Der neue Escape Room von Lona Project behandelt ein solches Thema. Reservierungen sind ab sofort möglich.
Kleine Teams tauchen in eine wahre Lebensgeschichte ein. Die Teilnehmenden erleben hautnah, wie Abhängigkeit, Manipulation und Ausbeutung schleichend beginnen. Gemeinsam sucht man mit einer Mutter ihre vermisste Tochter, und stellt fest: Es geht um Menschenhandel. Die Situation wird zunehmend komplexer. Doch wer durchhält, löst das Rätsel, und die Betroffene macht einen ersten Schritt in die Freiheit.
Der Escape Room führt nicht nur in das Thema Menschenhandel ein, sondern bietet auch Raum, das Erlebte zu verarbeiten und konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen. Dies geschieht durch eine anschliessende Reflexionsrunde.
Das Ganze ist komplett mobil und kann ab September 2026 gemietet werden. Lona Project liefert das gesamte Setup inklusive Möbel direkt an den gewünschten Ort, baut es auf und schult die Volunteers vor Ort für die Durchführung. Alles, was es braucht, ist ein geschlossener Raum.
Hilf mit, das Projekt bekannt zu machen: Lona Project sucht aktuell nach Partnerschaften mit Gemeinden, Schulen, Jugendorganisationen usw. Kennst du eine Organisation, für die das genau das Richtige wäre?
Hol das Projekt zu dir: Hast du Interesse, den Escape Room in deiner Gemeinde anzubieten?
Kontakt Lona Project: Tel.: +41 44 857 13 20, E-Mail: info@lona-project.org
Weitere Infos, z. B. zu Mietdauer und Kosten
Im Jahr 2019 war THE FOUR zum ersten Mal beim Einsatz von Reach Mallorca dabei. Reach Mallorca verfolgt das Ziel, Touristen und Inselbewohner auf Mallorca mit dem Evangelium zu erreichen. Die Einsätze sind eine Zusammenarbeit mehrerer Partner.
Damals hatte ein Mitarbeiter von THE FOUR eine Begegnung mit Max, der auf Mallorca Ferien machte, und lud ihn spontan zum Strandgottesdienst ein. Dort berührte Jesus sein Herz, und Max traf die Entscheidung, Jesus nachzufolgen.
Sieben Jahre später geht Max noch immer voller Leidenschaft mit Jesus durchs Leben. Diesen Sommer war er zusammen mit seiner Frau als Teilnehmer bei Reach Mallorca dabei – zusammen mit 238 anderen Personen aus sieben Ländern, davon 28 aus der Schweiz.
“Was für ein gewaltiges Zeugnis dafür, wie aus einem einzigen Hoffnungsmoment eine lebensverändernde Berufung wird”, resümiert Alexandra Gisler von THE FOUR.
Reach Mallorca Outreach 2026 | Recap Video
Schule? Musst du nicht mögen! Dass ich diese Aussage mal in die Tasten haue, habe ich bis vor ein paar Jahren noch für unrealistisch gehalten. Die Schule, die mir selbst als Kind so viel gegeben hat. Die mir – vielleicht nicht durchs Band, aber die meiste Zeit über – Spass gemacht, mich in meiner Wissbegier abgeholt und mich positiv herausgefordert hat. Dieses (mein) Bild der Schule erfuhr aufgrund meiner elterlichen Erfahrungen, die mit vier Kindern relativ breit ausfallen, einen ordentlichen Knacks.
über die Autorin:
Angela Schmidt ist Psychologin, vierfache Mutter und Co-Chefredakteurin des Amen Magazins.
Mein Weg führt durch ein Labyrinth von Gemüsebeeten. Am Stadtrand von Maputo, Mosambik, wachsen Salat, Zwiebeln und vieles mehr. Ich bin hier für einen Filmdreh und suche nach Protagonisten für Erklärfilme zum «Gärtnern nach biblischen Prinzipien».
«Morgen begrüsst du mich in Xangana», verkündet mir Papa Mabunda mit ernster Miene. Ich hatte ihn gebeten, seine Felder für den Dreh von Lernvideos zur Verfügung zu stellen und als Protagonist mitzuwirken. Stolz präsentiert er die Felder seiner Genossenschaft. Zwischen Kohl, Mais und Bohnen habe ich ihm von unserer Idee der Filmclips erzählt:
Die Prinzipien des Gärtnerns nach biblischen Prinzipien (biologisch und nachhaltig) sind vielen Menschen im subsaharischen Afrika fremd. Naturschutz und Nachhaltigkeit werden nicht an Schulen vermittelt und die fortschreitende Klimaveränderung schafft neue Voraussetzungen. Menschen vor Ort erleben Misserfolge. Geplant ist der Dreh von 12 Lernvideos von 1-3 Minuten Länge, die die einzelnen Prinzipien erklären und dafür brauchen wir Papa Mabunda. Er erklärt sich bereit, am nächsten Morgen seine Felder für den Videodreh zur Verfügung zu stellen und ein paar Protagonisten – alle Feldarbeiterinnen und -arbeiter – zu organisieren. Ob das gelingt, werden wir morgen sehen.
«Auxeni Papa Mabunda», begrüsse ich Papa Mabunda. Sein Gesicht hellt sich auf und er lacht. In sein Lachen stimmen sechs Feldarbeiterinnen und -arbeiter mit ein. Sie sind gekommen, um uns beim Dreh zu helfen – einfach so, ohne eine Entschädigung dafür zu erhalten. Sie folgen den Regieanweisungen und haben sichtlich Spass. Die Hilfe von Übersetzer Salvador ist von unschätzbarem Wert, denn er spricht auch fliessend Xangana. Vor und nach dem Dreh nehme ich mir Zeit, um mit Papa Mabunda die Felder anzuschauen und seinen Erklärungen zu lauschen. Die Gespräche brauchen mehr Zeit als der Dreh an sich. Doch es ist die Art, wie ich und das Projektteam unsere Wertschätzung zeigen können. «Das ist sehr wichtig in unserer Kultur», erzählt mir Salvador, «denn die Beziehung und die Gespräche gehen immer vor. Wenn du das nicht respektierst, kannst du die Leute auch nicht für dich gewinnen.»
Den Dreh konnten wir nach Plan abschliessen. Insgesamt haben 14 Protagonistinnen und Protagonisten mitgemacht – alle Feldarbeiterinnen und -arbeiter aus Maputo. Die Erklärungen auf Portugiesisch und Englisch haben wir nachträglich in einem Studio vor Ort aufgenommen. Nun fehlen noch die französischen Erklärungen und viel Arbeit für den Videoproduzenten, um die 12 Clips fertigzustellen. Wenn’s klappt, sind die Clips bis Ende Jahr auf einem WhatsApp-Kanal und YouTube-Kanal frei verfügbar – unter anderem dank Spenderinnen und Spendern an der Explo 25.
Agape international ermöglicht unter anderem Gartenschulungen (Gärtnern nach biblischen Prinzipien) in verschiedenen Ländern Afrikas. In der Bibel gibt Gott den Menschen den Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Nach diesem Prinzip ermutigen wir unsere Partner zu verantwortungsbewusstem, biologischem und nachhaltigem Pflanzenanbau. Die Teilnehmenden lernen biologische Methoden zur Bodenverbesserung, Saatgutgewinnung und Schädlingsbekämpfung. Der Fokus liegt auf dem Anbau traditioneller, den Gegebenheiten angepasster Pflanzen (Sortenerhalt). Die Teilnehmenden lernen den natürlichen Kreislauf kennen und den Wert der Schöpfung schätzen. Mit dem Erlernten können die Menschen vor Ort ihre Garten- und Felderträge um das Achtfache steigern (Durchschnittswert aus Erfahrung). Der Boden bleibt fruchtbar. Die Videoclips erinnern die Teilnehmenden der Schulung an die Grundprinzipien.
Die Cities Tour 2026 startete in Brig und führte das Team von THE FOUR durch die Romandie von Aigle über Bussigny bis nach Lausanne. Der Fokus der diesjährigen Evangelisations-Tour lag darauf, lokale Gemeinden und Campus pour Christ zu unterstützen.
Ein Bus, Bibelverse und eine Box
Der Livingbus ist ein echter Blickfang. Er bietet die ideale Gelegenheit, bei einer Tasse Kaffee und in gemütlicher Atmosphäre tiefe Gespräche über Gott und den Glauben zu führen. Eine Spiegelbox, die beim Öffnen zeigt, dass der Mensch Gottes grösster Schatz ist, bot den perfekten Übergang zum ersten Symbol von THE FOUR (Gottes Liebe). Zudem konnten Passantinnen und Passanten Bibelverse aus Gläsern ziehen, welche oft mitten ins Herz trafen.
Glaubensschritte in Brig
Ein junger Mann zeigte grosses Interesse am Glauben und entschied sich für ein Leben mit Jesus. Er war offen dafür, sich taufen zu lassen, woraufhin er direkt vor Ort mit einem Einsatzteilnehmer aus einer lokalen Gemeinde vernetzt werden konnte. Ein anderer Mann war anfangs fest davon überzeugt, dass es völlig egal ist, ob man an Mickey Mouse oder an einen Gott glaubt. Eine Teilnehmerin erzählte ihm, wie sie Jesus persönlich erlebt hat. Daraufhin änderte er seine Meinung und ging mit dem festen Vorsatz nach Hause, im Gebet darum zu bitten, dass Jesus sich ihm zeigt. Ein Teammitglied, das von Geburt an an einer schweren Krankheit leidet, teilte seine Geschichte mit einem Moslem. Er gestand, eine Bibel zu Hause zu haben, und wollte nun eine Nacht lang intensiv über Jesus nachdenken. Ein Teilnehmer traf einen alten Bekannten, der vor Jahren einen Tauchunfall nur knapp überlebt hatte. Nach einem Gespräch über die Gewissheit der Ewigkeit entschied der Mann, über die Einladung, Jesus in sein Herz aufzunehmen, nachzudenken. Für eine ältere Frau, die vor einer Operation stand, konnten Einsatzteilnehmende beten, verbunden mit einer herzlichen Einladung in den Sonntagsgottesdienst.
Gebet in Aigle
In Aigle durfte das Team den Livingbus an einem Stadtfest aufstellen. «Eine gläubige Frau kam zum Bus und erkundigte sich nach unserer Arbeit. Sie hatte im Vorfeld für das Fest gebetet.» Das Team durfte für sie beten. Direkt im Anschluss sprach ein Mann aus Ägypten das Team an. Er hatte die Gebetssituation beobachtet und wollte auch für sich beten lassen. Sein Glaube war stark von verschiedenen Religionen geprägt, er glaubte jedoch an Jesus. «Geleitet vom Eindruck, dass der Heilige Geist ihn in die Wahrheit führen möchte, ermutigten wir ihn, eigenständig um den Heiligen Geist zu beten.»
Gespräche in Lausanne
Auf dem Weg in die Stadt kehrte ein Teammitglied um, um mit einem Mann mithilfe der Spiegelkiste ins Gespräch zu kommen und ihm ein Neues Testament zu schenken. Auf dem Rückweg sah das Team den Mann auf einer Bank sitzen, vertieft in die Bibel. Eine Teilnehmerin sprach mit einem kurdischen Mann. Auf die Frage, welchen Wunsch er an Gott habe, teilte er seinen Schmerz über die Unterdrückung seines Landes durch umliegende Nationen. Das Team betete für Frieden in seinem Herzen. Er erzählte daraufhin, er habe vor 24 Jahren ein Neues Testament geschenkt bekommen und die Botschaft habe ihn zu Tränen gerührt. Er besuche ab und zu eine Kirche und spüre dort Gottes Gegenwart. Er bezeugte: «Ich liebe Jesus, ich habe Jesus im Herzen!» Zwei ältere Damen auf einer Parkbank reagierten zunächst ablehnend: «Wir sprechen nicht mit religiösen Personen.» Die Teilnehmerinnen stellten ihnen die Frage: Was bedeutet Jesus für dich persönlich? Im Laufe des Gesprächs kam der Grund für die Abwehrhaltung ans Licht: Sie waren in der Vergangenheit von Menschen, die viel über Gott redeten, enttäuscht worden. Sie betonten, dass sie dennoch an Gott glauben. Am Ende nahmen sie dankend Bibelverse entgegen. Ein junger Mann erklärte, Jesus zwar zu kennen, das Leben mit ihm aber in den letzten Jahren vernachlässigt zu haben. Er signalisierte Interesse an einem Neuanfang und nahm eine Bibel entgegen. Ein langes Gespräch ergab sich auch mit zwei Frauen, von denen eine den Zeugen Jehovas angehörte und die andere Muslimin war. Sie hatten sich für diesen Tag vorgenommen, über Spiritualität zu sprechen. Besonders bei der muslimischen Frau stiess das Thema Heiliger Geist auf offene Ohren. Sie hatte bereits zwei Bibeln zu Hause, war aber von den Bibelversen so beeindruckt, dass sie diese andächtig in ihr Portemonnaie legte. Ein Mädchen äusserte zu Beginn grosse Skepsis und betonte, dass sie an nichts glaube. Die Situation wandelte sich, als ihr die Frage auf der Spiegelbox gestellt wurde: Für wen würde Gott alles geben? Als sie sich selbst im Spiegel sah, reagierte sie sichtlich bewegt. Es entstand ein vertrauensvoller Moment, in dem das Team für sie beten durfte. Am Ende nahm sie einen Bibelvers aus dem Glas. Ein 10-jähriger Junge reagierte überraschend auf die Frage: Wie sieht dein Lebenstraum aus? Er konnte aus verschiedenen Bildern auswählen und zeigte auf das eines Kindes, das im Dunkeln weint. Auf Nachfrage erklärte er, dass sein Vater verstorben sei. Deshalb weine er abends manchmal und leide unter schlechten Träumen. Daraufhin erzählte eine Teilnehmerin von Gottes Vaterliebe und sagte ihm, dass Gott seine Traurigkeit versteht.
Willst du auch bei einem Einsatz dabei sein?
Wenn es etwas gibt, das ich am Frühstückstisch gar nicht mag, dann sind es kalter Kaffee und weinende Kinder. Vor allem dann nicht, wenn es draussen noch dunkel ist und die Nacht unruhig war. Dann bräuchte es das: Der frische Kaffee steht bereit, ich führe genüsslich einen Bissen Müsli zum Mund und freue mich bereits auf einen aromatischen, belebenden Schluck. Dieser gedanklich romantisierte Ablauf geschieht leider selten so harmonisch, seit wir zwei kleine Söhne haben.
Marco Muntwyler leitet Alphalive Schweiz und ist Vater von zwei Söhnen.
Ich gebe zu, ich bin kein guter Esser. Eine Vielzahl von Zutaten und Lebensmitteln steht auf meiner schwarzen Liste, aber ich arbeite daran, diese stetig zu verkürzen. Inzwischen haben sogar die Linsen – lange als unbiblisch verschrien, fragt Esau! – die Spalte gewechselt. Kutteln und «Röslichöhl» halten ihren Stammplatz jedoch hartnäckig auf der bösen Seite. Bestimmt hat sich der Rosenkohl erst nach dem Rausschmiss aus dem Paradies entwickelt – etwa zeitgleich mit den Stechmücken.
Meine internationale Reisetätigkeit hat meinen Gaumenhorizont gewinnbringend erweitert – immer wieder durfte ich mit Erstaunen feststellen, welche wunderbare Kulinarik mir bisher entgangen war. Das reicht vom indischen Korma in einem Londoner Vorort, über fingerverklebende Baklava an einer Konferenz im türkischen Izmir bis hin zum weltbesten Humus in der Altstadt von Jerusalem. Ein gutes Essen zaubert Geschichten und Farben auf meine innere Leinwand. Das gilt sowohl für die frisch gepflückte Ananas bei einem Projektbesuch in Kuba als auch für das Tandoori-Chicken, das mir in einem tansanischen Hinterhof in einem zum Grill umfunktionierten Sicherungskasten zubereitet wurde. Ja, Essen ist für mich pure Emotion. Erst kürzlich habe ich mit meiner Tochter wieder ein Pippi-Langstrumpf-Spaghetti-Essen gemacht – da darf man einfach Vollgas mit den Händen rein. Spaghetti sind ja schon per se und formbedingt fröhlich machende Viktualien, aber glaubt mir: Mit den Händen genossen machen sie doppelt und dreifach Freude.
Essen kommuniziert, erzählt, verbindet und bewegt.
Gleichermassen kann Essen aber auch zur Grenzerfahrung werden – so geschehen, als ich in Uganda ehrenvoll zu einem Topf voll mit Ziegeninnereien geladen war. Oder als wir als Familie auf den Philippinen herausgefordert wurden, Balut zu essen – ein Ei, in dem der befruchtete Hühnerembryo bereits gut sichtbar ist. Essen kommuniziert, erzählt, verbindet und bewegt. Manchmal auch erst im Nachgang und mehr als einem lieb ist. Essen ist viel mehr als nur die Zufuhr von Energie: Es ist zentraler Bestandteil von Kultur, soziale Teilhabe, Genuss und hat grossen Anteil an unserem psychischen Wohlbefinden. Beim Essen schwingen familiäre Strukturen mit, Beziehungen und Identität.
David, ein südkoreanischer Freund (so darf ich ihn nennen, weil sein südkoreanischer Name für Europäer nur schwer aussprechbar ist) hat mich während eines traditionellen Tischgrill-Essens in Seoul in die unterschiedlichen Essensphilosophien des asiatischen Raums eingeführt. Es handelt sich um eine ganzheitliche Lebensanschauung, tief in Geschichte, Natur und Medizin verwurzelt. Der Kochtopf ist gleichzeitig auch die Hausapotheke, denn Essen ist Medizin (Yak-sik-dong-won). Es geht nie nur darum, sich satt zu essen, sondern alles unterliegt einem funktionalen Genuss, alles hat einen Zweck. In Japan geht es um die Perfektion des Eigengeschmacks einer einzelnen Zutat, während in Südkorea der Fokus auf der Stärkung des Immunsystems liegt. In China wiederum steht das Gleichgewicht im Vordergrund, also das Erzeugen einer Harmonie bei einer Mischung aus Gegensätzen. Die berühmte süss-saure Sauce reiht sich in diese Philosophie ein, das kosmische Gleichgewicht auf den Teller zu zaubern. Fasziniert lauschte ich Davids Ausführungen, während ich auf meinem Bulgogi und Samgyeopsal kauend nach der Schüssel griff, um meinen Kimchi-Vorrat aufzustocken. Noch nie hatte ich mir das so detailliert überlegt. Mich beschlich die Frage nach meiner eigenen Essensphilosophie: Bestand diese bisher etwa vorrangig aus der Vermeidung unliebsamer Irritationen meiner Geschmacksknospen? Davids Ausführungen malten mir vor Augen: Die Auseinandersetzung mit Essen ist immer (auch) Bildung, Entdecken, Lernen.
Lasst mich einen Schwenk machen, weg von asiatischer Kulinarik hin zur religiösen Esskultur in der Bibel, genauer gesagt zum Umgang mit den frühjüdischen Speisegesetzen im Neuen Testament. Für mich ist es gleichermassen faszinierend und bezeichnend, wie viel Grundsätzliches wir hier lernen können – nicht primär für unseren Speiseplan, sondern für unseren Umgang miteinander.
Interessanterweise war zu neutestamentlichen Zeiten bei den ersten Gehversuchen der noch jungen Kirche die Frage nach der Reinheit von Speisen ein zentrales Thema. Es polarisierte so sehr, dass Paulus sich gezwungen sah, der römischen Gemeinde mit ein paar Prinzipien zur Klärung der internen Spannungen zur Seite zu kommen. Die grosse spaltende Frage war, welche Speisen unrein machen und ob man beispielsweise Fleisch, das zum Opfern verwendet worden war, verzehren durfte oder nicht. Im aktuellen Gemeindekontext bin ich dieser Frage erstaunlicherweise noch nie begegnet. Vielmehr schlagen wir uns in unterschiedlichen Kontexten beispielsweise mit der Frage herum, ob man christlich verpflichtet ist, sich aktiv und mit allen Mitteln gegen Tyrannen
zu stemmen, oder ob die Verwendung von Gewalt per se zu verurteilen ist, selbst wenn das Resultat positiv sein könnte. Oder ob es das höchste uns anvertraute Gut ist, die richtigen Glaubensgrundsätze zu bewahren, selbst wenn man sich dabei der Lieblosigkeit schuldig macht. Wir fragen uns, wie viel Ethik von der Bibel her geklärt ist, wo die roten Linien in der Bibel durchführen, die gedanklich nicht überschritten werden dürfen, was ein guter Christ, eine gute Christin alles mitzuglauben hat, um dazuzugehören, wie das Wirken des Geistes auszumachen ist und wo es rein menschliche Sehnsüchte sind, die uns umtreiben. Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wo man Einheit leben kann und wo es schlicht nicht mehr geht, weil man bestimmte Ausprägungen des Gegenübers als toxisch betrachtet. Die Konfliktherde – egal, woran sie sich konkret entladen – sind unerschöpflich und umkreisen uns mit einer Penetranz, wie die Wespen im Spätsommer das Mittagessen auf der Terrasse. Je nach Biografie, Frömmigkeit, gefühlter Lebensaufgabe und Persönlichkeit setzt man sich unterschiedlich vehement für bestimmte Themen ein. Rund um Lebensstilfragen, Glaubensüberzeugungen und Traditionen entstehen immer wieder neue innerkirchliche Brandherde. Genau deshalb erhellt es mich zu sehen, wie Paulus, der immer wieder mit steilen Aussagen aufgefallen ist, verbindend und klärend in die damalige Situation hinein gesprochen hat. Aus seinen Ausführungen in Römer 14 über die Reinheit von Essen und den Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen dazu lassen sich Prinzipien herausschälen, die sich auf viele andere Brandherde fast eins zu eins übertragen lassen: Streite nicht über Ansichten (V1). Verurteile den «Schwachen» nicht (V3), verurteile andere nicht (V13), nimm Rücksicht auf den «Schwachen». Mach dich nicht zum Richter über andere (V4). Lebe nur Dinge, von denen du überzeugt bist (V5). Ehre Gott mit deinem Tun (V6). Dein Verhalten soll von der Liebe bestimmt sein (V15). Es geht nicht um Äusserlichkeiten, sondern um das Innere (V17). Jage dem Frieden nach (V19).Deine Überzeugung ist eine Sache zwischen dir und Gott (V22).
Für eine neue Kultur des Miteinanders könnten wir beispielsweise lernen, nicht über abweichende Ansichten zu streiten. Einander nicht zu verurteilen, wenn wir zu anderen Meinungen kommen.
Mir scheint, dass die Prinzipien, die Paulus zur Klärung der Spannungen von damals vorschlägt, auch heute in vielen anderen Themenbereichen eine wuchtige Resonanz erzeugen würden. Für eine neue Kultur des Miteinanders könnten wir beispielsweise lernen, nicht über abweichende Ansichten zu streiten. Einander nicht zu verurteilen, wenn wir zu anderen Meinungen kommen – denn entweder mein Gegenüber oder ich können das eine oder andere vielleicht schlichtweg nicht glauben. Entweder ist die andere Person schwach oder ich bin es. Wir sind gegenseitig auf Rücksicht angewiesen und könnten unseren selbstgewählten Richterstuhl wieder grosszügig Christus überlassen. Und mutig das (vor-)leben, wovon wir überzeugt sind. Wir können mit Hochdruck darauf achtgeben, dass unser Verhalten von Liebe geprägt ist und dass unsere Worte und Beiträge Gott ehren. Wir könnten Gott vertrauen, dass bei unserem Gegenüber manches Schöne im Innern verborgen ist. Ich kann die eigene Meinung demütig zurückhalten und die Sache zwischen mir und Gott beruhen lassen. So wird ganz viel Energie frei, um dem Frieden nachzujagen. Was wäre, wenn wir uns zu Tisch setzen würden, um Gabel und Messer zu kreuzen anstelle von imaginären Schwertern? Genau das geschah nämlich vor ziemlich genau 500 Jahren.

Wir könnten auf den von uns gezogenen Grenzlinien unsere Suppen köcheln und sie dann gemeinsam auslöffeln.
1 Nehmt den, der in seinem Glauben schwach ist ´und meint, sich an bestimmte Vorschriften halten zu müssen, ohne Vorbehalte` an; streitet nicht mit ihm über seine Ansichten.
3 Wer alles isst, darf den nicht verachten, der nicht alles isst. Und wer nicht alles isst, darf den nicht verurteilen, der alles isst. Gott hat ihn doch ´genauso` angenommen ´wie dich`.
4 Wenn du ihn verurteilst, ist es, wie wenn du dich zum Richter über jemand machst, der im Dienst eines anderen steht. Wer bist du, dass du dir so etwas anmasst? Ob jemand mit seinem Tun bestehen kann oder ob er nicht besteht, das zu beurteilen ist einzig und allein Sache seines Herrn, dem er verantwortlich ist. Und er wird bestehen, denn es steht in der Macht des Herrn, ihn zu bewahren.
5 Der eine macht einen Unterschied zwischen ´heiligen` Tagen und ´gewöhnlichen` Tagen; der andere macht keinen solchen Unterschied. Wichtig ist, dass jeder mit voller Überzeugung zu dem stehen kann, was er für richtig hält.
6 Wenn jemand bestimmte Tage besonders beachtet, tut er das, um den Herrn zu ehren. Genauso ist es bei dem, der alles isst: Er tut das, um den Herrn zu ehren, denn für das, was er isst, dankt er Gott. Und auch der, der bestimmte Speisen meidet, tut das, um den Herrn zu ehren; auch er ´isst nichts, ohne` Gott dafür zu danken.
13 Hören wir darum auf, einander zu verurteilen! Statt den Bruder oder die Schwester zu richten, prüft euer eigenes Verhalten, und achtet darauf, alles zu vermeiden, was ihnen ein Hindernis in den Weg legen und sie zu Fall bringen könnte.
15 Wenn du dich daher in einer Frage, die das Essen betrifft, so verhältst, dass dein Bruder oder deine Schwester in innere Not geraten, dann ist dein Verhalten nicht mehr von der Liebe bestimmt. Christus ist doch ´auch` für sie gestorben. Stürze sie nicht durch das, was du isst, ins Verderben!
17 Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.
19 Darum wollen wir uns mit allen Kräften um das bemühen, was zum Frieden beiträgt und wodurch wir uns gegenseitig ´im Glauben` fördern.
22 Behandle deine Überzeugung in diesen Dingen als eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Glücklich zu nennen ist der, der sich in Fragen der persönlichen Überzeugung so verhält, dass er sich nicht selbst anzuklagen braucht.
Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ). © Neues Testament und Psalmen: Genfer Bibelgesellschaft Romanel-sur-Lausanne, Schweiz.
Es ist eine urschweizerische Sache, nicht nur vom Essen zu lernen, wie man eine befriedete Kultur erzeugt, sondern diese durch das gemeinsame Essen auch Wirklichkeit werden zu lassen. Im Zentrum der folgenden Begebenheit steht eine Suppe, genauer genommen die Kappeler Milchsuppe. Im Jahr 1529 standen sich die Truppen der protestantischen Zürcher und der katholischen Zuger bei Kappel am Albis schlachtbereit gegenüber. Während die Anführer noch verhandelten, geschah auf dem Schlachtfeld etwas Unerwartetes: Da die Soldaten auf beiden Seiten wenig Lust auf ein Gemetzel hatten, kam es zu einer Verbrüderung. Genau auf der Grenze zwischen den beiden Kantonen stellten sie einen grossen Kochtopf auf ein Feuer – laut Berichten steuerten die Innerschweizer die Milch und die Zürcher das Brot bei. Gemeinsam kochten sie eine Milchsuppe, die dann von den beiden Heeren gemeinsam aus dem Topf gelöffelt wurde. Ein Friede – zumindest vorerst – der weder durch einen Schuss noch durch einen Hellebar-den-Hieb errungen wurde. Sondern kulinarisch erzeugt wurde – durch die Kappeler Milchsuppe. Seit dem Start der Kirche zu Paulus Zeiten haben wir es immer wieder geschafft, uns irgendwelche Suppen einzubrocken. Vielleicht liegt die Lösung näher als vermutet und ist viel weniger vertrackt als angenommen: Wir könnten auf den von uns gezogenen Grenzlinien unsere Suppen köcheln und sie dann gemeinsam auslöffeln. Im Wissen, dass um den Topf herum Starke und Schwache sitzen, mit verschiedenen Überzeugungen und Meinungen, Lebensaufgaben und Biografien, Äusserlichkeiten und Innerlichkeiten. Aber mit einem Gott und derselben immer gültigen Aufgabe, dem Frieden nachzujagen, nicht zu verurteilen, auf die Schwachen Rücksicht zu nehmen und in Anspruch zu nehmen, dass man manchmal selbst der Schwache ist. Ich finde, die Welt braucht mehr und grössere Suppentöpfe.
Andreas «Boppi» Boppart // Text
Der Theologe, Autor und Leiter von Campus für Christus Schweiz ist ein grosser Liebhaber einer richtig deftigen Kürbiscreme-Suppe.
Du bist gerade aus dem Osten des Tschad zurückgekommen. Dein Bericht für die Zeit von Dezember 2025 bis Februar 2026 zeigt viel Not, aber auch eine unglaubliche Hoffnung. Wie nimmst du die Lage vor Ort im Moment wahr?
Die Situation ist wirklich kaum in Worte zu fassen. Wir erleben dort eine der schwersten humanitären Krisen unserer Zeit. Seit der Krieg im Sudan 2023 eskaliert ist, sind über 1,2 Millionen Menschen in den Tschad geflohen. Jeden Tag kommen in der Gegend um Adré neue Familien an, die vor den Gräueltaten in Darfur geflohen sind. Die Menschen kommen mit absolut nichts – sie haben ihr Zuhause, ihre Sicherheit und oft ihre engsten Angehörigen verloren.
Du schreibst in deinem Bericht, dass die internationale Hilfe massiv zurückgeht. Woran liegt das?
Das ist das grosse Drama. Viele NGOs, die unter dem Schirm der Vereinten Nationen arbeiten, mussten ihre Hilfe drastisch kürzen. Ein Hauptgrund ist, dass die USAID ihre Finanzierung für diese Programme stark reduziert haben. In den Lagern herrscht eine unbeschreibliche Prekarität. Aber genau in dieser tiefen Not erleben wir, dass Gott die Herzen der Menschen öffnet.
Du sprichst von einer geistlichen Öffnung unter der sudanesischen Bevölkerung. Wie begegnen euch die Menschen?
Der Unterschied liegt im Vorbild. Viele Flüchtlinge sagen uns ganz offen, dass sie vor der Gewalt geflohen sind, die ihnen von ihren eigenen Glaubensbrüdern angetan wurde. Wenn sie dann sehen, wie wir als Christen ihnen mit praktischer Liebe und Respekt begegnen, verändert das alles. Zwischen Dezember und Februar konnten wir fünf Hauskirchen für die Flüchtenden gründen. Wir betreuen aktuell etwa 200 Familien. Im April führten wir eine grosse Verteilung von Lebensmitteln und Hilfsgütern für den alltäglichen Gebrauch durch. Wir hören den Leuten zu, trinken mit ihnen Tee und bieten Gebet an, wenn dies von ihnen gewünscht wird. Die Menschen merken: Jesus bietet ihnen nicht nur Brot, sondern echten Frieden und eine Hoffnung, die über das Überleben hinausgeht.
Ein berührendes Beispiel ist Nora (Name geändert). Kannst du uns mehr über sie erzählen?
Nora ist eine unglaublich mutige Frau. Im Januar hat sie sich zusammen mit ihren Kindern entschieden, Jesus nachzufolgen. Sie wurde getauft und hat danach direkt ihren zwei Schwestern von ihrem neuen Glauben erzählt – auch sie sind jetzt Nachfolgerinnen Jesu. Aber dieser Weg ist hart, in einer Gesellschaft, die keine Religionsfreiheit vorsieht: Sie haben den Rückhalt und das Ansehen ihrer Grossfamilie verloren. Noch schlimmer steht es um Madame Najwa (Name geändert).
Ja, du bittest im Bericht dringend um Gebet für sie. Was weisst du über ihre Situation?
Najwa und ihre drei Kinder werden von ihrer eigenen Verwandtschaft festgehalten. Sie sind seit drei Monaten isoliert, weil sie an ihrem Glauben festhalten. Die Familie will sie zwingen, zum Islam zurückzukehren. Wir haben keinen Kontakt mehr zu ihr, weil ihr jedes Kommunikationsmittel weggenommen wurde. Es ist ein schwerer Kampf zwischen der neuen Freude im Glauben und dem hohen Preis der Verfolgung.
Wie sehen eure nächsten Pläne als Campus für Christus Tschad für die kommenden Monate aus?
Momentan steht die Logistik für die Hilfsgüter im Vordergrund. Der Hunger ist überall präsent. Gleichzeitig wollen wir die neuen kleinen Hausgemeinden stärken. Wir brauchen dringend Gebet – für den Schutz der Gläubigen wie Najwa und dafür, dass die Ressourcen reichen, um den Menschen im Osten des Tschad beizustehen. Das Land ist selbst extrem arm und kann diese Last der Geflüchteten nicht allein tragen. Wir sind deshalb dankbar, dass durch die Zusammenarbeit mit Agape international und der Spenden aus der Schweiz Hoffnung und Gottes Liebe dorthin gelangt, wo sie dringend gebraucht wird.
Herausforderungen
Klaus, du bist seit Jahrzehnten in Krisengebieten unterwegs, von den Ruinen der Sowjetunion bis zu den heutigen Brennpunkten. Aktuell liegt dein Fokus stark auf dem Gazastreifen. Wie fühlt es sich an, wenn nach Wochen der Planung der erste Lastwagen mit einer neuen Lieferung die Grenze überquert? Ist das für dich nach all den Jahren reine Routine oder jedes Mal ein kleines Wunder?
Es ist eine Kombination aus beidem. Wir arbeiten hart dafür, suchen Wege, erledigen unsere Hausaufgaben und füllen endlose Formulare aus. Aber wenn es dann endlich losgeht, ist es dieses tiefe Gefühl der Befriedigung. Man hört im Vorfeld so oft: «Das ist unmöglich, da kommt niemand rein.» Und wenn der Laster dann rollt, zeigt das: Es geht doch. Ich sage immer, Gott tut seinen Teil, aber der Mensch muss auch seinen Teil tun. Er hat uns Verstand und Talente gegeben, um Wege durch Bürokratie und Blockaden zu finden. Jede Fahrt ist ein diplomatischer Eiertanz. Ein LKW durchläuft mehrere Sicherheitszonen, wird entladen, gescannt, neu beladen – ein «Back-to-back»-System, das Stunden dauern kann. Wenn die Nachricht kommt: «Ware in der Küche angekommen», dann ist das ein Sieg der Menschlichkeit über das Misstrauen.
GAiN gehört zu den wenigen Organisationen, die derzeit direkt vor Ort operieren dürfen, während grosse Organisationen wie die UN vor massiven Hürden stehen. Was war der entscheidende Schlüssel, um dieses Vertrauen – sowohl bei den israelischen Behörden als auch bei den Akteuren vor Ort – aufzubauen?
Vertrauen ist eine Währung, die man nicht drucken kann. Man muss sie sich über Jahrzehnte verdienen. In der arabischen oder orientalischen Welt zählt kein Diplom, sondern die Frage: Wen kennst du? Wir sind seit über 20 Jahren in Israel aktiv, unter anderem mit Projekten für Holocaust-Überlebende. Als der Krieg begann, bin ich sofort hingefahren. Nicht um zu politisieren, sondern um ein Zeichen zu setzen: Wir lassen euch nicht allein. Durch diese Treue haben wir einen Leumund aufgebaut. Dass wir nun in Gaza helfen können, liegt massiv an unseren Kontakten zu den Drusen. Sie sind in Israel integriert, haben aber seit Generationen Handelsbeziehungen in den Gazastreifen. Sie kennen die Leute am Boden, die einfach nur überleben wollen und nichts mit der Hamas zu tun haben. Dieses Netzwerk aus Drusen, Arabern, Israelis und uns Christen ermöglicht eine Hilfe, die politisch neutral und sicherheitsgeprüft ist. Wir sprechen die Sprache des Hungers, nicht die der Ideologie.
Das Herzstück eurer Arbeit in Gaza ist die Suppenküche. Warum dieser Weg? Wäre es nicht einfacher und effizienter, fertige Trockenrationen oder Konserven zu verteilen?
Das ist eine strategische Entscheidung gegen die Anarchie. Ein LKW voller Trockenrationen oder Matratzen ist ein begehrtes Ziel für Plünderer. Solche Waren kann man lagern, verstecken und auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen. Konserven sind in Krisengebieten fast wie eine Währung. Aber 25 Tonnen frisches Gemüse? Das ist in drei Tagen gammelig, wenn man es nicht sofort verarbeitet. Für die «bösen Jungs» ist das uninteressant. In unserer Suppenküche verarbeiten wir die Lebensmittel sofort zu warmen Mahlzeiten. Ein warmes Essen ist für jemanden, der im Schlamm lebt, viel mehr als nur Kalorienzufuhr. Es ist ein Moment der Würde. Was morgens reinkommt, ist abends gegessen. Da bleibt nichts übrig, was man für politische Zwecke missbrauchen könnte.
Aber steckt dahinter nicht auch ein enormer personeller Aufwand? Wer kocht dort eigentlich unter diesen extremen Bedingungen?
Genau das ist der Punkt: Die Suppenküche schafft Struktur und Arbeit. Wir beschäftigen lokale Leute, die für ihre eigenen Nachbarn kochen. Das gibt ihnen ein Stück Selbstwirksamkeit zurück. Wenn ein Vater seinem Kind eine warme Schale Suppe bringt, ist er in diesem Moment kein «Hilfeempfänger» mehr, sondern ein Versorger. Das macht psychologisch einen gewaltigen Unterschied in einer Umgebung, die ansonsten von totaler Ohnmacht geprägt ist. Wir produzieren dort bis zu 10 000 Mahlzeiten am Tag. Das ist eine logistische Meisterleistung unter Bedingungen, in denen es oft weder Strom noch fliessendes Wasser gibt. Wir nutzen grosse Gastanks oder sogar Holzfeuer, um die Kessel zu erhitzen.
Die Berichterstattung über Gaza ist oft sehr polarisiert und politisch aufgeladen. Wenn du dort bist, was siehst du, was wir in den Nachrichten nicht sehen?
Ich sehe die totale Erschöpfung. Gaza ist etwa so gross wie Frankfurt am Main, aber dort leben zwei Millionen Menschen – und zwei Drittel des Wohnraums sind zerstört. Wenn es regnet, säuft alles ab, die Hygiene ist katastrophal. Aber das Schlimmste ist die psychische Last. In der Schlange vor der Suppenküche geht es um die Frage: «Wann hört das auf? Haben meine Kinder eine Chance?» Die Mütter sind oft versteinert vor Leid. Sie haben keine Tränen mehr. Aber ich sehe auch eine unglaubliche Resilienz. Ich sehe Menschen, die ihre letzte Portion Suppe mit einem fremden Kind teilen. Diese radikale Menschlichkeit inmitten der Trümmer beschämt mich oft zutiefst.
In Krisengebieten sind es oft die Frauen, die die grösste Last tragen. Welche Rolle spielen sie in eurer Arbeit vor Ort?
Frauen sind das Rückgrat des Überlebens. Während die Männer oft von der Last der Tatenlosigkeit und der Zerstörung ihrer Identität als Ernährer erdrückt werden, organisieren die Frauen den Alltag im Zelt. Sie waschen Kleidung mit einem Minimum an Wasser und trösten Kinder, die bei jedem lauten Geräusch zusammenfahren. GAiN hat erkannt, dass Hilfe für Frauen die effektivste Form der Katastrophenhilfe ist. Wenn man eine Mutter unterstützt, erreicht man die ganze Familie. Deshalb enthalten unsere Lieferungen neben Lebensmitteln auch gezielt Hygieneartikel für Frauen, die dort ein absolutes Luxusgut sind, aber für die Würde essenziell.
Du hast oft betont, dass Hilfe ein «Werkzeug für Hoffnung» ist. Gibt es eine Begegnung, die das für dich persönlich greifbar gemacht hat?
Da gibt es viele, aber eine Geschichte aus der Ukraine steht stellvertretend für das, was wir auch in Gaza erleben. Ich traf eine Frau, die alles verloren hatte: Kinder, Mann, Eltern. Sie war wie ein Zombie, völlig leer. Ich hatte keine Worte, jedes «Beileid» wäre billiges Geplapper gewesen. Also habe ich sie einfach wortlos umarmt. Sie hat mich minutenlang nicht mehr losgelassen. Später liess sie mir ausrichten, dass ihr diese Umarmung das Leben gerettet hat, weil sie an diesem Morgen eigentlich beschlossen hatte, sich umzubringen. In Gaza ist es ähnlich. Wenn wir dort Suppe ausgeben, sagen die Augen der Menschen: «Danke, dass ihr gekommen seid. Danke, dass ihr uns als Menschen seht.» Das blosse Dasein ist manchmal die stärkste Form des Gottesdienstes. Das Gebet findet am Schöpflöffel statt.
Der Hunger ist der Anfang, aber die Heilung der Würde ist das eigentliche Ziel.
Du hast GAiN 1990 gegründet. Damals ging es mit Hilfsgütern nach Russland los. Wie hat sich deine Philosophie der «Logistik der Liebe» über die Jahrzehnte entwickelt?
Wir haben gelernt, dass der Mensch nicht nur aus einem Magen besteht. Ganzheitlichkeit ist das Stichwort. Wir bringen nicht einfach das, was wir im Westen übrighaben, sondern das, was vor Ort wirklich gebraucht wird. Wir arbeiten fast nie allein, sondern immer mit einheimischen Partnern. Und wir sind transparent. Spenderinnen und Spender müssen wissen, dass ihre Hilfe ankommt. Meine Philosophie ist einfach: Ich kann nicht alle retten, aber für den Einzelnen, dem ich heute helfe, verändert sich die ganze Welt. Das treibt mich auch mit über 60 Jahren noch an. Glaube ohne Werke ist tot – und ein voller Bauch ist oft die Voraussetzung dafür, dass ein Mensch überhaupt wieder über eine Zukunft nachdenken kann.
Kritiker werfen Hilfsorganisationen oft vor, sie würden durch ihre Arbeit Konfliktparteien entlasten. Wie gehst du mit diesem ethischen Dilemma um?
Das ist die «Bürokratie der Not». Natürlich ist das ein Dilemma. Aber was ist die Alternative? Die Menschen verhungern lassen, um ein politisches Ziel zu erreichen? Das ist mit meinem Gewissen unvereinbar. Wir minimieren das Risiko, indem wir unsere eigenen Kanäle nutzen. Wir geben kein Geld an Regierungen. Wir geben Essen an Menschen. Wir kontrollieren die Kette vom LKW bis zum Kochtopf. Unsere Neutralität ist unser Schutzschild. Man muss manchmal mit Leuten reden, mit denen man eigentlich nicht am Tisch sitzen möchte, um die Erlaubnis zu bekommen, Leben zu retten. Das sind die «schmutzigen Hände der Barmherzigkeit».
Was passiert eigentlich mit der Seele dieser Menschen, wenn der Hunger gestillt ist? Plant GAiN auch über die akute Notfallhilfe hinaus?
Unbedingt. Wir sehen Kinder in Gaza, die aufgehört haben zu spielen. Das ist ein Alarmsignal. Die Seele ist im Überlebensmodus eingefroren. Wir arbeiten an Konzepten zur Traumabewältigung und kooperieren mit lokalen Psychologen. Die Suppenküche ist oft nur der Einstiegspunkt. Wo Vertrauen durch Nahrung aufgebaut wird, öffnen sich später Türen für Gespräche über den inneren Schmerz. Langfristig denken wir an mobile Kliniken und Bildungsprojekte. Der Hunger ist der Anfang, aber die Heilung der Würde ist das eigentliche Ziel. Wenn die Waffen schweigen, beginnt die eigentliche Arbeit erst.
Wenn du aus diesen Gebieten zurück nach Europa kommst, wie blickst du dann auf unseren Alltag hier?
Ich bin dankbar, hier leben zu dürfen, aber ich ertrage unser Jammern kaum noch. Wir streiten uns über die Farbe von Mülltonnen oder Gendersprache, während 3000 Kilometer weiter Menschen froh sind, wenn sie eine Decke finden, die nicht feucht ist. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, die oft innerlich abstirbt, weil sie nur noch den Überfluss verwaltet. Wenn wir teilen, fangen wir an zu leben. Das ist das Paradoxon: Man wird reicher, indem man abgibt. Nachhaltigkeit ist für mich kein wirtschaftlicher Fachbegriff, sondern nachhaltig ist, wenn eine verzweifelte Mutter wieder Hoffnung schöpft. Das verändert die Zukunft ihrer Kinder.
Wenn wir teilen, fangen wir an zu leben. Das ist das Paradoxon: Man wird reicher, indem man abgibt.
Was ist dein konkreter Appell an die Menschen, die diesen Artikel lesen? Was können sie tun, ausser eine Spende zu überweisen?
Beweg dich! Gott hat uns zwei Beine und zwei Hände gegeben, nicht nur zum Rumsitzen. Wir definieren uns zu sehr über Karrieren und Geld. Tritt aus deiner Komfortzone heraus. Schau hin, wo der Nachbar Hilfe braucht. Trenn dich von Dingen, die du im Überfluss hast. Wir müssen nicht die Welt retten – das hat Jesus schon erledigt. Aber wenn jeder im Kleinen anfängt, seine Zeit und Liebe zu teilen, entsteht echte Veränderung. Hilfe beginnt im Kopf, mit der Entscheidung, nicht mehr nur um sich selbst zu kreisen. In einer lauten Welt ist aufmerksames Zuhören eine Form von Liebe. Wir müssen wieder lernen, «mit-leidend» zu sein, statt nur «be-leidigt».
Klaus, zum Abschluss: Woher nimmst du die Kraft, immer wieder in diese Dunkelheit zu gehen, ohne selbst daran zu verzweifeln?
Aus meinem Glauben und aus der Gemeinschaft. Wenn ich sehe, wie ein kleiner Junge in Gaza nach einer Schüssel warmer Suppe das erste Mal seit Tagen wieder lächelt, dann weiss ich: Es lohnt sich. Dieses Lächeln ist mehr wert als jeder Orden. Es ist ein Lichtblick in der Finsternis. Und solange es diese Lichtblicke gibt, gibt es auch einen Grund weiterzumachen.
Derzeit unterstützt GAiN in über 50 Krisengebieten der Welt humanitäre Hilfsprojekte. Das Team um Klaus Dewald leistet Katastrophenhilfe, langfristige Nothilfe sowie Hilfe zur Selbsthilfe und arbeitet kontinuierlich am Aufbau eines weltweiten Logistiknetzwerks, um Hilfe schnellstmöglich und effizient in die Zielländer zu bringen. Ihr Wunsch ist es, die Arbeit für Notleidende und Hilfsbedürftige durch ein funktionierendes Netzwerk stetig auszubauen, ohne dabei den einzelnen Menschen aus dem Blick zu verlieren.
gain-germany.org
gain-switzerland.ch
Christoph Rhyner // Interview
Als Mitarbeiter von Agape international ist er regelmässig für Projekte im französischsprachigen Afrika. Er hat kein Lieblingsgericht, aber wenn es ein Lebensmittel gibt, das ihm nie verleidet, ist es Reis – in jeder erdenklichen Form.
Mein persönliches Anliegen war es, an dieser Retraite mir so viele Geschichten wie möglich darüber anzuhören, wie die Mitarbeitenden inmitten des Krieges leben und arbeiten. „Es war eine einmalige Woche, und ich bin sehr dankbar, dass ich dabei sein durfte!“, schreibt Rachel Stoessel
Wieder zu Hause, gingen mir diese Lebensgeschichten nicht aus dem Kopf; ich versuchte, einen Sinn in Szenen zu finden, die eigentlich keinen Sinn ergeben. Wie kann ein Vater, der von der Front zurückgekehrt ist, überhaupt daran denken, wieder an die Front zu gehen und aktiv zu kämpfen? Und dabei Frau und Kinder erneut allein zu Hause zurückzulassen? Wie kann eine Familie gute Entscheidungen treffen, wenn sie jederzeit damit rechnen muss, dass jemand eingezogen wird? Wie kann eine Studentin ihren Latte trinken und sich gleichzeitig bewusst sein, dass ganz in der Nähe andere die Grenze verteidigen? Wie kann eine Mutter schlafen gehen, ohne zu wissen, ob sie ihre Kinder mitten in der Nacht zusammenpacken und in einen Schutzraum fliehen muss? Oder wie findet man ins Leben zurück, nachdem man durch eine Mine ein Körperteil verloren hat? Mir ist noch deutlicher geworden, dass man im Krieg seinen Alltag bewältigen muss – im Wissen, dass sich alles in Sekunden ändern kann –, während man sich irgendwie durch Gefühle von Ungerechtigkeit, Hilflosigkeit sowie berechtigtem Zorn und Trauer kämpft.
Drei Armbänder, alle mit den ukrainischen Farben und doch ganz andere Bedeutungen: 1. das Stressband für die Soldaten, damit sie bei einem akuten Trauma, sich mit einem kleinen Zwick wieder in die Gegenwart holen können. 😕 2. THE FOUR und Athletes in Action, welche Sportcenter in den Städten für Kinder betreiben und so Hoffnung verbreiten. 😀 3. Ein Kindergarten Erkennungsband, damit wenn die Schule bombardiert wird, das Kind identifiziert werden kann… 🙁
Auch nach dieser Woche werde ich das nicht vollends begreifen können, doch ich empfinde es tief in mir. Ich bin sehr stolz auf die ukrainischen Mitarbeitenden: Sie leben weiterhin Mitgefühl, Vergebung und die Vision von Wiederherstellung und Wiederaufbau – an der Seite von Jesus Christi, der gegenwärtig ist und den verletzten und ängstlichen Menschen liebevoll beisteht. Er gibt niemals auf, und seine Hoffnung wird Leben und Wahrheit bringen. Und es macht Sinn, dass wir weiterhin beten, segnen und wo möglich unsere Stimme erheben oder präsent sind. Wir erhielten unzählige Dankeschöns, dass wir diese Reise unternommen haben und für sie da waren, nur schon das erleben sie als Ermutigung und Stärkung.

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