«Eigentlich wollten wir den Studierenden in der Schweiz helfen – mit Lerntipps. Das war 1992. Seither haben wir das Seminar ‹Erfolgreich studieren› und ‹Erfolg in der Schule› weltweit 220 000 Lehrpersonen, Studierenden, Schülern und Eltern vermittelt. Dadurch hat sich an afrikanischen Hochschulen die Erfolgsrate der Absolventen teilweise verdreifacht. Ich erzähle an den Lernseminaren auch immer vom Wert, den wir bei Gott haben – unabhängig von unseren Leistungen – und vermittle dadurch Gottes Liebe.» Urs Wolf

Urs Wolf hat die Lernseminare mit seiner Frau Heidi entwickelt. In 40 Ländern werden die Lernseminare inzwischen angeboten.

1973 lernt die Schweiz nicht nur, dass man Möbel in flachen Kartons kaufen und selbst zusammenschrauben kann. Im selben Jahr lernt ein junges Schweizer Ehepaar (Ben und Barbara Jakob) auf seiner Hochzeitsreise die Arbeit von Campus für Christus in den USA kennen. Die Einfachheit, den persönlichen Glauben mit anderen zu teilen, war für sie genauso attraktiv wie für viele, die neue Art Möbel zusammenzubauen. Daraus entstand der Verein Campus für Christus Schweiz, eine christliche Non-Profit-Organisation, mit Sitz in Zürich. Es ist der Start einer Bewegung, die heute mit Projekten in der Schweiz und in über 90 Ländern weltweit Gottes Liebe in Wort und Tat weitergibt.

50 Jahre für Christus – geblieben ist die Leidenschaft

Ein halbes Jahrhundert sollte richtig gefeiert werden. Am 18. November 2023 in THE HALL, Dübendorf, sind alle Interessierten herzlich eingeladen, mit Campus für Christus einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Von Beginn an entwickelte sich eine Geschichte, die voller Leidenschaft, Hoffnung und Glaube in einen Gott, der sich um jede und jeden Einzelnen kümmert, von jungen Studierenden erlebt wurde. Daraus entstand der Wunsch, gemeinsam mit den lokalen Kirchen Orte zu schaffen, in denen Menschen diesem Gott begegnen können. HP und Vreni Nüesch übernahmen 1978 die Leitung von Campus für Christus. Sie initiierten die Aktion «Neues Leben», die Kirchen aus allen Denominationen belebte. Dadurch entstanden verschiedene Initiativen, die den Glauben der Bevölkerung nahe brachten. Die acht Grosskonferenzen «Explo» gaben Christinnen und Christen über die letzten fünfzig Jahre die Möglichkeit, Einheit in Christus zu erleben. Für zahlreiche Besuchende wurden diese Events über das Neujahr mehr als eine Neujahrs Resolution. Viele erlebten einen Ruf in die Nachfolge und erhielten nebst einer Vision auch eine persönliche Berufungen, Gottes Reich in ihrem Umfeld zu leben. Die Dynamik der ersten Jahrzehnte lässt sich wohl am besten in den Worten von Peter Höhn, Autor und seit 41 Jahren Mitarbeiter bei Campus für Christus, zusammenfassen: «Geblieben ist die Leidenschaft: Bei Campus für Christus Schweiz haben wir in den 50 Jahren viel Aufwind, aber auch Umbrüche und Krisenzeiten durchlebt. Jede Phase brachte neue Chancen, aber auch manche Baustelle, die uns als Organisation beschäftigten. Geblieben ist die Leidenschaft, Christus immer neu auf ganzheitliche und zeitgemässe Art den Menschen nahezubringen.»

Es geht am Jubiläum aber nicht nur darum, dankbar zurück zu blicken, sondern ebenso hoffnungsvoll vorwärts zu staunen. Der Release von« Kreuzweise» ist nur ein Bestandteil des Programms, der diesem Staunen Raum schaffen wird. «Kreuzweise» ist ein mit Kunst und Musik verwobenes Buch, das zentrale Themen verarbeitet, die Campus für Christus über die letzten Jahre bewegt haben. Es ist in Zusammenarbeit von Andreas «Boppi» Boppart (Leiter Campus für Christus) und Central Arts entstanden.

Einheit in Vielfalt für Menschen weltweit

Als Dachorganisation beherbergt Campus für Christus Brands und Ministrys, die auf vielfältige Art mit der und durch die lokale Kirche die gute Botschaft von Jesus Christus sichtbar und erfahrbar machen. Die Zielgruppen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft waren in der ersten Dekade vor allem Studierende, Spitzensportler, lokale Kirchen und klassische Musik. In den letzten Jahren haben sich Familien, Teenager, Flüchtlinge, Kunstschaffende in der Popkultur, Partytouristen am Ballermann und benachteiligte Menschen weltweit dazu gesellt. Die Bandbreite dieser Non-Profit-Organisation mit 123 Mitarbeitenden in der Schweiz und im Ausland kann verwirrend wirken. Verbindend ist und war schon immer der gemeinsame Auftrag, die Liebe Gottes an unbekannte und bekannte Orte hinauszutragen und Räume zu schaffen, in denen Gott erfahrbar wird. Mit Expertise in verschiedenen Fachgebieten, Begeisterung und einer Reich-Gottes-Sicht tragen sie gemeinsam diese christuszentrierte Hoffnung in die Welt hinein. So hat Campus für Christus mit viel Know-How in der Traumabewältigung in den letzten Jahren online und in Krisengebieten vor Ort Menschen ausgebildet.

Explo – ein Grossanlass mit Konsequenzen

Ein wichtiger Bestandteil aller Ministrys ist die Zusammenarbeit mit Christinnen und Christen aus allen Traditionen. Die missionsgeprägte Einheit ist auch am Grossevent «Explo» ein Herzensanliegen. Die Anlässe finden in unregelmässigen Abständen statt und haben in der Vergangenheit Tausende von Teilnehmenden über Neujahr in ihrem Glauben gestärkt. Dadurch entstanden im Nachgang neue Projekte, neue Organisationen oder einfach persönliche Berufungswege. Die nächste «Explo»ist in Planung und soll Ende 2025 stattfinden.

Mehr über uns

Ben Jakob war ab Stunde eins dabei – als Gründer und Leiter während der ersten zehn Jahre Campus für Christus Schweiz (1973–1983). Eine persönliche Rückschau auf die Anfänge von Campus und was «für Christus» heute, nach all den Jahren, immer noch für ihn bedeutet.

Ben, welche Projekte und Bewegungen hast du bei Campus für Christus miterlebt und mitgestaltet? 

Wir haben Schulungskurse für persönliche Evangelisation und «Vom Glauben reden lernen» für Hunderte von Kirchen und Gemeinden entwickelt sowie nebst professionellen Werbekampagnen die landesweite «Aktion Neues Leben» lanciert. Meine Frau Barbara gründete 1983 mit vielen ehrenamtlichen Helferinnen die missionarischen «Frühstückstreffen» von Frauen für Frauen mit jeweils bis zu 1000 Teilnehmerinnen. Auch ist es in den 1980er-Jahren gelungen, den Jesus-Film in die Kinos in allen grösseren Schweizer Städten zu bringen. Eine Blick-Schlagzeile in einer der Karwochen damals lautete: «JESUS auf Platz 1 in den Schweizer-Studio-Kinos!» Alle Besucherinnen und Besucher erhielten an der Kinokasse zusätzlich zum Billett das Film-Script (Lukas-Evangelium) mit Antwortkarten für persönliche Gespräche.

Wie hast du Campus in seinen Anfängen erlebt? Welche Hochs und Tiefs begleiteten dich?

Campus für Christus erlebte ich als Schulungsorganisation für christliche Kirchen und als «Impulsgeber für missionarische Basisbewegungen», primär als «Multiplikator» für bestehende Gemeinden und christliche Zielgruppen-Organisationen. Und im Unterschied zu heute, alles mit wenigen Vollzeitern und Arbeitszweigen.

Schwierig war in der Anfangsphase, dass Campus für Christus bei den Medien und manchen Theologen als eine Art «Ableger» einer fundamentalistischen Organisation aus den USA wahrgenommen wurde. 

Zu den Hochs gehörte sicher die «Aktion Neues Leben», über welche der Tages-Anzeiger am 24. April 1982 ausführlich berichtete: «Einer der grössten Laienbewegungen unserer Tage: 10 000 Christen aus allen Kirchen arbeiten mit (…) Im Taschenbuch erzählen 16 Menschen aus allen Schichten in Erlebnisberichten, wie sie durch Jesus Christus ein neues, sinnvolles Leben gefunden haben …»

Was hat deiner Meinung nach «für Christus» fürs Werk damals bedeutet?

Es hat bedeutet, möglichst die zentralen Aussagen von Christus im Gespräch mit suchenden Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und dabei Christen aus allen Kirchen und Gemeinden für diese Glaubensgespräche von Mensch zu Mensch zu motivieren.

Und was bedeutet «für Christus» für dich heute ganz persönlich?

Ich verstehe mich als «Follower of Jesus» – für Christus und gleichzeitig für Menschen zu sein, und zwar unabhängig ihrer politischen und theologischen Standpunkte, der gesellschaftlichen und sexuellen Orientierung. Im Sinne von Augustinus: «Im Wesentlichen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem aber Liebe!» 

Was wünschst du Campus für Christus für die Zukunft?

Dass Campus vermehrt die Zusammenarbeit mit den evangelischen und katholischen Landeskirchen sucht und gemeinsam mit ihnen (und etwa dem «Zentrum für Glaube & Gesellschaft» an der UNI Fribourg) ein innovatives Angebot entwickelt, das kirchendistanzierte Menschen in der heutigen postmodernen und digitalisierten Gesellschaft erreicht, um auf Augenhöhe über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Also eine Art «Vom Glauben reden lernen 4.0» mit Praxisbezug, wie es damals bei der «Aktion Neues Leben» gelungen ist.

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Ben Jakob wechselte 1983 zum Regionalleiter für Zentraleuropa und war bis 1987 Mitglied des Leitungsteams von Campus Europa. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt mit der Familie in Deutschland, u. a. als Koordinator für das Projekt «Neu Anfangen – Christen laden ein zum Gespräch» und als Medienbeauftragter für das «Jahr mit der Bibel» 1993, war er von 1993 bis 2004 CEO der internationalen Hilfsorganisation World Vision Schweiz. Heute arbeitet Ben als Marketingberater für Non-Profit-Organisationen und als Leadership-Coach bei «peoplefocus», der Firma seiner Frau.

Vor 50 Jahren begann die Reise von HP und Vreni Nüesch mit und bei Campus für Christus Schweiz. Die beiden haben tiefe Spuren hinterlassen. Im gemeinsamen Gespräch geben sie Einblick in ihre Erfahrungen und Hoffnungen.

Alles begann 1973 mit dem «Kurs für ansteckendes Christentum» in Amriswil, an dem HP und Vreni teilnahmen. Heute würde wohl ein solcher Kurstitel für mehr Fragen als für Anmeldungen sorgen, aber jene Tage – das persönliche Erfahren der Kraft des Heiligen Geistes und das Miterleben, wie Menschen in der Folge Jesus in ihr Leben einluden – weckten eine Sehnsucht in dem damals noch jungen Ehepaar, die bis heute spürbar ist. Wenn Vreni und HP über ihre erste Zeit als Mitarbeitende bei Campus für Christus erzählen, leuchten ihre Augen und sie strahlen grosse Freude und Dankbarkeit aus für all das, was sie in den fünf Jahrzehnten bei Campus für Christus erleben und teilen durften.

Erwecklich. Geisterfüllt. Lebendig.

1976 liessen sich die beiden als vollzeitliche Mitarbeitende zu Campus für Christus berufen. Es war die Entscheidung gegen eine vielversprechende Karriere in der Wirtschaft und im Familienbetrieb und für ein Leben als «Missionare» in einem kleinen Werk mit grossen Ambitionen. Seine unternehmerische Energie brachte HP zunächst bei der Gründung der Arbeit unter Studierenden ein, später in der «Aktion Neues Leben», bei mehreren EXPLO-Konferenzen, bei Pionierprojekten im Ausland und als Programmverantwortlicher bei Christustagen.

Mit drei grossen Zielen übernahm HP 1983 die Leitung von Campus für Christus, die ihn und Campus für Christus über 30 Jahre lang bewegen und antreiben sollten: (1) In jedem Ort der Schweiz sollten erweckliche Gemeinschaften entstehen, (2) geisterfüllte Leiterinnen und Leiter in allen Bereichen der Gesellschaft gefördert und (3) geistliche Ströme in Form von Know-how, Menschen und Finanzen freigesetzt werden. Zu diesen drei Zielen kam im Laufe der Zeit die Förderung der Einheit unter Christinnen und Christen als weiteres wichtiges Ziel dazu, das Campus für Christus in der Schweiz wesentlich prägen sollte. «Denn mir wurde bewusst, dass die ersten drei Ziele nur in Gemeinschaft mit dem ganzen Leib Christi erreicht werden könnten. Nicht zuletzt sollten die EXPLO-Konferenzen dazu dienen», so HP.

Wenn HP von seiner ersten Begegnung mit Pfarrer Ernst Sieber und Weihbischof Martin Gächter erzählt, blitzt sie wieder auf, diese Leidenschaft für Einheit von Christinnen und Christen aus unterschiedlichen Traditionen und Denominationen. Als Vorreiter bereiteten HP und Vreni zusammen mit anderen den Weg, auf dem sich Campus für Christus auch heute noch für das Miteinander der Kirchen in der Schweiz einsetzt.

Besondere Highlights feiern …

Ein erstes Highlight war die «Aktion Neues Leben», durch die in den 1980er-Jahren über 3000 Bibel-Gesprächskreise entstanden sind. Vreni erinnert sich gerne an diese Zeit: «Bis heute hören wir, was die ‹Aktion Neues Leben› bewegt hat. Tausende Christen haben sich aktiv beteiligt. Hunderte von Gebetsseminare und Kurse über ‹Vom Glauben reden lernen› wurden landauf landab durchgeführt. Und überall hingen Plakate ‹Neues Leben – schon gefunden?›». 

Über die Jahre hinweg konnten verschiedene Ministries gegründet und Dienste in vielen Ländern gestartet werden. Immer wieder betonen die beiden, wie Gott sie im Lancieren von neuen Diensten und Projekten mit offenen Türen überrascht hat. Die Dankbarkeit darüber, all das miterlebt zu haben, und die Faszination für das einende und kraftvolle Wirken des Heiligen Geistes sind bis heute gross. Ein Highlight, das sich auf besondere Art in die Geschichte der Nüeschs eingebrannt hat, ist der Christustag 2004: «Zweimal brach die Sonne durch, als am 13. Juni die Fahnenträger der (damals) 2786 politischen Gemeinden und die 117 Nationalflaggenträger das Fussballfeld im Basler Joggeli betraten. Es war, als würde Gott uns damit seine Freude darüber zeigen, dass Christinnen und Christen sich dazu verpflichten, fortan für ihre Mitmenschen zu beten und sie unter den Segen Gottes zu stellen.»

… und aus schmerzhaften Momenten lernen

Aber es gab auch schwierige Momente, bei denen Campus für Christus Gefahr lief, von einer lebendigen Bewegung zu einer toten Maschine zu mutieren. Alles schien äusserlich gesehen zu funktionieren, aber das innere Feuer fehlte. Da half es, das geplante Programm zu streichen und gemeinsam im Gebet auf Gottes erneuerndes Wirken zu warten – was dann auch, Gott sei Dank, nicht ausblieb. 

Zuweilen fühlten sich Nüeschs zu Unrecht angegriffen, weil sie mit Campus für Christus gewisse Glaubensgeschwister unterstützten, die nicht zum evangelikalen Mainstream gehörten. «Gott lehrte uns, nicht selbst zu kämpfen oder uns zu verteidigen, sondern ihm die Sache zu übergeben und die Menschen unter seinen Segen zu stellen.» In dieser Zeit entstand das Motto, das HP seitdem begleitet: Lobe Gott. Segne Menschen. «Auch wenn mir das nicht zu 100 Prozent gelungen ist, versuche ich auch heute noch, danach zu leben – es hat sich hundertfach bewährt.»

In den Anfangsjahren gab es auch Situationen, in denen man statt auf Gott mehr auf die Stimmen von Mitchristen hörte, die meinten, dies oder jenes sei so gesegnet gewesen, dass man es unbedingt wiederholen sollte. Manchmal sei sicher auch ein wenig Stolz im Spiel gewesen, wenn er zu wenig nach Gottes Willen gefragt habe, so HPs ehrliche Bilanz. Später habe man in der Missionsleitung vor wichtigen Entscheidungen immer eine Zeit des hörenden Gebets eingelegt und Gott um seine Bestätigung gebeten. «Das hat uns vor manchen Fehlern bewahrt.»

Vertrauensvoll demütig

Mit einem freundlichen Grinsen sagt HP dann: «Vielleicht war es mein wichtigster Beitrag bei Campus für Christus, alles zu tun, um dem Wirken des Heiligen Geistes nicht allzu sehr im Weg zu stehen», und fügt dann mit einem ernsteren Ausdruck hinzu: «Leider ist es dann doch hie und da vorgekommen, dass ich Gott nicht vertraute oder mein allzu menschlicher Verstand mir in die Quere kam.» Genau solche Momente lehrten den sonst so selbstbewussten Leiter und Macher zwei wichtige Dinge: Vertrauen und Demut. Gott habe sich nie um HPs Pläne gekümmert, sondern ihn die Spannung zwischen Abwarten und Aktivwerden auszuhalten gelehrt. So sind Ministries wie FAMILYLIFE, Crescendo oder auch die Diplomatenarbeit nicht dann entstanden, als HP es geplant hatte, sondern als Gott es für richtig erachtete.

«Campus für Christus soll ein Katalysator für das Entstehen von geistlichen Bewegungen sein», sind HP und Vreni überzeugt. Deshalb sei die Eigenschaft, Spannungen aushalten zu können, entscheidend. Den richtigen Moment und die offenen Türen abzuwarten, wann es Campus-Energie braucht, damit geistliche Ströme freigesetzt werden können, die auch über die Schweizer Landesgrenzen hinausgehen.

Leben für, Sehnsucht nach Christus

Während HP und Vreni in all der Zeit Campus für Christus mitgeprägt haben, wurden sie selbst durch Christus, für den sie voller Begeisterung und mit grossen Erwartungen vorangingen, verändert, herausgefordert und belebt. Und genau das wünschen die beiden Campus für Christus für die Zukunft: In aller Arbeit soll es um Christus und sein Versöhnungswerk am Kreuz gehen, das unbedingt im Zentrum bleiben muss. Dazu gehöre auch die Demut, anzuerkennen, dass Campus für Christus als Missionsbewegung nur ein kleiner Teil eines viel grösseren Projektes Gottes ist. «Es geht immer um Christus, nicht um Campus.» Vreni und HP sind dankbar, dass Gott Campus für Christus unter der Leitung von Boppi mehr denn je auf wunderbare Weise braucht. Die Sehnsucht nach immer mehr von Christus ist offensichtlich, und dazu können beide nur «Amen» sagen.

Andreas «Boppi» Boppart leitet seit zehn Jahren Campus für Christus Schweiz. An der Organisation begeistert ihn die lebendige Dynamik bei gleichzeitiger Beständigkeit und Bodenhaftung – und dass es dabei immer um Menschen und «für Christus» geht, selbst wenn sich im Laufe der Jahrzehnte im Ausdruck manches verändert hat.

Boppi, du bist 2004 als Mitarbeiter zu Campus für Christus gekommen, 2013 hast du die Leitung übernommen. Was ist das für eine Organisation, die dich offenbar so fasziniert?
Bei Campus begegne ich Menschen, die vorwärts träumen. Die Grundstimmung ist pulsierend, «vibrant», wie man auf Englisch so schön sagt. Da wird auf eine gesunde Art euphorisch und gross geglaubt, und gleichzeitig setzt man die Dinge konkret um. In all den Jahren hatte ich nie das Gefühl, etwas sei für immer gesetzt oder wir wären irgendwo stehen geblieben. Pionierhaft brachen immer wieder neue Dinge auf. Gleichzeitig ist die Organisation sehr stetig. Diese einzigartige Kombination aus Abenteuerlust und Konstanz löst nach wie vor eine grosse Anziehungskraft auf mich aus. Unser Auftrag hat sich über die Jahrzehnte zwar gewandelt und in eine faszinierende Breite entwickelt, aber das für Christus ist dabei immer zentral geblieben. Campus bildet Ministries, die Gottes Liebe abbilden und es Menschen ermöglicht, Christus zu begegnen.

Hast du spezielle Erinnerungen an einzelne Initiativen?
Immer wieder durfte ich erleben, wie die Nähe zur Aktualität und die Beweglichkeit der Organisation eine ihrer Stärken ist. Jüngst haben wir das in Zusammenhang mit der Nothilfe in der Ukraine erlebt. Die Mitarbeitenden von Campus Ukraine baten um Hilfe, da sie Menschen aus den Gefahrenzonen herausholen wollten und Autos dafür benötigten. Innerhalb weniger Tage fuhren wir los und brachten aus der Schweiz kleine Busse, die fortan Menschenleben retteten. Auch als das Erdbeben die Türkei erschütterte, waren wir sofort mit geschultem Personal vor Ort. Mit einem internationalen Team machten wir uns daran, Tiny Houses als Unterkünfte zu errichten. Aber auch der Internetbereich, wo wir mit
«MyStory» oder «Mini Gschicht mit Gott» an den Start gingen und dabei zu Tausenden Christen und ganze Gemeinden darin schulen konnten, wie man den eigenen Glauben formulieren kann. Das sind nur einige Beispiele unter vielen. Wir sind nicht statisch und doch stetig.

Als du vor zehn Jahren Leiter wurdest, hattest du da Vorstellungen, Pläne und Träume für die Zukunft von Campus?
Ich wünschte mir, dass die Bewegung «auf Jesus zu» nicht abreisst – mit Beiträgen unsererseits, aber auch selbstverständlich losgelöst von Campus. Ich träumte auch davon, dass in Europa etwas aufbrechen würde. Als wir THE FOUR starteten, wollten wir das Ministry in hundert Ländern sehen, nicht nur bei uns. Tatsächlich zeigte dieser Arbeitszweig einen unglaublichen multiplikativen Effekt. Bis dato gibt’s THE FOUR als eigenständiges Ministry in 43 Ländern, und via unsere Partner von Global Outreach Day wurden die Flyer und Armbänder rund um den Globus in teils schwindelerregenden Massen eingesetzt. Aber ich habe keine Campus-Bucket-List. In der Entscheidungsfindung lasse ich mich oft von Beziehungen und Herzensimpulsen leiten. Die wirklich erfolgreichen Dinge bei Campus waren oft die ungeplanten, in die wir aufgrund ihrer Notwendigkeit quasi hineingestolpert sind. In der Geschäftsleitung und auch in den Ministryteams machen wir natürlich schon unsere Pläne, aber es sind am Schluss Menschen, die Dinge rund um ihre Persönlichkeit und Leidenschaft herum anschieben. Und im besten Falle Gott, der uns etwas zufallen lässt.

Gab es Überraschungen, unerwartete Wendungen?
Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir Christinnen und Christen immer mal wieder in so grosse Spannungen geraten. Das war und ist eine sehr unangenehme Überraschung, und manchmal denke ich, dass schon viel erreicht ist, wenn wir am Ende unseres Lebens immer noch an Gott glauben – trotz uns Christinnen und Christen.
Als Organisation haben wir auch Initiativen lanciert, die nicht oder noch nicht gegriffen haben, zum Beispiel die Hub-Strategie. Wir wollten an einzelnen Standorten in der Schweiz Bürogemeinschaften gründen, die gleichzeitig auch Begegnungsorte sind, wo das Leben pulsiert und die es Aussenstehenden ermöglichen, ein Stück Weg mit uns als Campus-Community zu gehen. Das verläuft alles sehr schleppend – auch, weil wir von Corona stark ausgebremst worden sind. Wir sind nicht an dem Punkt, an dem wir sein möchten. Solche Situationen brauchen weise Entscheidungen, ein Hinschauen, ob wir etwas falsch machen, ob wir etwas verändern müssen oder ob es einfach nochmals eine Runde Geduld braucht.Das sind herausfordernde Leiterschaftssituationen.

Der Begriff Campus steht für die erste Zielgruppe, welche die Gründer im Blick hatten: die Studierenden, die man mit dem Evangelium erreichen wollte. Weitere Zielgruppen kamen über die Jahre hinzu. Was denkst du, passt dieser Ansatz noch?
Ich glaube, das ist nach wie vor ein guter Ansatz, weil er uns hilft, sowohl spezifisches Material zu entwickeln als auch auf Menschen zuzugehen. Wir wählen ja nicht eine Zielgruppe aus, um andere zu diskriminieren oder auszuschliessen. Vielmehr kommen immer wieder Mitarbeitende zu uns, die einen besonderen Zugang zu einzelnen Gruppen haben, etwa zu Diplomaten oder jüngst mit dem Anliegen, etwas zu unternehmen für
Frauen, die in Menschenhandel geraten. Wir haben in der Schweiz Subkulturen, die wir mit unseren Gemeinden nicht erreichen. Gerade viele der Migrantinnen und Migranten finden keinen Zugang zu einer gutbürgerlichen Schweizer Gemeinde. Da müssen wir in Zukunft unbedingt noch zulegen, Subkulturen identifizieren und Menschen finden, die einen Zugang zu diesen Subkulturen haben. Bei Campus haben wir offene Türen für Mitarbeitende, die hier pionierhaft Projekte starten wollen.

Wie sieht «für Christus» heute bei Campus aus?
Wir sind Teil eines Prozesses, der sich in den vergangenen Jahrzehnten in evangelikalen Bewegungen vollzogen hat und in dem sich verschiedene Ausprägungen im Glaubensvollzug entwickelten. Es geht im Wesentlichen darum, wie der evangelistische und der soziale Zugang zu sehen und zu gewichten sind. Bei Campus Schweiz leben wir diese beiden Aspekte nebeneinander seit den 1990er-Jahren, als wir in Nordkorea unsere Landwirtschaftsprojekte starteten. Wir sehen das ganze Evangelium für die ganze Welt, nichts weniger. Soll heissen, Erlösung beruht nicht nur auf dem Seelenheil des Einzelnen, sondern schliesst die ganze Schöpfung mit ein. Wir haben den Auftrag, das Evangelium ganzheitlich zu leben und zu verkünden. Ansonsten haben wir als Christinnen und Christen keine Glaubwürdigkeit. Mit «dimensionX» (dimension-x.com) haben wir übrigens ein spielerisches und dialogisches Kursmaterial für Kleingruppen erstellt, um der Frage
nachzugehen, was um Himmels willen denn das Gute an der Guten Nachricht ist.

Deine Hoffnungen und Träume für die Zukunft von Campus?
Die geplante EXPLO Ende 2025, mit der wir wieder ins Miteinander rufen, löst Hoffnung in mir aus. Ich träume davon, dass wir Christinnen und Christen konfliktfähiger werden, dass wir grosszügiger verschiedene Meinungen stehen lassen können und trotzdem dem gleichen Christus nachfolgen. Ich wünsche mir, dass wir lernen, Spannungen auszuhalten, statt sie ständig auflösen zu wollen. Der gemeinsame Auftrag als Teilhabende an der «Missio Dei» – Gottes Mission zur Erlösung dieser Welt und der Menschen – ist so gross, dass es schade wäre, wenn wir uns weiterhin nur mit uns selbst beschäftigten.

Wie kann das gelingen?
An den theologischen Fragen kristallisieren sich die Dinge zwar, aber vieles ist auch eine Kulturfrage. Intern bei Campus gestalten wir eine «Generous Orthodoxy»-Kultur: Ich darf meine klare Lehrmeinung haben und muss die auch nicht ändern. Gleichzeitig kann ich in einer Grosszügigkeit andere Überzeugungen stehen lassen, ohne sie damit gutheissen zu müssen. Das ist ein hoher Anspruch, der persönliche Demut erfordert. Wir wollen ein Profil schärfen, bei dem wir Menschen auf Christus hinweisen – die Menschwerdung Gottes, seine Auferstehung und die Möglichkeit einer Hinwendung zu ihm – und daneben eine grosse Weite in den dafür nicht zentral wichtigen Themen leben. Ich glaube, wir müssen lernen, einander zu erkennen und nicht bei der Angst vor dem anderen stehen bleiben. Dazu gehört, dass wir einander zuhören müssen. Als Organisation haben wir diesbezüglich Austauschgefässe geschaffen, in denen wir unter anderem anders denkenden Menschen Raum geben. Das war schon immer Usus bei Campus – vor drei Jahrzehnten etwa mit der ganzen charismatischen Dynamik rund um das Wirken des Heiligen Geistes. Da haben wir als Werk auch «wilde Leute» zu uns eingeladen und ihnen zugehört – nicht naiv, aber unbedarft und lernend. Wir hören hin mit der Frage: «Wo ist Gott da drin in diesen neuen Strömungen?» Im besten Fall sind diese Dinge ja auch Hinweise von Gott, mit denen er uns eine Einseitigkeit oder ein Ungleichgewicht aufzeigt, wo wir gesunden können. Wir müssen das in der Folge ja nicht 1:1 so übernehmen. Als Campus ist uns das immer wieder zum Segen geworden. Und natürlich hat uns geholfen, dass wir mit so vielen Christinnen und Christen weltweit quer durch alle Kulturen und Nationen hindurch unterwegs sind, genauso aber auch durch alle Gemeinden und Kirchen.

Zum Schluss: Was hast du ganz persönlich neu gelernt über Gott in den letzten Monaten?
Neu entdeckt habe ich beispielsweise, dass Mission stark mit «Präsenz» verknüpft ist. Das ist mir beim Studium von Theologen der Südhalbkugel und bei der Bildbetrachtung einer indischen Dalit-Malerin aufgefallen. Oft hat «Neues an Gott entdecken» auch damit zu tun, dass ich an mir und in mir drin etwas Neues entdecke. So hat das Studieren der Missionsgeschichte und der Kreuzestheologie in den letzten Monaten meine eigene Begeisterung für Christus und das Kreuzgeschehen neu entfacht. Nicht in einer reduzierten Form, in der man nur noch Jesus und das Kreuz sieht, sondern so, dass sich mir, durch Christus und das Kreuz blickend, so vieles am christlichen Glauben überhaupt erst erschliesst. Als würde man durch ein Schlüsselloch in eine wunderbare Welt hineinsehen – oder durch einen Schrank nach Narnia gehen. Meine persönliche Erfahrung ist, dass sich das Leben nicht einfach nur linear, sondern irgendwie spiralförmig zu entwickeln scheint. So gelange ich über all die Jahre immer wieder an den Punkt, an dem ich mich mit all meinem Glauben einfach bei Christus wiederfinde. Früher war das in eine grosse Naivität eingebettet, heute in ein sehr viel komplexeres Glaubens- und Denkkonstrukt. Trotzdem lande ich immer wieder staunend bei Christus, der von sich sagt: «Wer mich sieht, sieht den Vater.» In den Worten des evangelischen Theologen Ralph Kunz wäre das wohl «die höhere Naivität» – ein Ausdruck, der mir sehr gefällt.

Christus ähnlicher zu werden, ist ein lebenslanger Prozess, der eine ehrliche Selbstreflexion voraussetzt und wohl auch in der Ewigkeit noch nicht abgeschlossen sein wird. Die zentrale Frage, die wir uns als Christinnen und Christen dabei immer wieder stellen sollten, ist: Welchem Jesus folge ich nach?

Wenn ich bei meinem Navi auch nur einen einzigen Buchstaben falsch eingebe, kann ich mein Ziel um Hunderte von Kilometern verfehlen, wenn nicht Tausende. Damit wäre ich nicht der erste. So viele Menschen schiessen aus einem ähnlichen Grund mit ihrem Glauben an der ursprünglichen Idee von Gott vorbei. Mahatma Gandhi, der Kopf der indischen Unabhängigkeitsbewegung, sagte einmal: «Ich mag euren Christus, aber ich mag eure Christen nicht. Eure Christen sind Christus gar nicht ähnlich.» Damit trifft er leider ins Schwarze, tendieren wir doch allzu oft dazu, einem einseitigen Jesus nachzufolgen. Das, was oft zu voreingenommenen und manchmal auch ungesunden Glaubensauswüchsen führt, sind Reduktionismus und Verkürzungen in unserem Gottes- respektive Jesusbild, derer wir uns nicht bewusst sind. Es ist daher entscheidend für einen gesunden Glauben, dass wir unseren «Zweidrittel-Jesus», wie ich es nenne, ganz werden lassen. Erst dann kann er seine Wirkungskraft ungehindert in diese Welt hinein entfalten.

Der «Zweidrittel-Jesus»

Rund um die Welt haben Menschen ein Bild von Jesus – wobei diese Bilder manchmal einen bestimmten Aspekt von ihm überbetonen und folglich seine wahre Persönlichkeit verzerren. Jesus als ein strenger, humorloser Polizist, der darauf achtet, dass unser Leben innerhalb der Anti-Spass-Markierung verläuft. Oder ein kleiner Che Guevara, der rebellisch die Mächtigen bekämpft und die Gesellschaft umstürzen will. Vielleicht auch ein Gnade-überströmender Pazifist, der überall Blümchen und Peace-Parolen an die Häuser sprayt und jeden in den Himmel liebt. Oder er ist ein süsses Christkind geblieben, das mit leuchtendem Gesicht nach wie vor in der Krippe liegt und nie erwachsen wird. Die einen machen ihn so heilig, dass er ein paar Meter über dem Boden schwebend nichts mehr mit ihrem Alltag zu tun hat – weit entfernt umkreist er ihr Leben wie ein Satellit die Erde. Andere entziehen ihm wie mit einer geistlichen Vakuumpumpe den letzten Hauch Göttlichkeit und haben dann einfach noch den philosophierenden, historisch flachgestrichenen Jesus – wie bei einer ausgedrückten Zahnpasta-Tube. Beides macht ihn für unser persönliches Leben gleichermassen unbedeutend.
Unsere Jesus-Variationen mögen auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch sein. Man hat einfach Vorlieben für bestimmte Eigenschaften von ihm. Es kann sein, dass wir uns in die Zweidrittel von Jesus verliebt haben, die uns von unserer Persönlichkeit und Geschichte her gerade am nächsten liegen. Aber ich bin überzeugt: Man kann den gerechtigkeitsliebenden, konsequenten «Ich peitsch alle aus dem Tempel raus, die diesen entweihen»-Jesus nur verstehen, wenn man den ganzen Jesus sieht. Denjenigen, der in vollendeter Hingabe selbst für die Menschen am Kreuz gestorben ist, die ihn ans Holz genagelt haben. Umgekehrt gilt das natürlich ebenso. Es lohnt sich daher, sich auf die Suche nach dem ganzen Jesus zu machen und sich nicht vorschnell mit dem Zweidrittel-Lieblings-Jesus zu begnügen.

Die «Sanftverdrehung»

Es gehört zum Urproblem der Menschheit, dass wir uns falsche Bilder über Gott basteln, um so «besser» zu leben. Schon die Psalmisten in der Bibel scheinen diese Tendenz zu haben. Wenn einer seiner Sehnsucht Ausdruck verleiht und hoffnungsgequält einen Feinde-zerstörenden Gott besingt, dann geht das wohl mehr in die Kategorie «eigenes Gottesbild» und «Wunschdenken der Seele», als dass es Gott abbildet, wie er sich später in Christus gezeigt hat. Oder spulen wir noch weiter zurück. Bereits bei Adam und Eva kommt die Schlange mit der Frage: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? (1. Moses 3,1). Eine listige und verführerische «Sanftverdrehung» der Wahrheit. So ganz knapp am Ziel vorbei von dem, was Gott tatsächlich gesagt hat. Es klingt nach einem spassverderbenden, limitierenden, zurückstutzenden Gott, wenn man der Aussage der Schlange Glauben schenkt. Und nicht nach dem eigentlichen Gott, der uns mit abertausenden von Bäumen ein Leben im Überfluss zur Verfügung gestellt hat – während er mit nur einem Baum die Möglichkeit marginal klein hält, dass wir uns gegen ihn auflehnen. Das ist ein komplett anderes Narrativ.
Immer wieder schleichen sich in unsere religiösen Systeme und unser eigenes Denken leichte Wahrheitsverschiebungen ein, die zwar ziemlich fromm klingen, am Ende aber das Wesen von Gott bis zur Unkenntlichkeit verzerren und zu falschen Rückschlüssen führen, wie etwa: «In der Welt gibt es Böses, also muss Gott, wenn er existiert, böse sein.» Gott wird dadurch fälschlicherweise immer wieder zur Projektionsfläche. Doch nicht nur er. Die Geschichte zeigt, dass wir solchen Scheinkausalitäten regelmässig auf den Leim kriechen, so geschehen bei der Tomate: Im
16. Jahrhundert wurde das Nachtschattengewächs als «Giftapfel» beschimpft. Entdecker hatten sie aus Mexiko nach Europa gebracht, woraufhin etliche reiche Menschen durch den Verzehr krank wurden oder gar starben. Doch Schuld war nicht die arme Tomate, die dafür hinhalten musste, sondern, wie sich herausstellte, waren es die Zinnteller der adligen Aristokraten. Die Säure der Tomate löste das Blei auf, das zu einem hohen Anteil in den Tellern enthalten war und führte zur Vergiftung – während die Tomate vom Pöbel mit den Holztellern problemlos konsumiert werden konnte.
Genauso wie der Ruf der Tomate aufgrund des bleihaltigen Zinntellers gelitten hat, führen «giftige» Verhaltensmuster und Behauptungen von Christinnen und Christen immer wieder zu Fehlschlüssen auf Gottes Wesen. Deshalb ist Jesus so zentral für unseren Glauben.

Durch Christus blicken

Warum denn überhaupt dieser Fokus auf Christus sein muss, mag man sich berechtigterweise fragen. Die Begründung ist ähnlich kurz wie die Frage selbst: Weil Gott sich in Christus gezeigt hat! Wer mich sieht, sieht den Vater (Johannes 14,9). Gott ist nicht anders als das, was wir in und durch Christus sehen – denn er hat sich entschieden, in seiner ganzen Fülle in Christus zu wohnen (vgl. Kolosser 1,19). So drückt Gottes Wesen und Charakter durch jede Pore des Lebens, des Redens und des Handelns, des Sterbens und des Auferstehens von Jesus durch. Durch Christus, den Lebenden, den Gekreuzigten und den Auferstandenen sehen wir Gott.
Dieses «Gott durch Christus»-Anschauen kann unser Gottesbild heilsam erschüttern, zurechtrücken und zurechtschleifen. Passend dazu die Worte des grossen Schriftstellers und Apologeten C. S. Lewis: «Ich glaube an das Christentum, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist – nicht nur weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.» Ich würde diese Aussage adaptieren auf Christus als Licht der Welt, der die Dinge erhellt, damit ich sie überhaupt erst sehen kann. Und was ich dabei durchs Kreuz geschaut erblicke, ist eine überzeugend verzahnte Grosserzählung der Weltgeschichte, die mich glauben lässt. Das Bild von einem sehnsüchtig liebenden Gott und einer erlösungsbedürftigen Schöpfung.
Ein anderer grosser Apologet, G. K. Chesterton, bemisst den Wert einer Theorie zur Erklärung der Welt an dem Ausmass an Erhellung, die sie mit sich bringt: «Wir setzen uns eine Theorie auf wie einen Zauberhut und die Geschichte wird durchsichtig wie ein Glashaus.» Das Kreuz und Christus als Zauberhut aufgesetzt malt ein Weltbild, in dem ich das existentiell Böse, das menschlich Böse, die Fähigkeit des Menschen Gutes zu tun sowie das universelle Versöhnungswirken Gottes – all diese widersprüchlichen Dinge – zusammen einbetten kann. Es erklärt mir stimmig, was der Zustand der Welt und derjenige von uns Menschen ist. Es erklärt mir mich selbst. Lässt die Wände der «Sinn des Lebens»-Kiste durchsichtig werden. Lässt diese Kiste überhaupt erst existieren. Und malt mir einen Gott vor Augen, den ich nicht vollends durchschaue, aber der in den Bereichen, in denen ich ihn sehe, so wunderbar schön, so überfliessend liebend ist, dass es mir genügt, um mich ihm hinzugeben und
seine Königsherrschaft mit Freude zu bestätigen.

Er ist genug

Und dieser Christus ist tatsächlich genug, das ist keine fromme Floskel. Die Geschichte von Bartimäus malt es deutlich vor Augen. Kurz vor seinem Tod war Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern in Jericho. Als sie die Stadt verlassen wollten, hörte der blinde Bartimäus, wie Jesus in der Nähe vorbeiging. Zweifelsohne hatte er schon viele Geschichten über diesen Jesus gehört, dass er revolutionäre Dinge predigte und Wunder tat. Als er laut nach Jesus schrie, wurde Bartimäus von den Umstehenden harsch zurechtgewiesen, was ihn jedoch nur dazu veranlasste, noch lauter zu werden. Jesus hörte Bartimäus Gebrüll, liess ihn zu sich bringen und fragte ihn, was er wolle. «Rabbuni, dass
ich sehend werde», war seine Antwort (Markus 10,51). Und Jesus heilte ihn aufgrund seines Glaubens, woraufhin Bartimäus begann, ihm sogleich nachzufolgen.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie überwältigend die Eindrücke für Bartimäus gewesen sein müssen – all die Farben, die Menschen, die Welt. Und dann diesen Jesus vor Augen, von dem er so viel schon gehört hat, so viele unglaubliche Wundertaten. Und nun kann er endlich selbst sehen, kann es selbst erleben, ist aus nächster Nähe mit dabei und muss sich nicht nur alles immer erzählen lassen. Nur, was er nicht weiss: Sein neuer Meister ist bereits am Ende seiner Wirkungszeit angekommen und auf seine letzten Tage vor der Kreuzigung eingebogen. Euphorisiert ist Bartimäus sehr wohl dabei, als sein Meister kurz nach diesem Wunder wie ein König gefeiert und mit Palmblättern bewedelt auf dem Esel in Jerusalem einzieht. Aber das war’s dann auch schon. Bartimäus erlebt keine Speisung von Tausenden, kein «Auf dem Wasser»-Gehen und kein «Wasser in Wein»-Verwandeln. Das Maximum ist gerade noch ein verfluchter Feigenbaum, der keine Früchte mehr trägt. Wohl eher eine
mittelmässig ermutigende Einladung zur Nachfolge.
Bartimäus wird sehend und alles, was er sieht, nachdem er wohl ein paar Tage benötigt hat, um überhaupt mit der Flut an neuen Sinneseindrücken klarzukommen, ist Christus am Kreuz. Aber: Genau das reicht. Würde es nicht reichen, hätte Jesus die Augen von Bartimäus schon viel eher heilen müssen. Aber dieser Christus der Gekreuzigte ist genug. Er ist es, auf den wir immer wieder unseren Blick richten dürfen – wir dürfen lernen, durch ihn und das Kreuz alles zu sehen.

Ich fühle mich sehr mit Bartimäus verbunden, denn oft blicke ich nicht durch, bin ich der Blinde, der Nicht-Sehende. Und genau wie Bartimäus bin ich manchmal überfordert von all dem Geschrei, das wir veranstalten, verwirrt von irgendwelchen Palmwedeln, und habe das Gefühl, nur «Esel» vor mir zu sehen. Doch da ist auch er, Christus der Gekreuzigte. Und ihn zu blicken reicht. Denn was Gott in ihm getan hat, hat mich zum Leben befreit. Seine Erlösungskraft durchdringt jede Pore meines Seins, verändert mich von innen heraus. Versöhnt mich. Vergibt mir. Befreit mich. Entschämt mich. Lässt mich atmen. Deshalb bleibe ich unterwegs, dem ganzen Christus hinterher.

1973–1983: Fundamente und Aufbruch

Campus für Christus Schweiz steht seit seiner Gründung für vier strategische Werte: Entwicklung innovativer Wege, das Evangelium weiterzugeben, die Zusammenarbeit mit Christinnen und Christen aus allen Kirchen, die Betonung der lokalen Kirchengemeinde und das Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes. Die Gründer Ben und Barbara Jakob sowie die leitenden Mitarbeitenden der ersten Pionierjahre, Hanspeter und Vreni Nüesch sowie Ruedi und Yvonne Altorfer, verkörpern diese Werte in ausgeprägter Weise. Zusammen mit gleichgesinnten Freunden, Partnern und neuen Mitarbeitenden gelingt es, eine damals einzigartige geistliche Bewegung im Land zu lancieren. Die «Aktion Neues Leben» in den Kantonen Basel-Stadt, Zürich, Schaffhausen und Genf und die «Frühstückstreffen von Frauen für Frauen» mobilisieren auf breiter Ebene sowohl die einfachen Menschen als auch führende Meinungsmacher und Kirchenleute aller Denominationen. Das Miteinander der Christinnen und Christen schafft Vertrauen. Die Berichterstattung in den säkularen Medien ist erstaunlich positiv. Kinos aller grösseren Schweizer Städte zeigen den Film «JESUS». Anfang der 1980er-Jahre herrscht geistliche Aufbruchstimmung. Es scheint plötzlich möglich, eingeschlafene Kirchen zu wecken und Menschen, die sich vom Glauben entfremdet haben, neu und zeitgemäss auf Jesus hin anzusprechen.

1983–1993: Wachstum und Stillstand

Dank dieses Aufbruchs wächst Campus für Christus in den 1980er-Jahren von 15 auf über 80 Mitarbeitende. Ben Jakob übergibt 1983 die Leitung an Hanspeter Nüesch, um neue Verantwortungen auf europäischer Ebene zu übernehmen. Neue Mitarbeitende tragen die «Aktion Neues Leben» in die Kantone Waadt, Bern, Solothurn, St. Gallen, Appenzell und Aargau. Sie multiplizieren die Studentenarbeit von Zürich an die Unis von Bern, Basel und Lausanne. Sie lancieren neue Arbeitszweige wie «Athletes in Action», «Crescendo» und die «Schule für Gemeindemitarbeit». Die EXPLO-Konferenzen Ende 1985, 1988 und 1990 geben vielen Tausend Christen im Land starke geistliche Impulse und weiten den geistlichen Horizont. Zudem öffnen sich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ab 1991 nie dagewesene Türen ins Ausland. Die neue TV-Arbeit «New Life Network» erreicht in Russland und den ehemaligen Ostblockstaaten Millionen von Menschen, die das Evangelium von Jesus Christus noch nie gehört haben.

Gleichzeitig gerät Anfang der 1990er-Jahre im Inland der bisherige Schwung ins Stocken: Das Momentum von «Aktion Neues Leben» ist vorbei. Die Arbeit unter den Studierenden gestaltet sich im zunehmend postmodernen Umfeld deutlich schwieriger. Das grosse Engagement von Campus für Christus für die evangelistischen Grossprojekte «Credo91» und «Jesus für Züri» (1993) bringt enttäuschend wenig Frucht. Unter den Campus-Mitarbeitenden in der Schweiz machen sich mitunter Frust und Ratlosigkeit breit bis hin zu gegenseitigen Vorwürfen.

1993–2003: Geistliche Erneuerung

In den 1990er-Jahren wird der Zeitgeist der Postmoderne immer mehr spürbar. Die bisherigen Wege, das Evangelium zu verkünden, funktionieren kaum mehr. Campus für Christus braucht dringend neue Ideen und Strategien. Es reicht nicht mehr, dass Menschen nur die richtigen Worte hören, sie müssen Gott auch erleben können – durch authentisches Leben, sinngebende Gemeinschaft und die erfahrbare Kraft des Heiligen Geistes.

Weil dies bei uns Campus-Mitarbeitenden selbst anfangen muss, suchen wir Gott vermehrt im Gebet. In der Mitarbeiterretraite 1994 – es ist das Jahr des so genannten, nicht unumstrittenen Torontosegens – erfahren wir das Wirken des Heiligen Geistes in einer überraschenden, tiefen Weise: Geistliche Erfrischung, ansteckendes Lachen, seelsorgerliche Prozesse und klärende Gespräche machen müden Herzen Mut, schaffen eine Kultur des «erlösten» Miteinanders und bringen in den Ministrys ganz neue Entwicklungen in Gang – besonders zu erwähnen sind die geistlich tiefgehenden EXPLOs 97 und 2000 sowie die nationale Förderung und Koordination der Alphalive-Kurse, die uns ab 1998 anvertraut werden. Wir begreifen es neu: Der entscheidende Evangelist ist der Heilige Geist!

2003–2013: Fokussierung und Verjüngung

Campus für Christus startet in sein viertes Jahrzehnt auf dynamischem Kurs, wird aber bald auf mehreren Ebenen stark gefordert. Grossprojekte wie der «Christustag 2004» und die EXPLO 2004, neue evangelistische Möglichkeiten durch das Internet, verstärktes Engagement im Ausland, aufstrebende Ministrys wie «Campus Generation» (heute SHINE), «FamilyLife», DIE4PUNKTE (heute THE FOUR) oder «Leben in Freiheit» – die kreative Vielfalt begeistert, schafft aber auch massive Probleme, konkret: Verzettelung der Kräfte, einzelne Arbeitszweige mit zu viel Eigendynamik, mangelnde Mitarbeiterbetreuung und Ende 2006 eine extreme Finanzknappheit. Hinzu kommt, dass in der Geschäftsleitung an mehreren Positionen ein Generationenwechsel ansteht, der sorgfältig vorbereitet sein will.

Ab 2007 gilt es darum, den Fokus auf dringliche, interne Change-Prozesse zu richten: Wir schärfen unser Profil, entwickeln ein neues Leitbild, schliessen einzelne Arbeitszweige, machen unsere Hausaufgaben, um die finanzielle Basis zu verbessern und fördern bewusst die junge Leitergeneration. Rechtzeitig auf die 40-Jahr-Feier steht mit Andreas «Boppi» Boppart der richtige Mann bereit, um Hanspeter Nüesch nach  30 Jahren als Leiter von Campus für Christus Schweiz abzulösen.

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