricht mir weg» und «mein trügerisches Gottesbild bricht mir weg» unterscheiden können, verfallen wir leicht in Resignation, Zynismus oder eben in eine Glaubensdepression, in der es sogar zum kompletten Glaubensverlust kommen kann, weil wir «ihn nicht (mehr) erkennen».
Die anfängliche Faszination ist verschwunden. Wir misstrauen plötzlich unseren Erinnerungen, den Glaubenserfahrungen von früher, dem eigenen Tagebuch. Und werden blind für offensichtlich himmlische Segnungen, für Gottes Gegenwart und Hilfe im Alltag.
Stattdessen zieht uns die Schwerkraft der menschlichen Seele nach unten: mit Zweifeln, mit Suchen nach anderen Erklärungen, mit Sich-nicht-ganz-sicher-Sein, mit Es-schlicht-nicht-glauben-Können. Die Phase der Depression verunmöglicht das Vorwärtsglauben, und die Erinnerung an Gottes Wirken verblasst immer mehr.
Was wäre aber, wenn das «damals» in der Faszinationsphase doch Gott war – er sich mir heute aber anders zeigt? Wenn Gott generationenspezifischer, lebensphasenbezogener und kulturell «angepasster» agiert, als bisher vermutet? In der Phase der Glaubensdepression ist es wichtig, die eigenen Fragen zuzulassen und dabei immer wieder zu sortieren: Was betrifft Gott, was nur mein Gottesbild?

Dabei geht es nicht darum, nur im Kopf die «richtigen» Fragen zu wälzen, sondern in Kontakt mit dem eigenen Herzen und seinen Gefühlsregungen zu kommen. Ich muss gestehen, dass der Zugang zu meiner Innenwelt nicht immer so gut funktioniert wie mein Zugang zur Aussenwelt. Ich brauche oft Zeit – muss wie Maria und Kleopas stehen bleiben –, um wahrzunehmen, was emotional in mir tatsächlich abgeht. Ist diese dunkle Wolke in mir Wut? Frust? Verletzung? Verunsicherung? Oder vielleicht doch einfach nur schlichte Müdigkeit, die sich mit einem starken Hungergefühl verwoben hat? Stehen bleiben, mich ehrlich mit meinen Emotionen auseinandersetzen, sie vor Gott benennen und aussprechen – das ist der Pause-Knopf, der zum Reset-Knopf werden kann, zum Schlüssel für den Neustart, zum Auf- und Durchbruch. Das erinnert daran, wozu Psalm 46,11 aufruft: Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!
Der Moment, in dem Maria und Kleopas still stehen und ihre tieferen Emotionen zulassen und aussprechen, wird zum Anfang ihrer Veränderung. Es ist der erste Schritt, dass der Himmel sich neu zu öffnen beginnt.

Am vermeintlichen Tiefpunkt ihres Lebens finden Maria und Kleopas zu einer neuartigen Begegnung mit Christus. Die hoffnungslose Situation verwandelt sich zu einem Höhepunkt. Als er mit ihnen am Tisch sitzt, werden ihnen die Augen geöffnet und sie erkennen ihn. Das Erkennen geschieht im Moment des Brotbrechens. Wahrscheinlich haben sie da die Wundmale an seinen Händen entdeckt. Es ist ein tiefer Moment der Glaubenserfahrung, der sie völlig verwandelt. Sie erkennen in Christus Gott selbst. Die Geschichte von Maria und Kleopas zeigt, dass wir uns nicht selbst aus unseren Glaubensdepressionstrümmern herausarbeiten müssen, wenn wieder einmal etwas über uns zusammengebrochen ist. Es ist der Auferstandene, der die beiden – und uns – aufsucht.
Deshalb ist es entscheidend und wegweisend, dass wir immer wieder dieses «Bleib doch bei uns!» aussprechen. Dass wir die Beziehung zu Christus immer wieder aktiv angehen. Dass wir von unseren Wunden weg auf seine blicken. Denn in der Relation zu ihm wird die Hoffnungslosigkeit zu Hoffnung, wird das Dunkel zu Licht, bricht der Himmel durch.

Glaube heisst sich erinnern. Und sich wie Maria und Kleopas von Christus selbst erinnern lassen, was über ihn geschrieben steht und was er ihnen – und uns heute – neu aufschliessen möchte. Es ist ein Sich-Erinnern an das, was war, gleichzeitig eine Erinnerung an die verheissungsvolle Zukunft, die zu einem hoffnungsvollen Überzeugtsein führt von dem, was noch kommt. Indem wir uns immer wieder nach der Begegnung mit Christus, mit Gott, ausstrecken, werden unsere Augen geöffnet, und unser Herzensfeuer wird neu entfacht.
Der wesentliche Punkt für einen erfolgreichen Emmaus-Weg hin zu neuer Glaubensleidenschaft steckt genau in diesem unscheinbaren Detail: dass wir uns nicht krampfhaft darauf fokussieren, selbst das Feuer am Leben zu erhalten, sondern die Begegnung mit Jesus zulassen. Es geht nicht um grössere Passion, sondern um tiefere Beziehung. Denn Ersteres ist der natürliche Ausfluss von Letzterem und nicht umgekehrt.

Nun sind Maria und Kleopas nicht mehr zu halten. Das Erfahrene hat in ihnen ein Feuer entzündet, eine Passion, die unweigerlich in Aktion mündet. Sie brechen auf und kehren nach Jerusalem zurück. Man spürt die Transformationskraft ihrer Christusbegegnung auch an der herzbrennenden und furchtüberwindenden Liebe, die sich durch nichts von ihrem Ziel abbringen lässt. Eben noch wollten sie diesen fremden Wanderer vor den Gefahren der anbrechenden Dunkelheit bewahren. Jetzt, erfasst von einer neu erwachten Leidenschaft, vermag sie nichts mehr zu halten, und sie eilen, ungeachtet ihrer eigenen Sicherheit, den ganzen Weg zurück nach Jerusalem. Sie sind auf einer völlig neuen Ebene Zeugen von Jesus, dem Auferstandenen, geworden. Und bringen nun selbst den Himmel auf die Erde.
Das ist auch die Verheissung für die Emmaus-Wege, die Gott uns zumutet: Dass wir schlussendlich zu einer neuen Faszination, zu einem gereiften, leidenschaftlichen Glauben und zu tieferer Liebe finden.
Die Geschichte von Maria und Kleopas zeigt uns, dass es bei Mission letztlich gar nicht so sehr um uns geht, sondern vielmehr um Christus. Mission ist weniger das, was wir tun, sondern vielmehr das, was er ist. Das Herzstück der Mission ist in Gottes sehnsüchtig liebendem Herzen verankert. Es ist seine Mission in dieser Welt, an der wir teilhaben dürfen – in einer gesunden und geheimnisvollen Verwobenheit zwischen seinem Tun und unserem.

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